Fichte als Vollender von Kants Philosophie

Fichte sieht sich selbst als Vollender von Kants Philosophie. Beispielsweise schreibt er 1797, dass sein System „kein anderes als sey als das Kantische“[1].

Und er präzisiert es kurz darauf dahingehend, ihm gehe es wie Kant darum, dass „das Objekt durch das Erkenntnisvermögen […] gesetzt und bestimmt werde“. Allerdings gibt Fichte zu, dass sein Verfahren ein ganz anderes ist.

Fragen, die Kant offen gelassen hat

Tatsächlich versucht Fichte an Fragen anzuknüpfen, die Kant offen gelassen hat. Man kann es auch umgekehrt formulieren: Eine der besten Methoden, um Lücken oder Kritikpunkte bei Kant zu finden, besteht darin, sich mit Fichtes Philosophie zu beschäftigen.  Ich möchte nachfolgend ein paar Beispiele geben.

(1) Das transzendentale Ich

Einerseits behauptet Kant, dass das transzendentale Ich nicht Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung sein kann. Andererseits spielt es aber in Kants transzendentalen Deduktion eine außerordentlich wichtige Rolle. Offenbar ist Kants transzendentales Ich ein paradoxer Begriff, dessen innere Struktur bei Kant ungeklärt bleibt. Fichte hingegen intensiviert den Fokus darauf.

(2) Zirkelhafte Begründung der Logik

Kant will einerseits alles durch die Struktur der Subjektivität begründen, andererseits setzt er dann aber doch die Logik voraus. Man könnte das als Makel seiner Philosophie auffassen. Allerdings: Wie will man vernünftig philosophieren, ohne bereits die Logik vorauszusetzen? Fichte löst dieses Problem, indem er von einem „unvermeidlichen Circel“ spricht[2]:

„Die Gesetze [der allgemeinen Logik] sind noch nicht als gültig erwiesen, sondern sie werden stillschweigend, als bekannt und ausgemacht, vorausgesetzt. Erst tiefer unten werden sie von dem Grundsatze, dessen Aufstellung bloss unter der Bedingung ihrer Richtigkeit richtig ist, abgeleitet. Dies ist ein Circel; aber er ist ein unvermeidlicher Circel.“

Fichte sieht zwar, dass man für die philosophische Letztbegründung die Logik nicht als gültig annehmen kann. Ihm ist aber auch klar, dass ohne Logik nichts vernünftig ausgesagt werden kann. So setzt er die Logik zwar zunächst voraus, aber nur um sie dann im Nachhinein zu begründen, d.h. nachdem die eigentlich philosophischen Grundsätze gefunden sind[3]. Ob das gelingen kann, ist freilich eine andere Frage.

(3) Viele Einbildungskräfte oder nur eine Einbildungskraft?

Offensichtlich hat eine Person A einen anderen Verstand als eine Person B. Das kann man schon daran erkennen, dass beide normalerweise unterschiedliche Gedanken haben. Dann müsste aber auch die produktive Einbildungskraft von A eine andere sein als die von B. Nach Kant ist die Erscheinungswelt das Werk der produktiven Einbildungskraft. Warum haben dann aber A und B in etwa dieselben Erscheinungswelten, obwohl sie jeweils unterschiedliche Einbildungskräfte haben? Fichte löst dieses Dilemma, indem er nur ein absolutes Ich annimmt.

(4) Die Frage nach der Vielheit des sinnlich Gegebenen

Nach Kant gibt es nicht nur ein Sinnesdatum, sondern eine große Vielzahl von Sinnesdaten, die vor jeglicher Verstandeserkenntnis gegeben sein soll. Um aber zwei Sinnesdaten unterscheiden zu können, bedarf es eines verstandesmäßig erkennbaren Unterscheidungsmerkmals.  Genaugenommen wäre es logisch konsequent von Kant gewesen, nur ein einziges sinnlich Gegebenes anzunehmen, aus dem dann die produktive Einbildungskraft die Mannigfaltigkeit der Erscheinungswelt generiert.

Nun spricht Fichte von dem einen Anstoß, durch den sich das absolute Ich in ein endliches Ich und ein Nicht-Ich aufteilt. Erst auf diese Weise kommt es zur Initialzündung für das Werk der produktiven Einbildungskraft. Während bei Kant das Mannigfaltige der Sinnesdaten einfach gegeben ist, muss Fichte sie aus dem einen Anstoß, sowie dem einen Nicht-Ich herleiten. Das tut er in dem Grundriss der Eigentümlichkeit der Wissenschaftslehre (GEW). Hier schreibt Fichte:

„Kant geht aus von der Voraussetzung, dass ein Mannigfaltiges für die mögliche Aufnahme zur Einheit des Berwusstseyns gegeben sey […]. Er begründete dadurch das besondere für die theoretische Wissenschaftslehre; […]. Dass für eine mögliche Erfahrung ein Mannigfaltiges gegeben sey, muss erwiesen werden […].“[4]

Ich gehe an dieser Stelle nicht darauf ein, wie Fichte genau im GEW das sinnlich Mannigfaltige herleitet. Tatsächlich sind seine Beweisführungen sehr umfangreich, kompliziert und größtenteils schwer nachvollziehbar. Mir kommt es nur darauf an, dass Fichte eine solche Herleitung versucht hat. Und das offensichtlich mit der Absicht, Kants Philosophie von einem Manko zu befreien bzw. zu vollenden. Immerhin endet der GEW mit folgenden Worten:

