Kants Kritik an den Gottesbeweisen

Das Ergebnis von Kants KrV ist, dass die Vernunft nur auch die Dinge der Erscheinungswelt angewendet werden darf, jegliche Grenzüberschreitung in Richtung Dinge an sich sei unzulässig.

Nun ist Gott ein Musterbeispiel für ein Wesen, von dem geglaubt wird, dass es jenseits unserer sinnlichen Welt existieren würde. Und seiner Meinung nach ist es der natürliche Gang der Vernunft, sich von dem Dasein eines allerhöchsten, göttlichen Wesens überzeugen zu wollen[1].Theoretisch könnte man gegen Kant einwenden, dass all seine Argumente korrekt sind, es aber dennoch einen stichhaltigen Beweis für die Existenz Gottes gibt. Um auszuschließen, dass es solch einen Beweis gibt, geht Kant in drei Schritten vor.

Erstens behauptet Kant, dass nur drei Gottesbeweise möglich sind, je nachdem, welcher Ausgangspunkt für den Beweis gewählt wird. Nach Kant kann es nur drei mögliche Ausgangspunkte geben, die zu drei bekannten Gottesbeweisen führen, nämlich

a) eine bestimmte, konkrete Erfahrung => physikotheologischer Gottesbeweis
b) irgendein beliebiges empirisches Dasein => kosmologischer Gottesbeweis
c) gar keine Erfahrung, sondern ein bloßer Begriff => ontologischer Gottesbeweis

Im zweiten Schritt stellt er die Argumentation dieser drei Gottesbeweis dar, und zwar in umgekehrter Reihenfolge:

  1. den ontologischen Gottesbeweis (KrV B 620 ff., A 592 ff.)
  2. den kosmologischen Gottesbeweis (KrV B 632 ff., A 604 ff.) und
  3. den physikotheologischen Gottesbeweis (KrV B 648 ff., A 620 ff.).

Drittens widerlegt er diese drei Gottesbeweise.

1) Ontologischer Gottesbeweis

Den ontologischen Gottesbeweis hat Kant bereits im Zusammenhang mit dem transzendentalen Ideal erwähnt. Das Argument geht wie folgt:

Wenn man den Begriff eines vollkommenen Wesens bilden kann, das alle Realität in sich vereinigt, und diesen Begriff widerspruchsfrei denken kann, dann muss dieses Wesen auch wirklich existieren. Denn würde es nicht existieren, dann würde es ja ein Prädikat nicht umfassen, nämlich das Prädikat der Existenz.

Dieser Beweis geht ursprünglich auf Anselm von Canterbury aus dem 11. Jahrhundert zurück, und wurde später sowohl von Descartes als auch von Leibniz aufgegriffen.

Der Fehler in der Argumentation liegt darin, dass die Existenz kein Prädikat ist. Das ist eine Einsicht, die zuerst David Hume hatte[2]. Mit einem Begriff wird eine bestimmte Vorstellung verbunden, z.B. verbinde ich mit dem Begriff „Pferd“ ein bestimmtes vierbeiniges Säugetier von der und der Gestalt und mit den und den Eigenschaften. Der Begriff ist also wie ein Bild. Und dieses Bild bleibt dasselbe, unabhängig davon, ob etwas existiert, das diesem Bild entspricht oder nicht.

Man könnte vielleicht noch folgendes Gegenargument vorbringen. Nehmen wir an, wir haben eine Zeichnung von einem Lebewesen, von dem es zunächst nicht klar ist, ob es existiert oder nicht. Sobald wir uns davon überzeugt haben, dass es tatsächlich existiert, versehen wir die Zeichnung mit einem Häkchen. Das Häkchen soll zum Ausdruck bringen, dass es nicht nur ein gegenstandsloses Bild ist, sondern dass ihm auch etwas in der Wirklichkeit entspricht. Der Punkt ist aber, dass dieses Häkchen keine Eigenschaft des tatsächlichen Lebewesens ist. Jedenfalls wird man es nicht an ihm finden. Man sieht: Wenn „… ist existent“ überhaupt ein Prädikat ist, dann ist es ein Prädikat, das sich nicht auf den dargestellten Gegenstand bezieht, sondern auf das darstellende Bild.

