Fichte vs. Kant 1: Die Selbstbezüglichkeit des reinen Ich

Auch wenn Fichte sich selbst als Vollender der Kantischen Philosophie versteht, so gibt es doch auch gravierende Unterschiede.

Kant spricht vom „transzendentalen Ich“, Fichte vom „Selbstbewusstsein“ oder dem „reinen Ich“. Auf den ersten Blick scheinen beide ein und dasselbe zu meinen, im Detail gibt es aber eine erhebliche Differenz, worauf Fichte in der Zweiten Einleitung ausführlich eingeht[1].

Zunächst zu ihren Übereinstimmungen. Beide, Kant und Fichte, verstehen das reine bzw. transzendentale Ich als bloß erkennendes Subjekt, bei dem von allen individuellen und persönlichen Merkmalen des Denkenden abstrahiert wird. Beide sehen es im Gegensatz zum jeweiligen empirischen Bewusstsein eines bestimmten Menschen. Somit ist das reine Ich für beide kein Gegenstand der Psychologie, sondern ausschließlich ein Begriff der Philosophie.

Kants transzendentalem Ich fehlt der Selbstbezug

Nun spielt das transzendentale Ich in Kants Philosophie eine durchaus wichtige Rolle. Immerhin benötigt er es für seine Deduktion der reinen Verstandesbegriffe. Dort leitet er einen entscheidenden Beweisschritt wie folgt ein:

„Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte […]. Also hat alles Mannigfaltige der Anschauung eine notwendige Beziehung auf das: Ich denke, in demselben Subjekt, darin dieses Mannigfaltige angetroffen wird.“[2]

Das „ich denke“ muss also jeden konkreten Bewusstseinsakt begleiten können, ansonsten ist es eben kein bewusster Akt des Erkennens.

Kants transzendentales Ich ist das „ego“ in Descartes cogito ergo sum, d.h. nicht die mannigfaltigen subjektiven Bewusstseinserlebnisse, sondern der eine letztendliche Bewusstseinspunkt, für den alles ist: das bloß erkennende Subjekt, das aber niemals selbst zum Gegenstand der Erkenntnis gemacht werden kann. Allerdings liegt dieses reine Subjekt nicht in einem völlig unzugänglichen Jenseits, sondern ich kann mir seiner bewusst werden, indem ich bei einem Bewusstseinserlebnis darauf reflektiere. Ich sehe etwas und werde mir dabei der äußeren, visuellen Erscheinung eines Dings bewusst, darüber hinausgehend kann ich aber auch darauf achten, dass hier überhaupt ein bewusstes Erkennen stattfindet.

Bereits Berkeley und Hume wiesen darauf hin, dass das erkennende Subjekt nicht auf dieselbe Weise Gegenstand der Erkenntnis sein kann, wie ein materielles, sinnlich wahrnehmbares Ding. Dies nahm Kant auf und gründete darauf seine Kritik an der sogenannten rationalen Seelenlehre. Diese macht Aussagen über die Seele, nicht verstanden als empirisches Bewusstsein, sondern als reines Ich, und versucht sie mit rational-logischen Mitteln zu beweisen. Da nach Kant Erkenntnis aber nur möglich ist bezogen auf Dinge der Erfahrungswelt bzw. auf Gegenstände einer möglichen Erfahrung, das reine Ich aber beides nicht ist, kann es sich bei Lehrsätzen über das reine Ich nur um ein Scheinwissen handeln.

Andererseits ist es durchaus merkwürdig, wenn Kant behauptet, dass man sich nicht selbst zum Gegenstand des Erkennens machen kann. Denn offensichtlich kann ich mir meines Bewusstseins durchaus bewusst sein. Ich kann mich doch selbst als denkendes Subjekt denken, oder nicht? Wird mir damit nicht mein eigenes Denken zum Gegenstand meines Denkens? Und: Ist es nicht genau das, was Fichte meint, wenn er vom „reinen Ich“ als einem „Sichselbstdenken“ oder einem „Selbstbewusstsein“ spricht?

