Leibniz: Der logische Aspekt der Monadenlehre
Leibniz‘ Monadenlehre hat auch einen logischen Aspekt.
Die einzigen Substanzen, die es nach Leibniz gibt, sind die Monaden. Im Sinne der aristotelischen Logik können nur Substanzen Träger von Prädikaten sein. Eine Aussage „S ist P“ darf es somit eigentlich nur geben, wenn S eine Monade ist. Prädikate wiederum bestimmen das Satzsubjekt. Durch das Prädikat P wird die Monade S näher bestimmt. Letztlich wird eine Monade aber nur durch die mannigfaltigen Bewusstseinserlebnisse oder wie Leibniz sich ausdrückt: Perzeptionen, bestimmt. Der Satz „S ist P“ ist somit nur dann ein sinnvoller Satz, wenn mit S eine Monade und mit P eine Perzeption gemeint ist, die die Monade gerade hat. Also beispielsweise „ich bin die Tasse sehend“ oder „Hans ist über das und das nachdenkend.“
Nun gibt es eine zeitliche Abfolge von Bewusstseinserlebnissen. Somit könnte man eine Monade mit dem Lauf der Zeit so darstellen:
“\( S \) ist \( p_0, p_1, p_2, p_3, …, \)“
Und genauso könne man in der Zeit rückwärts gehen:
“\( S \) ist \( p_{-1}, p_{-2}, p_{-3}, … \)“
Eine Monade wird also insgesamt charakterisiert durch eine nach zwei Seiten hin unendliche Folge \( (p_{t}) \) von Prädikaten bzw. Bewusstseinserlebnissen.
In der Sprache der Logik könnte man das auch so ausdrücken, dass diese Folge \( (p_{t}) \) die Realdefinition der Monade S ist. Und das wiederum bedeutet, dass eigentlich jede Aussage „S ist p“ logisch-deduktiv aus der korrekten Definition von S folgt[1].
Mittels dieser Folge von Perzeptionen kommt eine äußere, materielle Welt zur Erscheinung. Diese Welt hält Leibniz somit nicht für tatsächlich gegeben. Außerdem wird mittels dieser Folge eine innere, geistige Welt der Gedanken, Willensentscheidungen und Gefühle gegeben.
Nun kann man noch folgenden logischen Schritt weiter gehen. Nehmen wir zum Beispiel einen Satz wie „S ist den Apfel betrachtend“. Dann sieht man schnell, dass das Prädikat „den Apfel betrachtend“ noch untergliedert werden kann:
- „S ist etwas Rundes sehend.“
- „S ist etwas Rotes sehend“
- „S ist sich wundernd, was das ist?“
- „S ist näher herankommend.“
- „S ist genauer hinsehend.“
- etc.
Leibniz spricht von einer Art Alphabet der menschlichen Gedanken, wenn man die Prädikate „schließlich zu den primitiven Begriffen“ auflöst, die dann selbst nicht weiter unterteilt werden können. So unterscheidet Leibniz zwischen zusammengesetzten oder „abgeleiteten“ Begriffen und primitiven oder einfachen Grundbegriffen. Leibniz hatte die Idee einer künstlichen, logisch-formalen Sprache, die bis auf diese primitiven Grundbegriffe zurückgeht, und bei der eine Grammatik festgelegt wird, indem die korrekten Kombinationsmöglichkeiten der primitiven Grundbegriffe definiert werden. Außerdem meinte er, dass man auf der Basis einer solchen formalen Sprache einen formalen Kalkül erfinden könnte, der er es erlauben würde wahre Aussagen gewissermaßen zu berechnen. Diese formale Sprache nannte Leibniz allgemeine Charakterisik. Interessant an dieser Idee ist, dass Leibniz damit im Ansatz den logischen Atomismus von Russel, Wittgenstein vorweggenommen hat.
Bleiben wir bei der Logik. Leibniz unterscheidet zwischen dem Begriff einer Monade und der Monade selbst. Durch eine Folge \((p_{t}) \) von Perzeptionen ist eigentlich zunächst nur der Begriff einer Monade gegeben. Eine solche Folge kann nicht vollständig beliebig sein. Durch sie kommt ja sowohl eine äußere, materielle Welt als auch eine innere, geistige Welt zur Erscheinung. Eine Grundanforderung für eine mögliche Folge \((p_{t})\) von Perzeptionen ist offenbar, dass die so erscheinenden äußeren und inneren Welten in sich konsistent sind. Und das geschieht, indem die oben genannten zwei Grundprinzipien eingehalten werden. Es dürfen keine Widersprüche auftreten und es muss der Satz vom zureichenden Grund erfüllt sein.