„Kant geht in der Kritik d.r.Vft. von dem Reflexionspuncte aus, auf welchem Zeit, Raum und ein Mannigfaltiges der Anschauung gegeben, in dem Ich und für das Ich schon vorhanden sind. Wir haben dieselben jetzt a priori deducirt, und nun sind sie im Ich vorhanden. Das Eigenthümliche der Wissenschaftslehre in Rücksicht der Theorie ist daher aufgestellt, und wir setzen unsere Leser für jetzt gerade bei demjenigen Puncte nieder, wo Kant sie aufnahm.“[5]

Der rote Faden meiner philosophiehistorischen Überlegungen ist ja, wie sich das cartesische Projekt in verschiedenen Variationen durch die Philosophiegeschichte zieht. Darauf bezogen ist Fichtes Versuch, das sinnlich Mannigfaltige herzuleiten, von außerordentlicher Bedeutung. Descartes wollte das Ich mit seinen subjektiven Bewusstseinserlebnissen zur soliden Grundlage von Philosophie und Wissenschaft machen. Dieses Anliegen findet man in der einen oder anderen Form auch bei Locke, Berkeley und Hume. Bekanntlich fasst Kant die objektive Wirklichkeit als „Erscheinungswelt“ auf, die er mit der „subjektiven Beschaffenheit des Gemüts“ zu begründen versucht.  Im Grundriss spricht Fichte ganz in diesem Sinne davon, dass sich „vom Ich [etwas ablöst], welches durch weitere Bestimmung sich allmählig in ein Universum mit allen seinen Merkmalen verwandeln wird.“[6] Übrigens beschreibt Heinrich Heine Fichtes Philosophie auf den Punkt gebracht wie folgt[7]:

„Die Wissenschaftslehre beginnt mit einer abstrakten Formel (Ich = Ich), sie erschafft die Welt hervor aus der Tiefe des Geistes, sie fügt die zersetzten Teile wieder zusammen, sie macht den Weg der Abstraktion zurück, bis sie zur Erscheinungswelt gelangt. Diese Erscheinungswelt kann alsdann der Geist für notwendige Handlungen der Intelligenz erklären.“

(5) Wie gelangt Kant zu den verschiedenen geistigen Vermögen?

Nach Kant ist die menschliche Seele aufgeteilt in die Fähigkeit zu sinnlichen Empfindungen, Anschauungen, Verstand, Urteilskraft, Vernunft und Einbildungskraft. All diese seelisch-geistigen Vermögen sind für Kant Fakta, die auf ähnliche Weise gegeben sind, wie für einen Anatom Herz, Nieren, Leber, Lunge etc.

Im Gegensatz zu den Organen des menschlichen Körpers haftet Kants Auflistung der Seelenvermögen aber etwas Beliebiges an. Recht besehen postuliert er sie mehr, als dass er sie vorfindet. Warum z.B. sollen Verstand, Urteilskraft und Vernunft nicht ein und dasselbe Denkvermögen sein? Wie kann sich Kant sicher sein, kein wichtiges Seelenvermögen übersehen zu haben?

Fichte scheint dies auch gesehen zu haben. In der GWL und ergänzt durch GEW entwickelt Fichte eine zweite Reflexionsreihe der theoretischen Philosophie, die er eine „pragmatische Geschichte des menschlichen Geistes“[8] nennt. Hier spricht er von „Facta“, die ein „System eines reellen Denkens“ bilden[9]. Es ist nicht ganz klar, was er hier meint. Tatsache aber ist, dass er exakt die genannten geistig-seelischen Vermögen Kants nicht nur der Reihe nach durchgeht, sondern auch systematisch herzuleiten versucht.

Dass Fichte die gesamte Erscheinungswelt aus dem Ich ableiten will, steht außer Frage, und somit auch, dass er in der Tradition des cartesischen Projekts steht. Allerdings findet bei Fichte eine Verschiebung statt, die vor allem im Vergleich zu Lockes Philosophie auffällt.

Fichte und das cartesische Projekt

Descartes‘ cogito ergo sum hatte ja zwei Komponenten. Erstens gibt es die unwiderlegbaren, wenngleich subjektiven Tatsachen meines momentanen Sehens, Hörens, Tastens, Fühlens und Denkens: d.h. die Mannigfaltigkeit der vielen subjektiven Bewusstseinserlebnisse. Zweitens gibt es die Komponente des erkennenden Subjekts: das Ich, das Descartes als geistige Substanz verstand und das angeblich all meinen subjektiven Bewusstseinserlebnissen zugrunde liegen würde. Locke, der viel konsequenter das cartesische Projekt umzusetzen versuchte als Descartes selbst, hielt sich vor allem an die erste Komponente, den mannigfaltigen Bewusstseinserlebnissen, die er „Ideen“ nannte. Er analysierte und klassifizierte sie sorgfältig und hoffte so dem, was man wirklich, d.h. objektiv, wissen kann, eine solide Grundlage geben zu können. Die zweite Komponente, das Ich als bloß erkennendes Subjekt, das Descartes als geistige Substanz verstand, spielt bei Locke eine sehr untergeordnete Rolle. Berkeley und Hume, die beide stark dem Lockeschen Ansatz folgten, kritisierten die Substantivierung des Ichs.

[1] Fichte: Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre (1797), in FW I, S. 420.

[2] GWL §1, S. 92.

[3] Siehe auch: Fichte Über den Begriff der Wissenschaftslehre, in Fichtes Werke I, S. 66 ff.

[4] FW I, S. 332 f.

[5] FW I, S. 411.

[6] FW I, S. 339.

[7] H. Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, 3. Buch.

[8] FW I, S. 222.

[9] FW I. S. 220.

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