Warum ist die Realität nicht so, wie ich sie mir wünsche?
In der Vorrede zur zweiten Auflage, spricht Kant davon, dass er in der Philosophie eine „kopernikanische Wende“ vollziehen will.
Bislang ging man davon aus, dass sich unsere Erkenntnis nach den Dingen richten müsse, was zu unauflösbaren Problemen geführt hat, wie er in der transzendentalen Dialektik gezeigt hat. Kant hingegen will es einmal mit der Annahme versuchen, dass „sich die Gegenstände nach unserer Erkenntnis richten müssen“[1]. In der ersten Auflage drückt er diesen Gedanken auch so aus, dass der Verstand der „Quell der Gesetze der Natur“ sei[2]. Und wie wir gesehen haben, spielt die produktive Einbildungskraft in Kants Philosophie eine wichtige Rolle. Er nennt sie ein Vermögen der Seele, das auf blinde, unbewusste Weise, das sinnliche Datenmaterial zu Einheiten zusammenfasst. Auf diese Weise würden wir überhaupt Dinge, Kausalitäten etc. erkennen. So ist die Erscheinungswelt das Werk der produktiven Einbildungskraft, was nach Kant überhaupt die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis ist.
Auch wenn Kant damit einige philosophische Probleme vielleicht gelöst hat, so entstehen aus seinem philosophischen Ansatz, recht besehen, andere, nicht minder gravierende Schwierigkeiten. Ich habe bereits davon geschrieben, dass es eigentlich ein Mysterium ist, warum meine Einbildungskraft im Wesentlichen dieselbe Erscheinungswelt produziert, wie die Einbildungskraft eines anderen Menschen.
Ein weiteres Problem könnte man als „Idealismus-Dizee“ bezeichnen in Anlehnung an das Theodizee-Problem. Beim Theodizee -Problem fragt man sich, wie es Böses in der Welt geben kann, wo doch Gott allmächtig und gut sein soll. In Analogie dazu stellen sich beim Idealismus-Dizee-Problem folgende Fragen: Wenn die Realität, so wie ich sie wahrnehme und erlebe, im Grunde das Werk meiner eigenen, subjektiven Einbildungskraft ist: Warum ist sie dann nicht so, wie ich sie mir wünsche? Warum lebe ich nicht in der allerangenehmsten, allerschönsten Traumwelt?
Wohlgemerkt. Solche Fragen konnten bei Kants Vorgängern, die von einer an sich, unabhängig vom Subjekt existierenden Realität ausgingen, nicht aufkommen. Denn die Realität ist nun mal die Realität, egal, was der Mensch will oder darüber denkt. Ansatzweise hätte bei Berkeley dasselbe Problem entstehen können. Denn: Wenn es keine materielle Wirklichkeit unabhängig vom wahrnehmenden Subjekt gibt, wie Berkeley meint, warum ist dann nicht alles so wie ich es mir persönlich zusammmenphantasiere? Interessant ist, dass die Divergenz von willkürlich Eingebildeten und faktisch Wahrgenommenen tatsächlich die Basis für Berkeleys Gottesbeweis darstellt. Das heißt: Berkeley anerkennt, dass die Wirklichkeit nicht so ist wie ich sie gerne hätte. Das könne aber nicht an der materiellen Außenwelt liegen, denn die könne es seiner Meinung nach nicht geben. Folglich muss ein allmächtiger Gott für die mir zuwiderlaufende Realität verantwortlich ist.
