Lockes Sprachphilosophie
Wie wir bereits gesehen haben, ist Lockes Sprachtheorie ein wichtiger Teil seiner Erkenntnistheorie, denn mithilfe von Worten erklärt er Allgemeinbegriffe.
Abgesehen davon nennt er zwei Hauptfunktionen der Sprache:
- Sprache dient dazu, unsere eigenen Gedanken für uns selbst zu notieren, und
- um mit anderen zu kommunizieren.
Die Funktion 1) entspricht dem cartesischen Weltbild, bei dem das Ich und sein Bewusstseinsstrom als sicherer Ausgangspunkt angesehen werden. Dementsprechend entwirft Locke das Bild eines Ichs, das einsam für sich mit bestimmten Wörtern bestimmte Ideen bezeichnet. Dabei kann sich das Ich theoretisch eine Sprache nach Belieben schaffen[1]:
„… für die Aufzeichnung unserer eigenen Gedanken zur Unterstützung unseres Gedächtnisses […] eignet sich jedes beliebige Wort. Denn da die Wörter willkürliche und neutrale Zeichen irgendwelcher Ideen sind, so kann der Mensch beliebige Wörter verwenden, um für sich selbst seine Ideen zu bezeichnen. Auch wird ihnen keinerlei Unvollkommenheit anhaften, solange er ständig dasselbe Zeichen für dieselbe Idee verwendet.“
Das, was Locke hier beschreibt, wird in der modernen Sprachphilosophie Privatsprache genannt.
Den Kern seiner Sprachphilosophie formuliert Locke so[2]:
„Zweck und Bedeutung haben die Wörter jedoch nur dann, wenn eine feste Verbindung zwischen Laut und Idee besteht.“
Das ist tatsächlich eine gewagte Behauptung, denn normalerweise würden man meinen, dass man mit Wörtern objektiv Gegebenes bezeichnet: also mit „Pferd“ ein tatsächlich existierendes Pferd oder mit „rot“ eine reale Eigenschaft an bestimmten Dingen, aber nicht irgendwelche subjektive Vorstellungen oder Sinneseindrücke davon. Locke hingegen hält dies für einen Irrglauben und besteht darauf, dass wir uns mit sprachlichen Ausdrücken nicht auf Reales oder objektiv Gegebenes beziehen, sondern auf unsere subjektiven Bewusstseinserlebnisse, die er (wie gesagt) Ideen nennt.
Das entspricht mit Sicherheit nicht unserem normalen Sprachverständnis. Denn wenn ich sage, dass das ein Stück Gold ist, dann spreche ich nicht von meinen Sinneswahrnehmungen oder Gedanken, sondern von einem realen Gegenstand. Was Locke durch seine Theorie allerdings erklären kann, ist, warum verschiedene Menschen mit demselben Wort „Gold“ Unterschiedliches verstehen. So legt er dar[3], dass beispielsweise Kinder alles, was gelblich glänzt, für Gold halten. Warum? Weil sie mit dem Wort „Gold“ die Idee Glänzend-Gelb verbinden. Erwachsene verbinden dann mit dem Wort „Gold“ nicht nur die Farbe, sondern auch die Idee einer bestimmten Schmelzbarkeit. Wieder ein anderer assoziiert auch noch die Idee eines bestimmten Gewichtes.
Nachfolgend verdeutliche ich Lockes Sprachtheorie durch ein Modell. Nehmen wir eine Person A an, die die einfachen, abstrakten Ideen \( e_1, e_2, e_3,… \) kennt, d.h. in seinem Gedächtnis bewahrt hat. Diese einfachen Ideen bilden sozusagen das Material für alles, was A denken und wissen kann. Nach Locke bedarf es dazu keiner Worte. A kann diese einfachen Ideen denken, auch ohne Worte dafür zu haben. Nun kann A, wenn er will, entweder all diesen Ideen oder einigen davon Namen geben, sagen wir \( N_1, N_2, N_3,… \). Das Wort \( N_1 \) bezeichnet also die Idee \( e_1 \), das Wort \( N_2 \) die Idee \( e_2 \) etc. Bezogen auf die ersten beiden Hauptfunktionen der Sprache heißt das folgendes.
(1) Hat A in einer konkreten Situation die Idee \( e_i \), dann könnte sich A beispielsweise das Wort \( N_i \) notieren, um diesen Gedanken festzuhalten. So könnte jemand immer dann, wenn er etwas Rotes sieht (d.h. eine Rot-Wahrnehmung hat), sich in ein Notizheft das aktuelle Datum samt Uhrzeit aufschreiben und daneben das Wort „rot“ notieren. Er könnte sich aber auch ein Wort dafür notieren, das nur er versteht, z.B. „kluck“. Wenn er sich „kluck“ notiert, weiß zwar niemand außer ihm selbst, was damit gemeint ist, aber es erfüllt den Zweck, sich für sich selbst seine Wahrnehmung zu dokumentieren.
(2) A kann das Wort \( N_i \) aber auch zur Kommunikation mit anderen Menschen verwenden. Nehmen wir dazu eine weitere Person B an. Die Person A sagt also \( N_i \), um B mitzuteilen, dass sie gerade die Idee \( e_i \) hat. Beispielsweise sagt A zu B „rot“ mit der Absicht, B mitzuteilen, dass A gerade etwas Rotes sieht. Nun ist natürlich die Frage, woher B wissen kann, welche Idee A meint. Denn immerhin sind die Ideen etwas äußerst Privates und Subjektives.
