Ziel und Struktur von Fichtes Wissenschaftslehre

F.H. Jacobi meinte, dass man als konsequenter Kantianer den Mut haben müsse, Kants Philosophie Kant zu Ende zu denken, und „speculativer Egosimus“ werden müsse[1]. (Zu Jacobis Kant-Kritik siehe hier)

Diesen Mut bringt Fichte auf und seine Wissenschaftslehre soll eine Ich-Philosophie sein. Genau genommen soll sie eine Philosophie des menschlichen Bewusstseins sein, die ähnlich wie die Geometrie mit obersten Grundsätzen beginnt, um daraus konstruktiv-anschaulich Lehrsätze herzuleiten. So schreibt Fichte im Sonnenklaren Bericht:

„[Die Wissenschaftslehre] construirt das gesammte gemeinsamea Bewusstseyn aller vernünftigen Wesen schlechthin a priori, seinen Grundzügen nach, ebenso wie die Geometrie die allgemeinen Begrenzungsweisen des Raumes […] a priori construirt.“[2]

Ich gebe zunächst eine Übersicht über die grobe Gliederung der Wissenschaftslehre, so wie sie Fichte 1794 in seinen beiden Schriften dargestellt hat: in der Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre (GWL), ergänzt durch den Grundriss der Eigenthümlichkeit der Wissenschaftslehre (GEW).

Gliederung der Wissenschaftslehre von 1794

Beide zusammen kann man meiner Meinung nach wie folgt gliedern:

  1. Die drei obersten Grundsätze (GWL)
    • Der erste Grundsatz ist die Konstruktion des reinen Ich: Ich = Ich. (§ 1. GWL)
    • Der zweite Grundsatz ist die Konstruktion des Nicht-Ich: Nicht-Ich ist nicht Ich. (§ 2. GWL)
    • Der dritte Grundsatz ist die Konstruktion von Ich und Nicht-Ich als sich gegenseitig einschränkend bzw. der Konstruktion des teilbaren Ich und des teilbaren Nicht-Ich. (§ 3. GWL)
  2. Theoretische Philosophie (§ 4. GWL)

II.1 Erste Reflexionsreihe der theoretischen Philosophie (FW I, S. 127 ff.):

  • Dialektische Herleitung der produktiven Einbildungskraft

II.2 Zweite Reflexionsreihe der theoretischen Philosophie (FW I, S. 217 ff.)

  • Herleitung der seelisch-geistigen Vermögen, wie z.B. sinnliche Anschauung, Verstand, Urteilskraft und Vernunft

II.3 Einschub der GEW:

  • Herleitung der Mannigfaltigkeit der sinnlichen Daten
  • Grundlegung der praktischen Philosophie

III.1 Erste Reflexionsreihe der praktischen Philosophie: (§ 5., § 6. GWL)

  • Die praktische Vernunft als Synthese von absolutem Ich und theoretischer Intelligenz

III.2 Zweite Reflexionsreihe der praktischen Philosophie (§ 7.- § 11. GWL)

  • Herleitung der seelisch-geistigen Vermögen, wie z.B. Kraftgefühl, Selbstgefühl, Sehnen, Bestimmungstrieb, Trieb nach Wechsel, Trieb nach Befriedigung.

Im Sonnenklaren Bericht versucht Fichte den Aufbau und Fortgang der Wissenschaftslehre mittels einer Analogie erläutern, und zwar indem er die Wissenschaftslehre mit der a priori Erstellung eines Bauplans für eine tatsächlich gegebene Uhr vergleicht.

Der Uhrvergleich

Man stelle sich folgende Situation vor:

1) Faktum: Es ist eine bestimmte Uhr faktisch gegeben.

2) Auswahl eines bestimmten Teilchens als Ausgangspunkt für die Erstellung eines Bauplans a priori:

Die Aufgabe besteht darin, ein Teil der Uhr, z.B. ein Zahnrädchen, so geschickt auszuwählen, dass man alleine auf der Grundlage dieses Teils einen Plan der Uhr erstellen kann.

