Zusammenfassung von Fichtes Wissenschaftslehre von 1794/95
Nachfolgend fasse ich Fichtes Wissenschaftslehre, so wie er sie meiner Meinung nach um 1794/95 vertreten hat, skizzenhaft zusammen.
Die entsprechenden Schriften sind die Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre (GWL) und der Grundriss des Eigenthümlichen er Wissenschaftslehre (GEW).
Der erste Teil von Fichtes Wissenschaftslehre beginnt mit drei Grundsätzen:
I. Teil: Herleitung und Darstellung der drei obersten Grundsätze (GWL)
1. Erster Grundsatz: Ich = Ich (GWL S. 91 ff.)
Mit diesem Grundsatz bringt Fichte die zirkuläre Struktur des transzendentalen Ich zum Ausdruck. Das Ich ist die unendliche Totalität, in der das Ich sich selbst als sich selbst erkennend erkennt.2. Zweiter Grundsatz: Nicht-Ich ¹ Ich (GWL S. 101)
Anders formuliert: Wenn das Nicht-Ich gesetzt ist, dann ist es dem Ich entgegengesetzt.3. Dritter Grundsatz: Das absolute Ich setzt einem teilbaren Ich ein teilbares Nicht-Ich entgegen. (GWL S. 105)
Dieser erste Teil der Wissenschaftslehre stellt eine Herleitung von Kants Kategorie der Qualität dar, wobei der erste Grundsatz der Kategorie der Realität entspricht, der zweite Grundsatz der Kategorie der Negation und der dritte Grundsatz der Kategorie der Limitation.
Nach Fichte lässt sich der dritte Grundsatz in zwei Antithesen analysieren.
Aa. Das Ich setzt sich selbst als beschränkt/bestimmt durch das Nicht-Ich.
Ab. Das Ich setzt das Nicht-Ich als beschränkt/bestimmt durch das Ich.
Entsprechend diesen Gegensätzen unterteilt Fichte die Philosophie in zwei Teile. Von Aa) soll die theoretische Philosophie abgeleitet werden und von Ab) die praktische Philosophie.
II. Teil: Grundlage des theoretischen WissensTheoretische Philosophie (GWL S. 123 ff.)
Grundsatz der theoretischen Philosophie:
Aa. Das Ich setzt sich selbst als beschränkt/bestimmt durch das Nicht-Ich.
II.1 Erste Reflexionsreihe der theoretischen Philosophie (GWL)
Der Teil II.1 leitet drei Dinge her, die bei Kant einfach gegeben sind. Nämlich die Kategorien der Relation, sowie die Einbildungskraft und der Werk: die Erscheinungswelt.
II.1.1 Wechselbestimmung bzw. Relation (Kategorie der Wechselbestimmung)
Fichte analysiert Aa) in folgende zwei gegensätzliche Sätze:
Ba. Das Nicht-Ich bestimmt (tätig) das Ich
Bb. Das Ich bestimmt sich selbst (durch absolute Tätigkeit)
Diese beiden Sätze versöhnt Fichte durch die nachfolgende Synthese B.
Synthese B: Wechselbestimmung bzw. Relation:
Das Ich setzt Negation in sich, insofern es Realität in das Nicht-Ich setzt, und Realität in sich, insofern es Negation in das Nicht-Ich setzt.
II.1.2 Kausalität oder Lockes Wahrnehmungstheorie (Kategorie von Ursache und Wirkung)
Fichte analysiert den Satz Ba) in folgende zwei gegensätzliche Sätze:
Ca. Das Nicht-Ich hat in sich selbst Realität.
Cb. Alle Realität ist im Ich gesetzt und im Nicht-Ich ist keinerlei Realität.
Diese beiden Sätze versöhnt Fichte durch die nachfolgende Synthese C, allerdings nur vorläufig.
Synthese C: Kausalität oder das Ich als Bewirktes und das Nicht-Ich als Ursache:
Das Nicht-Ich hat nur Realität, insofern das Ich leidet bzw. insofern das Ich affiziert ist. Das, was tätig ist, heißt Ursache. Das, was leidet, heißt das Bewirkte.
