Viele Einbildungskräfte oder nur eine Einbildungskraft?
Spricht man umgangssprachlich von „Sinneswahrnehmung“, „Einbildungskraft“ oder „Verstand“, dann meint man damit immer ein Vermögen einer individuellen Person.
Beispielsweise sagt man, dass X einen hellen Verstand hat, weil sie schnell begreift, oder dass Y eine gute Einbildungskraft hat, weil sie sich Dinge gut vorstellen kann. Auch Kant scheint von dem Vermögen einer individuellen Person zu sprechen, wenn er von „Sinneswahrnehmung“ oder „Verstand“ spricht. X nimmt sinnlich wahr, bedeutet, dass X selbst gerade etwas sieht, hört oder fühlt, und dass ihr Sehen, Hören oder Fühlen ein anderes ist als das von Y. Man sagt zwar, dass beide, X und Y, über Sinneswahrnehmung verfügen, es ist aber klar, dass es nicht eine Sache ist, die bei beiden gleich ist, sondern die Sinneswahrnehmung von X eine andere ist als die Sinneswahrnehmung von Y.
Bekanntlich definiert Kant den Verstand als das Vermögen zu urteilen. Wenn nun beide, X und Y, im kantischen Sinne Verstand haben sollen, dann will er selbstverständlich damit nicht sagen, dass alle Urteile von X zeitgleich dieselben sind wie die von Y. Im Gegenteil wird es eher der Normalfall sein, dass sich die konkreten Urteile von X, die sie jetzt gerade hat, stark von denjenigen Urteilen unterscheiden, die Y gerade hat. Auch hier spricht man zwar davon, dass beide, X und Y, Verstand haben, aber nicht in dem Sinne, dass sie sich gewissermaßen ein Gehirn teilen.
Offensichtlich meint Kant auch mit der reproduktiven Einbildungskraft das Vermögen einer individuellen Person. Haben wir also zwei Personen, A und B, dann haben sie jeweils ihre eigenen Vorstellungen und Phantasien. Man spricht also davon, dass beide eine (reproduktive) Einbildungskraft besitzen, aber meint sicherlich nicht damit, dass hier beide Male ein und dasselbe Vermögen am Werk ist.
Wie steht es aber mit Kants Vermögen der produktiven Einbildungskraft?
Kant bezeichnet sie als „Vermögen der Seele, ohne welches wir überhaupt keine Erkenntnis haben würden“. In seiner Philosophie ist die produktive Einbildungskraft deswegen von besonderer Bedeutung, weil sie die subjektive Kraft ist, die wesentlichen Anteil daran hat, die Erscheinungswelt zu erschaffen. Aus den mir individuell gegebenen Sinnesdaten generiert die Einbildungskraft auf unbewusste, blinde Weise die Welt, wie sie mir erscheint. Aber warum ist meine Erscheinungswelt in etwa die gleiche wie die anderer Menschen? Während die Produkte meines Verstandes, meine individuellen Gedanken, selbstverständlich von den Produkten eines anderen Verstandes, eben den individuellen Gedanken eines anderen Menschen, verschieden sind, sollen aber die Werke von produktiven Einbildungskräften verschiedener Menschen im Wesentlichen gleich sein. Ist das nicht ein Rätsel?
Nehmen wir an, die Personen A und B sind ähnlichen sinnlichen Gegebenheiten ausgesetzt. Sie könnten sich beispielsweise in demselben Raum eines Museums befinden und gemeinsam eine kubusförmige, silberne Skulptur ansehen. A und B haben jeweils ihre eigenen persönlichen Sinneswahrnehmungen, sowie ihre eigenen persönlichen Gedanken beim Betrachten des Kunstwerks. Nun ist gemäß Kants Philosophie sowohl bei A als auch bei B jeweils die jeweils eigene produktive Einbildungskraft am Werk. Die Skulptur, wie sie an sich ist, soll völlig unerkennbar sein.
Die Frage ist nun: Warum sollte die produktive Einbildungskraft von A aufgrund der A gegebenen Sinnesdaten in etwa dasselbe Ding zur Erscheinung bringen, wie es die Einbildungskraft von B tut aufgrund derjenigen Sinnesdaten, die B gegeben sind? Warum sieht B (im Wesentlichen) denselben silbernen Kubus wie A? Warum sieht B nicht z.B. eine goldene Kugel?
Hierauf gibt Kant, wenn ich es richtig sehe, keine befriedigende Antwort. Auch die Beweisführung der transzendentalen Deduktion hat hier eine Lücke. Sein Argument ist: Damit das „ich denke“ alle meine Bewusstseinserlebnisse begleiten kann, müssen all meine Wahrnehmungen, Vorstellungen, Erinnerungen etc. bereits synthetisch vereinigt sein, und zwar als Vereinigungswerk der blind agierenden Einbildungskraft. Und weil nach Kant solche Vereinigungen nur gemäß den Kategorien stattfinden können, ist damit gezeigt, dass ich das Produkt der Einbildungskraft, die Erscheinungswelt, nur gemäß den Kategorien erkennen kann. Damit hat Kant aber nur gezeigt, welche Form die Erscheinungswelt haben muss, nicht aber warum sie inhaltlich so ist, wie sie ist.
