Kritik: Kants Objektivität ist eigentlich ein intersubjektiver Konsens
Am Ende des Zweifle-an-Allem-Experiments hielt Descartes die Existenz der Außenwelt für ungewiss, sogar die Gültigkeit mathematischer Gesetze.
Aber das Ich mit seinen subjektiven Bewusstseinserlebnissen („res cogitans“) blieb ihm als absolut und unanzweifelbar gewiss. Auf diese Grundlage wollte er seine Philosophie, sowie überhaupt die Wissenschaft stellen. Bei dem Versuch, das zu tun, benötigte er aber auch oberste Prinzipien, die mit dem erkennenden Subjekt nichts zu tun haben.
Locke hingegen bemühte sich, alles aus dem Ich und seinen Bewusstseinserlebnissen, die er „Ideen“ nannte, herzuleiten, insbesondere auch vermeintlich oberste Prinzipien. Hätte er seine gesamte Philosophie aus der Ich-Person heraus alleine durch Beobachtung seiner eigenen Bewusstseinserlebnisse gewonnen, dann wäre er erfolgreich gewesen. Stattdessen hat er aber hin und wieder den Standpunkt eines allwissenden Beobachters eingenommen mit dem Anspruch, die Bewusstseinserlebnisse jedes beliebigen anderen Menschen von außen sehen und analysieren zu können. Das fängt damit an, dass er die Erkenntnisse über sein eigenes Wahrnehmen und Denken unversehens auf alle Menschen übertragen hat. Es geht weiter mit seiner Partikeltheorie der Wahrnehmung, der gemäß die an sich unerkennbaren Dinge unerkennbare kleinste Partikel absondern, die, wenn sie auf die menschlichen Sinnesorgane stoßen, eine sinnliche Empfindung verursachen. Offensichtlich kann Locke diese Theorie nicht durch Introspektion gefunden haben.
Auch Kants Philosophie hat einen starken Bezug zu Descartes‘Zweifel. Seine transzendentale Deduktion der Kategorien, die Herleitung des Kausalgesetzes, die Herleitung des Grundsatzes der beharrenden Substanz, der Beweis der Existenz der Außenwelt: Überall ist der Ausgangspunkt das Ich mit seinen subjektiven Bewusstseinserlebnissen, die Kant als unanzweifelbar gewiss gelten. Kants Grundidee ist, sowohl die Metaphysik als auch die Physik letztlich auf die „subjektive Beschaffenheit des Gemüts“ zurückzuführen. Insofern kann man Kants Philosophie als den Versuch verstehen, das cartesische Programm zu vollenden. Und wahrscheinlich handelt es sich dabei sogar um den genialsten und konsequentesten Versuch.
Genial ist vor allem, wie es Kant gelingt, trotz der Subjektivität der empirischen Welt, dennoch ihre Objektivität zu retten. Bloß subjektiv ist für ihn das, was von der Beliebigkeit des erkennenden Subjekts abhängt ist. Objektiv hingegen ist, was sich der subjektiven Beliebigkeit widersetzt und den Charakter des Notwendigen hat. Und bei Kant gibt es zwei Arten des Notwendigen. Erstens das Notwendige der „harten“ Realität im Sinne eines Nicht-Ichs, d.h. der Realität, die meinem subjektiven Wünschen und Wollen entgegensteht und insofern eigentlich erst im Rahmen der praktischen Philosophie auftaucht. Diese praktische Realität ist meine Angelegenheit, mein Problem, mein Stachel: das Notwendige, das sich meiner Beliebigkeit widersetzt und deswegen unabhängig davon ist, wie meine Mitmenschen damit umgehen.
Zweitens gibt es bei Kant eine Realität im Rahmen der theoretischen Philosophie. Und das ist die Struktur der Erscheinungswelt, so wie sie für alle erkennenden Subjekte notwendig ist. Hier schließt Kant im Grunde genommen wie folgt: Alle Menschen nehmen notwendigerweise die Dinge räumlich und zeitlich wahr und jeder hält Geometrie und Arithmetik für notwendig wahr: also sind Raum und Zeit objektive Strukturen der Wirklichkeit. Jeder hält es für notwendig, dass alles, was geschieht, eine Ursache hat: also hat das Kausalgesetz objektive Gültigkeit. Alle halten die Newtonsche Physik für notwendigerweise wahr: Also sind Newtons Bewegungsgesetze objektiv gültig.