3) Das ausgewählte Teilchen wir auf den Begriff gebracht:

Von diesem Teilchen macht man sich einen möglichst klaren Begriff, sozusagen ein möglichst präzises theoretischen Bild davon.

4) Entwurf eines Bauplans a priori:

Anhand des Begriffs des ausgewählten Teilchens versucht man nun, einen theoretischen Bauplan der Uhr zu erstellen. Dabei soll man sich nicht den faktischen Mechanismus der tatsächlichen Uhr ansehen dürfen. Vielmehr soll man den Plan nur aufgrund der eigenen theoretischen Kenntnisse konstruieren.

5) Überprüfung, ob der a priori entworfene Bauplan mit der faktischen Uhr übereinstimmt:

Hat man schließlich einen Bauplan der Uhr a priori fertig entworfen, dann überprüft man, ob er mit der faktischen Uhr zumindest in Grundzügen übereinstimmt. Auch dieses Überprüfen hat den Charakter einer theoretischen Aufgabe.

Natürlich ist dieses Vorgehen etwas ungewöhnlich. Wichtig ist nur, dass Fichte eine verständliche Analogie zum Vorgehen der Wissenschaftslehre geben will. In jedem Fall kann bezogen auf dieses a priori Entwerfen des Bauplans einer Uhr noch zwei Anmerkungen machen. Erstens hat dieses Vorgehen den Charakter eines Experiments. Denn man beginnt mit einem kleinen Teilchen der faktischen Uhr und konstruiert daraus, ohne auf die konkrete Uhr zu blicken, einen Bauplan, der entweder mit der tatsächlichen Uhr übereinstimmt: dann gilt das Experiment als erfolgreich, – oder eben nicht übereinstimmt: dann gilt das Experiment als gescheitert.

Zweitens stellt sich die Frage nach dem Zweck dieser Übung.  Nun ist es so: Wenn man es tatsächlich schafft a priori einen Bauplan der Uhr zu entwerfen, dann hat man auf diese Weise ein enormes und gut fundiertes theoretisches Wissen über die Uhr bekommen.

Man kann dieses Verfahren auf analoge Weise wie folgt auf Fichtes Wissenschaftslehre übertragen.

1) Fakta des Bewusstseins: Ein tatsächliches Bewusstsein ist faktisch gegeben.

2) Auswahl der intellektuellen Anschauung als Ausgangspunkt für die Erstellung eines Bauplans des Bewusstseins a priori

Die Wissenschaftslehre hat die Aufgabe, einen Teil des faktischen Bewusstseins so geschickt auszuwählen, dass man alleine auf der Grundlage dieses Teils einen Plan über die Funktionsweise des Bewusstseins erstellen kann. Im Sonnenklaren Bericht betont Fichte, dass es sich bei dem zu entwerfenden Plan nicht um ein vollständiges Bild des konkreten Bewusstseins handeln muss, sondern das Bewusstsein nur in seinen allgemeinen Grundzügen rekonstruiert sein soll. Es ist klar, dass Fichte dazu die intellektuelle Anschauung auswählt, um daraus das Bewusstsein a priori nachzukonstruieren.

3) Die intellektuelle Anschauung wird durch die Konstruktion des reinen Ich auf den Begriff gebracht:

Indem man sich von der intellektuellen Anschauung einen klaren Begriff macht, konstruiert man das reine Ich und erhält damit den ersten Grundsatz der Wissenschaftslehre. Das tut Fichte in Teil I der obigen Gliederung.

