Descartes’ Gottesbeweis

Nachdem das Ich mit seinen subjektiven Bewusstseinserlebnissen als einziges übriggeblieben ist, das nicht anzweifelbar ist, ist es Descartes‘ Ziel, damit zu begründen, wie objektive Erkenntnisse über die Wirklichkeit möglich sind.

Dabei spielt, wie wir sehen werden, der Beweis der Existenz Gottes eine wichtige Rolle.

Im Anhang zu den Meditationes stellt er seinen Gottesbeweis sehr übersichtlich dar. Und zwar braucht er neben der res cogitans, die er durch das systematische Zweifeln als absolut gewiss erkannt hat, noch zwei Axiome:

Axiom 1: Alles was ist, muss eine Ursache haben.

Axiom 2: Jede Ursache muss mindestens so real sein, wie ihre Wirkung.

Selbstverständlich ist es merkwürdig, dass Descartes „2+3=5“ für zweifelhaft hält, nicht aber diese beiden Axiome. Sein Argument ist, dass diese Axiome, wie er schreibt, durch die „natürlichen Einsicht“ klar und deutlich erkennbar seien und deswegen wahr sein müssen. Dennoch ist nicht zu leugnen, dass Descartes hier inkonsequent ist, da er wie aus dem Hut gezaubert, nun doch Wahrheiten als unanzweifelbar gewiss anerkennt, die über die bloß subjektive res cogitans hinausgeht.

Der cartesische Gottesbeweis geht dann wie folgt:

Behauptung: Gott existiert.

Beweis: 1) Es ist eine Tatsache meines Bewusstseinsstroms, dass ich die Idee Gottes als ein unendliches, unabhängiges, allmächtiges und gütiges Wesen von höchster Vollkommenheit besitze.

2) Dass ich die Idee Gottes besitze, muss eine Ursache haben (wegen Axiom 1)

3) Die Ursache dafür, dass ich die Idee Gottes denken kann, muss mindestens so real sein wie die Idee Gottes selbst (wegen Axiom 2).

4) Nun liegt in der Idee Gottes die allerhöchste, vollkommenste Realität.

4a) Die Ursache für diese Idee kann nicht empirisch sein, denn die empirische Realität ist unvollkommen.

4b) Die Ursache für diese Idee kann auch nicht ich selbst (d.h. die res cogitans) sein, denn auch ich bin ein unvollkommenes, endliches Wesen.

4c) Somit muss die Ursache für diese Idee selbst von allerhöchster, vollkommenster Realität sein.

5) Die Ursache dafür, dass ich die Idee Gottes denken kann, muss also Gott selbst sein. Was zu beweisen war.

Nachfolgend einige Anmerkungen zu diesem Gottesbeweis:

Erstens. Man sollte die Grundidee von Descartes‘ Gottesbeweis verstehen. Und die ist, wenn man so will typisch mathematisch. Mathematiker gehen typischerweise so vor, dass sie fragliche Aussagen, die zu beweisen sind, auf Aussagen zurückführen, die bereits gesichert sind. Genau so geht Descartes vor, indem er er das cogito ergo sum gewissermaßen als Sprungbrett für seinen Gottesbeweis verwendet: Das was absolut gewiss ist, ist das Ich mit seinen Bewusstseinserlebnissen, nun ist die Idee eines vollkommenen und guten Gottes ein Bewusstseinsfaktum. Und darauf soll sein Gottesbeweis fußen. Dass er noch zwei zusätzliche Axiome benötigt, ist ein offensichtlicher Schönheitsfehler.

Zweitens. Andererseits kann man auch genau an dem eben Gesagten bereits einen wichtigen Schwachpunkt dingfest machen. Es mag sein, dass Descartes für sich selbst die Idee eines vollkommenen und guten Gottes hat. Damit sein Beweis funktioniert muss er aber behaupten, dass jeder Mensch die Idee Gottes als eines vollkommenen, allmächtigen und allwissenden, gütigen Wesens in sich hat (Med. III, 41). Im Grunde habe jeder Mensch von Natur aus die Idee des vollkommenen und guten Gottes in sich. Das ist aber eine Allaussage und nicht eine Aussage der Form „ich finde in mir die Idee Gottes“. Und natürlich kann ist diese Allaussage mehr als zweifelhaft. Denn selbstverständlich gibt es Menschen, die eine ganz andere Vorstellung von Gott haben. Es ist auch denkbar, dass Kinder, die ohne Eltern außerhalb einer menschlichen Gemeinschaft aufwachsen, keine Vorstellung von Gott entwickeln, ganz zu schweigen von einem vollkommenen und guten Gott.

Drittens. Im Grunde zeigt sich hier, wie isoliert sich Descartes das Ich vorstellt. Seiner Meinung nach, hat ein Mensch nicht etwa deswegen eine religiöse Vorstellung von Gott, weil er in einer Gemeinschaft mit einer entsprechenden Religion aufgewachsen ist und er so erzogen worden ist, an einen Gott mit bestimmten Eigenschaften zu glauben. Vielmehr meint Descartes, dass ein Mensch, unabhängig von seiner Herkunft und Erziehung, von Geburt an die Idee des vollkommenen und guten Gottes in sich vorfindet. Das Ich, so wie sich Descartes es sich denkt, ist wie eine einsame Insel, in der von Natur aus die Vorstellung eines vollkommenen und guten Gottes gegeben ist.

Viertens. Neben den beiden genannten Axiomen, nimmt Descartes offenbar die Gesetze der Logik für selbstverständlich gültig an. Ansonsten wäre jeder Versuch, etwas beweisen zu wollen, absurd. Es liegt auf der Hand, dass Descartes die Logik nicht nur für eine persönliche, subjektive Gewissheit hält, sondern für objektiv gültig, unabhängig von dem jeweils erkennenden Subjekt. Selbstverständlich meine ich nicht die traditionelle, formale Syllogistik, wie sie auf Aristoteles zurückgeht, und von Descartes abgelehnt wurde, sondern die Logik des inhaltlich korrekten Schließens. Ähnlich haben zu Descartes‘ Zeiten die Mathematiker ihre mathematischen Beweise ersonnen, natürlich indem sie inhaltlich korrekt schlossen, aber ohne Bezug zur aristotelischen Syllogistik.

Sofern Descartes aber überhaupt etwas beweisen will, muss er bereits die Logik anerkennen. Dann ist aber seine Aussage falsch, die res cogitans mit seinen subjektiven Bewusstseinserlebnissen sei das „einzige“, was er „wahrhaft wissen“ würde (Med. III, 3). Denn zumindest die objektiv gültige Logik gehört ohne Frage auch zu den Dingen, die er „wahrhaft weiß“.

Man kann es auch so ausdrücken: Wenn Descartes einerseits die Trivialität, dass 2+3=5 ist, anzweifelt, andererseits aber seinen (fehlerhaften) Gottesbeweis für unanzweifelbar wahr hält, dann liegt hier ein eklatanter, eigentlich nicht zu überbrückender Widerspruch vor. Aber um Descartes‘ Gedankengang zu Ende zu verfolgen, tun wir nachfolgend einmal so, als hätte er tatsächlich die Existenz Gottes bewiesen.

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