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Grundlage der praktischen Philosophie

31. Juli 2026/1 Kommentar/in III. Das cartesische Projekt, III.07 Fichte/von peterreins

Den dritten Teil der Wissenschaftslehre hat Fichte die Überschrift „Grundlage der Wissenschaft des Praktischen“ gegeben[1].

Eigentlich müsste es hier darum gehen, die praktische Philosophie aus folgendem Satz dialektisch zu entwickeln:

Ab. Das Ich setzt sich selbst als bestimmend das Nicht-Ich.

Tatsächlich unterteilt sich dieser dritte Teil in Analogie zum theoretischen Teil in zwei Reflexionsreihen. Wobei die erste Reflexionsreihe, genauer besehen, eine finale Abschluss-Synthese darstellt, in der (a) das unendliche absolute Ich und (b) das begrenzte theoretische Ich, das Fichte hier auch „Intelligenz“ nennt, durch (c) das praktische Vermögen des Ich miteinander versöhnt werden.

Die Antithese von absolutem Ich und theoretischer Intelligenz

Jedenfalls beginnt die erste Reflexionsreihe damit, den Satz Ab) in die folgende Antithese zu analysieren: (S. 248 ff.)

  • Das Ich ist absolutes Ich, insofern es sich selbst setzt
  • Das Ich ist eingeschränkt (oder theoretische Intelligenz), insofern das Nicht-Ich gesetzt wird.

Im Grunde gelangt Fichte so zu dem Gegensatz zwischen dem vollkommen unabhängigen, unendlichen, unbeschränkten absoluten Ich und dem Ich als abhängiger (theoretischer) Intelligenz. Und dieser Gegensatz hat verschiedene Facetten.

(1) Bezogen auf das Nicht-Ich[2]: Für die theoretische Intelligenz ist das Nicht-Ich auf unerklärliche Weise gegeben, ein Ding an sich, das beansprucht unabhängig vom Ich zu existieren. Andererseits muss alles, was ist, im Ich gesetzt sein, muss für das Ich und innerhalb des Ich sein, so dass es eben kein unabhängiges Ding an sich geben kann. Für das absolute Ich ist alles nur im Ich.

(2) Bezogen auf die Art der Tätigkeit[3]: Das absolute Ich ist unendliche, in sich selbst zurückgehende, reine Tätigkeit, bei der Produkt und Tätigkeit ein und dasselbe ist: Ich = Ich.  Die theoretische Intelligenz hingegen ist objektive Tätigkeit, bezieht sich auf etwas, das dem Ich entgegengesetzt ist, und ist insofern endliche, begrenzte Tätigkeit

Beide Tätigkeiten, die reine und die objektive, sollen eine und dieselbe sein. Damit wären die Gegensätze versöhnt. Dazu müsste eine Synthese bzw. „ein Vereinigungsband“ zwischen den beiden Tätigkeiten, der unendlichen und der endlichen gefunden werden. Diese Synthese ist, wie wir sehen werden, die praktische Vernunft, durch die überhaupt erst ein Nicht-Ich gesetzt wird. Für das absolutes Ich gibt es kein Nicht-Ich. Für das Ich als theoretische Intelligenz ist ein Nicht-Ich gegeben, wie es aber gegeben ist, ist für es unerklärlich.

Die praktische Vernunft als Synthese von absolutem Ich und theoretischer Intelligenz

Die Synthese sieht so aus. Das absolute Ich ist, wie gesagt, die reine Tätigkeit des sich selbst setzenden Ich, alle Realität umfassend, eine ins Unendliche gehende Tätigkeit. Fichte behauptet nun, dass das Ich nicht nur in diesem absoluten Sein verharren kann, es muss sich dieses Seins auch bewusst sein, um im wahrhaften Sinne Ich zu sein.  Das heißt, es muss über sein eigenes Sein reflektieren[4].

Fichte vergleicht das absolute Ich mit einem unendlichen Hinausgehen in eine Richtung auf einer Geraden und die Reflektion über sich selbst mit einem Richtungswechsel. Dieser Richtungswechsel muss, so meint Fichte, als etwas Fremdartiges empfunden werden: als ein Anstoß, verursacht durch ein Nicht-Ich. Und mit dem Anstoß wird einerseits das faktische, endliche Bewusstsein gesetzt, zusammen mit der realen Welt, die ein Werk der produktiven Einbildungskraft ist. Andererseits ist der Anstoß ja nur zustande gekommen, weil das Ich sich selbst erkennen will. Damit ist gefordert, dass die reale Welt so zu sein hat, dass sie mit dem absoluten Ich identisch ist. Das ist sie aber faktisch nicht. Die Welt, wie sie sein soll, aber faktisch nicht ist, ist vielmehr eine ideale Welt. Das Ich ist praktische Vernunft, insofern es danach strebt, diese ideale Welt zu verwirklichen. Übrigens ist auch die ideale Welt ein Werk der Einbildungskraft, die das Ich neben die reale Welt setzt.