Zwei Fragen kann man Kant in jedem Fall stellen. Erstens: Welches Argument hat er dafür, dass ich mir nicht selbst zum Gegenstand meines Erkennens werden können soll. Zweitens muss er erklären, wie ich von dem „ich denke“ sprechen kann und damit das bloß erkennende Subjekt meine, obwohl ich mich ja angeblich nicht selbst zum Gegenstand meines Erkennens machen kann.

Zur ersten Frage: Warum soll das transzendentale Ich nicht Teil der Erscheinungswelt sein können? Warum soll es nicht selbst Objekt unseres Erkennens sein können? Welche Begründung hat Kant dafür?

Kants Argument ist, wenn ich es richtig sehe, dass ansonsten ein unendlicher Regress drohen würde. Wie gesagt, behauptet Kant, dass das „ich denke“ all meine Vorstellungen begleiten können muss. Nun muss nach Kant alles, was in der Erscheinungswelt ist, von dem „ich denke“ begleitet werden könne. Das heißt:

X ist in der Erscheinungswelt => ich denke (X)       (#)

Wäre nun das „ich denke“ selbst Teil der Erscheinungswelt, dann müsste gelten:

Das (ich denke) ist in der Erscheinungswelt => ich denke (ich denke)

Dann müsste aber auch das „ich denke (ich denke)“ Teil der Erscheinungswelt sein. Also kann man wieder (#) anwenden und erhält:

Das (ich denke (ich denke)) ist in der Erscheinungswelt => ich denke (ich denke (ich denke))

Und so weiter ins Unendliche.

Zur zweiten Frage: Wenn ich das „ich denke“ nicht zum Gegenstand meines Denkens machen darf, warum kann ich dann darüber reden? Widerspricht sich Kant hier nicht selbst, schlicht indem er vom transzendentalen Ich schreibt?

Diesen Widerspruch versucht Kant dadurch zu vermeiden, dass er behauptet, das „ich denke“ sei nur eine Art Form jeglichen Vorstellens. Wenn ich z.B. einen Apfel wahrnehme, dann wird die Vorstellung inhaltlich eben durch den Apfel bestimmt, aber dennoch kommt die Vorstellung in der Form des „ich denke“ daher. Während der Wahrnehmung kann ich zwar auf die Form reflektieren, mache sie aber im eigentlichen Sinne nicht zum Inhalt. Somit kann ich mir zwar des „ich denke“ bewusst sein, ohne aber dass dabei ein „ich denke (ich denke)“ entsteht, genauso wenig wie man zwar über die Form eines Gegenstands reflektieren kann, ohne aber dass damit schon eine Form der Form gegeben sein muss.

In diesem Sinne spricht Kant auch von dem „ich denke“ auch als ein „Vehikel aller Begriffe“[3]. Und auch mit diesem Vergleich will er offenbar sagen, dass es zwar ein „ich denke(…)“ gibt, aber kein „ich denke (ich denke)“, ähnlich wie es zwar ein Vehikel gibt, aber kein Vehikel des Vehikels.

Des Weiteren bezeichnet Kant das transzendentale Ich als „gänzlich leere Vorstellung“[4], und er setzt fort:

„Durch dieses Ich, oder Er, oder Es (das Ding), welches denket, wird nun nichts weiter, als ein transzendentales Subjekt der Gedanken vorgestellt = x, welches nur durch die Gedanken, die seine Prädikate sind, erkannt wird, und wovon wir, abgesondert, niemals den mindesten Begriff haben können.“

Man sieht, dass Kant immer darum bemüht ist, zwar einerseits zu erklären, dass man sich des „ich denke“ bewusst sein kann, damit aber noch kein Selbstbezug der Form „ich denke (ich denke)“ gegeben sein muss.