Kant freilich macht es sich nicht so leicht. Er zaubert keinen Gott aus dem Hut, um seinen philosophischen Ansatz zu retten. Allerdings scheint es so zu sein, dass er selbst das geschilderte Problem gar nicht gesehen hat. Aber egal ob er es gehen hat oder nicht, bemerkenswert ist, dass Kant einen Hinweis gibt, wie dieses Problem überhaupt entsteht. Und zwar mit seinem Verweis auf die Bedeutung der praktischen Philosophie. Denn: Wie kommt es überhaupt zu einer Diskrepanz zwischen Tatsächlichem und Gewünschtem? Wie kann man unzufrieden sein mit der Realität, so wie sie ist? Wohl nur deswegen, weil man etwas will. Wer nichts will, stößt sich nicht an der Realität. Nur wenn ich unbefriedigte Bedürfnisse habe und von einem besseren Leben träume, ist mir die Wirklichkeit eine „harte“ Wirklichkeit. Wer umgekehrt alles hat, was er sich wünscht, z.B. weil er unermesslich reich oder mächtig ist, hat bald das Gefühl, in einer „Scheinwelt“ zu leben. Läuft alles genauso, wie ich es mir wünsche, dann verliert die Realität ihren Stachel. Erst wenn die Dinge anders laufen als gewünscht, ist der Widerstand der Realität präsent. Um die Sprache Fichtes vorwegzunehmen: Erst dann ist dem Ich ein Nicht-Ich entgegengesetzt.
Fast ganz am Ende der KrV macht Kant einen Ausblick auf die praktische Philosophie[3]. Ein Ergebnis seiner kritischen Untersuchungen ist ja, erstens dass Gottes Existenz nicht beweisbar ist, zweitens dass es unklar ist, ob es eine Freiheit des menschlichen Willens gibt, und drittens dass die Unsterblichkeit der Seele nicht beweisbar ist. Andererseits, so meint Kant, sind diese drei Punkte für die Naturforschung sowieso irrelevant. In der Physik braucht man nicht die Annahme Gottes, in der empirischen Psychologie braucht man nicht die Annahme, dass Menschen frei entscheiden können, und in der Biologie braucht man nicht die Annahme der Unsterblichkeit der Seele. Wenn daran also überhaupt Interesse besteht, dann nicht aus naturwissenschaftlichen Gründen, sondern aufgrund von praktischen Gründen der persönlichen Lebensführung.
Und wonach streben wir Menschen in unserem Leben? Offenbar nach Glückseligkeit, die Kant als die „Befriedigung aller unserer Neigungen“[4] definiert. Nun ist es normalerwiese so, dass die Realität eine solche ist, dass unsere Glückseligkeit entweder nicht oder zumindest nicht dauerhaft gegeben ist. Andererseits meint Kant, dass man sich dadurch als würdig erweisen könne, glücklich zu sein, wenn man die moralischen Sittengesetze stets beachtet. Es ist somit eine Forderung der praktischen Vernunft, einen Anspruch auf Glückseligkeit zu haben, sofern man stets moralisch handelt. Dieser Anspruch wird aber, wie wir alle wissen, durch die harte Realität widerlegt. Eine ideale Welt, in der jeder genau den Grad an Glückseligkeit hat, für den er sich durch seine Taten als würdig erwiesen hat, nennt Kant „moralische Welt“. Die Idee einer moralischen Welt ist die Bedingung dafür, dass Menschen moralisch handeln, selbst dann, wenn sie keinen unmittelbaren Nutzen davon haben. Weil aber die ideale moralische Welt mit der jetzigen Wirklichkeit in Widerspruch steht, müssen wir sie in die Zukunft projizieren. Und der Garant dafür, dass die moralische Welt hoffentlich einmal Realität wird, ist Gott. Obwohl also mit Mitteln der spekulativen Vernunft nicht beweisbar, sind Gott und ein künftiges, glückseliges Leben Forderungen der praktischen Vernunft als Bedingungen dafür, überhaupt zu moralischem Handeln motiviert zu sein.
Kant hat damit das Problem nicht gelöst, warum die Erscheinungswelt, die ja von meiner subjektiven Einbildungskraft produziert wird, nicht so produziert wird, dass sie eine glückseligmachende Traumwelt für mich ist. Aber er hat immerhin erklärt, was letztlich die Realität zur Realität macht. Und zwar ist Realität für mich erst dann Realität, wenn ich etwas über sie hinaus will und sie meinem Willen einen Widerstand entgegensetzt.
[1] KrV B XVI.
[2] KrV A 128
[3] KrV B 825, A 797 ff.
[4] KrV B 824, A 806.

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