Transzendentale Dialektik

Es gibt eine lange philosophische Tradition, unserer gewöhnlichen Erfahrungswelt innere Widersprüche nachweisen zu wollen.

Die Idee dabei ist: Erkennt man die Widersprüchlichkeit dieser Welt, dann begreift man, dass sie nicht wahrhaft ist, sondern bloßer Schein ist. Die Eleaten beispielsweise glaubten mit Hilfe des Achilles-Schildkröte-Paradoxons logisch beweisen zu können, dass es Bewegung, so wie wir sie normalerweise kennen, gar nicht geben kann. Nach Platon können jedem sinnlich gegebene Gegenstand beliebig viele sich widersprechende Prädikate beigelegt werden. Je nachdem, ist jedes Ding sowohl groß, als auch nicht groß, sowohl warm, als auch nicht warm, sowohl schön, als auch nicht schön, etc. Daraus glaubt Platon schließen zu dürfen, dass nur der übersinnliche Bereich der Ideen wahrhaft ist, die Sinneswelt hingegen nur Schein ist.

Auch George Berkeley kann man in diese Tradition einreihen. Er bekämpfte in seiner Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis den Glauben, den wir alle natürlicherweise haben: den Glauben an eine materielle Welt, die (selbstverständlich) unabhängig davon existiert, ob wir sie gerade wahrnehmen oder nicht. Berkeley hingegen meinte, dass Sein und Wahrgenommen-Werden ein und dasselbe sei. Folglich könne es keine unabhängige, an sich existierende Welt geben. Um seine Position zu untermauern, unternahm er mehrere Versuche nachzuweisen, dass der Glaube an eine unabhängige, materielle Welt zu unlösbaren Widersprüchen führt. Insbesondere hielt der den Materiebegriff, so wie er auf Galilei und Descartes zurückgeht, für in sich widersprüchlich. Sowohl Galilei als auch Descartes behaupteten nämlich, dass jedes Stück Materie aus unendlich vielen kleinsten materiellen Teilchen bestehen müsse. Da aber jedes materielle Teilchen, egal wie klein es ist, eine Mindestausdehnung hat, müsste jedes Stück Materie, so argumentierte Berkeley, unendlich groß sein. Denn eine Mindestgröße multipliziert mit Unendlich ergibt eine unendliche Größe. Das ist aber ein Widerspruch zu der offensichtlich begrenzten Größe jedes materiellen Dings.

Unterscheidet man nicht zwischen Dingen an sich und Phänomenen, gerät man in Paradoxien

Zunächst scheint es so, als würde Kant diese Tradition fortsetzen. Denn auch Kant will in seiner transzendentalen Dialektik durch den Nachweis von Widersprüchen zeigen, dass wir mit einer „natürlichen und unvermeidlichen Illusion“[1] konfrontiert sind. Aber im Gegensatz zu seinen Vorgängern will er nicht beweisen, dass die Erscheinungswelt, in der wir gewöhnlich leben, in sich widersprüchlich ist. Vielmehr sei es unsere natürliche Neigung, die Vernunft auf solche fehlerhafte Weise zu gebrauchen, dass Paradoxien entstehen. Würden sich die Philosophen darauf beschränken, das vernünftige Argumentieren auf die Erscheinungswelt zu beschränken, wäre alles in Ordnung und widerspruchsfrei. Philosophen versuchen jedoch, durchaus gültige Vernunftprinzipien über die Erscheinungswelt hinaus, auf die Dinge an sich anzuwenden, um so zu einem rational begründeten Wissen zu gelangen. Tatsächlich, so meint Kant, sind ihre Schlussketten als solche vollkommen korrekt. Das Problem ist nur:  Sobald die Vernunft die Grenzen der Erscheinungswelt überschreitet, sind schlüssige Beweise sowohl für eine bestimmte Position, als auch für ihre Gegenposition möglich, was natürlich paradox ist.