Anders formuliert: Wenn Gott eine Monade erschaffen will, dann erwägt er nach Leibniz, welche unendliche Folge von Perzeptionen er für die Monade auswählen möchte. Bei dieser Wahl ist er zunächst absolut frei, muss sich allerdings an den Satz vom Widerspruch und dem Satz vom zureichenden Grund halten.
Wie gesagt kommt mit einer bestimmten Folge von Perzeptionen eine bestimmte äußere, materielle Welt und eine innere Welt zur Erscheinung. Und je nachdem, auf welche Welt sich der Satz vom zureichenden Grund bezieht, hat er eine andere Form. Nach Leibniz wird die äußere, materielle Welt bestimmt von Wirkursachen. Der Baum liegt dort entwurzelt, weil ihn ein Sturm umgeschmissen hat. Der Stein fällt nach unten, weil durch die Erde bewirkte Schwerkraft angezogen wird. Die innere, geistige Welt hingegen wird bestimmt durch Zweckursachen. Ich denke darüber nach, weil ich Erkenntnisse erlangen will, ich treffe diese bestimmte Entscheidung, weil ich etwas Bestimmtes erreichen will. Etc.
Gott kann also bei der Erschaffung einer Monade zwischen verschiedenen Folgen von Perzeptionen frei auswählen, sofern sie widerspruchsfrei sind, die zur Erscheinung kommende äußere Welt durchgängig und hinreichende durch Wirkursachen bestimmt ist und die zur Erscheinung kommende innere Welt durchgängig und hinreichend durch Zweckursachen bestimmt ist.
Wie würde Gott nun vorgehen, wenn er sehr viele Monaden auf einmal erschaffen will? Er würde dann für jede Monade jeweils eine Folge von Perzeptionen auswählen, durch die jeweils eine bestimmte Außenwelt und eine bestimmte innere Welt mit erschaffen wird. Theoretisch könnte Gott so für jede Monade eine eigene Welt schaffen, die von der Welt aller übrigen Monaden verschieden ist. Leibniz behauptet, dass wir aus der Annahme, dass Gott gut und allmächtig ist, folgern können, dass Gott die jeweiligen Folgen von Perzeptionen so auswählen wird, dass die vielen äußeren Welten, die mit jeder Monade zur Erscheinung kommen, perfekt aufeinander abgestimmt sein werden. Leibniz spricht hier von prästabilierter Harmonie. Denn täte er es nicht, dann wäre er ein lügender Gott, was seiner Güte widerspricht. Außerdem folgt daraus, dass Gott gut ist, dass er von allen möglichen Welten die beste auswählen wird.
Ganz ähnlich hat bereits Descartes argumentiert. Und ähnlich wie Descartes ist es für Leibniz wichtig, die Existenz Gottes zu beweisen. Leibniz gibt zwei Gottesbeweise an. Der erste entspricht dem ontologischen Beweis[2], den auch Descartes im Kern verwendet und der auf Anselm von Canterburry zurückgeht.
Der zweite Gottesbeweis heißt kosmologischer Beweis[3]. Er beruht auf dem Satz vom zureichenden Grund und der Tatsache, dass man die Kette der Ursachen unendlich weit zurückdenken kann. Leibniz argumentiert, dass diese unendliche Kette von Ursachen ihrerseits eine Ursache haben muss, die selbst nicht innerhalb des Weltverlaufs sein kenn. Und das könne nur Gott sein.
Nach Leibniz können wir davon ausgehen, dass Gott allmächtig und unendlich gut ist. Daher wird er, wie gesagt, die Monaden mit jeweils solchen Folgen von Perzeptionen ausstatten, dass die Welten, die den jeweiligen Monaden erscheinen werden, perfekt aufeinander abgestimmt wird (prästabilierte Harmonie). Auch wird er unter allen möglichen Folgen diejenigen auswählen, dass die bestmögliche Welt zur Erscheinung kommen wird (Theodizee). Die letzte Frage ist noch, wie Gott eine mögliche Folge zu einer tatsächlichen macht, wie aus dem Begriff einer Monade eine Monade wird, die wirklich existiert.
Leibniz meint, dass eine mögliche Monade erst dann tatsächlich existiert, wenn noch eines hinzukommt: ein inneres Streben. Leibniz nennt dies auch Entelechie, in Anlehnung an die aristotelische Begrifflichkeit. Man könnte es so formulieren: Eine mögliche Monade wird definiert durch eine unendliche Folge von Perzeptionen. Und sie existiert, wenn sie mit einem inneren Streben ausgestattet ist, die sie von einer Perzeption zur nächst folgenden antreibt..
[1] Siehe hierzu Leibniz: Die Methoden der universellen Synthesis u. Analysis, sowie Poser [47], S. 115 ff.
[2] Leibniz, Monadologie, § 45.
[3] Leibniz, Monadologie, § 38.

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