Anmerkungen zu Fichtes Dialektik

Fichte hat eine philosophische Methode ersonnen, die man heutzutage dialektisch nennen würde.

Man geht aus von einem Satz A, analysiert ihn in zwei sich widersprechende Aussagen B und C und konstruiert eine vierte Aussage D, die den mit B und C gegebenen Widerspruch aussöhnt. Man kann sagen, dass D aus A dialektisch entwickelt worden ist. Außerdem stellt D bezogen auf A eine Wissenserweiterung dar.

Abgrenzung von der traditionellen Logik

Diese dialektische Methode ist durchaus von der traditionellen Logik zu unterscheiden. Im 18. Jahrhundert verstand man die Logik so, dass sie im Wesentlichen inhaltliche Tautologien ausdrückt, also Aussagen der Form „der Junggeselle ist ein unverheirateter Mann“. Dazu im Gegensatz steht übrigens die moderne Auffassung von Logik, der gemäß Sätze als Tautologien erkennbar sind aufgrund formaler Kriterien[1]. So oder so liegt auf der Hand, dass eine tautologische Logik keinerlei Erkenntnisgewinn bringt. Fichte schreibt, dass man hiermit nicht nur „nicht weit“, sondern „gar nicht von der Stelle“ kommen würde[2].

Eines ist klar. Die Aussage A, von der Fichtes Dialektik ihren Ausgang nimmt, muss in irgendeiner Form einen inhaltlichen Widerspruch in sich enthalten. Ansonsten läuft die dialektische Analyse, um die entgegengesetzten Aussagen B und C zu finden, ins Leere[3]. Beispielsweise kann sich Fichtes Dialektik nicht an einer Tautologie wie „Ein Junggeselle ist ein unverheirateter Mann“ entfalten. Somit sind die Gesetze der klassischen Logik nicht Teil von Fichtes Dialektik.

Dementsprechend versteht Fichte einen Satz wie „A=A“ zwar als inhaltsleere Tautologie, nicht aber seinen ersten Grundsatz Ich=Ich. Wäre auch Ich=Ich eine inhaltsleere Tautologie, dann könnte er daraus niemals seine Wissenschaftslehre dialektisch herleiten. Der Unterschied ist eben folgender: Während bei A=A eine Übereinstimmung behauptet wird ohne irgendeine inhaltliche Bestimmung und somit ein bloß analytischer Satz ist, soll dem Satz Ich=Ich eine konkrete Anschauung zugrunde liegen, so dass er eben letztlich eine synthetische Erkenntnis zum Ausdruck bringen soll. Übrigens hat das Schelling in seinem System des transzendentalen Idealismus von 1800, das stark von Fichte beeinflusst ist, noch etwas deutlicher formuliert als Fichte selbst[4].

Die klassische, tautologische Logik generiert nach Fichte wie gesagt keinen Gehalt und kommt nicht von der Stelle. Dazu im Gegensatz verhilft die Dialektik zu einem inhaltlichen Fortschritt, d.h. zur Gewinnung neuer Erkenntnisse, die das Wissen erweitern. Da die Dialektik dies nicht mit empirischen Methoden erreicht, sondern durch abstrakt-begriffliche Argumentation, handelt es sich hierbei um synthetische Urteile a priori im Sinne Kants[5]. Ferner behauptet Fichte: Der Gang des dialektischen Verfahrens sei

„[…] fest und sicher und durch die Sache selbst vorgeschrieben, und wir können im Voraus wissen, dass wie bei gehöriger Aufmerksamkeit auf unserem Wege gar nicht irren können.“[6]

Schließlich ist bemerkenswert, dass die dialektische Methode nach Fichte eine Gesamtheit wahrer synthetischer Urteile a priori, folglich eine System, hervorbringen würde[7]:

Fichtes Dialektik und Kants kosmologische Antinomien

Obwohl, wie gesagt, Kant und Fichte nicht übereinstimmen, was die Möglichkeit einer konstruktiv-anschaulichen Methode in der Philosophie betrifft, scheint paradoxerweise Kant dennoch Fichtes dialektische Methode in der transzendentalen Dialektik Pate gestanden zu haben.