Genau dies habe, so meint Kant, in der Vergangenheit zu den nicht enden wollenden Streitigkeiten in der Philosophie geführt. Denn wenn der eine z.B. behauptet hat, dass die materiellen Dinge aus unteilbaren Atomen zusammengesetzt sein müssen, und dafür auch überzeugende rationale Argumente zu haben glaubt, dann gibt es einen anderen, der das Gegenteil behauptet und dafür ebenso rationale Argumente vorlegen kann. Beide haben recht, weil beide Argumentationsketten für sich genommen korrekt sind. Sie können aber offensichtlich nicht beide recht haben, weil ansonsten ein Widerspruch logisch beweisbar wäre, was nicht sein kann. Kant meint nun, dass diese Streitigkeiten beendet sein werden, sobald man einsieht, dass beide unrecht haben, und zwar deswegen, weil beide die Grenzen des korrekten Vernunftgebrauchs überschritten haben. So erweist sich das angeblich rational begründete Wissen der beiden als bloßes Scheinwissen.

Nach Kant ist es also nicht die Erscheinungswelt, die in sich widersprüchlich ist. Dies zeigen zu wollen, war das Ziel vieler seiner Vorgänger. Zu Widersprüchen gelangt man vielmehr erst dann, wenn man nicht den Unterschied zwischen Dingen an sich und der Erscheinungswelt beachtet. Anders formuliert: Die ganze transzendentale Dialektik kann man verstehen als eine groß angelegte reductio ad absurdum, um eine Kernaussage der Kantischen Philosophie zu beweisen: Nehmen wir an, es gibt keinen Unterschied zwischen Dingen an sich und der Erscheinungswelt, dann kann man beweisen, dass es einen zeitlichen Anfang der Welt gibt und dass es keinen zeitlichen Anfang in der Welt gibt, – dass die Welt räumlich begrenzt und räumlich unbegrenzt ist, – dass es Atome gibt und dass es keine Atome gibt, etc. Man gelangt also zu einer Reihe von Widersprüchen, die man nur dann vermeiden kann, wenn man zwischen Dingen an sich und der Erscheinungswelt unterscheidet. Q.E.D.

So betrachtet ist die transzendentale Dialektik ein Schlüsselkapitel der KrV.

Das Ergebnis ist nach Kant eine skeptische, man kann auch sagen: kritische Zurückhaltung darüber, was wir wirklich wissen können und was nicht. Bezogen auf die sinnlich erfahrbare Erscheinungswelt gibt es ein Wissen, nicht aber bezogen auf Dinge, wie sie vermeintlich unabhängig von unserer Erfahrung existieren.

Erinnern wir uns kurz an Kants Unterscheidung zwischen Dingen an sich und der Erscheinungswelt. Bekanntlich sind nach Kant die Dinge an sich unerkennbar. Damit meint er, dass wir nichts wissen oder sagen können über die Dinge, wie sie unabhängig von unserer Erfahrung sind. Unser Wissen und unsere Erkenntnis können sich nur auf Dinge der Erscheinungswelt beziehen. Ein solches Ding der Erscheinungswelt ist aber immer für uns, d.h. es ist immer schon irgendwie sinnlich wahr­genommen, erfahren oder erkannt oder zumindest prinzipiell wahrnehmbar, erfahrbar oder erkennbar. Hier scheint Kant bis zu einem gewissen Grad mit Berkeley übereinzustimmen. Andererseits ist für Kant die Erscheinungswelt kein bloßer subjektiver Schein, so wie es Berkeley behauptet hat. Sie hat nach Kant vielmehr durchaus insofern einen objektiven Charakter, als sie sich notwendigerweise nach der allgemeingültigen „subjektiven Beschaffenheit des Gemüts“ richten muss. Das subjektive Erkennen, wie es allen Menschen gemeinsam ist, gibt eine notwendige Struktur vor, wie die Erscheinungswelt zur Erscheinung kommt. Plakativ formuliert: Wir könnten die Erscheinungswelt gar nicht erkennen, wenn nicht Verstand in ihr liegen würde.

So setzt Kant unserem Erkennen eine Grenze. Die Welt der Erscheinungen, d.h. die sinnlich erfahrbare Realität, ist erkennbar. Alles, was prinzipiell nicht sinnlich erfahrbar ist, ist unerkennbar. Und jedes Sprechen darüber ist haltlos. Der antike Skeptizismus enthielt sich generell der Aussagen, da alles als widerlegbar galt. Kant hingegen propagiert eine beschränkte Enthaltsamkeit: Man solle vernünftigerweise davon absehen, Aussagen über Dinge, die prinzipiell nicht sinnlich erfahrbar sind, machen zu wollen.