Anders formuliert: Sinnesdaten, die A in einer bestimmten, konkreten Situation hat, müssen bereits durch die Einbildungskraft mittels irgendeiner Kategorie vereinigt sein, z.B. durch die Kategorie der Kausalität. Welche Notwendigkeit soll aber darin bestehen, dass bei einer ähnlichen Datenlage auch die Einbildungskraft von B die Kategorie der Kausalität anwendet und nicht z.B. die Kategorie der Substantialität? Warum muss die Einbildungskraft von B eine in wesentlichen Punkten ähnliche Erscheinungswelt produzieren, wie die Einbildungskraft von A?
Dass das normalerweise so ist, dass also in ähnlichen Situationen zwei Personen etwa die gleichen Wahrnehmungen haben und dieselben Dinge erkennen, ist eine empirische Tatsache. Kants Philosophie will aber keine Erfahrungswissenschaft sein, sondern a priori gültige Wahrheiten ausdrücken. Welches a priori gültiges Argument könnte es aber dafür geben, dass die jeweiligen produktiven Einbildungskräfte verschiedener Menschen in etwa dieselbe Erscheinungswelt erzeugen?
Ich will das Problem, das Kant hat, so auf den Punkt bringen. Wenn A und B schlafen und dabei träumen, dann ist das Träumen auch ein Werk der produktiven Einbildungskraft. Niemand nimmt aber an, dass A und B ähnliche Träume haben werden. Warum aber soll die produktive Einbildungskraft, wenn es darum geht, die Erscheinungswelt zu generieren, bei beiden fast dasselbe Produkt hervorbringen?
Verlassen wir an dieser Stelle einmal kurz Kants Philosophie und überlegen uns, wie und ob sich dieses Problem bei Kants Vorgänger gestellt hat bzw. wie sie es gelöst haben.
Descartes argumentierte, Gott selbst würde garantieren, dass das, was klar und deutlich erscheint, auch tatsächlich so ist. Nach Descartes ist es sowohl A als auch B klar und deutlich, dass in diesem Raum eine Skulptur existiert, deren Farbe zwar mit einer gewissen Unklarheit verbunden ist, deren geometrische Form aber völlig klar und deutlich ist. Demnach stellt es für Descartes kein Problem dar zu erklären, warum beide diese eine Skulptur in derselben räumlichen Gestalt erkennen. Somit bereitet Descartes das genannte Problem deswegen keine Schwierigkeiten, weil er die Dinge an sich bis zu einem bestimmten Grade, insofern sie nämlich klar und deutlich sind, für erkennbar hielt. Auch Locke geht in seiner Wahrnehmungstheorie von den Dingen an sich aus. Bezogen auf das obige Beispiel würde die an sich bestehende Skulptur atomare Partikelchen abstrahlen, die, sobald sie auf die Sinnesorgane von A und B treffen, ähnliche Sinneseindrücke verursachen. Wir sehen also, dass sich die Frage, warum verschiedene Menschen überhaupt in ähnlichen Erscheinungswelten leben, in solchen philosophischen Systemen, die kein Problem mit der Erkennbarkeit von Dingen an sich haben, nicht stellt. Diese Frage ist dann sogar direkt absurd.
Sehen wir uns noch weitere Vorgänger Kants an. Für Spinoza existiert eigentlich nur die eine göttliche Substanz. Somit scheinen die Wahrnehmungen und Gedanken von A und B nur verschiedenen Individuen anzugehören, tatsächlich sind sie aber Attribute der einen göttlichen Substanz. So kann man im Rahmen von Spinozas Pantheismus sehr gut erklären, warum verschiedenen Menschen im Grunde dieselbe Welt erscheint. Dasselbe gilt für Leibniz. Die Monaden haben zwar keine Fenster, aber die von Gott eingerichtete prästabilierte Harmonie garantiert, dass die Erscheinungswelten verschiedener Menschen miteinander harmonieren. Nach Berkeley ist die gesamte materielle Welt bloßer Schein, der aber dank Gottes Weisheit und Güte schön geordnet ist. Also auch dann stellt sich Kants Problem nicht, wenn ein philosophisches System zwar rein subjektive Erscheinungswelten annimmt, die aber durch die göttliche Allmacht irgendwie harmonisiert werden.