Nehmen wir als Beispiel die transzendentale Idee des unbedingten zeitlichen Anfangs der Welt. Gemäß Fichtes dialektischem Schema ist diese Idee die noch nicht begriffene Synthese A. Sie wird analysiert in die Gegensätze

B = „Die Welt hat einen Anfang in der Zeit“ (Thesis) und
C = „Die Welt hat keinen Anfang in der Zeit“ (Antithesis)

Schließlich ersinnt sich Kant eine Synthese D, die die beiden Gegensätze miteinander versöhnen soll:

Die kosmologische Idee des unbedingten zeitlichen Anfangs der Welt hat nur eine regulative Funktion, nämlich insofern sie eine Aufforderung darstellt, zu jedem gegebenen, empirisch erfahrbaren Zeitpunkt noch einen früheren erfahrbaren Zeitpunkt zu finden.

Dieses Ersinnen Kants, könnte man auch als Konstruktion bezeichnen, die zu einer Erkenntnis führt, die ursprünglich nicht in A lag, also zu einer synthetischen Erkenntnis a priori. Auf ähnliche Weise kann man alle anderen kosmologischen Antinomien in das Schema der Dialektik Fichtes bringen.

Bezogen auf die kosmologischen Antinomien und wie Kant sie behandelt, könnte man vielleicht doch auf den Gedanken kommen, dass Fichte, selbst was die dialektische Methode betrifft, nur ein Vollender dessen ist, was bei Kant bereits angelegt ist. In jedem Fall wendet Kant das Verfahren, das er zur Auflösung der Antinomien anwendet, nur dort an, und sonst nirgendwo.

Kritik

Fichtes Anspruch ist, dass seine dialektische Methode auf der intellektuellen Anschauung beruht, faktisch sind seine dialektischen Herleitungen aber alles andere als anschaulich evident. Hier ein paar Kostproben:

„[…] Das Streben geht auf Causalität aus; es muss daher, seinem Charakter nach, gesetzt werden, als Causalität. Nun kann diese Causalität nicht gesetzt werden, als gehend auf das Nicht-Ich; denn dann wäre gesetzt reale Thätigkeit, und kein Streben […].“ (GWL, FW I, S. 287)

„Das Ich setzt sich mittelbar als Ich, und begrenzt sich insofern, inwiefern es das Bild mit absoluter Freiheit entwirft, und zwischen mehreren möglichen Bestimmungen desselben in der Mitte schwebt.“

Angesichts solcher Texte kommt man kaum umhin Schopenhauer recht zu geben, wenn er sie als „Algebra mit bloßen Begriffen“[8] bezeichnet oder als „bloß abstrakte Gedanken, die keinen anschaulichen Kern haben, gleich Wolkengebilden ohne Realität.“[9]

Letztlich halte ich Schopenhauers Urteil für zu hart, aber es ist eine Tatsache, dass Fichtes Schriften vom Leser eine Begriffsakrobatik sondergleichen abfordern und zu den schwierigsten Texten der Philosophiegeschichte zählen. Dass sie auf einer wie auch immer gearteten Anschauung beruhen sollen, wie auch Schelling betont[10], ist – wenn man sich nur die Texte selbst ansieht – kaum nachvollziehbar.

Anders formuliert: Was die dialektische Methode betrifft, geht bei Fichte Anspruch (anschaulich zu sein) und Wirklichkeit (hochgradig abstrakt und unanschaulich zu sein) weit auseinander.

[1] Siehe z.B. L. Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus.

[2] FW I, S. 114.

[3] FW I, S. 112.

[4] Siehe Schelling SW I/3, S. 372.

[5] FW I. S. 114.

[6] FW I, S. 115.

[7] FW I, S. 114.

[8] Schopenhauer: Ergänzungen Kapitel 7. Band II, S. 98 ff.

[9] Bd. 2, S. 85.

[10] So schreibt Schelling im System des transzendentalen Idealismus, SW I/3, S.369: „Das transzendentale Philosophieren muß also beständig begleitet werden von der intellektuellen Anschauung.“

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