Kritik an Locke: Schwanken zwischen erster und dritter Person
Lockes Philosophie schwankt zwischen dem Standpunkt der ersten und dem der dritten Person.
Locke nimmt die erste Person ein, wenn er mittels Introspektion seine eigenen Bewusstseinserlebnisse analysiert. Dabei achtet er darauf, wie er selbst wahrnimmt, denkt oder Ideen bildet. Er sagt dann sinngemäß:
- „Wenn ich (John Locke) einen weißen Gegenstand sehe, dann geht mein Verstand so und so vor“
- „Wenn ich (John Locke) mir die geometrische Figur eines Dreiecks vorstelle, dann mache ich es so und so“
- „Wenn ich (John Locke) ein Wort verwende, dann mache ich das so und so.“
Genau genommen kann er in diesen Fällen alleine von seinen ganz persönlichen Erfahrungen sprechen.
Anstatt aber konsequent ganz subjektiv in der Ich-Position zu bleiben, wechselt Locke immer wieder in die Dritte Person und behauptet, wie überhaupt ein beliebiger Mensch wahrnimmt, denkt, sich Ideen vorstellt etc. Seine Aussagen haben dann die Form:
- „Wenn er (irgendein beliebiger Mensch) einen weißen Gegenstand sehe, dann geht sein Verstand so und so vor“
- „Wenn er (irgendein beliebiger Mensch) sich die geometrische Figur eines Dreiecks vorstellt, dann macht er es so und so“
- „Wenn er (irgendein beliebiger Mensch) ein Wort verwendet, dann macht er das so und so,“
Und das macht einen fundamentalen Unterschied. Denn das, was er durch Beobachtung seiner eigenen Bewusstseinserlebnisse erfährt, ist zwar bezogen auf ihn unzweifelhaft gewiss. Es ist aber unstatthaft, daraus zu schließen, dass andere Menschen genau gleich wahrnehmen, denken, vorstellen etc. Möglicherweise laufen die inneren Prozesse bei anderen Menschen ganz anders ab. Es handelt sich, genau genommen, um den Unterschied von „subjektiv“ (erste Person) und „objektiv“ (dritte Person). Es ist aufschlussreich, Lockes Philosophie auf diesen Wechsel zwischen „ich“ und „er“ bzw. zwischen subjektiver Introspektion und Theorien mit objektivem Anspruch hin zu beleuchten.
Ich beginne mit Erkenntnissen, die Locke offenbar durch subjektive Introspektion gewonnen hat und die er in der ersten Person hätte formulieren müssen. Dazu gehören die Klassifizierungen der subjektiven Erlebnisse nach äußerem Sinn und inneren Sinn. Locke hätte sagen können:
- „Bei manchen meiner subjektiven Erlebnisse, wie das Sehen, Hören und Fühlen, meine ich mich auf einen äußeren Gegenstand zu beziehen, bei manchen aber beziehe ich mich darauf, was in mir vorgeht.“
Auch die Unterscheidung zwischen einfachen und komplexen Ideen hätte er in der ersten Person formulieren können:
- „Manche meiner Wahrnehmungen sind so einfach strukturiert, dass sie nicht weiter teilbar erscheinen, manche sind aber offenbar aus mehreren Teilwahrnehmungen zusammengesetzt.“
Dasselbe gilt für die Unterscheidung von konkreten und abstrakten Ideen:
- „Manche meiner Bewusstseinsinhalte beziehen sich auf ganz spezielle Wahrnehmungen, manche beziehen sich nicht nur auf eine, sondern auf eine große Vielzahl von Wahrnehmungen.“
Auch seine Sprachtheorie könnte zum Teil durch persönliche Introspektion gewonnen worden sein:
- „Wenn ich ein Wort sage, z.B. ‚Dreieck‘, dann merke ich, wie mir innerlich eine Art Bild von einem Dreieck erscheint.“
All diese Ich-Aussagen haben ihre Berechtigung. Problematisch wird es, wenn Locke diese Aussagen auf alle Menschen überträgt. Vielleicht gibt es Menschen, die nicht zwischen der Wahrnehmung äußerer Gegenstände und inneren Ideen unterscheiden können? Warum sollte jeder Mensch dieselben einfachen Ideen haben wie Locke? Warum sollte es nicht Menschen geben, die unfähig sind, abstrakte Ideen zu bilden? Oder vielleicht haben sie ganz andere abstrakte Ideen als Locke? Und warum muss das Bild, dass Locke innerlich erscheint, wenn er das Wort „Dreieck“ sagt, dasselbe Bild sein, das mir dabei erscheint? Und was ist, wenn mir ein völlig anderes Dreieck-Bild erscheint als einem meiner Mitmenschen? Können wir uns dann nicht mehr über Dreiecke unterhalten?
