Descartes’ Projekt
Lasse ich mich auf das systematische Zweifeln ein, dann sollte nach Descartes schließlich nur noch mein Ich und meine subjektiven Bewusstseinserlebnisse als unanzweifelbar gewiss übrigbleiben.
Descartes ist damit aber nicht am Ende, gerade im Gegenteil: das cogito ergo sum ist ihn der Ausgangspunkt für seine weiteren philosophischen Gedankengänge, es soll sogar den Naturwissenschaften ein absolutes Fundament geben. Dass sieht man schon äußerlich an dem Aufbau seines Hauptwerkes, den Principia Philosophiae. Es beginnt mit dem systematischen Zweifel, sowie der Erkenntnis, dass alleine das Ich mit seinen Bewusstseinserlebnissen wahrhaft gewiss sei. Den größten Teil darin nehmen aber naturwissenschaftliche Theorien ein:
- Physikalische Prinzipien
- Ausdehnung, Verdichtung, Verdünnung, Raum, Ort, Vakuum, Atome
- Bewegungen, Trägheitsprinzip, Stoßgesetze
- Hydrostatik bzw. -dynamik
- Astronomie und Kosmologie
- Allgemeine Himmelsmechanik
- Theorie der Erdbewegung
- Astrophysik und Wirbeltheorie
- Theorien zum Licht, zu den Sonnenflecken, den Sternen, Planeten und Kometen
- Meteorologie, Geologie und Chemie
- Geologische Schalentheorie
- Theorie zu den vier Elementen Luft, Wasser (inkl. den Gezeiten), Feuer und Erde
- Magnetismus, Eisen und Stahl
- Sinnesphysiologie
Nun stellt Descartes seine naturwissenschaftlichen Theorien nicht bloß hypothetisch auf, sondern mit dem Anspruch absoluter Gültigkeit. Er glaubt tatsächlich, sie logisch-deduktiv beweisen zu können[1]. In III.43 schreibt Descartes explizit, dass bei Aussagen, die man aus „ganz evidenten Prinzipien“ herleitet, um die Naturphänomene zu erklären, kein Zweifel berechtigt sei.
Bedenkt man, dass er im Prozess des systematischen Zweifels anfangs sogar eine solche mathematische Trivialität wie 2+3=5 angezweifelt hat, dann vollzieht Descartes mit solchen Behauptungen einen gewaltigen Sprung. Man möchte fast sagen: einen philosophischen salto mortale. Descartes beginnt, wie gesagt, mit der Position, nur das eigene Ich samt seinen subjektiven Bewusstseinserlebnissen sei wahrhaft gewiss, endet aber mit naturwissenschaftlichen Theorien, die für eine objektive Wirklichkeit gelten sollen. Anders formuliert: Descartes glaubt, aus dem subjektiven Ich wahre Aussagen über die objektive Realität herleiten zu können.
Genau genommen klingt das schon fast wie ein Zaubertrick. Und letztlich ist Descartes daran gescheitert. Vielmehr ist er nicht über den Versuch hinausgekommen. Wie ich bereits in der Einleitung gesagt habe, möchte ich diesen Versuch, aus dem subjektiven Ich objektiv gültige Theorien herzuleiten, das „cartesische Projekt“ nennen. Und obwohl es Descartes selbst nicht vollenden konnte, zieht sich dieses Projekt wie ein roter Faden durch die neuzeitliche Philosophiegeschichte. Verschiedenste Denker, darunter Locke, Kant und Husserl werden sich mit unterschiedlichsten Ansätzen und Ideen die Zähne daran ausbeißen.
[1] Siehe z.B. Descartes: Principia, Zweiter Teil ab § 37.

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