John Locke: Die res cogitans als konsequenter Ausgangspunkt der Philosophie
Der englische Arzt und Philosoph John Locke (1632-1704) war in vielerlei Hinsicht wegweisend.
Mit seinem Hauptwerk
- Essay Concerning Human Understanding, kurz: Essay, auf Deutsch: Versuch über den menschlichen Verstand, veröffentlicht 1690,
versuchte er zu erklären, wie Erkenntnis zustande kommt und was die Grenzen unseres Erkennens sind. Damit nahm er Kants Programm vorweg. Außerdem können sich die logischen Empiristen, sowie die sprachkritische Philosophie des 20. Jahrhunderts auf Locke berufen.
Descartes war insofern inkonsequent, als er zunächst behauptet hat, die gesamte Wissenschaft auf dem Ich mit seinen subjektiven Bewusstseinserlebnissen zu gründen, danach aber doch Zuflucht zu einer Reihe von obersten Prinzipien genommen hat. Descartes meinte, dass es sich hierbei um Ideen handeln würde, die dem menschlichen Geist angeboren seien und die man mittels „natürlicher Vernunfteinsicht“ klar und deutlich erkennen könne. Spinoza und Leibniz lösten diese Inkonsequenz, indem sie nicht mehr beanspruchten, die Wissenschaft alleine durch die res cogitans begründen zu können. Stattdessen setzten sie von vornherein oberste Prinzipien an den Anfang ihrer philosophischen Systeme, bei denen die res cogitans zwar noch eine prominente Rolle spielt, aber nicht die Hauptrolle.
res cogitans ohne oberste, angeborene Prinzipien
Der erste Philosoph, der Descartes‘ Anspruch, alles auf die res cogitans zurückzuführen, wirklich konsequent umzusetzen versuchte, ist John Locke. Und dazu musste er sich als ersten Schritt von den obersten Prinzipien verabschieden. Das heißt, Locke verneint, dass es bestimmte oberste Prinzipien gibt, die gleichberechtigt oder vielleicht sogar über dem Ich stehen. Weder logische Gesetze noch solche Trivialitäten wie „was ist, das ist“, seien an sich gültige Aussagen. Noch hätten mathematische Gegenstände, wie Zahlen, Punkte, Kreise, Linien eine ideale Existenz unabhängig vom Ich. Alles würde der menschliche Geist vielmehr aus mannigfaltigen sinnlichen Erfahrungen abstrahieren.
Dementsprechend versucht Locke im ersten Kapitel seine Essays die Theorie angeborener Ideen zu widerlegen. Als konkrete Beispiele verwendet er:
„Was ist, das ist“ oder „ein Ding kann unmöglich zugleich sein und nicht sein“
Locke behauptet, dass solche Prinzipien keine angeborenen Ideen sein können. Denn erstens ist es eine Tatsache, dass man sie erst im Laufe seines Lebens kennenlernt. Einer Vielzahl von Menschen sind diese Prinzipien sogar ihr Leben lang unbekannt. Wären es angeborene Ideen, so meint Locke, dann müsste sie jeder Mensch von klein auf kennen.
Locke gibt zwar zweitens zu, dass solche Prinzipien als selbstverständlich wahr erscheinen, sobald man ausdrücklich darüber nachdenkt. Er streitet aber vehement ab, dass das eine Beleg dafür ist, dass sie angeboren sind. Denn das gilt auch für viele andere Aussagen. Beispielsweise erkennt man die Gleichung 235×88=20.680 als wahr, nachdem man sorgfältig gerechnet hat, und doch würde niemand auf den Gedanken kommen, diese Gleichung für eine angeborene Wahrheit zu halten. Genauswenig könne man, so argumentiert Locke, ein oberstes Prinzip nur deswegen als angeborene Idee annehmen, weil es als selbstverständlich wahr erscheint, sobald man darüber nachdenkt.
Stattdessen ist der menschliche Geist, so behauptet Locke, zunächst wie eine unbeschriebene Tafel, eine tabula rasa. D.h. er ist anfangs völlig leer und muss erst verschiedenste Sinneseindrücke rein passiv aufnehmen. Allgemeine Prinzipien, die Zahlen, geometrische Figuren etc. würde der Mensch im Laufe seines Lebens aus den sinnlichen Erfahrungen abstrahieren. Und ohne sinnliche Erfahrungen sind die Abstrakta ebenso wenig begreifbar, wie Farbworte für einen Blinden.
