Kosmologische Antinomien
Im letzten Beitrag habe ich eine Übersicht über Kants System der kosmologischen Ideen gegeben:
- Transzendentale Idee des unbedingten zeitlichen Anfangs der Welt (KrV B 454 ff.)
- Transzendentale Idee der absoluten räumlichen Begrenzung der Welt
- Transzendentale Idee der einfachen materiellen Teilchen (Atome), aus denen sich die Welt zusammensetzt. (KrV B 462 ff.)
- Transzendentale Idee der Kausalität durch Freiheit (KrV 472 ff.)
- Transzendentale Idee des absolut notwendigen Wesens (Gott) (KrV B 480 ff.)
Zu jeder dieser kosmologischen Ideen stellt Kant eine sogenannte Antinomie auf. Eine Antinomie besteht aus zwei sich widersprechenden Aussagen, einer Thesis und einer Antithesis, die beide, wie es scheint, stringent bewiesen werden können. Sind aber zwei sich widersprechende Aussagen beweisbar, dann liegt ein Paradoxon vor. Ich werde darauf verzichten, Kants Beweise darzustellen. Das Wesentliche ist, dass es sich jedes Mal um einen Schluss von einer Kette von Bedingten auf ein absolut Unbedingtes handelt. Der eigentliche Fehler besteht nach Kant darin, dass die Kette der Bedingten unwillkürlich für Dinge an sich genommen werden, genauso wie das erschlossene Unbedingte. Die Auflösung der Paradoxie erreicht Kant jedes Mal dadurch, dass die Bedingten als Phänomene verstanden werden, deren Bedingungen auch immer wieder Phänomene sind. Dies sei nachfolgend skizziert.
Zu 1) Die Antinomie betreffend den zeitlichen Anfang der Welt.
Thesis: Die Welt hat einen Anfang in der Zeit.
Antithesis: Die Welt hat keinen Anfang in der Zeit.
Beide Male schließt man vom Bedingten auf ein Unbedingtes. Jeder gegebene Zeitpunkt ist insofern bedingt, als es immer einen vorangegangenen Zeitpunkt geben muss, der selbst wieder durch einen früheren Zeitpunkt bedingt ist. So erhält man eine in die Vergangenheit rückläufige Kette:
t0 ist bedingt durch den früheren Zeitpunkt t1
t1 ist bedingt durch den früheren Zeitpunkt t2
t2 ist bedingt durch den früheren Zeitpunkt t3
etc.
Durch einen logisch-begrifflichen Beweis (den ich hier nicht wiedergebe) kann man nach Kant zeigen, dass es einen Zeitpunkt T gibt, zu dem es keine weiteren früheren Zeitpunkte gibt und der somit einen unbedingten Anfang bildet. Nach Kant gibt es aber auch einen logisch-begrifflichen Beweis für die gegenteilige Aussage, dass nämlich die Kette bis ins Unendliche weitergehen muss, es also keinen unbedingten Anfang geben kann. In diesem Fall wird die unendliche Reihe der in die Vergangenheit zurückgehenden Zeitpunkte als gegebene unbedingte Totalität aufgefasst.
Beide Male gelangt man zu einem Unbedingten, einmal zu einem absoluten Anfang, andermal zu einer Totalität unendlich vieler Zeitpunkte. Und beide Male ist das Unbedingte zwar logisch erschlossen, aber prinzipiell nicht empirisch erkennbar. Was jedoch prinzipiell empirisch nicht erkennbar ist, ist nicht Teil der Erscheinungswelt. Die rückläufige Kette entsteht aber dadurch, dass zu einer endlichen Reihe von prinzipiell erfahrbaren Zeitpunkten ein weiterer, früherer Zeitpunkt angehängt wird, der wieder prinzipiell erfahrbar ist. Während also die Kette der Zeitpunkte mit jedem weiteren Schritt Teil der Erscheinungswelt bleibt, wird mit den logisch erschlossenen Unbedingten die Erscheinungswelt überschritten. Beide Male können die Beweise nur dann stringent sein, wenn das Unbedingte kein Teil der erfahrbaren Erscheinungswelt, sondern ein Ding an sich ist.