Hume gibt erstens eine psychologische Erklärung dafür, warum wir Menschen an eine dauerhafte und unabhängige Existenz materieller Dinge glauben, zweitens gibt er notwendige Bedingungen dafür an, nämlich Beständigkeit und kausale Kohärenz. Allerdings ist er Skeptiker und bezweifelt, dass wir, auch wenn diese beiden Bedingungen erfüllt sind, etwas wirklich Stichhaltiges über die objektive Welt wissen können. Insbesondere ist es ja gerade Teil seiner Skepsis, dass verschiedene Menschen möglicherweise in unterschiedlichen subjektiven Erfahrungswelten leben.
Zwar glaubt auch Kant nicht, dass wir die Dinge so erkennen können, wie sie an sich sind. Aber er hält ein Wissen über die Erscheinungswelt durchaus für möglich. Und dieses Wissen muss für A dasselbe sein wie für B, ansonsten wäre es kein Wissen. Das bedeutet, dass die Erscheinungswelt in wesentlichen Aspekten für A und für B gleich sein müssen. Somit muss aber, wie gesagt, die Einbildungskraft von A in ähnlichen Situationen ähnlich arbeiten wie die von B. Auf eine an sich existierende materielle Welt, die der Erscheinungswelt beider gleichermaßen zugrunde liegt, wie es Descartes und Locke tun, kann sich Kant nicht berufen. Denn er lehnt es ja ab, dass die Dinge an sich erkennbar wären. Eine von Gott eingerichtete Harmonie wie sie Leibniz und Berkeley annehmen, kennt Kant auch nicht.
Das einzige Argument, das Kant zu haben scheint, ist, dass alle Menschen, was ihre Subjektivität betrifft, dieselbe Struktur aufweisen, und deswegen ein und dieselbe produktive Einbildungskraft besitzen, die bei allen in etwa dieselbe Erscheinungswelt hervorbringen müsste. Dieses Argument beruht aber, genau genommen, auf einer Sprachverwirrung. Mit demselben Argument könnte man zu zeigen versuchen, dass alle Menschen jederzeit in etwas dasselbe denken müssten, denn sie haben ja alle denselben menschlichen Verstand. Jedem ist aber klar, dass man zwar sagt, dass alle Menschen denselben Verstand haben, damit aber meint, dass wir alle ein prinzipiell ähnliches Denkvermögen besitzen, woraus man aber nicht schließen darf, dass alle jederzeit Ähnliches denken. Und genauso wenig darf man daraus, dass wir Menschen nach Kant alle ein unbewusstes Vermögen haben, das sinnlich Gegebene gemäß den Kategorien zu verknüpfen, schließen, dass die jeweiligen Escheinungswelten, in denen jeder von uns lebt, im Wesentlichen gleich sind.
Kant müsste irgendwie erklären, dass die produktive Einbildungskraft von A eine ähnliche Erscheinungswelt hervorbringt wie die produktive Einbildungskraft von B. Leider findet man in Kants Schriften keinen Hinweis, wie Kant das zu tun versucht.
Eine Lösung, die Kant sicher nicht gewählt hat, hätte einen biologischen Charakter: Wir Menschen sind deswegen mit derselben Einbildungskraft ausgestattet sind, die bei uns allen ähnliche Erscheinungswelten hervorbringt, weil wir derselben biologischen Gattung angehören. Die produktive Einbildungskraft wäre somit, sagen wir, eine Funktion unseres Gehirns. Es ist bemerkenswert, dass Arthur Schopenhauer, der sich durchaus als Nachfolger Kants verstand, diese Lösung gewählt hat. Schopenhauer behauptet nämlich, dass die Welt der Erscheinungen ein bloßes „Gehirnphänomen“ sei[1].
Eine andere Lösung, die Kant auch nicht gewählt hat, wird Fichte mit seiner Ich-Philosophie geben. Das transzendentale Ich Kants wird bei Fichte zu dem einen absoluten Ich. Dieses absolute Ich soll der Inbegriff aller Realität sein. Indem Fichte das Ich als die „Eine Substanz“ [2] bezeichnet, erinnert seine Philosophie an Spinozas Pantheismus. Auch in Fichtes Philosophie spielt die produktiven Einbildungskraft eine wichtige Rolle. Wie bei Kant bringt sie die Erscheinungswelt hervor. Hat man aber nur ein Ich, dann gibt es auch nur eine Einbildungskraft, und somit auch nur eine Erscheinungswelt. Und damit ist Kants Problem gelöst.
Innerhalb Kants eigener Philosophie hingegen bleibt das Problem, wie die verschiedenen Einbildungskräfte für alle Menschen eine allen im Wesentlichen ähnliche Erscheinungswelt hervorbringen soll, ein ungelöstes Mysterium.
[1] Schopenhauer: Welt als Wille und Vorstellung II, S. 12, sowie S. 31.
[2] FW I, S. 142.

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