Produktive und reproduktive Einbildungskraft

Nach Kant entspringt Erkenntnis aus zwei „Stämmen“, nämlich a) der Sinnlichkeit (Anschauung) und b) dem Verstand (Begriffe).

Daneben kennt Kant aber auch das seelische Vermögen der Einbildungskraft. Sie steht gewissermaßen zwischen Sinnlichkeit und Verstand, bzw. vermittelt zwischen diesen beiden, indem sie das Gegebene der Sinnlichkeit für den Verstand vorbereitet.

Genau genommen unterscheidet Kant zwei Arten von Einbildungskraft

  1. die reproduktive (empirische) Einbildungskraft
  2. die produktive (reine oder transzendentale) Einbildungskraft.

Die reproduktive Einbildungskraft

Das Vermögen, das Kant „reproduktive Einbildungskraft“ nennt, ist das, was man sich normalerweise unter Einbildungskraft vorstellt. Ich kann mir z.B. einen Apfel vorstellen, ohne dass mir einer gerade sinnlich wahrnehmbar vorliegt. Ich bilde mir den Apfel also ein, unabhängig von der gerade gegebenen Situation. Ein anderes Beispiel ist, dass ich mir aus Dingen, die ich einmal wahrgenommen habe, etwas Neues konstruiere. Auf diese Weise kann ich mir ein geflügeltes Zebra oder einen sprechenden Vogel einbilden. Die so verstandene Einbildungskraft ist somit das Vermögen, sich Dinge unabhängig davon, was sinnlich gerade gegeben ist, zu vergegenwärtigen oder sich aus früheren Sinneswahrnehmungen etwas Neues zu konstruieren.

Die reproduktive Einbildungskraft ist ein psychisches Phänomen, das man mit empirischen psychologischen Mitteln untersuchen kann, sofern man annimmt, dass hier bestimmte Assoziationsgesetze wirksam sind.

Die produktive (transzendentale) Einbildungskraft

Neben der Einbildungskraft, die Kant in dem bekannten herkömmlichen Sinne versteht, verwendet Kant diesen Begriff noch in einem spezifisch philosophischen Sinn. So schreibt er[1]:

„Die Einbildungskraft ist ein blindes, obgleich unentbehrliches Vermögen der Seele, ohne welches wir überhaupt keine Erkenntnis haben würden, dessen wir uns aber selten einmal bewußt sind. Allein, diese Synthesis auf Begriffe zu bringen, das ist eine Funktion die dem Verstand zukommt, und wodurch er uns allererst die Erkenntnis in eigentlicher Bedeutung verschafft.“

Die so verstandene Einbildungskraft nennt Kant auch „produktiv“ oder „transzendental“. Kant meint, dass die sinnlichen Daten für sich genommen keine Einheit bilden können. Erst die produktive Einbildungskraft vereinigt verschiedene Sinnesdaten zu einer Synthese. Kant nennt die Einbildungskraft deswegen auch das Vermögen der „Synthesis des Mannigfaltigen“. Diese Synthesis generiert die Einbildungskraft aber „blind“ und „unbewusst“. Bewusst wird man sich dieser Synthesis erst, indem sie von dem Verstand auf den Begriff gebracht wird. Diesen bewussten Akt kann der Verstand aber nur vollziehen auf der Grundlage der Synthesis, die vorher bereits die Einbildungskraft unbewusst vollzogen hat. So ist die Einbildungskraft die Voraussetzung für das verstandesmäßige, begriffliche Erkennen.

Bekanntlich spricht Kant in der Vorrede zur zweiten Auflage (B) über eine „kopernikanische Wende“, die er mit seiner Philosophie machen möchte. Die bisherige Metaphysik sei deswegen gescheitert, weil man immer annahm, „alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten“[2]. Wechselt man aber radikal die Perspektive und nimmt an, die Gegenstände müssten sich nach unserem Erkennen richten, dann, so hofft Kant, sei eine wissenschaftliche Metaphysik möglich. Die Dinge, wie sie an sich, unabhängig von unserem Erkennen sind, sind unerkennbar. Stattdessen müssen wir uns mit einer Erscheinungswelt zufrieden geben, die immer schon für uns ist, und das heißt: dass die Erscheinungswelt ein Werk unseres subjektiven Erkenntnisvermögens ist. In der ersten Auflage der KrV hat das Kant wie folgt zum Ausdruck gebracht:

„Der Verstand ist selbst der Quell der Gesetze der Natur.“ (A 128)

„Die Ordnung und Regelmäßigkeit […] an den Erscheinungen, die wir Natur nennen, bringen wir selbst hinein, und würden sie auch nicht darin finden können, hätten wir sie nicht […] ursprünglich in sie hineingelegt.“ (A 125)

Man kann Kants transzendentale Deduktion der reinen Verstandesbegriffe interpretieren wie man will, aber dieser Gedanke, dass die Erscheinungswelt bis zu einem gewissen Grade das Werk unseres subjektiven Erkenntnisvermögens ist, liegt ihr mit Sicherheit zugrunde.

