John Locke: Die Struktur des Bewusstseinsstroms

Kehren wir zurück zu dem subjektiven Bewusstseinsstrom des Ichs. Sowohl nach Descartes als auch nach Locke ist es unzweifelhaft, dass das Ich gerade wahrnimmt, sieht, hört, denkt, etc.

Nach Locke handelt es sich dabei aber nicht um jeweils singuläre Bewusstseinserlebnisse. Der subjektive Bewusstseinsstrom hat vielmehr so etwas wie eine Struktur, nämlich (mindestens) in dreifacher Hinsicht. Und zwar können Bewusstseinserlebnisse, die Locke auch „Ideen“ nennt,

  1. einen äußeren Bezug auf reale Objekte haben oder einen inneren Bezug auf eigene, subjektive Bewusstseinserlebnisse; oder
  2. sie sind einfach oder komplex; oder
  3. sie sind konkret oder abstrakt.

a) Äußerer und innerer Sinn

Die sinnliche Wahrnehmung äußerer Objekte ist für einen Empiristen sicherlich eine wichtige Quelle der Erkenntnis. Locke nennt dies den äußeren Sinn. Dabei handelt es sich um konkrete Bewusstseinserlebnisse, die das Ich unwillkürlich auf Objekte der realen Außenwelt bezieht. Habe ich beispielsweise eine Rot-Wahrnehmung, so beziehe ich sie ohne Weiteres auf etwas Rotes und meine damit, dass ein Gegenstand die objektive Eigenschaft Rot hat, die in mir diese Sinneswahrnehmung erzeugt. Diese unwillkürliche Bezugnahme auf einen realen Gegenstand außerhalb von mir ist der Normalfall und wird nur durch das cartesische Zweifle-an-Allem-Gedankenexperiment gebrochen.

Nun ist es aber offensichtlich, dass das menschliche Seelenleben nicht nur darin besteht, Dinge zu sehen, zu hören oder zu fühlen, sondern auch – unabhängig von den äußeren Dingen um mich herum – innerlich Gedanken oder Gefühle zu haben. Als Empirist würde Locke gerne jedes Bewusstseinserlebnis auf eine sinnliche Erfahrung von realen Objekten zurückführen. Auf welchen konkreten, sinnlich erfahrbaren Gegenstand beziehe ich mich aber beispielsweise, wenn ich  denke? Oder wenn ich mich glücklich fühle? Hier bin ich jeweils in Bewusstseinszuständen, von denen man unmöglich behaupten kann, dass sie in dem Moment, in denen ich sie habe, von einem konkreten Ding außerhalb von mir erzeugt werden. Irgendwie muss das Ich solche Bewusstseinserlebnisse innerlich in sich selbst und unabhängig von der umgebenden Realität haben können. Andererseits ist es Locke ein wichtiges Anliegen zu zeigen, dass sich alles, was im Verstand ist, von der sinnliche Erfahrung herleiten lassen kann. So führt er den sogenannten inneren Sinn ein und bezeichnet ihn als eine zweite Erkenntnisquelle neben dem äußeren Sinn.

Jedes Bewusstseinserlebnis des inneren Sinnes ist nach Locke letztlich eine Selbstbeobachtung oder Reflexion, bei der sich der Geist selbst beim Vollzug seiner eigenen Operationen zusieht[1]. Insofern hat er das innere Seelenleben doch wieder als eine Art sinnliche Wahrnehmung „gerettet“, allerdings nicht als eine Wahrnehmung äußerer, realer Objekte, sondern als Wahrnehmung innerer, psychischer Erlebnisse, wobei auch die Wahrnehmung eines realen Objekts als inneres Erlebnis zählt.

Auf diese Weise glaubt Locke über einen zweistufigen Prozess gewährleisten zu können, dass selbst das Nachdenken über abstrakte, mathematische Zusammenhänge als auch das innere Gefühlsleben letztlich auf sinnliche Erfahrungen zurückgehen. Denn in einem ersten Schritt nehmen wir die realen Dinge außer uns wahr und speichern die Ideen davon in unserem Gedächtnis. In einem zweiten Schritt arbeitet das Ich mit diesen Ideen und beobachtet sich dabei selbst, was nach Locke abstraktes Denken und innere Gefühle zur Folge hat.