Unabhängig davon, ob allgemeine Prinzipien angeboren sind oder nicht, meint Locke, dass sie sowieso dafür ungeeignet sind, die Wissenschaft zu begründen. Solche Aussagen, wie „was ist, das ist“, sind so abstrakt und leer, dass sie vollkommen nutzlos sind, um echtes Wissen zu generieren. Vielmehr sei ihr einziger Zweck, in Wortgefechten verwendet zu werden. (Essay, 4. Buch, Kap. VII)
Sprechen ohne Bezug zur empirischen Realität
Tatsächlich kommt es nach Locke oft genug vor, dass sich Philosophen in nutzlose theoretische Streitigkeiten verlieren. Dabei würden sie Worte verwenden, deren Bedeutungen unbestimmt und verworren sind. Als Beispiel nennt Locke den Begriff „Substanz“. Damit würden wir „Kenntnisse vorspielen, wo wir keine haben“ und „mit Tönen einen Lärm machen, die keine klare bestimmte Bedeutung haben.“[1]
Erst wenn wir die Bedeutung unserer Worte hinreichend geklärt haben, ist ein sinnvolles Sprechen und Denken möglich. Und nach Locke heißt das, dass wir einen Begriff auf seinen genauen empirischen Gehalt zurückgeführt haben. So können wir vom „Kreis“ deswegen sinnvoll sprechen, weil wir in der sinnlich wahrnehmbaren Realität schon kreisförmige Dinge gesehen haben. Hätten wir nie etwas Kreisförmiges wahrgenommen, so könnten wir auch nicht den abstrakten Begriff des Kreises fassen.
Ein möglicher Einwand wäre, dass man sich ja auch Dinge vorstellen kann und auch sinnvoll darüber sprechen kann, die es in der Realität nicht gibt und die man somit niemals sinnlich wahrnehmen hätte können, beispielsweise Zentauren, Pegasus, etc. Locke argumentiert, dass wir nur deswegen über Nicht-Existentes reden können, weil wir Vorstellungen davon haben, die sich aus sinnlich wahrnehmbaren Komponenten zusammensetzen. So können wir deswegen den Gedanken an Zentauren haben, weil wir wissen, wie ein männlicher Oberkörper samt Kopf, sowie wie ein Pferdeleib aussieht, und weil wir diese beiden Vorstellungen zu der Idee eines einzigen Lebewesens zusammensetzen können. Hätte man hingegen niemals etwas sinnlich wahrgenommen, das in irgendeiner Form einem Pferd ähnelt, dann könnten wir uns auch keinen Zentauren vorstellen; genauso wenig wie sich jemand, der nie gesehen hat, wohl die Farbe Rot nicht vorstellen kann.
Ein Gedanke ohne jeglichen Bezug auf sinnliche Wahrnehmung wäre somit unsinnig und ist eigentlich gar kein Gedanke, sozusagen ein Nicht-Gedanke. Die einzige Weise, wie wir einen solchen Nicht-Gedanken fassen können, ist mit Hilfe von Worten. Und zwar mit Worten, die man zwar grammatikalisch richtig verwendet, aber ohne sinnvolle Bedeutung. Solche Worte scheinen somit einen Gedanken auszudrücken, tun es faktisch aber nicht.
Mathematik als Vorbild
Ähnlich wie Descartes sieht auch Locke die Mathematik als ein Musterbeispiel für eine Wissenschaft, die sich nicht in unfruchtbaren Streitigkeiten verzettelt. Und zwar deswegen, weil die Mathematiker sich nicht an bloße Worte halten würden, sondern ihre Ideen inhaltlich klären würden. So schreibt er[2]:
„Die Mathematiker haben sich daran gewöhnt, ihr Denken von den Namen frei zu machen. Sie stellen sich die Ideen, die sie betrachten wollen, selbst vor ihren Geist, nicht aber Laute statt der Ideen. Dadurch haben sie sich viel von der Ratlosigkeit, Verlegenheit und Verwirrung erspart, die auf anderen Wissensgebieten den Fortschritt der Menschen so stark beeinträchtigt haben. Denn solange sich der Mensch an Wörter von unbestimmter und unsicherer Bedeutung klammert, ist es ihm unmöglich, bei seinen eigenen Ansichten Wahres und Falsches […] auseinanderzuhalten. Die ist das Schicksal oder Unglück sehr zahlreicher Gelehrter gewesen. Daher ist der Zuwachs an tatsächlicher Erkenntnis sehr gering gewesen, wenn man ihn mit der Zahl der Schulen, der Dispute und der Schriften, womit die Welt angefüllt wurde, vergleicht.“
Auf ähnliche Weise, glaubt Locke, könne die Theologie, die Morallehre und die Philosophie zu einer echten Wissenschaft machen zu können. Indem man sich nämlich weniger an bloße Worte hält, sondern an die zugrundeliegenden Ideen, deren Ursprung letztlich empirische ist.