Somit löst sich das Paradoxon auf, wenn man zwischen Erscheinungswelt und Dingen an sich unterscheidet und anerkennt, dass es ein Wissen über Dinge an sich selbst dann nicht gibt, wenn man glaubt, einen logisch-rationalen Beweis dafür zu haben. Kants Schlussfolgerung ist, dass die transzendentale Idee des absoluten zeitlichen Anfangs nicht konstitutiv ist, d.h. dass dadurch nichts gemeint sein kann, das tatsächlich existiert, sondern nur eine regulative Funktion hat, nämlich insofern sie eine Aufforderung darstellt, zu jedem gegebenen, empirisch erfahrbaren Zeitpunkt noch einen früheren erfahrbaren Zeitpunkt zu finden, und so weiter.
Zu 2) Die Antinomie betreffend die räumlichen Begrenzung der Welt.
Thesis: Die Welt ist räumlich begrenzt.
Antithesis: Die Welt ist räumlich unbegrenzt.
Beide Male schließt man vom Bedingten auf ein Unbedingtes. Jeder gegebene begrenzte Raum ist insofern bedingt, als es immer einen umfassenderen begrenzten Raum geben muss, der selbst wieder durch einen umfassenderen begrenzten Raum bedingt ist. So erhält man eine Kette von immer umfassenderen Räumen:
r0 ist bedingt durch den umfassenderen Raum r1
r1 ist bedingt durch den umfassenderen Raum r2
r2 ist bedingt durch den umfassenderen Raum r3
etc.
Durch einen logisch-begrifflichen Beweis (den ich hier nicht wiedergebe) kann man nach Kant zeigen, dass es einen begrenzten Raum R gibt, der selbst durch keinen weiteren Raum erweitert werden kann und der somit die unbedingte räumliche Begrenzung der Welt bildet. Nach Kant gibt es aber auch einen logisch-begrifflichen Beweis für die gegenteilige Aussage, dass nämlich die Kette bis ins Unendliche weitergehen muss, es also keine unbedingte räumliche Begrenzung der Welt geben kann. In diesem Fall wird die unendliche Reihe der immer umfassenderen begrenzten Räume als gegebene unbedingte Totalität aufgefasst.
Beide Male gelangt man zu einem Unbedingten, einmal zu einer absoluten räumlichen Begrenzung, andermal zu einer Totalität unendlich vieler Räume. Und beide Male ist das Unbedingte zwar logisch erschlossen, aber prinzipiell nicht empirisch erkennbar. Was jedoch prinzipiell empirisch nicht erkennbar ist, ist nicht Teil der Erscheinungswelt. Die rückläufige Kette entsteht aber dadurch, dass zu einer endlichen Reihe von prinzipiell erfahrbaren Räumen ein weiterer, noch umfassender Raum angehängt wird, der wieder prinzipiell erfahrbar ist. Während also die Kette der Räume mit jedem weiteren Schritt Teil der Erscheinungswelt bleibt, wird mit den logisch erschlossenen Unbedingten die Erscheinungswelt überschritten. Beide Male können die Beweise nur dann stringent sein, wenn das Unbedingte kein Teil der erfahrbaren Erscheinungswelt, sondern ein Ding an sich ist.
Folglich löst sich das Paradoxon auf, wenn man zwischen Erscheinungswelt und Dingen an sich unterscheidet und anerkennt, dass es ein Wissen über Dinge an sich selbst dann nicht gibt, wenn man glaubt, einen logisch-rationalen Beweis dafür zu haben. Somit kann die transzendente Idee der absoluten räumlichen Begrenzung der Welt nicht konstitutiv sein, d.h. dass dadurch nichts gemeint sein kann, das tatsächlich existiert. Vielmehr hat sie bloß eine regulative Funktion hat, insofern sie eine Aufforderung darstellt, zu jedem gegebenen, empirisch erfahrbaren Raum noch einen umfassenderen, aber nach wie vor erfahrbaren Raum zu finden.
Zu 3). Die Antinomie betreffend atomare Zusammensetzung der Materie.
Thesis: Materie besteht letztlich aus Atomen, die einfach sind und sich selbst nicht weiter aus anderen Teilchen zusammensetzen.
Antithesis: Materie besteht aus keinen Atomen, sondern lässt sich in immer kleiner werdende Teilchen unendlich teilen.