Somit behauptet Locke, dass es genau zwei Erkenntnisquellen gibt: a) den äußeren Sinn und b) den inneren Sinn. Und der innere Sinn ist im Prinzip auch ein sinnliches Wahrnehmen, nur eben nicht äußerer, realer Objekte, sondern eine Wahrnehmung dessen, was der Geist innerlich tut. So basiert auch der innere Sinn letztlich auf dem äußeren Sinn, denn die Ideen, die durch die sinnliche Erfahrung entstehen, sind das Operationsmaterial der geistigen Tätigkeiten, die der innere Sinn beobachtet. Und ansonsten gibt es keine weiteren Erkenntnisquellen, insbesondere keine Vernunfterkenntnis, die sich vollständig unabhängig von der sinnlichen Erfahrung auf ideelle Gegenstände beziehen könnte, wie die Rationalisten meinen.

b) Einfache und komplexe Ideen

Wenn wir von Dingen sprechen, dann meinen wir etwas, das eine bestimmte Gestalt hat, sich auf eine bestimmte Weise anfühlt, bestimmte Farben hat, vielleicht auch auf eine bestimmte Art schmeckt oder riecht. Ein realer Gegenstand hat ganz verschiedene sinnliche Aspekte. Und offenbar kann man die Wahrnehmung eines solchen Gegenstandes darauf zurückführen. So kann ich die Wahrnehmung des Apfels vor mir untergliedern in die Wahrnehmung seiner runden Form, der Wahrnehmung seiner roten Farbe, der Wahrnehmung seiner glatten Oberfläche, etc. Und eine solche Wahrnehmung einer bestimmten Eigenschaft des Apfels kann man möglicherweise noch weiter unterteilen, bis man schließlich zu irreduziblen Wahrnehmungen gelangt. Solche irreduziblen Wahrnehmungen nennt Locke einfache Ideen. Jede Wahrnehmung, die sich in Unter-Wahrnehmungen aufgliedern lässt, nennt Locke eine komplexe Idee.

Als typische Beispiele für einfache Ideen zählt Locke auf: Festigkeit, Hitze, Kälte, Freude, Farben, Töne, Geschmacksarten, Schmerz, Kraft, Dasein, Einheit, Aufeinanderfolge, aber auch Verben wie Gleiten, Rollen, Stürzen, Gehen, etc. Wie gesagt sind sie nach Locke nicht weiter reduzierbar, und damit nicht definierbar. Man kann sie nur durch hinweisendes Zeigen erklären.

Wesentlich für den Empirismus Lockes ist die Überzeugung, dass wir nichts denken, fühlen, wahrnehmen können, was sich nicht letztlich auf einfache Ideen zurückführen lässt. So sind ihm die einfachen das „Material unserer gesamten Erkenntnis“ und führt weiter aus: „Wenn der Verstand einmal mit einem Vorrat an solchen einfachen Ideen versehen ist, dann hat er die Kraft, sie zu wiederholen, zu vergleichen und zu verbinden, und zwar in fast unendlicher Mannigfaltigkeit, so dass er auf diese Weise nach Belieben neue komplexe Ideen bilden kann.“[2]

Komplexe Ideen sind entweder Modi, Substanzen oder Relationen. Modi könnte man auch als komplexe Eigenschaften bezeichnen; als Beispiele nennt Locke geometrische Figuren, wie Dreiecke, Vierecke etc., sowie moralische Begriffe, wie Dankbarkeit, Tugend etc. Modi können nicht für sich sein, sondern nur an Einzeldingen.

c) Konkrete und abstrakte einfache Ideen

Nehmen wir an, ich blicke auf ein Blatt Papier, dann nehme ich etwas Weißes wahr. Dabei handelt es sich um eine ganz konkrete Weißschattierung, nennen wir sie \(w^1\), später sehe ich auf eine Wand und habe wieder eine ganz konkrete Weißwahrnehmung \(w^2\), die aber natürlich, wenn ich darauf achte, auch geringfügig anders ist als . Dann sehe ich Schnee und habe die Wahrnehmung \(w^3\), die auch wieder, recht besehen, nicht ganz mit  und übereinstimmt. Und so weiter. So erhalte ich eine Reihe von Weißwahrnehmungen \(w^1, w^2, w^3, …\), alle geringfügig anders, aber dennoch subsumiere ich sie allesamt unter den Begriff „Weiß“.

Wenn Locke von einfachen Ideen spricht, dann hat das bei ihm fast durchgehend eine doppelte Bedeutung. Er kann damit die ganz konkrete, unmittelbare sinnliche Wahrnehmung meinen, beispielsweise \(w^1\) beim Erblicken des Blattes Papier vor mir. Nach Locke erhält man hierbei zunächst passiv bestimmte Sinneseindrücke, auf die der menschliche Geist – als einzigen aktiven Anteil – seine Aufmerksamkeit lenkt.