Nach Fichte steckt das Ich damit in einem unlösbaren Dilemma. Es ist einerseits Streben und soll die ideale Welt verwirklichen, um die Realität in vollkommenen Einklang mit dem Ich zu bringen[5]. Sobald es diesen Einklang aber tatsächlich erreichen würde, würde die Realität ihren Stachel verlieren, würde nicht mehr als widerstrebendes Nicht-Ich empfunden werden: und damit wäre auch die Selbstreflektion des Ich beendet. Der Widerstand muss sein, damit sich das Ich seiner selbst bewusst wird. So wird eine reale Welt gesetzt, die zu überwinden sich das Ich aufgefordert fühlt. So strebt das Ich über die reale Welt hinaus zu einer unerreichbaren idealen Welt, die zwar vollkommen mit dem Ich übereinstimmen würde, damit aber auch die Selbstreflektion beenden würde.

Während die theoretische Philosophie nur erklärt, wie die reale Welt ist, nämlich als ein Werk der produktiven Einbildungskraft, veranlasst von dem Anstoß durch ein Nicht-Ich, erklärt die praktische Philosophie, das Über-die-reale-Welt-Hinausstreben des Ich zu einer unerreichbaren idealen Welt. Paradoxerweise wird durch das praktische Streben des Ich erst die Realität als „harte“, widerständige Realität gesetzt. Würde ich die reale Welt einfach nur so nehmen, wie sie ist, wäre ich wunschlos glücklich, ohne irgendeinen Wunsch, die Welt zu verändern. Und dann wäre es nur ein kleiner Schritt, die Wirklichkeit als ein Traumgebilde der Einbildungskraft zu empfinden. In der bloß kontemplativen Betrachtung der Welt hört erstens die Realität auf, widerspenstige Realität zu sein, und zweitens löst sich das selbstbewusste, über sich selbst reflektierende Ich auf.

Fichtes Bezug zu Kant

Auch hier bezieht sich Fichte zwar beiläufig in einer Fußnote auf Kant, aber doch immerhin explizit[6]. Wie ist dieser Bezug zu verstehen? Inwiefern kann sich Fichte auch in diesem Punkt als Vollender von Kants Philosophie verstehen?

Erstens ist philosophiegeschichtlich zu konstatieren, dass Kant ursprünglich die theoretische Philosophie und die praktische Philosophie in einem Werk behandeln wollte. So kündigte er beispielsweise 1786 an, dass die zweite Auflage der KrV auch eine Kritik der praktischen Vernunft enthalten würde[7]. Aus verschiedenen Gründen konnte Kant das nicht wie geplant umsetzen. Aber immerhin findet man am Ende der KrV einen Ausblick auf die praktische Philosophie[8]. Wenn nun Fichte theoretische und praktische Philosophie in seiner Wissenschaftslehre vereinigt, erfüllt er also eine Intention, die sicher auch Kant hatte.

Zweitens kann man in dem erwähnten Ausblick auf die praktische Philosophie am Ende der KrV tatsächlich andeutungsweise eine Vorwegnahme von Fichtes Gedankengängen finden. Um das klar zu machen, muss ich ein wenig ausholen.

Bekanntlich spricht Kant von einer „kopernikanische Wende“. Während die bisherigen Philosophen unhinterfragt annahmen, dass sich unsere Erkenntnis nach den Dingen richten müsse, wollte Kant versuchsweise annehmen, dass „sich die Gegenstände nach unserer Erkenntnis richten müssen“[9]. Demnach sei der Verstand der „Quell der Gesetze der Natur“[10]. Und letztlich ist die Realität, in der wir leben: das, was Kant die Erscheinungswelt nennt, das Werk der produktiven Einbildungskraft. Sie würde auf blinde, unbewusste Weise, das sinnliche Datenmaterial zu Einheiten so zusammenfassen, dass wir überhaupt Dinge, Kausalitäten etc. erkennen. Es ist klar, dass Fichte Kant in dieser Auffassung folgt.

Damit schlittert Kant in ein Problem, das ich in Anlehnung an das Theodizee-Problem „Idealismus-Dizee“ bezeichnet habe. Wenn nämlich die Realität, so wie ich sie wahrnehme und erlebe, im Grunde das Werk meiner Einbildungskraft ist: Warum ist sie dann nicht so, wie ich sie mir wünsche? Warum lebe ich nicht in der allerangenehmsten, allerschönsten Traumwelt? Warum ist die Wirklichkeit bisweilen eine harte Wirklichkeit?

Es ist nicht klar, ob Kant dieses Problem gesehen hat. Jedenfalls hat er es nicht explizit formuliert. Er hat auch keinen ausdrücklichen Versuch unternommen, dieses Problem zu lösen. Auf der anderen Seite weisen Kants Ausführungen zur praktischen Philosophie in der KrV genau in die Richtung, die später Fichte einschlagen wird.

