Kant und Hume

Kant knüpft in einigen Punkten an David Hume an. Hier möchte ich ein paar davon erwähnen.

(1) Bereits vor Kant stellt sich Hume die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit für die Annahme einer vom erkennenden Subjekt unabhängigen Außenwelt. Hume nannte zwei: erstens die Beständigkeit und zweitens die kausale Kohärenz. Das heißt: 1. Wären meine Perzeptionen nicht beständig, dann könnte ich keine von mir unabhängige, objektive Außenwelt annehmen. 2. Würde ich ständig Dinge erfahren, die den Kausalgesetzen, an die ich mich gewöhnt habe, widersprechen, dann könnte ich keine von mir unabhängige, objektive Außenwelt annehmen. Diesen Grundgedanken, nach den Bedingungen der Möglichkeit für die Annahmen einer objektiven Wirklichkeit zu fragen, nimmt Kant auf. Humes erster Punkt nimmt bei Kant die Form der Kategorie der Substanz/Akzidenz an, Humes zweiter Punkt wird Kants Kategorie der Kausalität. Des Weiteren findet Kant aber noch ein paar mehr Kategorien, denen gemäß sich die objektive Wirklichkeit nach Kant denken lassen muss.

Allerdings gibt es auch einen wichtigen Unterschied. Humes Analysen haben durchweg einen psychologischen Charakter. Kant hingegen hebt seine Philosophie auf ein prinzipielles, man kann sagen begrifflich-logisches Niveau.

(2) Hume hat erkannt, dass die Existenz keine Eigenschaft ist, die einem Ding zukommt oder nicht zukommt. Auf dieser Erkenntnis beruht Kants Widerlegung des ontologischen Gottesberweises.

(3) Als eine der synthetischen Erkenntnisse a priori nennt Kant die sogenannte Antizipation der Wahrnehmung[1]:

„In allen Erscheinungen hat das Reale, was ein Gegenstand der Empfindung ist, intensive Größe, d.i. einen Grad.“

Dieses Prinzip macht zunächst den Eindruck, als würde es gewissermaßen einfach vom Himmel fallen. Man weiß nicht, warum es für Kant wichtig ist und faktisch stellt es ja auch keine Erkenntnis dar, die für die Wissenschaft von irgendeiner Bedeutung wäre.

Was es mit der Kantschen Antizipation der Wahrnehmung auf sich hat, versteht man, wenn man Humes Traktat über die menschliche Natur gelesen hat. Hume vertritt darin nämlich, wie bereits vor ihm Locke, das Dogma,

„[…] dass alle unsere einfachen Vorstellungen bei ihrem ersten Auftreten aus einfachen Eindrücken stammen, welche ihnen entsprechen und die sie genau wiedergeben.“ (THM I.1.1, S. 14)

Paradoxerweise beschreibt Hume etwas später selbst ein Gegenbeispiel zu diesem Glaubenssatz (THM I.1.1, S, 16 f.). Ohne Frage gehören Farben zu den einfachen Vorstellungen. Nun gibt es beispielsweise für die Farbe Blau sehr viele Nuancen und Abstufungen, man könnte sie als Grade von Blau bezeichnen. In jeder gängigen Farbtafel sind die verschiedenen Blauschattierungen (Blaugrade) so angeordnet, dass sie sukzessive vom rot-bläulichen Violett zum blau-grünlichem Cyan übergehen. Nehmen wir an, uns läge eine solche Farbtafel vor, die zehn Kärtchen mit zehn verschiedenen Blauschattierungen enthält. Hume gibt zu, dass wir uns leicht einen neuen Blauton vorstellen können, der zwischen zwei nebeneinanderliegenden Blautafeln liegt. Natürlich könnte es sein, dass wir genau diesen imaginierten Blauton schon einmal irgendwo gesehen haben. Dann könne man ein neues Kärtchen mit diesem Blauton in den Farbenkreis einfügen und sich wieder einen neuen, dazwischenliegenden Blauton vorstellen. Irgendwann wird man notwendigerweise zu einem Grad von Blau kommen, den man mit Sicherheit noch nie real gesehen hat, sondern nur imaginiert hat. Man ist damit offensichtlich auf einen Blauton gestoßen, der eine einfache Vorstellung ist, aber insofern antizipiert ist, als er nicht von auf einem Eindruck stammt. Somit liegt ein Widerspruch zu dem obigen Dogma vor.

Dieselbe Überlegung kann man anstellen mit Bezug auf Wärme- bzw. Kältegraden, Tonhöhen, Lautstärken, etc. Man wird sich hier immer Grade vorstellen können, die man nicht bereits wahrgenommen hat, sondern mit seiner Einbildungskraft antizipiert. Auf dieser Tatsache, die Hume im THN beschreiben hab, bezieht sich Kants Prinzip von der Antizipation der Wahrnehmung.

(4) Hume meint, dass man die Seele nicht als Substanz auffassen dürfe. Dieser Auffassung schließt sich Kant an.

 

[1] KrV B 208

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