Eine einfache Idee kann bei Locke aber auch die Vorstellung bedeuten, die eine bestimmte konkrete Wahrnehmung gemeinsam hat mit einer Reihe anderer Wahrnehmungen. So gibt es nach Locke die einfache Idee der Weiße, die eine Art zusammenfassende Klammer für die verschiedenen konkreten Weiß-Wahrnehmungen \(w^1, w^2, w^3, …\) ist. Die Idee der Weiße ist somit eine allgemeine Idee, die den verschiedenen Weiß-Wahrnehmung gemeinsam ist. Um bessere Klarheit zu gewinnen, nenne ich diese Art von Ideen abstrakte einfache Ideen. Und zu \(e\) einer konkreten Wahrnehmung  notiere ich die zugehörige abstrakte einfache Idee mittels eckiger Klammern als \([e]\).

Während man bei konkreten Wahrnehmungen im Wesentlichen passiv ist, bringt der menschliche Geist abstrakte einfache Ideen aktiv selbst hervor, ohne dass dafür ein reales Objekt als Ursache dieser Idee vorliegen müsste. Daher passt auch die Bezeichnung „abstrakt“, weil abstrakte einfache Ideen losgelöst von den konkreten Dingen gebildet werden.

Wie gesagt: Locke selbst unterscheidet sehr häufig nicht ausdrücklich zwischen diesen zwei Arten von einfachen Ideen. Im Gegenteil spricht er meistens sowohl dann von einfachen Ideen, wenn es sich um eine (passive) konkrete Wahrnehmung handelt, als auch dann, wenn der Geist diese Ideen (aktiv) hervorbringt, und sie allgemeine Bedeutung haben. Eine der wenigen Stellen, bei denen Locke selbst diesen Unterschied ausdrücklich zu machen scheint, ist im Zusammenhang mit dem Gebrauch von Worten[3]:

„Wenn also der Zweck der Wörter darin besteht, dass sie als äußere Kennzeichen unserer inneren Ideen dienen, die ihrerseits von den Einzeldingen gewonnen wurden, so müsste es, falls jede einzelne Idee, die wir erwerben, ihren besonderen Namen erhalten sollte, eine unendliche Anzahl von Namen geben. Um das zu verhindern, bewirkt der Geist, dass die einzelnen Ideen, die von den einzelnen Objekten stammen, zu allgemeinen werden. Dies geschieht dadurch, dass er sie als solche Erscheinungen im Geiste betrachtet, die von allen anderen Dingen und Umständen […] losgelöst sind. Dies nennt man Abstraktion, wobei die von Einzeldingen herrührenden Ideen zu allgemeinen Vertretern aller Dinge der gleichen Gattung, ihre Namen zu allgemeinen Namen werden, die auf alles Existierende, soweit es solchen abstrakten Ideen entspricht, anzuwenden sind. Solche präzisen, nackten Erscheinungen im Geiste […] bewahrt der Verstand […] als Maßstäbe auf, um die real existierenden Dinge je nach Übereinstimmung mit diesen Mustern in Gruppen zu ordnen und entsprechend zu benennen. Wenn zum Beispiel der Geist heute an der Kreide oder am Schnee dieselbe Farbe beobachtet, die er gestern an der Milch bemerkte, so betrachtet er diese Erscheinung allein und macht sie zur Vertreterin aller Erscheinungen derselben Art. Er gibt ihr den Namen Weiße […]“

Eine andere Textstelle, die zumindest in diese Richtung weist, findet man im 3. Buch, Kap. VIII, 2:

„…, dass unsere einfachen Ideen sämtlich sowohl abstrakte als auch konkrete Namen haben, … zum Beispiel Weiße, weiß, Süßigkeit, süß …“

Meiner Interpretation gemäß hat ein Mensch zunächst konkrete Wahrnehmungen \(w^1, w^2, …\), danach die (abstrakte) Idee \(w\), die allen konkreten Wahrnehmungen \(w^1, w^2, …\) ähnlich ist, und dem Wort „weiß“ überhaupt seine Bedeutung gibt. Irgendwie hat der Geist nach Locke die Fähigkeit von einer konkreten, sinnlichen Idee \(w^i\) zu einer abstrakten, allgemeinen Idee \(w\) überzugehen, also z.B. von einer konkreten Weiß-Wahrnehmung zum Weißen im Allgemeinen. Locke nennt diese Fähigkeit Abstraktion.