Dieses Argument kann man sogar bereits auf Lockes Entwurf einer Privatsprache anwenden. Nehmen wir beispielsweise an, dass ich für mich ganz persönlich das Wort „krack“ für die Idee des Dreiecks verwenden möchte. Ich sage „krack“ und mir erscheint innerlich ein abstraktes Bild eines Dreiecks. Eine Woche später sage ich wieder „krack“ und mir erscheint wieder innerlich ein Bild. Wie kann ich mir aber sicher sein, dass das erste Bild identisch ist mit dem zweiten Bild. Locke sagt, dass ich die Idee des Dreiecks in meinem Gedächtnis gespeichert habe, und deswegen auf Abruf immer das richtige Dreieck-Bild habe. Wir wissen aber alle, dass das Gedächtnis täuschen kann. Es ist durchaus denkbar, dass ich zwar glaube, dass ich zwei Mal dasselbe Dreieck-Bild innerlich sah, es faktisch aber zwei verschiedene waren. Nach Lockes Sprachtheorie hätte dann mein Wort „krack“ einen Bedeutungswandel erfahren und ich hätte es noch nicht einmal bemerkt.
Diese Theorie einer Privatsprache macht nur Sinn, wenn man den Sprecher samt seiner Bewusstseinserlebnisse als dritte Person von außen betrachten könnte, wie ein allwissender Beobachter. Wenn Frau A behauptet, mit dem Wort „krack“ ein ganz bestimmtes Bild zu assoziieren, dann könnte dieser Beobachter überprüfen, ob die jeweiligen Bilder, die Frau A zu unterschiedlichen Zeitpunkten bei „krack“ denkt, wirklich übereinstimmen oder nicht.
Genau denselben allwissenden Beobachter bräuchte Locke natürlich auch, um zu sicherzustellen, dass verschiedene Menschen bei abstrakten Begriffen alle dieselbe abstrakte Idee haben. Oder ob die verschiedenen einfachen Ideen bei allen Menschen dieselben sind. Dieser Beobachter müsste die Bewusstseinserlebnisse aller Menschen kennen und überblicken können, alle Menschen wären für ihn grammatikalisch gesehen dritte Personen. Aber offensichtlich gibt es keinen solchen allwissenden Beobachter, es sei denn man setzt ihn mit Gott gleich.
Ein Musterbeispiel für eine Theorie mit objektivem Anspruch, formuliert in der dritten Person, und eigentlich nur von einem gottähnlichen, allwissenden Beobachter überprüfbar, ist: Lockes Partikeltheorie der Wahrnehmung. Offensichtlich konnte er diese Theorie nicht durch Introspektion finden. Locke selbst sagt, dass die kleinsten Partikel, die die materiellen Gegenstände ausstrahlen, von uns als solche nicht erkennbar sind. Wenn er dann aber davon spricht, nimmt er selbst die Position des mehr oder weniger allwissenden Beobachters ein, der den Ablauf der menschlichen Wahrnehmung von außen betrachtet.
Descartes wollte die gesamte Wissenschaft mit der res cogitans, d.h. dem Ich und seinen subjektiven Bewusstseinserlebnissen, begründen, war dann aber insofern inkonsequent, als er auch objektiv gültige Prinzipien gleichberechtigt benötigte. Spinoza und Leibniz lösten diese Inkonsequenz, indem sie ihre Systeme ganz von allgemeinen Prinzipien ableiteten. Locke hingegen wollte Descartes‘ Programm, alles auf die res cogitans zurückzuführen, in die Tat umsetzen, und entwarf dazu eine Theorie die Bewusstseinserlebnisse. Diese entwarf er größtenteils durch Introspektion aus der Ich-Perspektive. Allerdings verfing auch er sich in Inkonsequenzen, weil er unversehens immer wieder die Perspektive wechselte und so tat als könne er wie ein allwissender Beobachter die Bewusstseinserlebnisse jedes beliebigen Menschen von außen sehen. Umgekehrt benötigte er diese Perspektive, um überhaupt so etwas wie eine objektive, allgemein gültige Theorie entwerfen zu können. Nur verließ er auf diese Weise den Boden dessen, was sowohl Descartes als auch Locke als absolut gewisses, unanzweifelbares Wissen ansahen: die eigenen, rein subjektiven Bewusstseinserlebnisse.

Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!