Und zwar spricht Kant von einer idealen „moralischen Welt“, in der jedem der Grad an Glückseligkeit zukommt, für den er sich durch seine Taten als würdig erwiesen hat. Die Idee einer moralischen Welt sei die Bedingung dafür, dass Menschen moralisch handeln, selbst dann, wenn sie keinen unmittelbaren Nutzen davon haben. Weil aber die ideale moralische Welt mit der faktischen Wirklichkeit in Widerspruch steht, müssten wir sie in die Zukunft projizieren. Der Garant dafür, dass die moralische Welt hoffentlich einmal Realität wird, sei Gott. Zuvor hatte Kant gezeigt, dass jeder Versuch, die Existenz Gottes für die theoretische Vernunft zu beweisen, zum Scheitern verurteilt ist. Nun kommt er zu dem Ergebnis, dass Gott, sowie eine ideale, moralische Welt Forderungen der praktischen Vernunft seien.

Kants ideale, moralische Welt, nach der wir von Natur aus streben, erklärt hervorragend, warum die tatsächliche Erscheinungswelt den Charakter einer „harten“ Realität hat und haben muss. Erst ein Streben über die Realität hinaus, macht die Realität zur Realität. Wäre ich mit der Wirklichkeit vollkommen zufrieden, wäre ich sozusagen wunschlos glücklich, dann wäre die wirkliche Welt eine traumhafte Scheinwelt. Erst insofern die Erscheinungswelt meinem Streben einen Widerstand entgegensetzt, wird sie im eigentlichen Sinne wirklich.

Offensichtlich entspricht dem, was Kant moralische Welt nennt, der idealen Welt Fichtes. Beide sind von der faktischen Wirklichkeit verschieden und beide sind Gegenstand eines unendlichen Strebens. Und beide Male kann die ideale Welt, die wir zu verwirklichen streben, erklären, warum die Realität eine harte, uns widerstehende Realität ist. Aber Kant nimmt sowohl die reale Welt, als auch die ideale Welt einfach an, ohne Gründe dafür anzugeben, warum das so ist. Fichte hingegen erklärt die Diskrepanz zwischen realer und idealer Welt, sowie das unendliche Streben nach der idealen Welt philosophisch aus dem Wesen des absoluten Ich. Man kann von Fichtes Herleitungen halten was man will, sie für stichhaltig ansehen oder nicht, in jedem Fall hat er auch hier einen Gedanken Kants aufgenommen, um ihn ein wenig zu vertiefen.

Die zweite Reflexionsreihe der praktischen Philosophie

Mit seinen Ausführungen, wie die praktische Vernunft das absolute Ich mit der theoretischen Intelligenz versöhnt, hätte Fichte eigentlich einen hervorragenden Abschluss seiner Wissenschaftslehre gehabt. Stattdessen setzt er seine Überlegungen zur praktischen Philosophie auf eine Weise fort, die an die zweite Reflexionsreihe der theoretischen Philosophie erinnert. Dort hat er die geistig-seelischen Vermögen, die in Kants theoretischer Philosophie einfach nur gegebene Fakta sind, philosophisch hergeleitet: Sinnlichkeit, Verstand, Urteilskraft und Vernunft. Ganz ähnlich leitet Fichte nun weitere geistig-seelische Vermögen her, die er offenbar als Fakta der praktischen Philosophie ansieht, nämlich[11]:

  • Kraftgefühl
  • Selbstgefühl
  • Sehnen
  • Bestimmungstrieb
  • Trieb nach Wechsel
  • Trieb nach Befriedigung

Mir erscheinen Fichtes Herleitungen und Argumentationen diesbezüglich als schwer nachvollziehbar und auch nicht für besonders relevant, so dass ich mir erlaube, es bei dieser Auflistung zu belassen und auf eine Erläuterung von Fichtes Herleitungen zu verzichten.

[1] FW I, S. 246 ff.

[2] FW I, S. 283.

[3] FW I, S. 256.

[4] FW I, S. 275.

[5] FW 1, S. 260.

[6] FW 1, S. 260.

[7] Siehe E. Förster: Die 25 Jahre der Philosophie, S. 111 ff.

[8] KrV B 825, A 797 ff.

[9] KrV B XVI.

[10] KrV A 128

[11] Bei dieser Auflistung beziehe ich mich auf: E. Förster: Die 25 Jahre der Philosophie, S. 223.

0 0 peterreins peterreins2026-07-31 15:32:322026-07-31 15:32:32Grundlage der praktischen Philosophie
1 Kommentar
  1. Thinking sagte:
    3. August 2026 um 14:03

    Ich möchte mich für die letzte philosophische Reihe, in der Sie die Veröffentlichungen von Fichte und Kant vergleichen, bedanken. Es ist manchmal herausfordernd, den Gedanken dieser bedeutenden klassischen Philosophen zu folgen aber auch sehr lehrreich.

    Antworten

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