Das transzendentale Ich
In einem Punkt geht Kant über Descartes hinaus.
Für Descartes war das „Ich“ in dem „ich denke, also bin ich“ letztlich die eigene menschliche Seele, über die er, wie er meinte, bestimmte Aussagen machen konnte. Das Ich sei eine geistige Substanz, unteilbar und unsterblich. Bereits Berkeley und Hume lehnten es ab, das Ich als Substanz zu verstehen.
Das „ich denke“ kann nicht selbst Objekt sein, ansonsten droht ein unendlicher Regress
Kant unterscheidet das „reine“ transzendentale Ich von dem empirischen Ich. Das empirische Ich ist die Gesamtheit der inneren Erfahrungen, der Gefühle, des persönlichen Charakters, der psychologischen Zustände: also das, was man gemeinhin, die menschliche Seele nennt. Dieses empirische Ich ist selbst Teil der Erscheinungswelt. Und insofern kann es Gegenstand empirischer psychologischer Untersuchungen werden.
Demgegenüber ist das transzendentale Ich nach Kant bloß erkennendes Subjekt, das reine „ich denke“ bzw. das reine „für mich“. An einer Schlüsselstelle in der KrV im Rahmen der transzendentalen Deduktion der Kategorien schreibt Kant:
„Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte, welches eben so viel heißt, als die Vorstellung würde entweder unmöglich, oder wenigstens für mich nichts sein.“[1]
Das transzendentale Ich ist somit das Bewusstsein überhaupt: der letztendliche Bewusstseinspunkt, für den alles ist. Alles, worüber ich mir bewusst werden kann: die Dinge, die ich sehe, höre, fühle, meine Gedanken und Gefühle, – all dies ist mir nur deswegen bewusst, weil es für diesen letztendlichen Bewusstseinspunkt ist.
Der Hauptunterschied zwischen empirischem und transzendentalem Ich besteht nach Kant darin, dass das empirische Ich Teil der Erscheinungswelt ist und Objekt des Erkennens sein kann. Von dem transzendentalen Ich hingegen behauptet Kant, dass es kein Teil der Erscheinungswelt ist, noch Objekt des Erkennens sein kann.
Hier kann man sich fragen, wie Kant zu dieser Behauptung gekommen ist. Warum soll das transzendentale Ich nicht Teil der Erscheinungswelt sein können? Warum soll es nicht selbst Objekt unseres Erkennens sein können? Welche Begründung hat Kant dafür?
Ich glaube, Kants Argument ist hier im Grunde genommen, dass ansonsten ein unendlicher Regress drohen würde. Sehen wir uns noch einmal das obige Zitat an, in dem Kant sagt, dass das „ich denke“ all meine Vorstellungen begleiten können muss. Da alles, was in der Erscheinungswelt ist, in irgendeiner Form von mir vorgestellt wird, könnte man das wie folgt umformulieren:
X ist (in der Erscheinungswelt) => ich denke (X) (#)
Nehmen wir nun an, dass das „ich denke“ Teil der Erscheinungswelt wäre. Dann müsste man die obige Aussage (#) darauf anwenden können:
Das (ich denke) ist in der Erscheinungswelt => ich denke (ich denke)
Dann müsste aber auch das „ich denke (ich denke)“ Teil der Erscheinungswelt sein. Also kann man wieder (#) anwenden und erhält:
Das (ich denke (ich denke)) ist in der Erscheinungswelt => ich denke (ich denke (ich denke))
Und so weiter ins Unendliche.
Dass Kant tatsächlich einen solchen unendlichen Regress vermeiden wollte, erkennt man darin, mittels welcher Vergleiche er versucht, das „ich denke“ zu erklären. Beispielsweise spricht er davon, dass
„[…] das Bewußtsein an sich nicht sowohl eine Vorstellung ist, die eine besonderes Objekt unterscheidet, sondern eine Form derselben überhaupt.“[2] [meine Hervorhebung]
Damit will Kant sagen: Ähnlich wie es keine Form der Form, oder gar eine Form der Form der Form gibt, kann es kein „ich denke (ich denke)“ oder gar ein „ich denke (ich denke (ich denke))“ geben.
An einer anderen Stelle vergleicht Kant das „ich denke“ mit einem „Vehikel aller Begriffe“[3]. Und auch mit diesem Vergleich scheint er offenbar sagen zu wollen: Ähnlich wie es kein Vehikel des Vehikels, oder gar ein Vehikel des Vehikels des Vehikels gibt, kann es kein „ich denke (ich denke)“ oder gar ein „ich denke (ich denke (ich denke))“ geben.
Er schreibt ferner[4], dass das transzendentale Ich eine „gänzlich leere Vorstellung“ sei, „von der man nicht einmal sagen kann, daß sie ein Begriff sei“, vielmehr sei es nur „ein bloßes Bewußtsein, das alle Begriffe begleitet“. Und er setzt fort:
„Durch dieses Ich, oder Er, oder Es (das Ding), welches denket, wird nun nichts weiter, als ein transzendentales Subjekt der Gedanken vorgestellt = x, welches nur durch die Gedanken, die seine Prädikate sind, erkannt wird, und wovon wir, abgesondert, niemals den mindesten Begriff haben können.“
Auch hier will Kant offenbar sagen, dass das „ich denke“ deswegen kein Begriff sein darf, weil es ansonsten zu einem Selbstbezug kommt. Denn wäre das „ich denke“ wie ein herkömmlicher Begriff, dann müsste es selbst von dem „ich denke“ begleitet werden können.