Das Schema dessen, was man Kants theoretische Realität nennen könnte, ist: Wenn alle Menschen A für notwendigerweise wahr halten, dann hat A objektive Gültigkeit. Damit läuft dieser zweite Begriff der Objektivität letztlich auf allgemeine intersubjektive Anerkennung hinaus. Ob ein Kunstwerk schön ist oder nicht, beurteilt jeder anders, – also ist seine Schönheit keine objektive Tatsache. Dass „1+1=2“ wahr ist, hält jeder für eine unanzweifelbare Selbstverständlichkeit, – also ist sie dem beliebigen, subjektiven Dafürhalten enthoben und hat den Charakter objektiver Gültigkeit.
Und genau darauf läuft Kants Argumentation fast jedes Mal hinaus. Bei der Wahrnehmung eines Dinges gibt es viel, was subjektiv beliebig ist, die Farbe, die Härte, der Geschmack. Was aber nicht beliebig ist, ist die räumliche und zeitlich Erscheinung des Dings. Das Kausalitätsprinzip „beweist“ Kant, indem er behauptet, dass ein Geschehnis, bei dem man keine hinreichende Ursache annimmt, nur eine subjektiv-beliebige Wahrnehmung wäre, ohne Anspruch, objektiv zu sein. Etc. Etc. Immer stellt Kant dem subjektiv Beliebigen das objektiv Gültige gegenüber. Und das heißt eben: Das objektiv Gültige ist das, was nicht subjektiv beliebig ist, sondern für das ein intersubjektiver Konsens besteht, notwendig wahr zu sein.
Dieses (theoretische) Verständnis Kants von Objektivität nimmt bis zu einem gewissen Grade das vorweg, was (meines Wissens) erstmals von Otto Neurath in den 1930er-Jahren formuliert wurde[1], etwa zeitgleich auch Karl Popper mit Bezug auf sog. empirische Basissätze vertrat[2], und sich später auch bei Quine finden lässt[3]. Sie alle hielten Wissenschaft nicht für eine Privatangelegenheit einzelner, sondern meinten, dass sich Wissenschaft wesentlich durch die Gemeinde der Wissenschaftler konstituiert. Was als glaubwürdige Beobachtung, als aussagekräftiges Experiment oder als zutreffende Theorie gilt, wird durch einen Konsens der Wissenschaftler bestimmt. Woran alle glauben, gilt als wahr.
Zwischen Neurath, Popper, Quine auf der einen Seite und Kant auf der anderen Seite gibt es allerdings einen wichtigen Unterschied. Die modernen Denker berücksichtigen die Tatsache, dass sich der wissenschaftliche Konsens ändern kann. Immerhin konnten Neurath, Popper und Quine den Aufstieg der Relativitätstheorie und Quantentheorie hautnah miterleben.
Kant hingegen hielt Wissenschaft, zumindest was ihre Grundsätze betrifft, für unveränderlich und fest zementiert. Zu seiner Zeit galten die euklidische Geometrie, als auch die Newtonsche Physik als völlig alternativlos. Anders geartete Geometrien oder eine anders geartete Physik hielt man für undenkbar. Zwar kamen Gauß bereits um 1800 erste Ideen, die in Richtung nicht-euklidische Geometrien wiesen. Gauß vermied es aber tunlichst, etwas darüber zu veröffentlichen. Er befürchtete nämlich, dadurch seine wissenschaftliche Reputation zu gefährden. Wie recht er damit hatte, zeigt das Schicksal von Janos Bolyai (1802-1860), der 1832 als einer der ersten einen Aufsatz über nicht-euklidische Geometrie verfasste, – und damit seiner Karriere als Mathematiker den Todesstoß gab, da die allermeisten seiner Kollegen solche Ansätze als unseriösen Unsinn empfanden.
Das zeigt, wie sehr man zu Kants Zeiten die euklidische Geometrie für unanzweifelbar alternativlos ansah. Und dasselbe galt damals für die Newtonsche Physik. Jeder der öffentlich an ihr gezweifelt hätte, wäre als unwissender Spinner abgekanzelt worden. Der wissenschaftliche Konsens war so stark, dass man ihn nicht als Konsens erkannte, sondern für eine unabdingbare, alternative Denknotwendigkeit hielt. Und nur weil man damals glaubte, dass die euklidische Geometrie und die Newtonsche Physik, nicht nur auf einen (wandelbaren) Konsens beruhen würden, sondern unabdingbar notwendig seien, konnte Kant meinen, sie würden aus der „subjektiven Beschaffenheit des Gemüts“ folgen, so dass jeder vernünftige Mensch sie für wahr halten müsse.
