Descartes’ subjektives Wahrheitskriterium
Gemäß dem klassischen aristotelischen Verständnis gibt es nur eine objektive Wirklichkeit und eine Aussage ist wahr oder falsch, je nachdem ob sie mit der objektiven Wirklichkeit übereinstimmt oder nicht.
Man erkennt die Wahrheit, heißt: man erkennt die Dinge so, wie sie an sich sind. Eine Folgerung daraus ist, dass die Wahrheit nicht subjektiv-perspektivisch sein kann in dem Sinne, dass jeder (irgendwie) seine eigene Wahrheit hat. Die Wahrheit muss vielmehr intersubjektiv dieselbe sein. Denn würden zwei Personen beanspruchen, Wahrheiten erkannt zu haben, die sich widersprechen, dann kann höchstens eine mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Gemäß dem klassischen Verständnis müsste sich notwendigerweise einer von beiden täuschen. Die Wahrheit tatsächlich erkannt zu haben, muss demnach bedeuten, dass sie gleichermaßen für alle Menschen gilt.
Descartes hingegen versteht Wahrheit nicht als Übereinstimmung mit der objektiven Wirklichkeit. Vielmehr zeichnet sich für ihn eine Wahrheit dadurch aus, dass sie klar und deutlich erkannt wird[1]. Die Wahrheit ist somit gewissermaßen eine bestimmte Qualität des subjektiven, mentalen Erkenntnisaktes. Und dazu braucht man erstens keinen Abgleich an äußeren, objektiven Sachverhalten. Man braucht aber zweitens auch keine intersubjektive Übereinstimmung mit den Meinungen anderer Menschen. Ich für mich habe etwas als klar und deutlich erkannt, also ist es wahr, egal was andere sagen.
Das cartesische Wahrheitskriterium macht vor allem in der Mathematik durchaus Sinn. Nehmen wir als Beispiel die Rechenaufgabe 27×3. Die allermeisten Menschen sehen die Lösung nicht auf Anhieb, sondern sind zunächst leicht verwirrt. Um auf die Lösung zu kommen, gehe ich jedenfalls so vor, dass ich die Aufgabe in drei Teilaufgaben unterteile:
20 x 3 = 60
7 x 3 = 21
60 + 21 = 81
Für jede dieser Teilaufgaben ist mir die Lösung ohne großes Nachdenken unmittelbar klar. Schließlich halte ich alleine aufgrund der intuitiven Klarheit dieser drei Teillösungen die Gleichung 27×3= 81 für wahr. Und dabei habe ich nicht etwa überprüft, ob mein Rechenergebnis mit der objektiven Wirklichkeit übereinstimmt, beispielsweise indem ich 27 Äpfel, jeweils in drei Reihen angeordnet, zusammenzähle. Für meine Erkenntnis habe ich auch nicht die Zustimmung anderer Menschen benötigt. Im Gegenteil. Würde jemand anderes z.B. behaupten, dass 27×3= 71 ist, dann würde ich dennoch beharrlich an meiner Lösung festhalten, weil für meine Vernunft der geschilderte Rechenweg unanzweifelbar klar und deutlich ist.
Ich habe also die Aussage „27×3=81“ erstens nicht mit einer objektiven Wirklichkeit verglichen, um ihre Wahrheit zu erkennen, und ich halte sie zweitens für wahr, unabhängig davon, was andere Menschen sagen. Und das alleine deswegen, weil mir die Teillösungen 20×3=60, 7×3=21 und 60+21=81 intuitiv klar und deutlich sind. Somit ist das cartesische Wahrheitskriterium rein subjektiv, ohne dass es einen Bezug zu einer objektiven Wirklichkeit oder zu anderen Menschen bräuchte.
Dementsprechend sind auch die vier Regeln für den rechten Vernunftgebrauch, so wie er sie im Discours formuliert, Anweisungen, um subjektiv, für sich alleine zu Klarheit und Deutlichkeit zu gelangen:
- Akzeptiere nur als wahr, was unbezweifelbar gewiss ist.
- Zerlege jede Frage in Teilprobleme und einfache Fragen, die mit Gewissheit entschieden werden können.
- Baue das Wissen der Reihe nach aus den Antworten auf diese einfachen Fragen auf und unterstelle für alle komplexen Fragen einen solchen einfachen Aufbau.
- Überprüfe diese Elemente daraufhin, ob sie eine vollständige Ordnung bilden. Achte darauf, nichts Wesentliches außer Acht zu lassen.
Auch bei diesen Regeln fehlt jeglicher Bezug zur Realität, sowie zu anderen Menschen.
Dies wird besonders augenfällig, wenn man Descartes‘ Regeln mit der wissenschaftlichen Methode vergleicht, die Bacon fast zeitgleich formuliert. Bacon fordert erstens eine umfangreiche Zusammenfassung des allgemein bekannten empirischen Wissens, und zwar nicht nur meines persönlichen Wissens, sondern vieler Menschen. Ferner fordert er, dass man als Forschungsgemeinschaft sorgfältig beobachtet und experimentiert, um möglichst die Sache selbst zu erkennen und Täuschungen zu vermeiden. Bacon ist also klar sachbezogen und versteht Wissenschaft als intersubjektives Projekt vieler Menschen. Dazu im Gegensatz soll ich mich gemäß Descartes‘ Methode alleine auf mich selbst als einsam erkennendes Subjekt fokussieren, unabhängig von einer objektiven Wirklichkeit und unabhängig von anderen Menschen.
[1] Descartes, Regulae, IX, 26, sowie Meditationes III, 4

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