Der transzendentale Schein ist eine unvermeidliche Illusion

Allerdings, so meint Kant, fällt uns Menschen diese Art von Enthaltsamkeit sehr schwer. Denn es genüge nicht, die Unterscheidung zwischen Dingen an sich und der Erscheinungswelt zu kennen. Vielmehr würden wir aufgrund der Natur der Vernunft, sogar wider besseres Wissen, dazu getrieben, diese Unterscheidung zu missachten und die kritische Beschränkung unseres Erkennens wieder über Bord zu werfen. Jedenfalls, so müsste man ergänzen, wenn wir anfangen zu philosophieren. Unversehens würden wir (beim Philosophieren) wieder darauf verfallen, unerlaubterweise Behauptungen über etwas aufzustellen, das prinzipiell jenseits der sinnlichen Erfahrbarkeit liegt. Wir unterliegen hier unvermeidlichen Illusionen, die Sinnestäuschungen ähnlich sind, die auch dann bestehen bleiben, selbst wenn wir den tatsächlichen Sachverhalt kennen.

In der Transzendentalen Dialektik versucht Kant diese unvermeidlichen Illusionen der reinen Vernunft systematisch aufzählen, sowie deren illusorischen Schein zu belegen. Die Vernunft habe nämlich notwendigerweise sogenannte transzendentale Ideen, die, wenn man die Unterscheidung zwischen Dingen an sich und Erscheinungswelt nicht beachtet, zu Paradoxien führen. Kant definiert sie als reine Vernunftbegriffe, die auf etwas absolut Unbedingtes zielen, das selbst nicht erfahrbar ist[2]. Und er glaubt sie mittels der Kategorie der Relationen systematisch angeben zu können[3]:

1) Kategorische Urteile: Rationale Psychologie

* Transzendentale Idee des reinen erkennenden Subjekts (KrV B 399 ff.)

2) Hypothetische Urteile: System der kosmologischen Ideen

2 a) Transzendentale Idee des unbedingten zeitlichen Anfangs der Welt (KrV B 454 ff.)

2 b) Transzendentale Idee der absoluten räumlichen Begrenzung der Welt

2 c) Transzendentale Idee der einfachen materiellen Teilchen (Atome), aus denen sich die Welt zusammensetzt. (KrV B 462 ff.)

2 d) Transzendentale Idee der Kausalität durch Freiheit (KrV 472 ff.)

2 e) Transzendentale Idee des absolut notwendigen Wesens (Gott) (KrV B 480 ff.)

3) Disjunktive Urteile: Rationale Theologie (Gottesbeweise)

* Transzendentale Idee eines höchsten Wesens als des Inbegriffs aller Realität (Gott), den Kant auch Ideal der Vernunft nennt. (KrV B 600 ff.)

 

Zu 1): Rationale Psychologie und transzendentales Ich.

Die traditionelle philosophische Disziplin der rationalen Psychologie macht solche Aussagen wie:

  • Die Seele ist eine Substanz.
  • Die Seele ist nicht zusammengesetzt, sondern einfach.
  • Die Seele ist im Zeitverlauf mit sich selbst identisch.
  • Die Seele ist räumlich nicht ausgedehnt.

Der Fehler, den man hier nach Kant begeht, besteht darin, dass die Seele zu einem Gegenstand gemacht wird. Das wäre dann korrekt, wenn es sich um das empirische Ich handeln würde, das durch die Gesamtheit der inneren Erfahrungen, der Gefühle, der Begierden und Wünsche, sowie des persönlichen Charakters gegeben ist. Das empirische Ich ist Teil der Erscheinungswelt und kann als solches Gegenstand psychologischer Untersuchungen werden. Demgegenüber will die rationale Psychologie Aussagen machen über ein reines Ich, das jenseits der Empirie anzusiedeln ist. Kant meint, dass es sich hierbei um das bloß erkennendes Subjekt, das reine „ich denke“ handelt, was er auch das transzendentale Ich nennt. Insofern dieses transzendentale Ich, wie Kant meint, alle meine Vorstellungen begleiten können muss, hat es den Charakter eines Unbedingten. Man kann es aber selbst nicht zum Objekt des Erkennens machen. Darin liegt der Fehler der rationalen Psychologie. Tut man es nämlich, so gerät man in einen unendlichen Regress, wie ich in einem nachfolgenden Beitrag noch detaillierter ausführen werde.