Beide Male schließt man vom Bedingten auf ein Unbedingtes. Jedes gegebene Stück Materie ist insofern bedingt, als es immer einen kleinen Teil davon geben muss, der selbst wieder durch einen noch kleineren Teil bedingt ist. So erhält man eine Kette immer kleiner werdenden Materieteilchen:
m0 ist bedingt durch das kleinere Stück Materie m1
m1 ist bedingt durch das kleinere Stück Materie m2
m2 ist bedingt durch das kleinere Stück Materie m3
etc.
Durch einen logisch-begrifflichen Beweis kann man nach Kant zeigen, dass es Materieteilchen geben muss, die selbst nicht weiter teilbar sind und die somit unbedingt einfache, unteilbare Atome sind. Nach Kant gibt es aber auch einen logisch-begrifflichen Beweis für die gegenteilige Aussage, dass nämlich die Kette bis ins Unendliche weitergehen muss, es also keine unbedingt einfachen Atome geben kann. In diesem Fall wird die unendliche Reihe der immer kleiner werdenden Teilchen als gegebene unbedingte Totalität aufgefasst.
Beide Male gelangt man zu einem Unbedingten, einmal zu den Atomen, andermal zur Totalität unendlich vieler, immer weiter teilbarer Materiestücke. Und beide Male ist das Unbedingte zwar logisch erschlossen, aber prinzipiell nicht empirisch erkennbar. Was jedoch prinzipiell empirisch nicht erkennbar ist, ist nicht Teil der Erscheinungswelt. Die rückläufige Kette entsteht aber dadurch, dass zu einer endlichen Reihe von prinzipiell erfahrbaren Materiestücken ein weiteres, noch kleineres Materiestück angehängt wird, das wieder prinzipiell erfahrbar ist. Während also die Kette der Materiestücke mit jedem weiteren Schritt Teil der Erscheinungswelt bleibt, wird mit den logisch erschlossenen Unbedingten die Erscheinungswelt überschritten. Beide Male können die Beweise nur dann stringent sein, wenn das Unbedingte kein Teil der erfahrbaren Erscheinungswelt, sondern ein Ding an sich ist.
Somit löst sich das Paradoxon auf, wenn man zwischen Erscheinungswelt und Dingen an sich unterscheidet und anerkennt, dass es ein Wissen über Dinge an sich selbst dann nicht gibt, wenn man glaubt, einen logisch-rationalen Beweis dafür zu haben. Somit kann die transzendente Idee der absoluten einfachen Atome nicht konstitutiv sein, d.h. dass dadurch nichts gemeint sein kann, das tatsächlich existiert. Vielmehr hat sie bloß eine regulative Funktion hat, insofern sie eine Aufforderung darstellt, zu jedem gegebenen, empirisch erfahrbaren Materieteilchen noch einen kleineres, aber nach wie vor erfahrbaren Teilchen zu finden.
Zu 4). Die Antinomie betreffend die Kausalität durch Freiheit.
Thesis: Es muss in der Welt auch eine Kausalität durch Freiheit geben, die nicht durch ein Naturgesetz determiniert ist.
Antithesis: Es gibt keine Freiheit in der Welt, sondern alles Geschehen ist notwendig durch Naturgesetze determiniert.
Beide Male schließt man vom Bedingten auf ein Unbedingtes. Jedes gegebene Ereignis ist insofern bedingt, als es immer durch ein anderes Ereignis verursacht sein muss, das selbst wieder durch ein anderes Ereignis verursacht wurde. So erhält man eine Kausalkette:
e0 ist verursacht durch das Ereignis e1
e1 ist verursacht durch das Ereignis e2
e2 ist verursacht durch das Ereignis e3
etc.
Durch einen logisch-begrifflichen Beweis (den ich hier nicht wiedergebe) kann man nach Kant zeigen, dass es einen Ereignis E gibt, das selbst nicht verursacht ist und das somit eine unbedingte, d.h. unabhängige und freie Ursache ist. Nach Kant gibt es aber auch einen logisch-begrifflichen Beweis für die gegenteilige Aussage, dass nämlich die Kette bis ins Unendliche weitergehen muss, es also erste unabhängige Ursache geben kann. In diesem Fall wird die unendliche Kausalkette als gegebene unbedingte Totalität aufgefasst.