Wenn aber die Existenz kein Prädikat der dargestellten Sache ist, dann wird es auch nicht von dem höchsten Wesen, aufgefasst als Inbegriff aller Prädikate, umfasst. Man kann den Begriff eines vollkommenen Wesens, das alle Realität in sich einschließt, also bilden, ohne dass daraus bereits dessen Existenz folgt.

2) Kosmologischer Gottesbeweis

Den ersten Schritt des kosmologischen Gottesbeweises fasst Kant prägnant wie folgt zusammen (B 632):

„Wenn etwas existiert, so muß auch ein schlechterdings notwendiges Wesen existieren. Nun existiere, zum mindesten, ich selbst: also existiert ein absolut notwendiges Wesen.“

Der zweite Schritt ist nach Kant im Grunde wieder der ontologische Gottesbeweis. Wenn es ein absolut notwendiges Wesen geben muss, wie der erste Beweisschritt behauptet, dann muss dieses Wesen ein Urwesen von allerhöchster Realität sein, das alle mögliche Realität in sich umfasst.

Kant behauptet nun, dass sich in diesem sehr kurz scheinenden Argument ein ganzes „Nest von dialektischen Anmaßungen“ verborgen hält. Unter anderem nennt er:

(a) Der kosmologische Gottesbeweis nimmt stillschweigend das Kausalitätsprinzip an: Etwas, was existiert, ist die Wirkung einer Ursache. Dieser Grundsatz gilt aber nur bezogen auf die Erscheinungswelt. Das heißt: Für alles, was in der Erscheinungswelt existiert, darf man annehmen, dass es für seine Existenz eine Ursache gibt, die aber selbst wieder Teil der Erscheinungswelt ist. Das kosmologische Argument macht aber insofern einen Fehler, als es das Kausalitätsprinzip auf eine Ursache ausweitet, die selbst nicht in der Erscheinungswelt liegen kann.

(b) Der kosmologische Gottesbeweis setzt stillschweigend voraus, dass eine unendliche Kausalitätskette unmöglich ist. Denn anstelle von der Existenz des einen kontingent Existierenden direkt auf das notwendige Wesen zu schließen, könnte man ja eine Ursache dafür in einem anderen kontingent Existierenden finden, und so weiter. Das kosmologische Argument schließt nun von der nicht ausdrücklich genannten Annahme, dass ein solcher unendlicher Regress unmöglich ist, auf ein übersinnliches notwendiges Wesen. Aber auch dies ist eine nicht zulässige Grenzüberschreitung des Vernunftgebrauchs.

(c) Dass das notwendige Wesen mit dem Inbegriff aller Realität gleichgesetzt wird, ist derselbe Fehlschluss, der dem ontologischen Gottesbeweis zugrunde liegt. Nämlich zu glauben, dass mit der Möglichkeit, den vollkommenen Inbegriff aller Realität logisch widerspruchsfrei denken zu können, implizieren würde, dass tatsächlich etwas existiert, das diesem Begriff entspricht.

3) Physiotheologischer Gottesbeweis

Jeder kennt das landläufige Argument: Man staunt über die Schönheit der Natur, die Großartigkeit der Schöpfung und kann sich nicht vorstellen, dass das durch einen blinden Zufall entstanden sein soll. Das ist, auf den Punkt gebracht, die Idee hinter dem physiotheologischen Gottesbeweis.

Systemaitsch betrachtet ist der Ausgangspunkt dieses Beweises die konkrete Erfahrung von Ordnung, Gesetzmäßigkeit, Zweckmäßigkeit oder natürlicher Schönheit in der Welt. Offensichtlich könnte die Welt auch ungeordnet, nicht gesetzmäßig, unzweckmäßig und unschön sein. Dass es so geordnet und schön ist, wie es ist, ist also nicht notwendig so. Mittels eines Analogieschlusses glaubt man nun auf die Existenz eines göttlichen, intelligenten Wesens, das der Urheber dieser Welt sein muss, schließen zu dürfen. Denn wie Uhren, Häuser oder Gemälde nur dann zweckmäßig und schön sind, wenn sie von einem fähigen Werkmeister geschaffen wurden, so kann die Welt nur deswegen zweckmäßig und schön sein, wenn sie von einem intelligenten Weltschöpfer gemacht worden ist.

Dieser Gottesbeweis ist anschaulich und für viele intuitiv überzeugend. Kant weist aber darauf hin, dass er mit Sicherheit nicht logisch stringent ist.

[1] KrV B615, A 587.

[2] Siehe THN-I 2.6, S. 86 ff..

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