Und hierin liegt auch die große Bedeutung der produktiven Einbildungskraft in Kants Philosophie. Sie ist genau die subjektive Kraft, die wesentlichen Anteil daran hat, die Erscheinungswelt zu erschaffen. Die Sinnesdaten, so fordert es Kant, sollen irgendwie gegeben sein, aber dass ich glaube, Dinge wahrzunehmen, kausale Gesetzmäßigkeiten oder andere Zusammenhänge zu erkennen, ist das Werk der produktiven Einbildungskraft. Insofern sind die reproduktive und die produktive Einbildungskraft im Grunde identisch. Beide Male wird etwas Neues, unabhängig von dem unmittelbar Gegebenen, ersonnen, nur einmal als bewusst vollzogene Phantasie, andermal als unbewusste, „blinde“ Produktion.

Veranschaulichen wir uns das anhand eines konkreten Beispiels. Ich laufe auf einer Wiese und sehe einen roten Kinderball mit gelben Tupfern. Das heißt, ich wende den Begriff „Ball“ auf eine Vielzahl von sinnlichen Wahrnehmungen an, die ich gerade habe oder hatte: bestimmte Rot-Wahrnehmungen in verschiedenen Schattierungen, bestimmte Gelb-Wahrnehmungen, sowie Wahrnehmungen der Ballform. Dass ich das aber überhaupt kann, setzt voraus, dass ich diese vielen Sinnesdaten unbewusst vereinigt habe. Erst bilde ich die unwillkürliche, „blinde“ Synthese, damit ich sie später bewusst nachvollziehen kann. Dabei sind drei Punkte wesentlich. Erstens setzt die produktive Einbildungskraft gegebene Sinnesdaten voraus, die sie zweitens im Zeitverlauf zu einer (unbewussten) Einheit verbindet, und zwar drittens gemäß den Kategorien.

Kritik und Ausblick

Kritisch kann man anmerken, dass es problematisch ist, von einer produktiven Einbildungskraft und deren Synthesen zu sprechen, wenn ihre Tätigkeit unbewusst sein soll. Das transzendentale Vermögen der Einbildungskraft kann man nicht mit empirischen Methoden untersuchen oder Aussagen darüber empirisch überprüfen. Alles, was Kant über die produktive Einbildungskraft zu wissen glaubt, hat er sich mit nicht-empirischen Mitteln begrifflich erschlossen.

Aber selbst wenn man die transzendentale Einbildungskraft im Kern so annimmt, wie Kant sie beschreibt, bleiben mindestens drei Probleme. Das erste dieser Probleme betrifft die Frage, wie in Kants Philosophie eine Vielzahl verschiedener gegebener Sinnesdaten überhaupt möglich sein soll. Denn um verschiedene Sinnesdaten unterscheiden zu können, müssen sie ja bereits begrifflich erfasst sein. Wie kann ich z.B. eien Rot-Wahrnehmung von einer Gelb-Wahrnehmung unterscheiden, ohne bereits die Begriffe „rot“ und „gelb“ zu kennen?

Das zweite Problem ist, warum zwar jeder Mensch für sich seine eigene produktive Einbildungskraft hat, die aber alle im Wesentlichen dieselbe Erscheinungswelt produzieren. Wäre das nicht so, als würden alle gleichzeitig denselben Traum haben?

Das dritte Problem ist: Wenn die Erscheinungswelt, in der ich lebe, von meiner eigenen Einbildungskraft produziert wird, warum ist sie dann nicht so, wie ich sie mir wünsche? Warum gibt es dann überhaupt so etwas wie eine „harte“ Realität, die meinem Willen entgegensteht?

Diese drei Probleme werde ich später in Beiträgen weiter unten erörtern.

[1] KrV A 78 / B 103

[2] KrV BXVI.

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert