Gott oder transzendentales Ideal?

Kant veröffentlichte 1763, also noch in seiner sog. vorkritischen Periode, ein Büchlein mit dem Titel: Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes.

Darin führt er einen neuartigen, bislang unbekannten Ansatz aus, die Existenz Gottes zu beweisen. Etwa zwanzig Jahre später taucht der Grundgedanke dieses Beweisversuchs in der KrV auf, und zwar in dem Kapitel über das sog. transzendentale Ideal[1], jetzt allerdings nicht mehr mit dem Anspruch, auf diese Weise tatsächlich die Existenz Gottes zu beweisen. Stattdessen ist die Argumentation im Zusammenhang mit dem transzendentalen Ideal Teil der transzendentalen Dialektik.

Der Grundgedanke des Kantschen Gottesbeweis von 1763 ist in etwa wie folgt, wobei ich mich an der Darstellung in der KrV orientiere.

(1) Der Grundsatz der durchgängigen Bestimmung.

Kant beginnt mit dem Satz: Jedes reale Ding ist durchgängig bestimmt. Etwas ist bestimmt, bedeutet: ihm kommt eine konkrete Eigenschaft zu. Nehmen wir beispielsweise ein konkretes Ding X an. X ist insofern farblich bestimmt, als es z.B. gelb ist und nicht etwa grün, blau, etc. Logisch gewendet bedeutet die Bestimmtheit von X, dass es ein Prädikat P gibt, so dass der Satz „X ist P“ wahr ist.

Alles, was existiert, ist nach Kant aber nicht nur bestimmt, sondern sogar durchgängig bestimmt. Damit mein Kant folgendes: Für jedes überhaupt mögliche Prädikat P muss gelten, entweder dass „X ist P“ oder „X ist nicht P“. Nehmen wir beispielsweise an, es gäbe nur die folgenden Farben:

schwarz (s), weiß (w), gelb (g), blau (b), rot (r).

Das heißt: Wenn etwas überhaupt farbig ist, dann muss es eine der genannten fünf Farben haben. Nehmen wir ferner an, dass es genau drei Temperaturstufen gibt:

kalt (k), warm (w), heiß (h).

Das heißt, alles was überhaupt eine Temperatur hat, ist entweder k, w oder h. Auf diese Weise bilden Gruppen von Prädikaten „Sphären“ von Eigenschaften, die sich gegenseitig ausschließen und von denen mindestens eines gelten muss.

Für jede Sphäre haben wir somit ein disjunktives Urteil. In unserem Beispiel muss für das Ding X gelten:

X ist (bezogen auf die Farbe) entweder s, w, g, b oder r
X ist (bezogen auf die Temperatur) entweder k, w oder h.

Wären Farbigkeit und Temperatur die einzigen Sphären von sich gegenseitig ausschließenden Prädikaten, dann könnte man das Prinzip der durchgängigen Bestimmtheit wie folgt ausdrücken, nämlich a) durh einen sog. Disjunktionsschluss und b) durch entsprechende Negationen:

X ist (bezogen auf die Farbe) entweder s oder w oder g oder b oder r, sowie
(bezogen auf die Temperatur) entweder k oder w oder h
X ist nicht s und nicht w und nicht b und nicht r, sowie nicht k und nicht h
Also: X ist g und w

An dem obigen beispielhaften Disjunktionsschluss sieht man auch gut, wie die konkrete Bestimmung eines Gegenstandes mit Negationen korrespondiert. X ist eben gelb, aber nicht grün, blau, etc. Das erinnert an Spinozas Diktum: determinatio est negatio (Bestimmtheit ist Negation).

(2) Die Totalität aller möglichen Prädikate

Die Aussage, dass alles, was existiert, durchgängig bestimmt sein muss, setzt voraus, dass die Gesamtheit aller möglichen Prädikate, die überhaupt ein Ding haben kann, zumindest als Begriff gegeben sein muss. Ansonsten wäre ein Ding ja, bezogen auf ein mögliches Prädikat, nicht vollständig bestimmt. Nehmen wir an, dass die Totalität T aller möglichen Prädikate durch die Liste P1, P2, … gegeben ist. Dann müsste der obige Disjunktionsschluss (verkürzt) so aussehen:

X ist (bezogen auf T) P1 oder P2 oder …
X ist nicht … und nicht …
Also: X ist … und ….

Man könnte an dieser Stelle einwenden, dass es ja vielleicht ein Prädikat P gibt, das man selbst noch nie an einem Ding erkannt hat, so dass man dieses Prädikat nicht in der genannten Liste aufnehmen müsste. Zumal man möglicherweise noch nicht einmal eine Ahnung davon hat, dass es P überhaupt gibt. Kant argumentiert nun: Wofern man fordert, dass der Grundsatz der durchgängigen Bestimmtheit wirklich vollständig gelten soll, dann müsste er sich an sich auch auf ein solches unbekanntes Prädikat beziehen. Selbst für das (mir unbekannte) P müsste eigentlich definitiv gelten: entweder „X ist P“ oder „X ist nicht P“. In diesem Zusammenhang spricht Kant auch von einer „transzendentalen Verneinung“ und meint damit eine Verneinung, die „nach ihrem Inhalte“ a priori gedacht wird[2].