Insofern das Ich leidet (affiziert wird), ist das Nicht-Ich ursächlich tätig (affizierend).
Das Ich bestimmt aktiv, insofern es Tätigkeit/Realität in das Nicht-Ich setzt, und das Ich wird passiv bestimmt (leidet, wird affiziert), insofern das Quantum Tätigkeit/Realität im Nicht-Ich Leiden/Negation bewirkt.
Die Idee, dass das Nicht-Ich das passive Ich affiziert, erinnert an Lockes Wahrnehmungstheorie.
II.1.3 Substanzialität oder Spinozas Pantheismus (Kategorie von Substanz und Akzidenz)
Fichte analysiert Fichte den Satz Bb) in folgende zwei gegensätzliche Sätze:
Da. Das Ich ist (aktiv) bestimmend.
Db. Das Ich ist (passiv) bestimmt werdend.
Diese beiden Sätze versöhnt Fichte durch die nachfolgende Synthese D, allerdings, wie wir sehen werden, nur vorläufig.
Synthese D: Das Ich bestimmt durch Tätigkeit sein Leiden, sowie durch Leiden seine Tätigkeit.
Diesen Satz legt Fichte mittels des Begriffs der Substantialität aus. Das Ich als Substanz ist die absolute Totalität aller möglicher Realitäten. Die Substanz ist aller Wechsel oder Bestimmbarkeit allgemeinen. Das Ich als Substanz ist der Umkreis aller möglichen spezifischen Realitäten. Das Ich als Substanz ist tätig oder bestimmend, indem es sich in eine dieser möglichen Realitäten setzt. Fichte spricht auch von einer „bestimmten Sphäre“. Das Ich als bestimmte Realität bzw. als bestimmte Sphäre ist ein Akzidenz des Substanz-Ich.
Das Ich als Substanz ist uneingeschränkte Tätigkeit. Das ich als Leiden ist eine Einschränkung dieser Tätigkeit. Das Ich bestimmt aktiv, insofern es uneingeschränkte Bestimmbarkeit im Allgemeinen ist (Substanz-Ich), und das Ich wird passiv bestimmt (als Akzidenz-Ich), insofern es eingeschränkte Tätigkeit/verminderte Realität ist.
Fichte stellt hier einen Bezug zu Spinozas Pantheismus her: „Es ist ursprünglich nur Eine Substanz; das Ich.“ [1] Dabei bezieht er sich auch auf Kants Gedanken zum transzendentalen Ideal, das er, wie bereits vor ihm Jacobi, pantheistisch interpretiert.
II.1.4 Einbildungskraft und Anstoß – Kritische Philosophie
Innerer Widerspruch der Synthese C
Nach Fichte ist die Synthese C, d.h. Lockes Wahrnehmungstheorie, nur vorläufig, weil sie noch einen ungelösten inneren Widerspruch enthält.
Das Ich ist hier nämlich nur passiv bestimmt sein. Es wird affiziert, ohne aber dass das Bewusstsein erklärt wäre. Lockes Theorie will die Wahrnehmung alleine dadurch erklären, dass atomare Partikelchen auf Sinnesorgane treffen. Das ist etwa so als würde eine Billardkugel auf eine andere treffen. Damit ist aber noch keine bewusste Wahrnehmung erklärt. Damit bewusste Wahrnehmung entsteht, muss also noch etwas hinzukommen, was über den bloßen Aufprall hinausgeht
Innerer Widerspruch der Synthese D
Mit Spinozas Pantheismus gibt man einerseits den eigenen Willen auf, andererseits hört damit auch die Realität auf, im eigentlichen Sinne Realität zu sein. Die Welt ist real nämlich nur „harte“, widerspenstige Realität, insofern sie dem Ich bzw. dem Willen des Ich Widerstand leistet. Das heißt aber, dass das endliche Akzidenz-Ich nicht nur überhaupt eingeschränkt sein soll, sondern es muss diese Einschränkung als durch ein Nicht-Ich verursacht ansehen.
Durch die Synthese E werden die inneren Widersprüche sowohl von C als auch von D versöhnt, und zwar in vier Schritten.