Durch die Art und Weise, wie Kant das „ich denke“ erklärt, sieht man, dass er einen Selbstbezug der Form „ich denke (ich denke)“ vermeiden will. Ein derartiger Selbstbezug würde, wie wir gesehen haben, zu dem oben genannten unendlichen Regress führen. Wenn Kant also einen Selbstbezug des transzendentalen Ich vermeiden will, dann will er offenbar diesen unendlichen Regress vermeiden.
Somit kann man, wie ich meine, Kants Gedankengang wie folgt zusammenfassen. Angenommen, das transzendentale Ich könnte selbst Objekt des Erkennens sein, dann würde es sich auf sich selbst beziehen können, so dass es zu einem unendlichen Regress kommen würde. Hält man diesen unendlichen Regress für paradox und unhaltbar, so muss man die Ausgangsannahme falsch sein. Also kann das transzendentale Ich nicht Objekt des Erkennens sein, und ist somit auch kein Teil der Erscheinungswelt.
Die Paralogismen der rationalen Seelenlehre
Wenn es wirklich so ist, wie Kant behauptet, dass das transzendentale Ich nicht Teil der Erscheinungswelt bzw. nicht selbst Objekt des Erkennens sein kann, dann hat das unmittelbare Konsequenzen für die Philosophie. Denn traditionell gibt es einen Teilbereich der Philosophie, der sich als Wissenschaft von der Seele versteht. Diese philosophische Psychologie versucht Aussagen der folgenden Art zu beweisen:
(1) „Die Seele ist eine Substanz“
(2) „Die Seele ist einfach in dem Sinne, dass es nicht aus verschiedenen realen Bestandteilen zusammengesetzt ist“
(3)„Die Seele ist im Zeitverlauf nur eines, d.h. es ist trotz der Vielheit der Vorstellungen im Zeitverlauf mit sich selbst identisch.“
(4) „Die Seele existiert nicht räumlich ausgedehnt, sondern nur punktuell-immateriell.“
Um solche Aussagen zu beweisen, sollen nicht etwa empirischen Methoden angewendet werden, sondern mittels logisch-begrifflicher Deduktion. Deswegen nennt Kant diese philosophisch-psychologische Disziplin auch rationale Seelenlehre, die er von der empirischen Seelenlehre unterscheidet. Der Untersuchungsgegenstand der empirischen Seelenlehre sind psychische Phänomene wie Gefühle, Wahrnehmungen, Triebe, Träume oder konkrete Gedanken, die man durch innere oder auch äußere Erfahrung erkennen kann. Der Untersuchungsgegenstand der rationalen Seelenlehre hingegen ist nach Kant im Grund genommen das transzendentale Ich.
Kant behauptet nun: Weil das transzendentale Ich prinzipiell nicht Gegenstand der Erkenntnis sein kann, ist auch eine rationale Psychologie prinzipiell unmöglich. Die rationale Psychologie begehe den Fehler, etwas, das nicht Untersuchungsgegenstand sein kann, zum Untersuchungsgegenstand zu machen. Wenn man das aber versucht zu tun, dann würde man notwendigerweise eine Kategorie auf das transzendentale Ich anwenden müssen. Und zwar wie folgt:
(1) Gemäß der Kategorie der Relation: Das Ich existiert als Substanz für sich selbst und ist Träger von Eigenschaften, aber nicht selbst eine bloße Eigenschaft an anderen Dingen.
(2) Gemäß der Kategorie der Qualität: Das Ich ist real einfach in dem Sinne, dass es nicht zusammengesetzt ist aus verschiedenen realen Bestandteilen.
(3) Gemäßer der Kategorie der Quantität: Das Ich ist im Zeitverlauf nur eines, d.h. es ist trotz der Vielheit der Vorstellungen im Zeitverlauf mit sich selbst identisch.
(4) Gemäß der Kategorie der Modalität: Das Ich existiert nicht räumlich ausgedehnt, sondern nur punktuell-immateriell.
Kategorien dürfen sich aber korrekterweise nur auf Gegenstände einer möglichen empirischen Erfahrung beziehen. Genau das ist aber das transzendentale Ich nicht. Es ist nämlich erstens nicht mit empirischen Methoden erkennbar, zweitens aber ist es nach Kant generell nicht Gegenstand des Erkennens. Somit ist eine rationale Psychologie, so wie sie in der Philosophie traditionell vorkommt, unmöglich.
Kritik und Ausblick
Recht betrachtet hat Kants These, dass das Ich nicht selbst Gegenstand des Erkennens sein kann, etwas Paradoxes. Denn Kant sagt einerseits, dass man keine Aussage über das transzendentale Ich machen kann, tut es aber andererseits damit gerade. Oder: Wenn das „ich denke“ nicht Objekt des Erkennens sein kann, wie kann ich mir dann dessen bewusst sein, dass alle meine Vorstellungen von einem „ich denke“ begleitet werden können. Es ist doch ein Fakt, dass es ein Selbstbewusstsein gibt, – dass ich also ein Bewusstsein von meinem Bewusstsein habe. Steht das nicht in offensichtlichem Widerspruch zu der Behauptung Kants, das „ich denke“ könne nicht Objekt des Erkennens sein?
Fichte wird sich diesem Problem wieder zuwenden, insbesondere er wird aber den geschilderten unendlichen Regress anders auflösen als es Kant getan hat.
[1] KrV B 132
[2] KrV B404/A346
[3] KrV B399/A341.
[4] KrV B404/A346.

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