4) Entwurf eines Plans des Bewusstseins a priori oder die erste Reflexionsreihe der Wissenschaftslehre:

Anhand des reinen Ichs versucht Fichte einen theoretischen Plan der Funktionsweise des Bewusstseins im Allgemeinen zu erstellen. Dabei will er sich nicht den auf das faktische Bewusstsein beziehen. Vielmehr soll der Plan a priori konstruiert werden. Fichte spricht hier auch von einer ersten Reflexionsreihe der Wissenschaftslehre. Dabei hat der Philosoph die Stellung eines Beobachters von außen auf das Ich bzw. auf die Konstruktionen, die Fichte auf der Basis des reinen Ich vollzieht. Sprachlich behandelt Fichte das Ich hier durchgehend in der dritten Person. Fichte gibt zu, dass diese erste Reflexionsreihe etwas künstlich-unnatürlich ist.

Nun unterteilt Fichte die Wissenschaftslehre in die theoretische und die praktische Philosophie. Bezogen auf die theoretische Philosophie wird der Plan des Bewusstseins a priori im Teil II.1 entworfen, bezogen auf die praktische Philosophie im Teil III.1.

5) Überprüfung, ob der a priori entworfene Bauplan mit dem faktischen Bewusstsein übereinstimmt oder die zweite Reflexionsreihe:

Hat man schließlich einen Plan fertig entworfen, dann überprüft man, ob er mit dem faktischen Bewusstsein in Grundzügen übereinstimmt. Fichte tut das, indem er aus dem Resultat der ersten Reflexionsreihe Fakta des Bewusstseins herleitet. So entwickelt er die sog. zweite Reflexionsreihe der Wissenschaftslehre. Dabei wechselt er sprachlich zwischen der Rede vom Ich in der ersten Person, was einem unmittelbar erlebten Bewusstseinsfaktum entspricht, und der Rede vom Ich in der dritten Person, was dem Abgleich mit dem a priori entworfenen Plan des Bewusstseins entspricht. Bezogen auf die theoretische Philosophie wird das faktische Bewusstsein aus dem a priori Plan in den Teilen II.2 und II.3 hergeleitet, bezogen auf die praktische Philosophie wird das faktische Bewusstsein aus dem a priori Plan in den Teilen III.2 hergeleitet. Durch diese beiden Herleitungsreihen wird das Experiment der Wissenschaftslehre gewissermaßen verifiziert.

Und der Zweck der Wissenschaftslehre besteht darin, ein gut fundiertes theoretisches Wissen über die Funktionsweise des Bewusstseins zu bekommen.

Fakta des Bewusstseins

Ein Wort noch zum dem faktischen Bewusstsein, von dem die Wissenschaftslehre ausgehen und zu der sie am Ende wieder zurückkommen soll. Zwar spricht Fichte an verschiedenen Stellen von Fakta des Bewusstseins, aber er drückt sich eher unklar und mehrdeutig aus, was darunter zu verstehen sei. Meiner Auffassung meint er damit:

  1. die produktive Einbildungskraft (FW I S. 219 f., FW I S. 331)
  2. die seelisch-geistigen Vermögen von II.2 (FW I, S. 222)
  3. die mannigfaltigen sinnlichen Daten, (FW I 341 f.)
  4. die seelisch-geistigen Vermögen von III.2.

All das sind keine abstrakten Konstruktionen, sondern Fakta, die jeder Mensch selbst tatsächlich erlebt: eben Tatsachen des Bewusstseins. Sie sind es, die die Wissenschaftslehre in ihren allgemeinen Grundzügen zu rekonstruieren versucht. Somit entsprechen sie im Uhrvergleich der tatsächlichen Uhr des ersten Schritts.

Diese Tatsachen des Bewusstseins, die jedem Menschen individuell gegeben sind, sind einerseits der Ausgangspunkt der Wissenschaftslehre. Andererseits soll die Wissenschaftslehre einen theoretischen Plan des Bewusstseins darstellen. Dass die Wissenschaftslehre das faktische Bewusstsein korrekt abbildet, will Fichte meiner Meinung nach in den Teilen II.2, II.3 und III.2 nachweisen.

[1] Jacobi: David Hume, Meiner, 2019, S. 112

[2] Sonnenklarer Bericht, FW II, S. 379

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