Die Frage nach der Vielheit des sinnlich Gegebenen

Kant spricht davon, dass das sinnlich Gegebene nicht nur eines ist, sondern in einer großen Vielzahl daherkommt.

Nehmen wir ein konkretes Beispiel an: ich nehme auf einer Wiese einen rot-gelb-gestreiften Kinderball wahr. Darauf bezogen habe ich, sagen wir, eine Reihe von Sinnesdaten A1, A2, A3, … , An. Wie kann ich unterscheiden, dass A1 anders ist als A2? Oder A2 anders ist als A3? Offenbar muss jedes Ai bereits spezifische Merkmale haben, damit ich sie überhaupt unterscheiden kann. Dass ich sie unterscheiden kann, setzt voraus, dass es prinzipiell möglich sein muss, an ihnen jeweils spezifischen Merkmale begrifflich auszudrücken. Damit beißt sich aber die Katze in den Schwanz. Denn die Ai sollten ja vorbegrifflich gegeben sein. Dass ich aber z.B. eine Rotwahrnehmung von einer Gelbwahrnehmung oder einer Ballform-Wahrnehmung unterscheiden kann, d.h. dass es überhaupt viele Sinnesdaten gibt und nicht nur eines, müssen die Sinnesdaten bereits nach begrifflich ausdrückbaren Merkmalen unterscheidbar sein.

Eigentlich wäre es logisch konsequent nur von einem einzigen Sinneseindruck zu sprechen. Und dieses eine sinnlich Gegebene würde erst durch die produktive Einbildungskraft zu einer Vielheit von vermeintlichen Sinneseindrücken geschaffen. Dann gäbe es das eine Datum, das wahrhaft unabhängig vom erkennenden Ich, aber immer noch für das Ich gegeben ist, aus dem die blind wirkende Einbildungskraft die Gesamtheit der Erscheinungswelt erzeugt.

Bemerkenswert ist, dass man dann bereits einen ersten Schritt in Richtung der Philosophie Fichtes getan hat. Fichte spricht von dem einen Anstoß, der unabhängig vom Ich auf das unendliche Ich geschieht, so dass es sich in ein endliches Ich und ein Nicht-Ich aufteilt. Und nach Fichte würde erst die produktive Einbildungskraft die Erscheinungswelt hervorbringen, indem sie zwischen dem unendlichen und dem endlichen Ich unaufhörlich oszilliert, oder wie Fichte sich ausdrückt: zwischen den beiden „schwebt“.

Bedenkt man, dass sich Fichte als Vollender von Kants Philosophie versteht, dann scheint Fichte die genannte Problematik gesehen zu haben, wie bei Kant überhaupt eine Vielheit von sinnlich Gegebenen möglich sein soll.

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