Descartes: Objektive Wirklichkeit und Naturwissenschaft
Descartes‘ erster Schritt war zu zeigen, dass nur das Ich mit seinen subjektiven Bewusstseinserlebnissen absolut gewiss ist, während alles andere zweifelhaft ist.
Wenn aber alles subjektiv ist, dann ist offenbar auch keine Wissenschaft möglich. Denn Wissenschaft bezieht sich auf eine objektive Wirklichkeit und beansprucht objektive Gültigkeit. Selbstverständlich will Descartes die Wissenschaft nicht aufgeben. Um von seinem vollkommen subjektiven Ausgangspunkt wieder zurück zur objektiven Wirklichkeit zu gelangen, glaubt er den Weg über seinen Gottesbeweis gehen zu müssen.
Tatsächlich glaubt Descartes in einem zweiten Schritt, auf der Grundlage der absoluten Gewissheit des Ichs die Existenz Gottes bewiesen zu haben, und zwar als ein maximal vollkommenes Wesen. Somit muss Gott auch gut und allmächtig sein, ansonsten hätte er nicht die höchste Vollkommenheit. Weil also Gott gut ist, kann er kein Betrüger sein.
Und deswegen meint Descartes drittens schließen zu dürfen, Gott sei der Garant dafür, dass die Dinge, deren Existenz eigentlich anzweifelbar ist, doch so sind, wie wir sie erkennen, – sofern wir sie nur klar und deutlich erkennen. Würden wir etwas vollkommen klar und deutlich erkennen, und wäre es dann aber doch unwahr, dann wäre Gott ein Betrüger, was Gottes Vollkommenheit widerspricht. So schreibt Descartes:
„Wir täuschen uns niemals, wenn wir allein dem klar und deutlich Erfassten zustimmen.“[1]
Obwohl also letztlich alles nur subjektiv ist, glaubt Descartes ein Kriterium dafür zu besitzen, ob eine Erkenntnis objektive Gültigkeit beanspruchen kann oder nicht. Man muss nur auf die Klarheit und Deutlichkeit der Erkenntnis achten. Was weniger klar und deutlich ist, wie beispielsweise verschwommene Empfindungen, ist bloß subjektiv. Was vollkommen klar und deutlich ist, wie beispielsweise die Mathematik, hat Anspruch auf objektive Gültigkeit. So gelingt Descartes der Sprung von bloßer Subjektivität zur Objektivität.
Nachfolgend nenne ich ein paar Beispiele für Erkenntnisse, die Descartes entweder für unklar und undeutlich hält oder für so klar und deutlich, dass sie, seiner Meinung nach, objektiv wahr sein müssen.
1) Sinnliche Wahrnehmungen.
Farben, Gerüche, Wärmeempfindungen und dergleichen hält Descartes für unklar und verworren. Deswegen können sie keine objektive Wahrheit beanspruchen. Ich könnte das Grün anders sehen, als ein anderer Mensch. Ich könnte einen Duft anders wahrnehmen als ein anderer. Ich könnte etwas als heiß empfinden, was ein anderer als lauwarm bezeichnet.
2) Mathematische Eigenschaften.
Mathematische Eigenschaften, wie z.B. die Anzahl von Dingen, deren geometrische Gestalt oder deren Bewegung im Raum, meint Descartes, würden wir klar und deutlich erkennen. Natürlich könnte ein rechteckiges Ding an sich eine andere Form haben und mir nur rechteckig erscheinen. Sofern ich aber weiß, dass Gott kein Betrüger sein kann, muss auch meine klare und deutliche Wahrnehmung der Rechteckigkeit des Dinges auch mit der Realität übereinstimmen. Aufgrund ihrer klaren und deutlichen Erkennbarkeit, müssen mathematische Eigenschaften objektiv gültig sein. Für mich sind sie genauso erkennbar, wie für jeden anderen Menschen.
3) Das materielle Ding als res extensa.
Zunächst ist es nach Descartes eine klare und deutliche Erkenntnis, dass die materiellen Dinge Substanzen sind, d.h. dass sie auf der einen Seite zwar verschiedene, wechselnde Eigenschaften haben, andererseits aber in diesem Wechsel ihre Identität bewahren. Dinge sind Substanzen als mit sich selbst gleichbleibende Träger verschiedener Eigenschaften.
Das materielle Ding ist aber nach Descartes nicht nur Substanz. Weil die geometrischen Eigenschaften materiellen Dingen in besonderem Maße klar und deutlich sind, charakterisiert er ein materielles Ding durch seine Ausdehnung. Ein materielles Ding sei demnach wesentlich eine res extensa. D.h. ihr Wesen besteht darin, im Raum ausgedehnt zu sein, sowie eine geometrische Gestalt zu haben und im Raum bewegt zu sein.