(1) Unendliche Tätigkeit des Ich und Anstoß
Fichte behauptet, dass auf eine Weise, die innerhalb der theoretischen Philosophie „völlig unerklärlich“ ist, ein Anstoß auf das absolute Ich geschieht, der als durch ein Nicht-Ich verursacht empfunden wird. Die Bedingung der Möglichkeit des Anstoßes ist die ins Unendliche gehende Tätigkeit des absoluten Ich. Andererseits kann sich das absolute Ich nur durch diesen Anstoß seiner selbst bewusst werden.
(2) Zusammentreffen und Grenze
Ich und Nicht-Ich sind sich direkt entgegengesetzt. Ein direktes Aufeinandertreffen würde eine Auslöschung beider bedeuten. Daher können sie nur insofern bewusst zusammentreffen, als sie durch eine Grenze getrennt werden. Diese Grenze ist das Werk der produktiven Einbildungskraft.
(3) Zusammenfassen und ins Unendliche hinausgehende Tätigkeit
Die Grenze zwischen Ich und Nicht-Ich hält die beiden wzar bewusst auseinander. Damit sind sie aber noch bewusst als Subjekt und Objekt gesetzt. Fichte meint, dass dazu die Einbildungskraft die gesetzte Grenze als eine beiden, Ich und Nicht-Ich, gemeinsame Grenze setzen muss. Eine Grenze wird als gemeinsam gesetzt, indem Ich und Nicht-Ich zusammengefasst werden. Dieses Zusammenfassen wiederum, das man auch als Synthesis verstehen kann, erfordert eine die Grenze überschreitende, ins Unendliche gehende Tätigkeit.
(4) Einbildungskraft
Nach Fichte bedingen sich die Punkte (2) und (3) gegenseitig. Sich einer trennenden Grenze bewusst sein (2), wird erst ermöglicht, indem das Ich die Grenze zum Nicht-Ich überschreitet, um Ich und Nicht-Ich zusammenzufassen (3). Das Ich kann sich der Begrenzung nur bewusst sein durch eine ins Unendliche gehende Tätigkeit. Keine Unendlichkeit, keine Begrenzung.
Umgekehrt können Ich und Nicht-Ich nur zusammengefasst werden (3), wenn zwischen beiden eine Grenze gesetzt ist (2). Um sich seiner Unendlichkeit bewusst zu werden, muss das Ich begrenzt werden. Ohne Begrenzung, keine Unendlichkeit.
Fichte behauptet, dass das Setzen der Grenze und die ins Unendliche gehende Tätigkeit ein und dasselbe Vermögen des Ich sein muss, nämlich der produktiven Einbildungskraft. Die Einbildungskraft würde immerzu versuchen, Unendlichkeit und Begrenztsein miteinander zu vereinigen. Es muss aber stets nur bei einem Vereinigungsversuch bleiben. Denn Unendlichkeit und Endlichkeit sind unversöhnbare Gegensätze, die niemals vollkommen vereinigt werden können. Daher besteht das Vereinigen der Einbildungskraft, wie sich Fichte ausdrückt, in einem ununterbrochenen Wechsel zwischen diesen beiden Extremen, einem Oszillieren oder Schweben zwischen Unendlichkeit und begrenzter Endlichkeit. Auf diese Weise generiert die Einbildungskraft einen schwebenden, oszillierenden, unaufhörlichen Prozess, der dem entspricht, was man gemeinhin Bewusstseinsstrom nennt.
Auf diese Weise hat Fichte die finale Synthese der theoretischen Philosophie erreicht. Das Ergebnis ist eine dialektische Herleitung dessen, was bei Kant einfach nur gegebene Fakta sind, und zwar die produktive Einbildungskraft, als auch deren Werk: die Erscheinungswelt.
Eigentlich hätte Fichte mit der Synthese E seine Grundlegung der theoretischen Philosophie beendet sein lassen können. Stattdessen ergänzt er seine Ausführungen noch, indem er noch weiteres herleitet, was bei Kant bloß gegebene Fakta sind: die Mannigfaltigkeit des sinnlich gegebenen, sowie eine Reihe von seelisch-geistigen Vermögen.