Fichtes reines Ich ist wesentlich selbstbezüglich

Dem gegenüber ist die Selbstbezüglichkeit von Fichtes reinem Ich gerade sein wichtigstes Wesensmerkmal. In Fichtes Werk stößt man auf Schritt und Tritt auf solche Sätze wie:

„Das Setzen des Ich durch sich selbst ist die reine Thätigkeit desselben.“ [5]

„[Das Ich] ist zugleich das Handelnde, und das Product der Handlung.“

„Dasjenige, dessen Seyn (Wesen) bloss darin besteht, dass es sich selbst als seyend setzt, ist das Ich, als absolutes Ich.“

„[I]ndem ich mich selbst denke, bin ich ja das Denkende, denn sonst dächte ich nicht, und zugleich das gedacht Werdende, denn sonst dächte ich nicht mich […]. Ohne Zweifel aber kannst du […] auf das Zusammenfallen des Denkenden und Gedachten reflectiren.“ [6]

Die Rückbezüglichkeit des Ich, die Kant unbedingt vermeiden will, ist für Fichtes Philosophie zentral. Zugleich werden dadurch Fichtes Schriften bislang sehr schwer verständlich und verwirrend. Was genau soll es bedeuten, dass „die reine Tätigkeit des Ich das Setzen des Ich durch sich selbst“ sei? Inwiefern fällt, indem ich mich selbst denke, Denkender und Gedachtes zusammen? Fichtes Behauptungen können leicht zu einer Art Schwindel und intellektueller Verwirrung führen, selbst dann, wenn man seine Sätze mehrere Male durchliest.

Um Fichte zu verstehen, sollten wir noch einmal zurück zu Kant gehen. Kant will ja die Selbstbezüglichkeit des „ich denke“ verbieten, weil ansonsten ein unendlicher Regress der folgenden Art unvermeidlich sei:

ich denke (X)

ich denke (ich denke (X))

ich denke (ich denke (ich denke (X)))

und so weiter bis ins Unendliche

Versuchen wir zunächst, diesen unendlichen Zirkel rein formal zu lösen, ohne auf den Inhalt zu achten. Eine naheliegende Lösung besteht darin, das „ich denke (X)“ mit dem „ich denke (ich denke (X))“ gleichzusetzen, also:

ich denke (ich denke (X)) = ich denke(X)

Dann wird nämlich aus jeder beliebig verschachtelten Reihe von

ich denke (ich denke (…ich denke (X)…)

sozusagen durch formales Kürzen immer wieder am Ende entweder

ich denke (ich denke (X))     oder      ich denke (X).

Das könnte man mit der mathematischen Operation „1x …“ vergleichen. Ein Mathematiker könnte auf den Gedanken zu kommen, dass man diese Operation nicht auf sich selbst anwenden darf, weil ansonsten folgende unendliche Reihe drohen würde:

 1x1x1x1x…

Ein anderer Mathematiker wendet aber ein, dass darin ja gar kein Problem liegt, weil ja 1×1=1. Somit kann man jede beliebig lange Reihe der obigen Form immer auf 1 oder 1×1 herunterbrechen, so dass es nie zu einem unendlichen Regress kommt.

Rein formal wäre also Kants drohender unendliche Regress des „ich denke (…)“ in dem Moment verhindert, wenn gelten würde: ich denke(X) = ich denke (ich denke (X)).

Nun ist es tatsächlich inhaltlich exakt das, was Fichte behauptet. Beispielsweise schreibt Fichte im Versuch[7]:

„Indem du irgend eines Gegenstandes – es sey derselbe die gegenüberstehende Wand – dir bewusst bist, bist du dir […] eigentlich deines Denkens dieser Wand bewusst, und nur inwiefern du dessen dir bewusst bist, ist ein Bewusstseyn von der Wand möglich.“

Anders ausgedrückt: Bewusstsein von der Wand = Bewusstsein von dem Bewusstsein von der Wand.

Ferner schreibt er im Versuch[8]:

„[…] deine innere Thätigkeit, die auf etwas ausser dir (auf das Object des Denkens) geht, geht zugleich in sich selbst, und auf sich selbst. Aber durch in sich zurückgehende Thätigkeit entsteht uns […] das Ich. Du warst sonach in deinem Denken deiner selbst dir bewusst, und dieses Selbstbewusstseyn eben war jenes unmittelbare Bewusstseyn deines Denkens; sey es, dass ein Object, oder dass due selbst gedacht wurdest. – Also das Selbstbewusstseyn ist unmittelbar […].“

Und in der Zweiten Einleitung schreibt Fichte[9]:

„Ohne Selbstbewusstsein ist überhaupt kein Bewusstsein […].“

Interessant ist nun, dass dies tatsächlich dem phänomenalen Befund entspricht. Jedes Bewusstseinserlebnis hat zwei Komponenten: Einerseits bin ich mir des Objekts bewusst, das ich gerade wahrnehme, denke, vorstelle etc. Andererseits bin ich mir dabei des subjektiven Akts des Wahrnehmens, Denkens, Vorstellens bewusst, ansonsten wäre es kein Bewusstseinserlebnis. Das „ich sehe X“ ist immer und unmittelbar verbunden mit dem „ich weiß, dass ich X sehe“. Das „ich fühle X“ ist immer und unmittelbar verbunden mit dem „ich weiß, dass ich X fühle“. Das „ich denke X“ ist immer und unmittelbar verbunden mit dem „ich weiß, dass ich X denke“. Das ist erstens ein Faktum, zweitens droht aber durchaus kein unendlicher Regress, wie Kant befürchtet hat. Denn eine dritte Reflexionsstufe über das „ich bin mir X bewusst“ und das „ich bin mir darüber bewusst, dass ich mir X bewusst bin“ gibt es faktisch nicht.

Dies erklärt auch Fichtes häufige Redewendung, etwas sei „im Ich“. Darin steckt einerseits, dass etwas „für das Ich“ ist, dass sich das Ich also dessen bewusst ist. Andererseits liegt darin aber auch, dass nicht nur eines, sonderen mehreres „im Ich“ ist. Und das verstehe ich wie folgt: Ich kann z.B. A sehen, B hören, C fühlen. Wenn Fichte nun sagt, dass A, B und C zugleich im Ich sind, dann heißt das genaugenommen, dass es ein übergeordnetes Bewusstsein gibt, das das Sehen von A, das Hören von B und das Fühlen von C zusammenfasst. Dieses übergeordnete Bewusstsein könnte man als das mit sich identische Ich bezeichnen, das die verschiedenen Bewusstseinsakte vereinigt.

Nach Fichte ist ferner die Rede vom Ich überhaupt erst dadurch begründet, dass ich bei jedem Bewusstseinserlebnis unmittelbar zugleich das Bewusstseinserlebnis reflektiere:

„Das Ich ist nicht zu betrachten, als blosses Subject, wie man es bis jetzt beinahe durchgängig betrachtet hat, sondern als Subject-Object […].“[10]

Wichtig ist ferner, dass diese Einheit von Bewusstsein = Selbstbewusstsein nicht etwa erschlossen ist oder etwas wäre, worüber man lange darüber nachdenken müsste. Es ist vielmehr eine so unmittelbar klare Gewissheit, dass wir ihre Selbstverständlichkeit leicht übersehen. Eine solche selbstverständliche, unmittelbar evidente Gewissheit nennt Fichte auch Anschauung[11]. Und um sie von der räumlichen und zeitlichen Anschauung zu unterscheiden, nennt Fichte sie auch intellektuelle Anschauung[12].

Fichtes Einsicht, dass mit jedem Bewusstsein von X zugleich auch ein Bewusstsein dieses Bewusstseins gegeben ist, vermeidet erstens Kants unendlichen Regress, zweitens aber kommt Fichte so zu einer neuen Art von Anschauung, die Kant nicht kennt. Fichtes intellektuelle Anschauung, die Kant strikt ablehnt, hat zur Konsequenz, dass sie sich auch bezogen auf die Methoden unterscheiden, die sie in der Philosophie für anwendbar halten.

[1] Zweite Einleitung, FW I, S. 468 ff.

[2] Kant: KrV B 132.

[3] KrV B399/A341.

[4] KrV B404/A346.

[5] GWL FW I, 96 ff.

[6] Sonnenklarer Bericht, FW II, 364.

[7] Versuch, FW I, S. 526.

[8] Versuch, FW I, S. 528.

[9] Zweite Einleitung, FW I, S. 466.

[10] Versuch, FW I, S. 529.

[11] Versuch, FW I, S. 528.

[12] Versuch, FW I, S. 530.

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