Kant versuchte die objektive Gültigkeit des euklidischen Raumes, des Kausalgesetzes, der Beharrlichkeit der Substanz, die Newtonschen Bewegungsgesetze so abzuleiten, dass sie unverrückbar aus der Beschaffenheit des menschlichen Erkennens folgen würde. Er glaubte, dass seine Beweise stringent seien. Trotz seiner komplizierten Argumentationen, konstatierte er im Grunde aber nur, dass alle seine Zeitgenossen gerade all dies für alternativlos wahr hielten, und verallgemeinerte, dass das generell für alle vernünftigen Lebewesen so sein müsse. Und deswegen, so schloss er weiter, könnten alle erkennenden Subjekte nicht anders, als die empirische Wirklichkeit gemäß der euklidischen Geometrie wahrzunehmen oder die Kausalgesetze für gültig zu halten. Was aber alle glauben müssen, aufgrund der Beschaffenheit ihres Erkenntnisvermögens, müsse dann eine objektive Struktur der Erscheinungswelt sein.
Insofern steht und fällt Kants Philosophie mit der vermeintlichen Alternativlosigkeit der euklidischen Geometrie, der Alternativlosigkeit des Kausalgesetzes, sowie der Alternativlosigkeit der Newtonschen Physik. Nun wurden nicht-euklidische Geometrien ab dem Habilitationsvortrag Bernhard Riemanns 1854 salonfähig. Die Quantenphysik stellt das streng deterministische Kausalitätsprinzip in Frage. Und die Newtonsche Physik wurde von Einsteins Relativitätstheorie abgelöst.
Ich will dies anhand der Geometrie etwas genauer erörtern. Wir stellen uns den Raum normalerweise so vor, dass eine gerade Linie in die beide Richtungen unendlich weiterläuft. Möglicherweise ist das aber eine Täuschung und der reale Raum verhält sich so, dass man, wenn man einer gerade Linie immer geradeaus weiter folgt, schließlich wieder an den Ausgangspunkt zurückkommt. Man kann sich das am besten klar machen, wenn man ins Zweidimensionale geht. Stellen wir uns vernunftbegabte „Flachmenschen“ vor, deren Welt die Oberfläche einer riesigen Kugel ist. Dies Flachmenschen könnten glauben, dass sie auf einer unendlichen zweidimensionalen Fläche leben, die den Gesetzen der euklidischen Geometrie genügt. Denn in ihrem überschaubaren Bereich scheint das auch so zu sein. Tatsächlich ist aber jede ihrer geraden Linien faktisch ein Kreis. So lange es der allgemeine Konsens der Flachmenschen ist, auf einer euklidischen Ebene zu leben, könnten sie meinen, dass euklidische Flächen denknotwendig sind. Bemerken sie aber irgendwann die wahre Gestalt ihres Lebensraumes, werden sie sich auch eine andere Geometrie ausdenken.
Heute weiß man, dass weder die euklidische Geometrie, noch das Kausalitätsprinzip, noch die Newtonsche Physik denknotwendig sind. Folglich hat Kant unrecht, wenn er behauptet, dass sie aus der subjektiven Beschaffenheit des „menschlichen Gemüts“ ableitbar sind. Und das heißt, man kann es drehen und wenden wie man will, dass Kants glänzender Versuch, die objektive empirische Wirklichkeit, aus dem erkennenden Subjekt herzuleiten, gescheitert ist.
Aber Kants Philosophie hat einen weiteren Schönheitsfehler. Die reinen Verstandesbegriffe, ohne die es seiner Meinung nach keine objektive Erkenntnis geben kann, leitet er von den logischen Urteilsformen ab. Die Kategorie der Realität letztlich vom bejahenden Urteil, die Kategorie der Kausalität vom hypothetischen Urteil, die Kategorie der Substanz vom kategorischen Urteil, etc. Noch vor seiner alles begründenden Philosophie, muss Kant also offenbar die Gültigkeit der Logik annehmen. Was begründet dann aber die Logik? Sie fällt bei Kant einfach so vom Himmel. Insofern hat sein Begründungsprojekt, das seinen Ausgang beim bloß erkennenden Subjekt nehmen sollte, um daraus die objektive Wirklichkeit herzuleiten, einen Makel. Und diesen Makel wollte Fichte mit seiner idealistischen Philosophie beseitigen.
[1] Siehe z.B. Neuraths Aufsatz: Radikaler Physikalismus und „Wirkliche Welt“, in Haller, Rutte (Hg.): Gesammelte philosophsische und methodologische Schriften, S. 611-623.
[2] Karl Popper: Logik der Forschung, S. 74 f.
[3] Quine: Fünf Marksteine des Empirismus.

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