II.2 Herleitung der Mannigfaltigkeit des sinnlich Gegebenen (GEW)
II.3 Zweite Reflexionsreihe der theoretischen Philosophie oder „Deduktion der Vorstellung“ (GWL)
Fichte leitet hier folgende seelisch-geistige Vermögen her, die bei Kant einfach nur gegeben sind:
- Anschauung
- Verstand
- Reproduktive Einbildungskraft
- Urteilskraft
- Vernunft
III. Teil: Grundlage der Wissenschaft des Praktischen (GWL S. 246 ff.)
III.1 Erste Reflexionsreihe der praktischen Philosophie
Grundsatz der praktischen Philosophie:
Ab. Das Ich setzt das Nicht-Ich als beschränkt/bestimmt durch das Ich.
Darin erkennt Fichte die folgende Antithese:
- Das Ich ist absolutes Ich, insofern es sich selbst setzt
- Das Ich ist eingeschränkt (oder theoretische Intelligenz), insofern das Nicht-Ich gesetzt wird.
Synthese von absolutem Ich und theoretischer Intelligenz: praktische Vernunft
Das absolute Ich ist die reine Tätigkeit des sich selbst setzenden Ich, alle Realität umfassend, eine ins Unendliche gehende Tätigkeit. Fichte behauptet nun, dass das Ich sich seines Seins auch bewusst werden muss, um im wahrhaften Sinne Ich zu sein. Mit dieser Reflektion über sein eigenes Sein wird die unendliche Tätigkeit des Ich gehemmt, was als etwas Fremdartiges empfunden wird: als ein Anstoß, verursacht durch ein Nicht-Ich. Mit dem Anstoß wird einerseits das faktische, endliche Bewusstsein gesetzt, zusammen mit Erscheinungswelt. Andererseits ist der Anstoß ja nur zustande gekommen, weil das Ich sich selbst erkennen will. Damit ist gefordert, dass die reale Welt so zu sein hat, dass sie mit dem absoluten Ich identisch ist. Das ist sie aber faktisch nicht. Die Welt, wie sie sein soll, aber faktisch nicht ist, ist vielmehr eine ideale Welt. Das Ich ist praktische Vernunft, insofern es danach strebt, diese ideale Welt zu verwirklichen.
Das praktische Ich strebt danach, die ideale Welt verwirklichen, um die Realität in vollkommenen Einklang mit sich selbst zu bringen. Würde es aber diesen Einklang aber tatsächlich erreichen, dann würde die Realität ihren Charakter eines widerstrebenden Nicht-Ich verliefen und damit wäre auch die Selbstreflektion des Ich beendet. Der Widerstand muss sein, damit sich das Ich seiner selbst bewusst wird. So wird eine reale Welt gesetzt, die zu überwinden sich das Ich aufgefordert fühlt. So strebt das Ich über die reale Welt hinaus zu einer unerreichbaren idealen Welt, die zwar vollkommen mit dem Ich übereinstimmen würde, damit aber auch die Selbstreflektion beenden würde.
Während die theoretische Philosophie die Erscheinungswelt als Werk der Einbildungskraft erklärt, erklärt die praktische Philosophie, das Über-die-reale-Welt-Hinausstreben des Ich zu einer unerreichbaren idealen Welt, wodurch aber erst die Realität als „harte“, widerständige Realität gesetzt wird. Für die bloß Kontemplation der theoretischen Vernunft hat die Realität nur den Charakter eines traumhaften Scheingebildes.
III.2 Die zweite Reflexionsreihe der praktischen Philosophie:
Obwohl Fichte mit seinem Begriff des praktischen Ich eigentlich eine finale Synthese der Wissenschaftslehre erreicht hat, setzt er seine Grundlegung der praktischen Philosophie mit einer Herleitung weiterer geistig-seelischer Vermögen fort, nämlich:
- Kraftgefühl
- Selbstgefühl
- Sehnen
- Bestimmungstrieb
- Trieb nach Wechsel
[1] FW I, S. 142.

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