Lockes Untersuchungsgegenstand: Descartes‘ res corgitans
Sehen wir uns noch einmal das cartesische Zweifeln an. Nach Descartes kann ich all meine gewöhnlichen Meinungen anzweifeln: ob dieses Ding vor mir wirklich weiß ist, ob es wirklich hart ist, ob dieses Lebewesen wirklich ein Pferd ist, dieser Gegenstand wirklich Gold ist etc. Woran ich aber nicht zweifeln kann ist, dass ich gerade eine Weiß-Empfindung, eine Hart-Wahrnehmung etc. habe. Ich kann auch anzweifeln, ob das was ich denke, wirklich so ist, wie ich meine. Was ich aber ganz gewiss weiß, ist, dass ich gerade denke. Ich kann selbst daran zweifeln, ob die Gewissheit, mit der ich 3+2=5 für wahr halte, möglicherweise eine Täuschung ist. Dass ich aber daran glaube, gerade eine mathematische Erkenntnis zu haben, daran kann ich nicht zweifeln.
Auf diese Weise gelangt Descartes zu der Einsicht, dass ich immer daran zweifeln kann, ob der Gegenstand meines Wahrnehmens, Denkens etc. so ist, wie ich ihn wahrnehme oder denke. Was ich aber wahrhaft und unanzweifelbar weiß, ist das, was Descartes die res cogitans nannte, d.h. das Ich mit seinen subjektiven Bewusstseinserlebnissen des Wahrnehmens, Denkens, etc. Diese Bewusstseinserlebnisse nennen sowohl Descartes und Locke auch „Ideen“ [3].
Locke folgt Descartes darin, dass er das Ich mit seinen subjektiven Bewusstseinserlebnissen als das einzige ansieht, das man wahrhaft weiß und das alleine unanzweifelbar ist. So schreibt er[4]:
„Da sich jedermann dessen bewusst ist, dass er denkt und dass das, womit sich sein Geist beim Denken befasst, die dort vorhandenen Ideen sind, so ist es zweifellos, dass die Menschen in ihrem Geist verschiedene Ideen haben, zum Beispiel diejenigen, die durch die Wörter Weiße, Härte, Süßigkeit, Denken, Bewegung, Mensch, Elefant … und andere mehr ausgedrückt werden.“
Des Weiteren[5]:
„Unser gesamtes Wissen besteht […] darin, dass der Geist seine eigenen Ideen beobachtet. Hierin liegt die höchste Erleuchtung und die größte Gewissheit, deren wir mit unseren Anlagen und unserer Art zu erkennen fähig sind.“
„Die erste Tätigkeit des Geistes … besteht nun darin, dass er jede von seinen Ideen einzeln erkennt und von anderen unterscheidet. Jeder beobachtet an sich selbst, dass er die Ideen kennt, die er besitzt … Da sich das immer so verhält (denn es ist unmöglich, dass man nicht wahrnimmt, was man wahrnimmt), so kann jemand, wenn eine Idee in seinem Geist vorhanden ist, unmöglich darüber Zweifel sein, dass sie sich dort befindet und dass sie eben ist, was sie ist.“
Descartes versprach, die res cogitans zum absolut gewissen Ausgangspunkt herzunehmen, um daraus die gesamte Wissenschaft herzuleiten. Tatsächlich aber hielt er sich nicht lange mit der res cogitans auf. Sie war ihm vielmehr nur ein Sprungbrett für seinen Gottesbeweis, für den er außerdem noch ein paar Axiome benötigte. Jedenfalls wurde die res cogitans als solche niemals wirklich Gegenstand von Descartes‘ Überlegungen.
Dazu im Gegensatz stellt Locke tatsächlich das Ich mit seinen Ideen ins Zentrum seines Nachdenkens. Deswegen heißt ja auch sein Hauptwerk „Versuch über den menschlichen Verstand“. Wie nie zuvor in der Geschichte der Philosophie analysiert er die subjektiven Bewusstseinserlebnisse („Ideen“), um so alles, was wir wissen, zu begründen, sowie die Grenzen unseres Wissens auszuloten.
Lockes „Ideen“
Locke stellt sich ein Ich vor, dem zunächst nur sein Bewusstseinsstrom in einer Abfolge sogenannter Ideen gegeben ist. Beispiele für solche Ideen sind: Weiß-Wahrnehmung, Härte-Empfingen, Süßes-Schmecken, Etwas-als-Pferd-Auffassen, Etwas-als-Gold-Erkennen, etc. Diese Aneinanderreihung verschiedener Bewusstseinserlebnisse oder Ideen ist nach Locke das einzige, was das Ich unzweifelhaft und absolut sicher hat.
Locke glaubt zwar mit den unmittelbaren, subjektiven Bewusstseinserlebnissen eine unzweifelhafte und sichere Grundlage seines Philosophierens zu haben, andererseits nimmt er ohne weiteres in Kauf, dass es sich dabei um eine gewissermaßen unnatürliche Position handelt, die dem normalen Verständnis zuwider läuft. Denn normalerweise glauben wir sehr wohl, dass wir uns auf eine objektive, reale Welt beziehen, das heißt, dass wir z.B. einen weißen Gegenstand sehen, einen harten Gegenstand fühlen, ein tatsächliches Pferd sehen, etc. Nach Locke sind das aber ganz selbstverständlich eigentlich nur subjektive Erlebnisse, die wir nur als objektive Eigenschaften bzw. reale Gegenstände interpretieren. So kommt es zu einem eigentümlichen Unterschied zwischen normaler Sprechweise und der Sprechweise Lockes.

Das heißt: Alles was wir normalerweise auf objektive Gegenstände beziehen, sind nach Locke eigentlich nur Ideen in unserem Geiste, so etwas wie psychische Zustände. Ganz genau gesprochen muss man die Idee aufteilen in a) den Inhalt des Bewusstseinsaktes (das was gedacht, gefühlt, etc. wird) und b) die subjektive psychische Komponente des Bewusstseinsaktes (das Wie des Denkens, Fühlens, etc.):

Diese seelischen Erlebnisse sind das, was wir unmittelbar und absolut gewiss haben, wohingegen es nur ein mittelbarer Schluss ist, dass sich diese subjektiven Seelenzustände auf etwas objektiv Reales beziehen. Diesen Schluss hält Locke allerdings normalerweise für sehr sicher.
Das Problem der objektiven Welt
Andererseits schreibt Locke[6]: „Niemand kann im Ernst so skeptisch sein, dass er über ihre Existenz der Dinge, die er sieht und fühlt, ungewiss wäre.“ So führt das Zweifle-an-Allem-Experiment in eine theoretische Falle, aus der nur noch schwer herauszukommen ist. Man versetzt sich künstlich in eine völlig anormale Welt, in der nur die Abfolge der eigenen, subjektiven Bewusstseinserlebnisse als gewiss gelten. In dieser anormalen Welt kann man sich als gewöhnlicher Mensch keine zwei Minuten aufhalten. Man greift nach der Tasse Kaffee, das Telefon klingelt oder jemand spricht einen an, und man ist unversehens wieder in der normalen Welt und die Ungewissheit, ob die Tasse, das Telefon oder die andere Person tatsächlich existieren, ist sofort verflogen. Das Problem ist nur, wie findet man wieder theoretisch konsistent zur wirklichen Welt zurück.
Um die These zu belegen, dass es doch eine objektive Welt der Dinge gibt, die wir bis zu einem gewissen Grad erkennen können, wie sie ist, entwickelt Locke seine Partikeltheorie der Wahrnehmung. Er selbst nennt sie „physikalisch“, und entschuldigt sich für den methodologischen Bruch[7]; außerdem bezeichnet er sie als bloß hypothetisch. Nach unseren heutigen Maßstäben würde man seine Theorie nicht als „physikalisch“ bezeichnen. Vielmehr handelt es sich um einer Art Rückfall in das rational-logische Argumentieren und es erinnert tatsächlich frappierend an die Wahrnehmungstheorie Epikurs. Ich gebe seine Argumentation in meinen Worten wieder[8]:
Lockes Partikeltheorie der Wahrnehmung
(1) Die sinnliche Wahrnehmung muss durch etwas bewirkt Sie ist also die Wirkung einer Ursache.
(2) Die Ursache, die die Sinneseindrücke bewirken, sind die objektiven, materiellen Gegenstände.
(3) Da eine Distanz besteht zwischen den objektiv existierenden Gegenständen und unseren Sinnen, es aber keine Fernwirkung geben kann, muss es materielle Partikel geben, die von den Gegenständen ausgesendet werden, zu unseren Sinnen gelangen und so die Sinneseindrücke erzeugen.
(4) Diese materiellen Partikel bewirken in uns zwar die sinnliche Wahrnehmung, sie sind aber selbst so klein, dass sie einzeln nicht wahrnehmbar
(5) Diese Partikel können sich unterscheiden nach Gestalt, Größe, Anzahl und Bewegung. Und je nachdem welche Gestalt, Größe, Anzahl und Bewegung sie haben und auf welches Sinnesorgan sie treffen, erzeugen sie in uns unterschiedliche Sinneseindrücke, eben die verschiedenen Farben, Gerüche, Geschmacksrichtungen, Töne etc.
(6) Die Sinneseindrücke in uns interpretieren wir als Qualitäten an den Gegenständen. Locke unterscheidet nun primäre Qualitäten von sekundären Qualitäten.
Primäre Qualitäten sind Festigkeit, Ausdehnung, Gestalt, Bewegung oder Ruhe und Zahl. Sie sind direkte Ebenbilder der realen Gegenstände. Wenn man diese Qualitäten wahrnimmt, erkennt man die Dinge so, wie sie an sich wirklich sind.
Sekundäre Qualitäten sind z.B. Farben, Gerüche, Geschmacksarten, Töne, Temperaturwahrnehmungen. Die so erzeugten Sinneseindrücke haben keine Ähnlichkeit mit den realen Eigenschaften der Gegenstände und geben die Dinge nicht so wieder, wie sie objektiv sind.
Man kann von dieser Theorie halten, was man will, aber eines ist klar: Locke hat sie weder durch empirische Beobachtung gewonnen, noch kann er sie durch Beobachtung belegen. Stattdessen bemüht er rational-logisch klingende Argumentationen, ähnlich denen, die man bereits in der Antike finden kann.
Im Kern behauptet Locke, dass sinnliche Wahrnehmung dadurch entsteht, dass die materiellen Körper kleinste Partikel ausstrahlen, die auf die menschlichen Sinnesorgane treffen und dort bestimmte Sinneseindrücke erzeugen. Dabei sind die Sinnesorgane rein rezeptiv und passiv. Man kann hier den Vergleich zu einer Kamera heranziehen: Die Körper reflektieren Licht, das sich erst durch ein Medium bewegt, dann durch eine Linse gebrochen wird, um schließlich auf dem lichtempfindlichen Film Bilder hervorzurufen. Bis zu diesem Punkt stellt Lockes Wahrnehmungstheorie den menschlichen Geist bei der sinnlichen Erfahrung als nur passiv dar. Der Geist ist wie der lichtempfindliche Film, und die Ideen entsprechen den aufgenommenen Bildern im Apparat.
Dennoch gesteht Locke dem menschlichen Geist einen gewissen aktiven Anteil zu. Das Ich erhält zu jedem Zeitpunkt eine große Mannigfaltigkeit an sinnlichen Eindrücken, z.B. visueller, auditiver und haptischer Natur. Zu einer bewussten Wahrnehmung kommt es aber erst, wenn das Ich unter dieser Mannigfaltigkeit bestimmte Eindrücke sozusagen aktiv auswählt und seine Aufmerksamkeit darauf lenkt, sich darauf konzentriert[9]. Insofern ist bei Locke der Ausdruck „eine Idee haben“ zweideutig: Es kann a) der rein passive Sinneseindruck gemeint sein, egal ob man sich seiner bewusst ist oder nicht; und b) den Sinneseindruck, auf den der Geist aktiv seine Aufmerksamkeit gelenkt hat, so dass überhaupt bewusst wahrgenommen wird.
