Wie Leibniz das “cartesische Programm” zu lösen versucht

„Die Monade hat keine Fenster“ – das heißt zunächst: Ich bin ganz und gar für mich; alles, was ich wahrzunehmen glaube, ist vollkommen subjektiv; die Außenwelt ist nur eine Fiktion.

Ich bezeichne nachfolgend die Gesamtheit meiner Perzeptionen als meine Erscheinungswelt. Nach Leibniz ist Gott der Schöpfer all meiner Perzeptionen, und ist somit auch der Schöpfer meiner Erscheinungswelt. Leibniz meint, dass Gott sich bei der Schöpfung meiner Perzeptionen an zwei Prinzipien halten musste, den Satz vom Widerspruch und den Satz vom zureichenden Grund. Deswegen muss meine Erscheinungswelt zunächst zwei Bedingungen erfüllen:

  • Meine Erscheinungswelt ist widerspruchsfrei.
  • Sie ist kausal kohärent, also alles geschieht in ihr aus einem zureichenden Grund.

Ferner würde die unendliche Güte Gottes die prästabilierte Harmonie garantieren. Das heißt:

  • Meine Perzeptionen stehen in perfektem Einklang mit den Erscheinungswelten aller anderen Monaden.

Man kann diese drei Bedingungen so verstehen, dass sie eine objektive Welt konstituieren. Anders formuliert: Ist eine dieser drei Bedingungen nicht gegeben, dann erweisen sich meine Perzeptionen als bloß subjektiv, so wie es ein Traum oder eine haltlose Illusion ist.

Meine Perzeptionen sind widersprüchlich, wenn ich an demselben Ding gleichzeitig sich widersprechende Eigenschaften wahrnehme. Etwas ist z.B. sowohl rot, als auch nicht rot. Dann kann es sich aber um nichts Wirkliches handeln, sondern muss eine Illusion sein. Meine Perzeptionen sind kausal inkohärent, wenn etwas geschieht und nicht mit den Naturgesetzen in Einklang ist, z.B. wenn eine Eisenkugel plötzlich anfängt zu schweben. Dann werden wir geneigt sein, das für einen Traum zu halten oder wir zweifeln an unseren Sinnen. Und nehmen andere die Dinge komplett anders wahr, als ich es tue, dann kann ich auch an der objektiven Gültigkeit meiner Perzeptionen zweifeln. Ich sehe dort einen Apfel, alle anderen aber nichts; also werde ich glauben zu phantasieren.

Offenbar sind die oben drei Punkte notwendige Bedingungen (Kant wird später sagen: Bedingungen der Möglichkeit) einer objektiven Realität. So glaubt Leibniz das zu Ende zu führen, was ich das cartesische Programm genannt habe: Wie man aus der reinen Subjektivität meiner Bewusstseinserlebnisse letztlich die ganze objektive Welt herleiten kann.

Allerdings tut Leibniz das nicht nur mit Bezug auf das cogito ergo sum. Sondern ähnlich wie Descartes muss er Zuflucht zu allgemeinen Prinzipien suchen, eben den Satz vom Widerspruch und den Satz vom zureichenden Grund. Außerdem benötigt Leibniz, wie bereits vor ihm Descartes, einen Gottesbeweis, um dann aus der Güte Gottes die prästabilierte Harmonie herleiten zu können. Auf diese Weise zeichnen sich beide, Descartes und Leibniz, als sog. „rationalistische“ Philosophen aus. Dazu im Gegensatz stehen „empiristische“ Denker, wie z.B. Locke und Hume. Der Gegensatz besteht aber nicht darin, dass letztere nicht das cartesische Programm zu beantworten versuchen. In diesem Punkt ziehen fast alle neuzeitlichen Philosophen am selben Strang. Der Unterschied besteht nur darin, dass die Rationalisten zur Begründung der objektiven Welt nicht nur auf die subjektiven Bewusstseinserlebnisse rekurrieren, sondern auch auf oberste, angeblich angeborene Prinzipien, wohingegen die Empiristen so konsequent sind, sich ausschließlich auf die subjektiven Bewusstseinserlebnisse beziehen zu wollen.

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