Beide Male gelangt man zu einem Unbedingten, einmal zu einer absoluten, völlig unabhängigen Ursache, andermal zur Totalität einer unendlichen Kausalkette. Und beide Male ist das Unbedingte zwar logisch erschlossen, aber prinzipiell nicht empirisch erkennbar. Was jedoch prinzipiell empirisch nicht erkennbar ist, ist nicht Teil der Erscheinungswelt. Die Kausalkette entsteht aber dadurch, dass zu einer endlichen Kausalreihe von prinzipiell erfahrbaren Ereignissen ein weiteres verursachendes Ereignis angehängt wird, das wieder prinzipiell erfahrbar ist. Während also die Kausalkette mit jedem weiteren Schritt Teil der Erscheinungswelt bleibt, wird mit den logisch erschlossenen Unbedingten die Erscheinungswelt überschritten. Beide Male können die Beweise nur dann stringent sein, wenn das Unbedingte kein Teil der erfahrbaren Erscheinungswelt, sondern ein Ding an sich ist.
Somit löst sich das Paradoxon auf, wenn man zwischen Erscheinungswelt und Dingen an sich unterscheidet und anerkennt, dass es ein Wissen über Dinge an sich selbst dann nicht gibt, wenn man glaubt, einen logisch-rationalen Beweis dafür zu haben. Kants Schlussfolgerung ist, dass die transzendentale Idee der Kausalität durch Freiheit nicht konstitutiv ist, d.h. dass dadurch nichts gemeint sein kann, das tatsächlich existiert, sondern nur eine regulative Funktion hat, nämlich insofern sie eine Aufforderung darstellt, zu jedem gegebenen, empirisch erfahrbaren Ereignis eine entsprechende Ursache zu finden, und so weiter.
Zu 5). Die Antinomie betreffend ein notwendiges Wesen.
Thesis: Es muss ein schlechthin notwendiges Wesen geben.
Antithesis: Es gibt kein schlechthin notwendiges Wesen.
Beide Male schließt man vom Bedingten auf ein Unbedingtes. Jedes gegebene Ding ist insofern bedingt, als es immer durch etwas anderes bedingt sein muss, das selbst wieder durch etwas anderes bedingt ist. So erhält man eine Kette von Dingen, bei denen das eine durch das andere bedingt ist;
d0 ist bedingt durch d1
d1 ist bedingt durch d2
d2 ist bedingt durch d3
etc.
Durch einen logisch-begrifflichen Beweis kann man nach Kant zeigen, dass es ein D geben muss, das selbst durch nichts bedingt ist und das somit ein unbedingtes, absolut notwendiges Wesen, d.h. Gott, ist. Nach Kant gibt es aber auch einen logisch-begrifflichen Beweis für die gegenteilige Aussage, dass nämlich die Kette bis ins Unendliche weitergehen muss, es also ein unbedingt notwendiges Wesen nicht geben kann. In diesem Fall wird die unendliche Kette als gegebene unbedingte Totalität aufgefasst.
Beide Male gelangt man zu einem Unbedingten, einmal zu einem absoluten, völlig unbedingten Wesen, andermal zur Totalität einer unendlichen Kette. Und beide Male ist das Unbedingte zwar logisch erschlossen, aber prinzipiell nicht empirisch erkennbar. Was jedoch prinzipiell empirisch nicht erkennbar ist, ist nicht Teil der Erscheinungswelt. Die Kausalkette entsteht aber dadurch, dass zu einer endlichen Reihe von prinzipiell erfahrbaren Dingen ein weiteres sie bedingende Ding angehängt wird, das wieder prinzipiell erfahrbar ist. Während also die Kette mit jedem weiteren Schritt Teil der Erscheinungswelt bleibt, wird mit den logisch erschlossenen Unbedingten die Erscheinungswelt überschritten. Beide Male können die Beweise nur dann stringent sein, wenn das Unbedingte kein Teil der erfahrbaren Erscheinungswelt, sondern ein Ding an sich ist.
Somit löst sich das Paradoxon auf, wenn man zwischen Erscheinungswelt und Dingen an sich unterscheidet und anerkennt, dass es ein Wissen über Dinge an sich selbst dann nicht gibt, wenn man glaubt, einen logisch-rationalen Beweis dafür zu haben. Kants Schlussfolgerung ist, dass die transzendentale Idee notwendigen Wesens nicht konstitutiv ist, d.h. dass dadurch nichts gemeint sein kann, das tatsächlich existiert, sondern nur eine regulative Funktion hat, nämlich insofern sie eine Aufforderung darstellt, zu jedem gegebenen, empirisch erfahrbaren Ding etwas zu finden, wodurch es bedingt ist, und so weiter.

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