Locke: Über Substanz, Zahlen, Zeit, etc.
Nachfolgende erörtere ich ein paar Beispiele von Begriffen, wie sie sich Locke erklärt.
Substanzen sind komplexe Ideen von selbständigen Einzeldingen. Von der Substanz selbst haben wir keine Idee, wir können eigentlich nichts von ihr wissen, außer dass sie verschiedene Ideen zusammenfasst und sozusagen Träger dieser Ideen ist. Letztlich wissen wir über die Substanz nichts, was über unsere einfachen Ideen hinausreicht, die die Substanz als Träger dieser Ideen in sich zusammenfasst. Wird ein Einzelding d sinnlich wahrgenommen, dann habe ich eigentlich die komplexe Idee , wobei die einfachen Ideen konkrete, sinnliche Wahrnehmungen sind.
Ich erwähne noch als Beispiel, wie Locke die Idee von Gott definiert. Nach ihm ist Gott eine Substanz, die u.a. aus den Ideen Existenz, Dauer, Kraft und Freude zusammengesetzt ist und die ins Unendliche gesteigert werden[1].
Erinnern wir uns an die antike Ontologie. Platon hielt die allgemeinen Ideen für realer als die Einzeldinge, die überhaupt nur sind, insofern sie an einer Idee teilhaben. Nach Aristoteles hat jedes Ding einen Wesenskern, der es erst zu dem macht, was es ist. Somit ist das Wesen real wirksam in den Dingen. Aristoteles identifiziert dieses Wesen mit der allgemeinen Art (species). Nach Lockes Auffassung sind zwar die Einzeldinge tatsächlich, eine allgemeine Idee aber oder eine allgemeine Art haben kein reales Sein.
Allgemeine Begriffe erklärt sich Locke mittels seiner Sprachtheorie. So schreibt er[2]:
„Die gewöhnlichen Namen von Substanzen bezeichnen – ebenso wie andere allgemeine Ausdrücke – Arten; das heißt nichts anderes, als dass sie zu Zeichen von solchen komplexen Ideen gemacht werden, in denen mehrere einzelne Substanzen übereinstimmen oder übereinstimmen könnten; dadurch lassen sie sich in einer gemeinsamen Vorstellung zusammenfassen und durch einen Namen bezeichnen.“
Beispiele für solche allgemeinen Ideen sind: Mensch, Pferd, Gold, aber auch an moralische Begriffe wie Tapferkeit, Tugend oder mathematische Begriffe, wie Dreieck, Kreis, etc.
Nach Locke bildet man eine allgemeine Idee erstens durch Zusammenfassung einfacher (abstrakter) Ideen und zweitens durch die Vergabe eines Wortes dafür. Nehmen wir dazu an, dass ein Ich bemerkt, wie ein paar einfache Ideen, sagen wir , häufig gemeinsam auftreten. Locke nennt als Beispiel ein Kind, das verschiedene konkrete Menschen kennt, wie seine Mutter, den Vater, Onkel, Tante und andere. Mit der Zeit merkt das Kind, dass all diese Personen ( Sinneswesen sind, sich ( aus eigenem Antrieb bewegen und ( denkfähig sind. Es erkennt also Eigenschaften, die all diesen Personen gemeinsam sind. Eine allgemeine Idee bildet das Kind nun dadurch, dass es diese drei verschiedenen Ideen zusammenfasst und dem Ganzen einen neuen Namen gibt, in unserem Beispiel den Namen „Mensch“. Erst so gelangt das Kind zu einer bleibenden allgemeinen Idee .
Locke schreibt[3]:
„Obwohl also der Geist die Ideen zusammenfasst, so ist doch der Name gewissermaßen der Knoten, durch den sie fest zusammengehalten werden.“
Und ferner[4]:
„Um dies richtig zu verstehen, müssen wir überlegen, worin die Bildung dieser komplexen Ideen besteht. Es wird nämlich hierbei nicht irgendeine neue Idee erzeugt, sondern es werden nur solche Ideen vereinigt, die der Geist schon vorher besaß. Dabei vollzieht der Geist folgende drei Tätigkeiten: Erstens wählt er eine gewisse Anzahl aus; zweitens verknüpft er die ausgewählten Ideen miteinander und bildet darauf eine einzige Idee; drittens verbindet er sie durch einen Namen [meine Hervorhebung]“
Auf diese Weise erfüllt die Sprache bei Locke eine wichtige erkenntnistheoretische Funktion. Erst die Sprache ermöglicht die Bildung abstrakter Ideen wie Mensch, Pferd, Tugend oder Dreieck.
Zeit und Zahl. Während die meisten Philosophen vor Locke die Zeit als ein objektives Naturphänomen zu verstehen versuchten, befasste sich Locke mit dem subjektiven Zeitempfinden[5]. Er fordert zu Selbstbeobachtung auf, um festzustellen, dass uns ununterbrochen und unaufhaltsam verschiedene Gedanken durch den Kopf gehen. Die Idee der Dauer würden wir dadurch erhalten, dass wir diese ununterbrochene Kette von Ideen reflektieren: Eine Idee, die nächste Idee, die übernächste Idee und so weiter.
Andererseits würde uns diese Kette auch die Idee der Zahl vermitteln, im Sinne von: erste Idee, zweite Idee, dritte Idee und so weiter, und damit: Eins, Zwei, Drei, usw. Diese Auffassung wird später Kant aufgreifen, wenn er schreibt, dass die Zeit die Anschauungsform des inneren Sinns ist und die Grundlage fürs Zählen und die Arithmetik ist.
[1] Locke, Essay, 2. Buch Kap. XXIII.
[2] Locke, Essay, 3. Buch, Kap. VI, 1.
[3] Locke, Essay, 3. Buch, Kap. V, 10.
[4] Locke, Essay, 3. Buch, Kap. V, 4.
[5] Locke, Essay, 2. Buch, Kap. XIV.

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