Locke schreibt es zwar nicht explizit, aber er scheint auch anzunehmen, dass verschiedene Menschen zu denselben abstrakten Ideen gelangen. Denn darauf beruht seine Sprachtheorie, dass nämlich verschiedene Menschen mittels Wörter dieselben Ideen entweder tatsächlich assoziieren oder zumindest assoziieren sollten.

Diese allgemeinen, abstrakten Ideen sind es, die wir von der konkreten Wahrnehmung realer Gegenstände ablösen und in unserem Gedächtnis bewahren, und sozusagen als Muster verwenden, um weitere konkrete Wahrnehmungen zu klassifizieren und ihnen Namen zuordnen zu können. Nehmen wir zum Beispiel an, dass wir zu einer konkreten Idee \(e\) die abstrakte Idee \([e]\) gefasst und dem Wort M zugewiesen haben. Haben wir nun eine neue konkrete Wahrnehmung \(e’\), dann überprüfen wir, ob eine Ähnlichkeit zwischen \(e’\) und dem Muster \([e]\) besteht. Falls das so ist, dann bezeichnen wir auch \(e’\) mit M. Und außerdem müsste gelten \([e’]=[e]\).

Den Unterschied zwischen Rationalisten wie Descartes und dem Empiristen Locke könnte man so formulieren. Descartes glaubt, dass die zu einer konkreten Wahrnehmung  gehörige allgemeine, abstrakte Idee \([e]\) im Menschen bereits vor jeder Wahrnehmung angelegt ist und sich auf eine ideelle Realität unabhängig von jeglicher Empirie bezieht. Der Mensch braucht z.B. nie einen tatsächlichen Kreis wahrzunehmen, und kann doch mittels seiner Vernunft die abstrakte Idee von einem Kreis fassen. Und diese Idee bezieht sich auf ein mathematisches Objekt, das unabhängig von der tatsächlichen Welt real existiert, sozusagen in einem platonischen Ideenhimmel.

Locke hingegen meint: Nichts ist im Verstand, was nicht vorher sinnlich erfahren worden ist. Das heißt, dass der Mensch die abstrakte allgemeine Idee ohne vorhergehende konkrete sinnliche Wahrnehmung gar nicht fassen kann. Ferner meint er, dass sich zwar die konkreten Wahrnehmungen auf reale Eigenschaften der Einzeldinge beziehen, die abstrakte, allgemeine Idee  aber nur eine Art gemeinsames Muster ist, zu dem es keinen realen Gegenstand gibt.

Diese Unterscheidung ist auch wichtig gerade mit Bezug auf geometrische Beweise, die Locke ja für möglich hält. Bei einer geometrischen Konstruktion wird z.B. ein konkreter und nicht perfekter Kreis gezeichnet. Dabei macht man bestimmte ganz konkrete Wahrnehmungen \(e_1,…,e_n\). Würde Locke meinen, dass der Beweis sich auf diese ganz konkreten einfachen Ideen beziehen würde, würde der Lehrsatz erstens gar nicht beweisbar sein, weil der mathematische Beweis nur für perfekte geometrische Figuren funktioniert. Zweitens wäre der bewiesene Lehrsatz nur für exakt diese konkrete Konstruktion bewiesen, nicht aber im Allgemeinen. Offensichtlich hat der Mathematiker somit zwar eine konkrete Zeichnung vor sich, bezieht sich aber gedanklich auf idealisierte, perfekte geometrische Figuren, die er nur als Abstraktionen von den tatsächlichen Wahrnehmungen haben kann.

Locke spricht es nicht ausdrücklich an, aber eigentlich handelt es sich hier um eine Art von Induktion. Von vielen konkreten Beispielen wird auf eine allgemeine, abstrakte Idee geschlossen. Und zwar ist es eine Induktion, die der wahrnehmende Mensch unwillkürlich und sozusagen von Natur aus vollzieht. Das ist so wie bei Pawlows Konditionierung: aufgrund von mehr oder weniger vielen ähnlichen Erlebnissen, lernt das Lebewesen auf derartige Erlebnisse künftig und generell auf eine bestimmte Weise zu reagieren. Diese Form einer natürlichen, unwillkürlichen Induktion wird bei einigen späteren Vertretern des Empirismus wichtig werden.

[1] Locke, Essay, 2. Buch, I, 5.

[2] Locke, Essay, 2. Buch Kap. II.

[3] Locke, Essay, 2. Buch, XI, 9.

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