4) Existenz der Außenwelt
Nach Descartes ist es eine klare und deutliche Erkenntnis, dass die materiellen Dinge auch dann weiterbestehen, wenn kein erkennendes Subjekt sie wahrnimmt oder an sie denkt. So schreibt er:
„Wir sehen nämlich klar ein, daß jene Materie ein gleichermaßen von Gott wie von uns verschiedenes Ding ist […]“ (Principia, II, 1, siehe auch Meditationes, VI, 21)
Dem wird später George Berkeley widersprechen.
5) Auch das Ich ist als res cogitans eine Substanz.
Descartes meint außerdem, dass auch das Ich Substanz ist. Denn es ist einerseits Träger verschiedenster Gedanken, Sinneswahrnehmungen, Gefühle etc. ist, bleibt darin aber mit sich selbst identisch. Aber offensichtlich ist das Ich kein ausgedehntes Ding. Vielmehr ist es nach Descartes wesentlich ein denkendes Ding, also eine res cogitans.[2]
6) Dualismus zwischen materieller und geistiger Welt
So gelangt Descartes zu seinem Dualismus: Seiner Auffassung nach gibt es a) die Substanzen der materiellen Dinge, die durch ihre geometrischen Eigenschaften charakterisiert sind und b) die geistige Substanz, die durch Bewusstsein oder, wie Descartes sich ausdrückt, durchs Denken charakterisiert ist[3].
7) Naturwissenschaftliche Erkenntnis muss mathematisch sein.
Da die mathematischen Eigenschaften der Dinge höchst klar und deutlich sind, muss Naturwissenschaft nach Descartes mathematisch sein. Denn nur so kann die Wissenschaft objektive Gültigkeit beanspruchen. Den Grundgedanken, warum er naturwissenschaftliche Erkenntnis, sofern sie mathematisch ist, für objektiv gültig hält, formuliert Descartes wie folgt:
„Wenn wir uns allein solcher Prinzipien bedienen, die wir als ganz evident durchschaut haben, und wenn wir aus diesen Prinzipien alles durch mathematische Folgerungen ableiten, und wenn dann das, was wir so aus ihnen herleiten werden, einstweilen mit allen Naturphänomenen vollständig übereinstimmt, dann würde unser Argwohn, daß die auf diese Weise von uns ermittelten Ursachen der Sachverhalte falsch seien, Gott Unrecht tun, weil wir dann nämlich auch argwöhnen würden, er habe uns als so unvollkommen geschaffen, daß wir uns im richtigen Gebrauch unserer Vernunft täuschten.“[4]
Das heißt: Man muss nur die richtige Methode anwenden, die darin besteht, nur das als gewiss zu akzeptieren, was wir klar und deutlich erkennen, und dann ist Gott selbst der Garant dafür, dass unsere Erkenntnis wahr und objektiv gültig ist. Empirische Forschung, Experimente und Beobachtung spielen dabei für Descartes entweder überhaupt keine oder nur eine untergeordnete Rolle.
Allerdings ist Descartes selbst inkonsequent. Denn kein einziger seiner naturwissenschaftlichen „Beweise“ in den Principia ist mathematisch. Sie sind vielmehr allesamt logisch-begrifflich, ähnlich wie es in der Antike bereits Aristoteles tat. Diesen Mangel kann man sich so erklären, dass alle Ideen in den Principia programmatischen Charakter haben. Das heißt, dass Descartes die Richtung vorgeben will, in die künftige Generationen von Wissenschaftlern weiterarbeiten sollen, insbesondere sollen sie die in den Principia formulierten Gedanken mathematisch ausarbeiten. (Siehe auch den Artikel: Descartes und die mathematische Naturwissenschaft)
Das Problem dabei war, dass erstens viele naturwissenschaftliche Ideen, die Descartes in den Principia formulierte, leicht empirisch zu widerlegen sind, beispielsweise die meisten seiner „Stoßgesetze“. Zweitens wurde Descartes bald durch das Werk Newtons in den Schatten gestellt. Newtons Physik war allerdings mit einigen naturphilosophischen Schwierigkeiten verbunden. Alleine die Fernwirkung der Schwerkraft war ein wissenschaftliches Mysterium. Deswegen gab es noch bis in die Mitte des 18. Jahrhundert Naturwissenschaftler, die sich selbst als Cartesianer bezeichneten. Sie versuchten die Mängel der Newtonschen Physik durch Ideen Descartes‘ zu beheben. Bemerkenswert ist übrigens, dass es der Cartesianer Leonhard Euler war, der die Newtonsche Physik in ihre heute bekannte Form brachte. (Siehe den Artikel: Euler und die rationalistische Mechanik)
[1] Descartes: Principia I, 43.
[2] Principia, I, 52/53
[3] Siehe z.B. Descartes: Principia, I, 48
[4] Descartes: Principia, III.43.

Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!