Humes Kritik an Locke
Auch wenn Hume grundsätzlich auf derselben Linie ist wie Locke, so hat er doch ein paar Kritikpunkte, die man übrigens bereits bei George Berkeley findet.
(1) Locke spricht von abstrakten Ideen. So würde beispielsweise die abstrakte Idee des Dreiecks im Allgemeinen aus einer Vielzahl von konkreten Dreiecken, die man sinnlich wahrgenommen hat, als eine neue Idee abstrahiert werden. Locke meint, dass die Mathematik von derartigen abstrakten Ideen handeln würde. Klar ist allerdings auch, dass die abstrakte Idee des Dreiecks im Allgemeinen weder gleichseitig, noch ungleichseitig, weder spitzwinklig, noch rechtwinklig sein kann. Berkeley und Hume sagen nun aber: Wie soll man sich ein Dreieck vorstellen können ohne spezifische geometrische Eigenschaften? Sie können ferner mit dem konkreten Vorgehen der Geometer argumentieren. Denn ein mathematischer Beweis, bei dem Dreiecke vorkommen, ist weit davon entfernt, sich auf eine eigenschaftslose Idee eines Dreiecks im Allgemeinen zu beziehen. Vielmehr wird bei einem geometrischen Beweis ein konkretes Dreieck hingezeichnet, das eben durchaus konkrete Eigenschaften hat. Die Allgemeinheit kommt nur dadurch zustande, dass der Mathematiker ein beliebiges Dreieck verwendet.
Nehmen wir als Beispiel das Theorem, dass die Winkelsumme jedes Dreiecks immer 180° ist. Für den Beweis geht man von einem beliebigen Dreieck aus, um anhand von ein paar Konstruktionen klar zu machen, dass das Theorem gilt. Entscheidend dabei ist, dass es egal ist, welche konkreten Eigenschaften das Dreieck hat, dass man für den Beweis eben jedes beliebige Dreieck verwenden kann. Dazu im Gegensatz kann man z.B. für den Satz von Pythagoras eben nicht jedes beliebige Dreieck nehmen. Die Beweiskonstruktion führt nur dann zum Ziel, wenn man mit einem rechtwinkligen Dreieck beginnt.
Hume hält also Lockes abstrakte Ideen für eine Chimäre. Man werde zu der Annahme allgemeiner, abstrakter Vorstellungen nur durch die Sprache verführt. Es gibt nun einmal den sprachlichen Begriff „Dreieck“, den wir auf alle konkreten Dreiecke anwenden können. Deswegen könne man dazu verleitet sein, an die Idee eines allgemeinen Dreiecks zu glauben, das durch diesen allgemeinen Begriff bezeichnet wird. Faktisch hingegen, so meint Hume, denkt sich jeder eine beliebige, aber dennoch konkrete Instanz eines Dreiecks, wenn er das Wort „Dreieck“ hört oder ausspricht.
(2) Hume kritisiert, wie bereits Berkeley vor ihm, Lockes „physikalisches“ Modell, um die sinnliche Wahrnehmung zu erklären. Entsprechend der damals gängigen Atomtheorie meinte Locke, dass sich jedes Ding aus Atomen zusammensetzen würde. Jedes Ding würde ferner beständig bestimmte Atome gewissermaßen „abstrahlen“. Sobald diese abgestrahlten Atome auf die Sinnesorgane eines Menschen treffen würden, würde es für diesen Mensch zu einer Sinneswahrnehmung kommen.
Der Punkt dabei ist natürlich, dass nichts von dieser Theorie empirisch überprüfbar ist. Um sie überprüfen zu können, müsste man aus sich selbst heraustreten können und den Wahrnehmungsprozess von einem objektiven, allwissenden Standpunkt aus betrachten können. Genau das ist aber nicht möglich, wenn man konsequent alles anhand subjektiver Wahrnehmungen erklären will.
(3) Locke unterschied primäre von sekundären Eigenschaften. Beispiele für sekundäre Eigenschaften sind Wärme, Geschmack, Farbe, und dergleichen. Dabei handelt es sich um Eigenschaften, bei denen es außer Frage steht, dass sie in hohem Maße von der subjektiven Beschaffenheit der menschlichen Sinnesorgane abhängig sind. Der Apfel ist nicht an und für sich süß, sondern er schmeckt mir süß. Er ist nicht an und für sich rot, sondern mir erscheint er rot. Davon unterscheidet Locke Eigenschaften, die einen mathematischen bzw. geometrischen Charakter haben: Anzahl, Größe, geometrische Form, Bewegung im Raum, etc. Solche sogenannten primären Eigenschaften würden die Dinge so wiedergeben, wie sie tatsächlich sind. Dass der Apfel eine runde Form hat, sei nicht nur für mich so, vielmehr würde ich das so erkennen, weil er an und für sich rund ist. Sehe ich zwei Äpfel, dann sind zwei nicht nur für mich, sondern es sind tatsächlich zwei. Mit der Erkenntnis von sekundären Eigenschaften würden wir nach Locke eine Verbindung zu der objektiven Wirklichkeit haben, so wie sie an und für sich besteht.
Hume und Berkeley hingegen argumentieren, dass man primäre Eigenschaften überhaupt nicht ohne sekundäre Eigenschaften erkennen kann. Um z.B. die Größe eines Gegenstands zu sehen, muss man auch dessen Farbe sehen. Ohne Farbe, keine Größe. Daraus glauben sie schließen zu können – ob zu Recht oder zu Unrecht, sei dahingestellt – , dass es keinen wesentlichen Unterschied zwischen primären und sekundären Eigenschaften gibt. Insbesondere lehnen sie die Annahme ab, dass primäre Eigenschaften einen Königsweg zu den Dingen darstellen, wie sie an sich sind.

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