Nur das erkennende Subjekt ist gewiss: cogito ergo sum

Die erste Regel für den rechten Vernunftgebrauch lautet: Akzeptiere nur das als wahr, was unanzweifelbar gewiss ist!

Stellt man sich nun die Frage, was denn tatsächlich letztlich unanzweifelbar gewiss ist, dann kommt man zu dem Dreh- und Angelpunkt der cartesischen Philosophie: dem sog. systematischen Zweifeln oder, wie ich es auch nenne: dem Zweifle-an-Allem-Gedankenexperiment. Descartes fordert dazu auf, dass jeder all seine Meinungen, die er bisher hatte, systematisch anzweifelt.

Bezweifle alles, was nur zu bezweifeln geht, und siehe zu, was am Ende als unzweifelhaft übrigbleibt![1]

Descartes beschreibt dieses Zweifeln als etwas, das jeder, der nach der Wahrheit sucht, einmal in seinem Leben tun sollte. In den Meditationen schildert er die autobiografischen Umstände, wie er sich persönlich zu dem Zweifle-an-Allem-Experiment entschlossen hat.  Offenbar fasst Descartes seine Ausführungen über den systematischen Zweifel als Anleitungen zum Selbermachen auf. Jeder Leser soll alleine für sich durch den Prozess des umfassenden Zweifels gehen. Außerdem fordert er, dass das Zweifeln nicht nur ein einmaliges Gedankenexperiment sein soll, sondern zu einer dauerhaften Geisteshaltung werden soll[2]:

„[ich fordere], dass die Leser bemerken, wie schwach die Erwägungen sind, derentwegen sie bisher ihren Sinnen geglaubt haben, und wie ungewiss alle Urteile sind, die auf ihnen aufgebaut haben, und dass sie dies so lange und so oft bei sich wiederholen, bis sie schließlich die Gewohnheit bekommen, ihnen nicht mehr zu trauen.“ [meine Hervorhebung]

Immerhin lässt er auch sein Hauptwerk, die Principia Philosophiae, mit dem systematischen Zweifel beginnen, mit dem erklärten Ziel all seinen weiteren Gedankengängen ein sicheres Fundament zu geben.

Wie beschreibt Descartes das Zweifle-an-Allem-Experiment konkret? In den Meditationes beginnt er damit, an allem sinnlich Wahrnehmbaren zu zweifeln. Alles, was ich sehe, höre oder fühle, könnte möglicherweise eine Täuschung sein, oder ich könnte es bloß träumen. Auch mein eigener Körper könnte eine Illusion sein und faktisch gar nicht existieren. Dasselbe gilt für andere Lebewesen und Menschen, vielleicht sind sie bloß genial konstruierte Automaten. Ich könnte mich auch irren, was die Existenz eines allmächtigen, gütigen Gottes betrifft. Nach Descartes kann ich meinen Zweifel auch auf die Wissenschaften ausweiten, die allesamt falsch sein könnten. Selbst die Gültigkeit der Arithmetik und Geometrie, meint er, könne ich anzweifeln. Natürlich erscheinen mir solch elementaren mathematischen Aussagen wie 2+3=5 als vollkommen gewiss, doch selbst hier ist vorstellbar, dass mir ein trügerischer Geist den Eindruck von Gewissheit nur vorgaukelt für einen mathematischen Sachverhalt, der faktisch falsch ist.

Was bleibt dann noch übrig? Klar ist: Bei allem, was ich erkenne, denke, wahrnehme, erfühle, höre, sehe etc. kann es immer sein, dass ich mich täusche: Der Gegenstand des Erkennens, Denkens, Wahrnehmens etc. könnte in Wirklichkeit anders sein, als ich meine. Woran aber, nach Descartes, kein Zweifel bestehen kann, ist die Tatsache, dass ich eben gerade erkenne, denke, wahrnehme etc. Der Strom des „ich denke“, „ich sehe“, „ich höre“, etc. ist unmittelbar wahr und unzweifelhaft. Dies in seiner subjektiven Gesamtheit setzt er der äußeren zweifelhaften objektiven Wirklichkeit entgegen.

Descartes geht aber noch einen Schritt weiter. Der Bewusstseinsstrom ist ja zunächst eine Aneinanderreihung verschiedener innerer Erlebnisse: „ich denke dies“, „ich denke das“, „ich zweifle an diesem“, „ich zweifle an jenem“, etc. Nach Descartes ist es erlaubt, aus dieser Vielzahl von Bewusstseinserlebnissen auf ein „Ich“ zu schließen, das der einheitlichen Träger all dieser Erlebnisse sei, die res cogitans: das eine erkennende Subjekt, für das all diese Bewusstseinserlebnisse sind. So schließt Descartes vom „ich denke“ auf das „ich bin“.  Ich denke, also bin ich. Descartes schreibt Med. III, 2-3:

„Ich bin ein denkendes Ding, d.h. ein solches, das zweifelt, bejaht, verneint, wenig versteht, vieles nicht weiß, das will, nicht will, auch Einbildung und Empfindung hat. Denn […] wenngleich das, was ich in der Empfindung oder in der Einbildung habe, außer mir vielleicht nichts ist, so bin ich doch dessen gewiß, daß jene Weisen des Bewußtseins, die ich Empfindungen und Einbildungen nenne, insofern als sie nur gewisse Weisen des Bewußtseins sind, in mir vorhanden sind.

Und mit diesen wenigen Worten habe ich alles aufgezählt, was ich wahrhaft weiß […].“

Das einzige also, was nach Descartes am Ende meines systematischen Zweifels als absolut gewiss übrigbleibt, ist das Ich mit seinen subjektiven Bewusstseinserlebnissen.

[1] Meditationes I, sowie Anhang zu den zweiten Erwiderungen, 220 ff., als auch Principia I.

[2] Meditationes, Anhang zu den zweiten Erwiderungen, 220

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