Zu 2): Antinomien der kosmologischen Ideen

Zu jeder kosmologischen Idee stellt Kant eine sogenannte Antinomie auf. Eine Antinomie besteht aus zwei sich widersprechenden Aussagen, einer Thesis und einer Antithesis, die beide, wie es scheint, stringent bewiesen werden können. Sind aber zwei sich widersprechende Aussagen beweisbar, dann liegt ein Paradoxon vor. Ich verzichte darauf, Kants Beweise darzustellen. Das Wesentliche ist, dass es sich jedes Mal um einen Schluss von einer Kette von Bedingten auf ein absolut Unbedingtes handelt. Der eigentliche Fehler besteht nach Kant darin, dass die Kette der Bedingten unwillkürlich für Dinge an sich genommen werden, genauso wie das erschlossene Unbedingte. Die Auflösung der Paradoxie erreicht Kant jedes Mal dadurch, dass die Bedingten als Phänomene verstanden werden, deren Bedingungen auch immer wieder Phänomene sind. Ich werde in einem späteren Beitrag auf jede einzelne Antinomie der kosmologischen Ideen eingehen. An dieser Stelle sei nur die Antinomie betreffend die Kausalität durch Freiheit skizziert.

Antinomie betreffend die Kausalität durch Freiheit

Thesis: Es muss in der Welt eine Kausalität durch Freiheit geben, die nicht durch Naturgesetze bestimmt ist.

Antithesis: Es gibt keine Freiheit in der Welt, sondern alles Geschehen ist durch Naturgesetze bestimmt.

Beide Male schließt man vom Bedingten auf ein Unbedingtes. Jedes gegebene Ereignis ist insofern bedingt, als es immer durch ein anderes Ereignis gemäß bestimmter Naturgesetze verursacht sein muss, das selbst wieder durch ein anderes Ereignis verursacht wurde. So erhält man eine Kausalkette:

e0 ist verursacht durch das Ereignis e1 wegen des Naturgesetztes X1
e1 ist verursacht durch das Ereignis e2 wegen des Naturgesetztes X2
e2 ist verursacht durch das Ereignis e3 wegen des Naturgesetztes X3
etc.

Durch einen logisch-begrifflichen Beweis (den ich hier nicht wiedergebe) kann man nach Kant zeigen, dass es einen Ereignis E geben muss, das selbst nicht verursacht ist und somit eine unbedingte, d.h. unabhängige Ursache ist. Kant nennt dies auch Kausalität durch Freiheit. Nach Kant gibt es aber auch einen logisch-begrifflichen Beweis für die gegenteilige Aussage, dass nämlich die Kette bis ins Unendliche weitergehen muss, es also keine erste unabhängige Ursache geben kann. In diesem Fall wird die unendliche Kausalkette als gegebene unbedingte Totalität aufgefasst.

Beide Male gelangt man zu einem Unbedingten, einmal zu einer absoluten, völlig freien Ursache, andermal zur Totalität einer unendlichen Kausalkette. Und beide Male ist das Unbedingte zwar logisch erschlossen, aber prinzipiell nicht empirisch erkennbar. Was jedoch prinzipiell empirisch nicht erkennbar ist, ist nicht Teil der Erscheinungswelt. Die Kausalkette entsteht dadurch, dass zu einer endlichen Kausalreihe von prinzipiell erfahrbaren Ereignissen ein weiteres verursachendes Ereignis angehängt wird, das wieder prinzipiell erfahrbar ist. Während also die Kausalkette mit jedem weiteren Schritt Teil der Erscheinungswelt bleibt, wird mit den logisch erschlossenen Unbedingten die Erscheinungswelt überschritten. Beide Male können die Beweise nur dann stringent sein, wenn das Unbedingte kein Teil der erfahrbaren Erscheinungswelt, sondern ein Ding an sich ist.