Locke meint, dass A letztlich keine andere Möglichkeit hat, als der anderen Person den Namen für eine einfache Idee durch hinweisendes Zeigen zu erklären. A muss also auf etwas zeigen und dabei beispielsweise „kluck“ sagen und hoffen, dass B dieselbe Idee wahrnimmt, die seiner gemeinten einfachen Idee entspricht und auch versteht, dass A mit „kluck“ diese Idee meint.
Nehmen wir nun für unser Sprachmodell eine ganze Sprachgemeinschaft an, in der jeder Sprecher mit den Wörtern \( N_1, N_2, N_3,… \) dieselben einfachen (abstrakten) Ideen \( e_1, e_2, e_3,… \) verbindet. Unsere Personen A und B sind Mitglieder dieser Sprachgemeinschaft.
(3) Damit können wir die dritte Funktion der Sprache erklären, wie nämlich die Sprache bei der Bildung von Allgemeinbegriffen hilft. Wohlgemerkt: An sich haben die Wörter \( N_i \) für einfache Ideen \( e_i \) bereits eine allgemeine Bedeutung, denn man kann sie in allen Situationen anwenden, in denen ein Mitglied der Sprachgemeinschaft die Idee hat[4]. So ist das Wort „rot“ insofern bereits allgemein, als es für alle Rot-Wahrnehmungen hergenommen werden kann. Wenn Locke von allgemeinen, abstrakten Ideen schreibt, dann denkt er an das, was die Scholastik Art oder Gattung bezeichnete, also beispielsweise Mensch, Pferd, Gold, aber auch an moralische Begriffe wie Tapferkeit, Tugend oder mathematische Begriffe, wie Dreieck, Kreis, etc.
Nehmen wir an, dass A bemerkt, wie die Ideen \( e_3, e_{20}, e_{41} \) häufig zusammen auftreten. A bildet die allgemeine, komplexe Idee \( \langle e_3, e_{20}, e_{41}\rangle \) und ordnet ihr, sagen wir, das Wort „M“ zu. Künftig wird A also immer mit „M“ die komplexe Idee meinen. Bezogen auf die Hauptfunktionen der Sprache bedeutet das folgendes:
(1) Nimmt A in einer konkreten Situation die drei Ideen zur Kenntnis, dann kann sich A das Wort M als Abkürzung für diesen komplexen Gedanken notieren. So hat zwar das Kind das Wort „Mensch“ gelernt, indem es ein paar Merkmale der ihm bekannten Menschen zusammenfasst, kann nun aber, immer wenn es wieder diese Merkmale wahrnimmt, das Wort „Mensch“ verwenden.
(2) A kann das Wort M aber auch zur Kommunikation mit anderen Menschen verwenden. A sagt also „M“, um B mitzuteilen, dass sie gerade die komplexe Idee \(\langle e_3, e_{20}, e_{41}\rangle\) hat. Woher kann A aber wissen, dass B mit „M“ dieselbe komplexe Idee verbindet? Möglicherweise versteht B unter M ja die komplexe Idee \(\langle e_3, e_{20}, e_{41}, e_{50} \rangle\).
Offensichtlich sind auf diese Weise Missverständnisse vorprogrammiert, wenn A gegenüber B das Wort M verwendet. Im ungünstigsten Fall kommt es zu fruchtlosen, nicht enden wollenden Streitigkeiten, und zwar einfach deswegen, weil sie ständig aneinander vorbeireden. Nehmen wir weiter an, A und B merken, dass sie das Wort M für verschiedene komplexe Ideen verwenden. Dann könnten Sie all ihre Missverständnisse und Streitigkeiten durch eine einvernehmliche Definition beilegen, zum Beispiel durch:
Def.: \(M [\latex] ist [latex] N_3, N_{20}, N_{41} \) .
Als konkretes Beispiel: „Gold ist gelbglänzend, (so und so) schwer, bei 1064°C schmelzbar.“
Nun ist unsere normale Sprache voll von Namen für komplexe, allgemeine Ideen. Beispiele dafür sind: „Gold“, „Sonne“, „Mensch“, „Pferd“, „Gerechtigkeit“, „Dreieck“, „Kreis“. Und nach Locke ist das Problem, dass verschiedene Mitglieder derselben Sprachgemeinschaft nicht selten mit einer solchen Bezeichnung für eine komplexe Idee tatsächlich unterschiedliche Ideen verbinden. Manchmal kommt es sogar vor, dass mit einem Wort gar keine einfache Idee gemeint ist; in diesem Fall handelt es sich um einen leeren oder sinnlosen Begriff.
In einer Sprachgemeinschaft mit einer nach Locke perfekten Sprache bezeichnen die Namen für einfache Ideen bei allen Mitgliedern dieser Gemeinschaft dieselben einfachen Ideen und jeder verbindet mit Namen für komplexe Ideen dieselbe Gruppe von einfachen Ideen; und ferner wird kein Wort verwendet, mit dem keinerlei Idee verbunden wird. Eine solche Sprache wäre perfekt mit Bezug auf eine optimale Kommunikation der Sprachmitglieder untereinander, so dass Missverständnisse minimiert würden.
[1] Locke, Essay, 3. Buch, Kap. IX, 2.
[2] Locke, Essay, 3. Buch, Kap. II, 6.
[3] Locke, Essay, 3. Buch, Kap. IX, 17.
[4] Siehe auch Essay, 3. Buch, Kap. VIII, 2.

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