Kants Vorgriff auf Fichtes “Nicht-Ich”

Vergleicht man den Beweis für die Existenz äußerer Dinge mit der transzendentalen Deduktion der Kategorien, sowie mit den Herleitungen des Kausalprinzips und der Substanzialität, dann kann man durchgehend gewisse Ähnlichkeiten erkennen.

Bei jedem dieser Beweise geht Kant zunächst von der Behauptung aus, dass bloße Sinneseindrücke für sich genommen keine Verbindung zueinander haben, und für sich genommen keine Einheit bilden können. Werden verschiedene Sinnesdaten zu einer Einheit zusammengefasst, dann könne das unmöglich durch die Sinnesdaten alleine geschehen. Vielmehr muss hier eine verbindende, vereinigende Kraft hinzukommen, die selbst über die bloße Sinnlichkeit hinausgeht. Kant meint, dass das der Verstand bzw. die unbewusst wirkende produktiven Einbildungskraft sei. Dass es ein solches vereinigendes Vermögen geben muss, schließt Kant aus folgender Überlegung: Gäbe es nur die bloßen Sinneseindrücke bzw. die unverbundenen sinnlichen Erfahrungen, dann wäre alles beliebig und subjektiv, wie ein psychedelischer Traum ohne Halt und Struktur. Die Tatsache, dass das nicht so ist, dass wir eben sehr wohl eine in Einheiten und Zusammenhängen strukturierte Erfahrung haben, ist nach Kant ein Beleg dafür, dass die produktive Einbildungskraft am Werk sein muss.

Der eigentlich entscheidende Argumentationsschritt Kants kommt aber noch. Denn wenn tatsächlich die produktive Einbildungskraft, die ja ein Vermögen des erkennenden Subjekts ist, die mannigfaltigen Sinnesdaten unter eine Einheit bringt: Warum meint Kant, dass es sich hierbei nicht um eine Art Phantasieren oder Hineindichten in das Gegebene handelt? Warum sollte das einheitsstiftende Werk der subjektiven Einbildungskraft als objektive Realität erscheinen? Ist das nicht paradox? Wie soll das möglich sein?

Kants Antwort hierauf ist: Das Werk der (unbewusst tätigen) produktiven Einbildungskraft, also die Vereinigungen und Zusammenhänge, die sie in die Sinnesdaten hineinlegt, erscheinen als objektive Realität, weil sie den Charakter des Notwendigen haben und sich damit der (bewussten) subjektiven Beliebigkeit entziehen. Wozu mir die Macht fehlt, es nach meinem bewussten Willen zu verändern und mir insofern notwendig ist, ist für mich „harte“ objektive Realität.

Bei der transzendentalen Deduktion werden die mannigfaltigen Sinnesdaten durch etwas Begriffliches, nämlich die Kategorien, unter eine notwendige Einheit gebracht, die man bewusst nicht beliebig einmal so, einmal anders wählen kann. Bei dem Beweis des Kausalgesetzes wird etwas zeitlich Vorangehendes angenommen, das das Erfahrene nach einer Regel notwendig verursacht. Und die Ursache soll Ursache sein, egal ob es mir gefällt oder nicht. Ferner wird sowohl bei dem Beweis der Substanzialität als auch beim Beweis der Existenz äußerer Dinge etwas Notwendiges angenommen, vor dessen Hintergrund das veränderlich Erfahrene überhaupt als wechselnd erfahrbar ist. Die Substanz bzw. das äußere Ding ist notwendig genau in dem Sinne, dass es sich meiner bewussten subjektiven Beliebigkeit entzieht.

Dieses Notwendige, die Kategorien, die Ursachen, die Substanzen oder die äußeren Dinge, sind deswegen objektiv, weil sie gewissermaßen Widerstand leisten gegen die Willkür des subjektiven Ichs. Sie sind – in der Begrifflichkeit Fichtes – das Nicht-Ich, das, was dem Ich entgegensteht. Die Realität erscheint mir deswegen als objektiv, weil sie im Widerspruch zu meinem Denken und Wollen steht.

„Einzig der Widerspruch läßt uns erfahren, daß wir nicht alles sind. Der Widerspruch ist unser Elend, und das Gefühl für unser Elend ist das Gefühl für die Wirklichkeit.“ (Simone Weil am 8.2.1942)

Wohlgemerkt. All das, was objektiven Charakter hat, indem es notwendig ist und sich dem subjektiven Belieben des Ich entzieht, ist nach Kant – und später auch für Fichte – das Werk der Einbildungskraft, und damit paradoxerweise im Grunde genommen das Werk des Ich. Das Ich erfährt die ihm erscheinende Realität als objektiv, insofern sie Nicht-Ich ist, aber dieses Nicht-Ich hat sich das Ich selbst gesetzt.

Diese paradoxe Auffassung der Erscheinungswelt als Nicht-Ich, aber dennoch vom Ich gesetzt, führt Fichte ausführlich aus und ist Kernstück seiner Philosophie. Fichte behauptet, damit eigentlich auf der Linie der Kantischen Philosophie zu sein. Und tatsächlich findet man, wie ich eben gezeigt habe, diese Auffassung der Erscheinungswelt als ein vom Ich gesetztes Nicht-Ich durchaus bereits bei Kant. Man muss bei Kant nur etwas genauer hinsehen.

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