Kant nennt den Begriff einer Totalität, die wirklich alle möglichen Prädikate in sich vereinigt das transzendentale Ideal. Dieses transzendentale Ideale umfasst gewissermaßen alle denkbare Realität. Die Frage ist, ob es sich hier nur um einen Begriff handelt, ohne dass ihm etwas tatsächlich Existierendes entspricht, oder ob diese Totalität tatsächlich als reales Wesen existiert.

(3) Existenz des höchsten Wesens, das alle Realität in sich vereinigt.

Bis hierher hält sowohl der vorkritische als auch der Kant der KrV die Argumentation für korrekt. Mit dem jetzigen Beweisschritt, glaubte der vorkritische Kant die Existenz Gottes beweisen zu können. Der spätere Kant hingegen lehnt diesen Beweisschritt als „Illusion“ und transzendentalen Schein ab, weil es sich im Grunde um das Argument des ontologischen Gottesbeweises handelt, von dem Kant in einem eigenen Kapitel der KrV nachweist, dass er fehlerhaft ist.

Das Argument geht wie folgt: Wenn man den Begriff einer Totalität bilden kann, die alle Realität in sich vereinigt, und diesen Begriff widerspruchsfrei denken kann, dann muss dieses Wesen auch wirklich existieren. Denn würde es nicht existieren, dann würde es ja zumindest das Prädikat der Existenz nicht umfassen.

Wäre dieser Schluss korrekt, dann wäre dieses allerhöchste Wesen

„[…] das Urbild aller Dinge, welche insgesamt, als mangelhafte Kopien, den Stoff zu ihrer Möglichkeit daher nehmen, und, indem sie demselben mehr oder weniger nahe kommen, dennoch jederzeit unendlich weit daran fehlen, es zu erreichen.“[3]

Und Kant setzt fort:

„So wird denn alle Möglichkeit der Dinge […] als abgeleitet und nur allein die desjenigen, was alle Realität in sich schließt, als ursprünglich angesehen. Denn alle Verneinungen […] sind bloße Einschränkungen einer größeren und endlich der höchsten Realität, mithin setzen sie diese voraus, und sind dem Inhalte nach von ihr bloß abgeleitet.“

Der Schluss ist aber erstens deswegen nicht korrekt, weil damit auf ein Unbedingtes geschlossen wird, das in der Erscheinungswelt nicht vorkommt. Der Schluss ist aber auch deswegen nicht korrekt, weil die Existenz kein Prädikat ist, wie beispielsweise die Farbe oder die Temperatur eines Gegenstandes, worauf bereits David Hume hingewiesen hat.

(4) Eindeutige Existenz eines höchsten Urwesens, das alle Realität in sich vereinigt

In (3) hat der vorkritische Kant geschlossen, dass das transzendentale Ideal nicht nur ein Begriff ist, sondern dass auch etwas existieren muss, das ihm tatsächlich entspricht: Ein allerhöchstes, vollkommenes Wesen, das die Totalität aller möglichen Prädikate in sich vereinigt. Damit ist aber noch nicht die eindeutige Existenz dieses höchsten Urwesens gezeigt, es könnte ja auch zwei oder mehre davon geben.

Auf vorkritische Weise kann man aber auch noch die eindeutige Existenz wie folgt erschließen. Gäbe es nämlich zwei solche Wesen, dann müssten sie sich mindestes durch ein Prädikat P unterscheiden. Dann würde P aber für eines der beiden Wesen nicht gelten, so dass dieses Wesen eine, wenngleich nur geringfügig, eingeschränkte Realität hat.

Dieses eine Urwesen, das alle Realität in sich einschließt (und deswegen eindeutig existieren muss) und von dem alle konkreten Dinge abgeleitet sind, kann man, so meint Kant, getrost Gott nennen.

(5) Kritischer Einwand gegen diese Deduktion

Der Kant der KrV gibt zu, dass jedes Ding in der Erscheinungswelt nur deswegen für uns bestimmt ist, weil es mit dem Inbegriff aller möglichen empirischen Prädikate verglichen wird. Somit setzt unsere Erkenntnis der (erscheinenden) Dinge den Inbegriff aller möglichen Prädikate voraus. Dieser Inbegriff aller Realität ist aber selbst kein Gegenstand der Erfahrung. Seine objektive Existenz erschließt vielmehr die spekulative Vernunft, erstens durch ein fehlerhaftes ontologisches Argument und zweitens indem die Grenze der Erscheinungswelt überschritten wird. Sofern man kritisch geschult ist, würde man wissen, dass der Schluss von empirischen Gegebenheiten auf übersinnliche Gegenstände nicht statthaft ist.

Andererseits setzt unsere Erkenntnis der Dinge den Inbegriff aller Realität voraus. Deswegen ist es nur naheliegend und natürlich, diesen Fehler zu begehen. Wird das transzendentale Ideal als Inbegriff aller Realität nicht als objektiv existierend angenommen, sondern als regulative Idee, um den Verstand sozusagen korrekt auszurichten, dann wird dieser Fehler vermieden.

Diese Überlegungen Kants, die er erstmals in der vorkritischen Schrift Der einzig mögliche Beweisgrund formulierte und später in abgewandelter Form in der KrV, hatte eine für Kant unerwartete Nachwirkung. Denn  obwohl Kant sicherlich den Pantheismus ablehnte, fand seine Argumentation, wie wir sehen werden, Einzug in die Neuinterpretation von Spinozas Philosophie Ende des 18. Jahrhunderts.

[1] KrV B 600-612, A 572-584.

[2] KrV B 602 f., A 574 f.

[3] KrV B 606, A 578

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