Aber auch trotz dieses aktiven Anteils des aufmerksamen Geistes stellt sich Locke die sinnliche Erfahrung im Wesentlichen passiv vor. Dabei handelt es sich um ein Dogma des Empirismus, das zum Teil bis ins 20. Jahrhundert wirksam war. Bereits Kant distanzierte sich davon, indem er die subjektiven Voraussetzungen untersuchte, die unsere Erfahrung überhaupt erst möglich machen. In der heutigen Wissenschaftstheorie ist allgemein anerkannt, dass es eine rein passive sinnliche Erfahrung nicht gibt; vielmehr setzt Beobachtung immer auch schon ein Wissen voraus, das man während des Beobachtens einbringt.
Noch eine Bemerkung zur Unterscheidung von primären und sekundären Qualitäten. Locke will auch die Grenzen unserer Erkenntnis darlegen. Dies tut er unter anderem mittels seiner Unterscheidung in primäre und sekundäre Qualitäten. Primäre Qualitäten, wie Gestalt, Bewegung, Anzahl etc., sind eher quantitativ, mathematisch oder geometrisch, während sekundäre Qualitäten, wie Farbe, Geruch, Geschmack etc., nicht quantitativ sind. Nehmen wir nun primäre Qualitäten an den Dingen wahr, so gelingt uns eine Erkenntnis der realen Dinge, wie sie tatsächlich sind. Nehmen wir hingegen sekundäre Qualitäten wahr, so werden diese Wahrnehmungen zwar durch die realen Dinge verursacht, lassen uns sie aber nicht so erkennen, wie sie tatsächlich sind.
Später werde ich noch erörtern, dass Locke es für schwierig bis unmöglich hält, dass wir das reale Wesen der Dinge erkennen können, so wie es Aristoteles und die Scholastiker glaubten. Insofern glaubte Locke nicht an eine (aristotelische) Wissenschaft von der Natur. Offenbar hält Locke hingegen quantitativ-mathematische Eigenschaften der Natur für erkennbar; dies steht in der Tradition Galileis, für den das Buch der Natur in den Buchstaben der Geometrie geschrieben ist. Aber auch Descartes sah das Wesen der materiellen Welt in der Ausdehnung, und somit in geometrischen Eigenschaften. Und schließlich bewunderte Locke Isaac Newton, der kurz vor dem Essay seine neue mathematische Naturphilosophie veröffentlicht hatte. Somit hatte auch Locke die für neuzeitliche Denker typische mathematische Naturauffassung.
Zum Schluss sei noch angemerkt, dass Lockes Partikulartheorie dem damaligen naturwissenschaftlichen Zeitgeist entspricht. Auch Robert Boyle vertrat eine Theorie atomarer Teilchen, an die sich höchst wahrscheinlich Locke angelehnt hat[10].
[1] Locke, Essay, 2. Buch, Kap. XIII, 18. Ähnliche Aussagen findet man in: Kap. 2, XXVIII, 16; Kap. 2, X, 4; Kap. 3, X, 14; Kap. 4, III, 30; Kap. 4, V, 4; Kap. 4, VI, 1; Kap. 4, VII, 15.
[2] Locke, Essay, 4. Buch, Kap. III, 30.
[3] Locke, Essay, 2. Buch, Kap. I, 9, sowie 23. Hier schreibt er, dass eine Idee zu haben dasselbe sei wie etwas wahrnehmen.
[4] Locke, Essay, 2. Buch, Kap. I, 1.
[5] Locke, Essay, 4. Buch, Kap. II, 1 und 4. Buch, Kap. VI, 4.
[6] Locke, Essay, 4. Buch, Kap. XI, 3.
[7] Locke, Essay, 2. Buch, Kap. VIII, 22.
[8] Locke, Essay, 2. Buch, Kap. VIII, 12.
[9] Siehe Locke, Essay, 2. Buch, IX, 3.
[10] Siehe Peter R. Anstey: Boyle’s Influence on Locke, in The Bloomsbury Companion to Robert Boyle, S. 48-53.

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