Johann Gottlieb Fichte und seine Wissenschaftslehre
Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) verstand sich selbst als Nachfolger und Vollender der Kantischen Philosophie.
1790 lernte er Kants Werk erstmals kennen und entwickelte daraus in kürzester Zeit sein eigenes System, das er „Wissenschaftslehre“ nannte und das als Ich-Philosophie charakterisiert werden kann. 1792 veröffentlichte Fichte anonym eine Schrift mit dem Titel Versuch einer Kritik aller Offenbarung. Viele Rezensenten hielten sie für Werk Kants. Nachdem Fichtes Autorschaft bekannt wurde, begründete dieses Missverständnis Fichtes frühe Berühmtheit. 1794 wurde er als außerordentliche Professor nach Jena berufen, eine Stadt, die damals zum Zentrum der aufkommenden Romantik wurde.
In dieser Lebensphase verfasste Fichte unter anderem folgende Werke, die mit zu seinen bedeutendsten gehören:
- Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre als Handschrift für seine Hörer (1794/95), aus Fichtes Werke (FW), herausgegeben von Immanuel Hermann Fichte, Band I, S. 83-328, de Gruyter Verlag, 1971. Nachfolgend kurz: GWL.
- Grundriss der Eigentümlichkeit der Wissenschaftslehre, in Rücksicht auf das theoretische Vermögen, als Handschrift für seine Hörer (1795), aus FW I S. 329-411, de Gruyter Verlag, 1971. Nachfolgend kurz: GEW.
Diese Werke entstanden, wie es die ausführlichen Titel sagen, als Manuskripte, die seine Vorlesungen in Jena begleiten sollten. Mit der darin entworfenen Wissenschaftslehre festigte Fichte seine Berühmtheit. Großen Einfluss hatte er auf die Romantiker. Zu seinen Hörern gehörten unter anderem Hölderlin, Friedrich Schlegel, Novalis. Bewundert wurde er außerdem von Wilhelm von Humboldt, Jean Paul, Heinrich von Kleist, Friedrich Schleiermacher. Mit Schiller war er anfangs befreundet, verstritt sich aber später mit ihm. Goethe hatte zu Fichte ein ambivalentes Verhältnis, er stieß sich vor allem an Fichtes dogmatischen Ton.
Von Anfang an stieß Fichte mit seiner Ich-Philosophie aber auch auf Kritik und Unverständnis. Außerdem entwickelte er permanent die eigenen Gedanken weiter. In einer Vorlesungsreihe ab 1796 versuchte Fichte seine Philosophie möglichst verständlich darzustellen. Von diesen Vorlesungen sind heute nur Mitschriften erhalten. Sie sind veröffentlicht als:
- Wissenschaftslehre nova methodo, Meiner Philosophische Bibliothek.
Außerdem verfasst Fichte ein paar populärphilosophische Schriften, um seine Wissenschaftslehre verständlich zu machen:
- Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre (1797), FW I S. 419-449, nachfolgend kurz: Erste Einleitung.
- Zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre (1797), FW I S. 450-518, nachfolgend kurz: Zweite Einleitung.
- Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre (1797), in FW I, S. 519-534, nachfolgend kurz:
- Sonnenklarer Bericht über das Wesen der neuesten Philosophie (1801), FW II S. 323-420, nachfolgend kurz: Sonnenklarer Bericht oder SB
Während Kant die theoretische und die praktische Vernunft getrennt behandelte, war es für Fichte von Anfang an wichtig, dass theoretische und praktische Vernunft ihren Platz in einem einheitlichen philosophischen System finden. Genaugenommen meinte Fichte, dass die theoretische Philosophie erst durch Moral und Sittenlehre vollendet werden würde. Dennoch blieben manche Punkte seiner praktischen Philosophie in den oben genannten Darstellungen seiner Wissenschaftslehre (GWL) nur angedeutet. Erst in späteren Werken behandelte er sie detaillierter:
- Grundlagen des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre von 1796/1797
- System der Sittenlehre nach den Prinzipien der Wissenschaftslehrevon 1798
- Der geschlossene Handelsstaat (1800)
Wie angesehen Fichte zeitweise war, kann man daran sehen, dass Friedrich Schlegel einst notierte, die Französische Revolution, Goethes Wilhelm Meister-Romane, sowie Fichtes Wissenschaftslehre seien die drei „größten Tendenzen des Zeitalters“ gewesen[1]. Und Dieter Henrich schreibt:
„Der Grundgedanke der Wissenschaftslehre von 1794 ist der Satz: Das Ich setzt schlechthin sich selbst. Mit ihm hat Fichte dem Pathos der Freiheit einen äußersten Ausdruck gegeben. Seine Zeitgenossen vernahmen ihn als die Rechtfertigung der Ideale der Revolution, als den Ausdruck des Entschlusses, eine Welt unter den Bedingungen der Vernunft zu bringen, als das Prinzip der Jacobiner, nichts anderes als eigene Werk zu dulden.“[2]
Ein Gradmesser für Fichtes Berühmtheit um 1800 ist, dass seine Philosophie in der zeitgenössischen schönen Literatur nicht nur diskutiert, sondern oft auch ironisiert, parodiert oder subtil zerlegt wurde. Jean Paul tat das gleich zwei Mal. Einmal in seinem Roman Clavis Fichtiana seu Leibgeberiana (1799). Darin treibt er das absolute Ich ins Absurde: Wenn nämlich alles Produkt des Ich ist, dann löst sich die Welt in Selbstgespräch, Narzissmus und Wortgeklingel auf. Zweitens schildert Jean Paul in seinem Roman Titan, wie ein titanisch übersteigerter Anspruch an das eigene Ich dazu führen kann, den Boden unter den Füßen zu verlieren. E.T.A. Hoffmann erzählt in Der Sandmann (1816) die Geschichte von Nathaniel, dessen Realität zerbricht, weil er das eigene Ich als absolut setzt. Ebenso gibt es in seinem Werk Die Elixiere des Teufels (1815/16) einen Bezug zu Fichtes Philosophie. Auch die Werke Der gestiefelte Kater (1797) und William Lovell (1795) kritisieren implizit Fichtes Philosophie. Novalis bewunderte zwar Fichte und beschäftigte sich intensiv mit ihm in seinen Fichte-Studien (1795/96), dennoch kann man seinen Heinrich von Ofterdingen (1802) als einen Gegenentwurf zu Fichtes Ich-Absolutismus verstehen.