Somit löst sich das Paradoxon auf, wenn man zwischen Erscheinungswelt und Dingen an sich unterscheidet und anerkennt, dass es ein Wissen über Dinge an sich selbst dann nicht gibt, wenn man glaubt, einen logisch-rationalen Beweis dafür zu haben. Kants Schlussfolgerung ist, dass die transzendentale Idee der Kausalität durch Freiheit nicht konstitutiv ist, d.h. dass dadurch nichts gemeint sein soll, das tatsächlich existiert, sondern nur eine regulative Funktion hat, nämlich insofern sie eine Aufforderung darstellt, zu jedem gegeben, empirisch erfahrbaren Ereignis eine entsprechende, durch ein Naturgesetz bestimmte Ursache zu finden, und so weiter.

Zu 3) Rationale Theologie

Die transzendentale Idee eines höchsten Wesens als des Inbegriffs aller Realität, kurz Gott, leitet Kant logisch aus dem Grundsatz der durchgängigen Bestimmung her. Gemäß diesem Grundsatz muss gelten: Für jedes gegebene Ding X und für jedes Prädikat P muss bestimmt sein, ob „X ist P“ oder ob „X ist nicht P“ gilt. Kant meint, dass dieser Grundsatz nur gelten kann, wenn man einen Begriff der Gesamtheit aller möglichen Prädikate, die überhaupt ein Ding haben kann, hat. Kant nennt diesen Begriff das transzendentale Ideal. Die Frage ist, ob diesem Begriff etwas tatsächlich Existierendes entspricht oder nicht. Hält man die Existenz für ein Prädikat, dann müsste das transzendentale Ideal auch das Prädikat der Existenz umfassen. Folglich müsste das Etwas, das durch den Begriff des allerhöchsten Wesens, das alle Realität umfasst, gemeint ist, auch tatsächlich existieren. Dieser Schluss ist im Grunde der ontologische Gottesbeweis.

Diese Hypostasierung ist allerdings ein illusorischer, transzendentaler Schein. Ist man sich aber darüber im Klaren, dass die Vernunft hier die Grenze zum nicht erkennbaren Übersinnlichen überschreitet, dann hat das transzendentale Ideal nur noch eine regulative Funktion.

Kants Gedankengänge zu Gott als Inbegriff aller Realität, sowie deren philosophiegeschichtliche Einordnung werde ich in einem nachfolgenden Beitrag detaillierter besprechen.

Gottesbeweise

Das Ergebnis von Kants KrV ist, dass die Vernunft nur auf die Dinge der Erscheinungswelt angewendet werden darf, jegliche Grenzüberschreitung in Richtung Dinge an sich soll unzulässig sein. Nun ist Gott ein Musterbeispiel für ein Wesen, von dem geglaubt wird, dass es jenseits unserer sinnlichen Welt existieren würde. Und Kants Meinung nach ist es der natürliche Gang der Vernunft, sich von dem Dasein eines allerhöchsten, göttlichen Wesens überzeugen zu wollen[4].Theoretisch könnte man gegen Kant einwenden, dass all seine Argumente korrekt sind, es aber dennoch einen stichhaltigen Beweis für die Existenz Gottes gibt. Um das auszuschließen geht Kant in drei Schritten vor.

Erstens behauptet Kant, dass nur drei Gottesbeweise möglich sind, je nachdem, welchen Ausgangspunkt man für den Beweis wählt. Nach Kant kann es nur drei mögliche Ausgangspunkte geben, die zu drei bekannten Gottesbeweisen führen, nämlich

  1. a) eine bestimmte, konkrete Erfahrung => physikotheologischer Gottesbeweis
  2. b) irgendein beliebiges empirisches Dasein => kosmologischer Gottesbeweis
  3. c) gar keine Erfahrung, sondern ein bloßer Begriff => ontologischer Gottesbeweis

Im zweiten Schritt stellt er die Argumentation dieser drei Gottesbeweis dar, und zwar in umgekehrter Reihenfolge:

  • den ontologischen Gottesbeweis (KrV B 620 ff., A 592 ff.),
  • den kosmologischen Gottesbeweis (KrV B 632 ff., A 604 ff.) und
  • den physikotheologischen Gottesbeweis (KrV B 648 ff., A 620 ff.).

Drittens widerlegt er diese drei Gottesbeweise.

Ich werde weiter untern in einem gesonderten Beitrag ausführlicher auf Kants Widerlegung der Gottesbeweise eingehen.

[1] KrV B 355, A 298.

[2] KrV B 384. A327.

[3] KrVB 392 ff.

[4] KrV B615, A 587.

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