Aufgrund der sog. Atheismus-Affaire (1798/99) musste Fichte Jena verlassen, bekam aber in Berlin umgehend eine neue Professur. Dort hielt er populäre Vorlesungen vor zum Teil hochrangigem Publikum. 1810 wurde er zum ersten Rektor der neu gegründeten Berliner Universität gewählt. In Berlin verfasste er seine späten Fassungen der Wissenschaftslehre:
- Darstellung der Wissenschaftslehre (1801), in FW II
- Die Thatsachen des Bewusstseyns (1810), in FW II
- Die Wissenschaftslehre in ihrem allgemeinen Umrisse (1810), in FW II.
Anfangs war Fichte ein glühender Anhänger der Französischen Revolution. Überhaupt spielt der Begriff der Freiheit eine herausragende Rolle in seiner Philosophie. Später lehnte er Napoleon vehement ab. Er unterstützte deutsche Truppen in den sog. Befreiungskriegen. An der Begründung eines deutschen Nationalismus Anfang des 19. Jahrhunderts war er maßgeblich beteiligt. In diesem Zusammenhang sind zu nennen:
- Reden an die deutsche Nation (1808).
Aus seiner antijüdischen Einstellung machte er kein Hehl, so dass später die Nationalsozialisten glaubten, sich auf ihn zu berufen können.
Fichtes Einfluss auf Schelling und Hegel ist erheblich. Nach Fichtes Weggang aus Jena, wurde dort Schelling zum neuen Popstar der Philosophie innerhalb der romantischen Bewegung. 1818 wurde Hegel Fichtes Nachfolger in Berlin. Im Gegensatz zu Fichte war Hegel alles andere als ein mitreißender Redner. Dennoch lief Hegel seinem Vorgänger schnell der Rang ab, so dass Fichte bald nur noch als dessen Wegbereiter angesehen wurde. In diesem Sinne vergleicht Heinrich Heine Fichte im Dritten Buch seiner Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland mit Napoleon:
„Napoleon und Fichte repräsentieren das große unerbittliche Ich, bei welchem Gedanke und Tat eins sind, und die kolossalen Gebäude, welche beide zu konstruieren wissen, zeugen von einem kolossalen Willen. Aber durch die Schrankenlosigkeit dieses Willens gehen jene Gebäude gleich wieder zugrunde, und die Wissenschaftslehre, wie das Kaiserreich, zerfallen und verschwinden ebenso schnell wie sie entstanden.“
Es ist noch anzumerken, dass Fichtes Schriften mit zu den schwerverständlichsten Texten der Philosophiegeschichte überhaupt zählen. Was den Schwierigkeitsgrad betrifft sind sie mit Platons Parmenides vergleichbar. Daher will ich nachfolgend seine Philosophie nur so skizzieren, wie ich sie verstanden habe, ohne zu sehr in die Tiefe zu gehen. Dabei werde ich mich vor allem auf seine Frühwerke Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre als Handschrift für seine Hörer von 1794/95, kurz GWL, sowie den Grundriss der Eigentümlichkeit der Wissenschaftslehre, in Rücksicht auf das theoretische Vermögen, als Handschrift für seine Hörer von 1795, kurz GEW, beziehen. Und um den roten Faden nicht zu verlieren, steht bei meiner Darstellung im Vordergrund, aufzuzeigen, inwiefern Fichte, wie bereits Kant vor ihm, das sog. cartesische Projekt fortgeführt hat.
[1] Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe, hrsg. von E. Behler, Bd. II, Fragment 216.
[2] D. Henrich: Fichtes ursprüngliche Einsicht, S. 15.

Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!