Das “cartesische Projekt” bei Hume

An verschiedenen Stellen in seinem Werk, bezieht sich Hume ausdrücklich auf Descartes, allerdings durchgängig negativ.

Hume schreibt Descartes Positionen zu, die er selbst ablehnt. Erstens habe Descartes den Geist als Substanz verstanden, was Hume für eine die Erfahrung überschreitende Fiktion hält[1]. Ein Kritikpunkt, den später Kant aufgreifen wird. Zweitens habe Descartes an angeborene Ideen geglaubt, was bereits Locke kritisiert hat[2]. Drittens habe Descartes seiner Philosophie zwar eine „Art von Skeptizismus“ vorangestellt, aber nur um anschließend die vollkommene Wahrhaftigkeit der menschlichen Erkenntnisfähigkeit aus obersten Prinzipien herzuleiten[3].

All dies scheint nahezulegen, dass Hume in keinerlei Weise Descartes nachgefolgt ist. Nun kann man aber die Grundidee des cartesischen Projekts so verstehen, dass die gesamte objektive Wirklichkeit, insbesondere auch die wissenschaftliche Erkenntnis, schlüssig auf die subjektiven Bewusstseinserlebnisse zurückgeführt werden sollen. Und dann ist Humes Philosophie tatsächlich ein weiteres Beispiel für den Versuch, das cartesische Projekt zu realisieren. Woran erkennt man das?

Erstens. Der Ausgangspunkt der Humeschen Philosophie ist exakt die Position, die Descartes am Ende seines Zweifle-an-allem-Gedankenexperiments erreicht hat: Ob die Außenwelt so, wie wir sie erkennen glauben, wirklich existiert, ist zweifelhaft. Das Einzige, was wahrhaft gewiss ist, sind meine subjektiven Bewusstseinserlebnisse, die Hume auch Perzeptionen nennt. Ob es den Apfel, den ich gerade sehe, wirklich gibt, ist zweifelhaft, nicht aber, dass ich gerade bestimmte Wahrnehmungen, Seh- oder Tasterlebnisse, habe, die mich glauben lassen, dass dort ein Apfel ist. In diesem Sinne schreibt Hume, dass

„die Menschen im allgemeinen keine anderen ‚Gegenstände‘ kennen als ihre Wahrnehmungen […]“[4]

Oder:

„Die einzigen Existenzen, deren wir unbedingt gewiß sind, sind die Perzeptionen.“[5]

„Daß nun unsere Sinne ihre Eindrücke nicht als Abbilder eines für sich bestehenden, also vom Geiste unabhängigen, äußeren Daseins erscheinen lassen, ist klar; was sie uns vorführen, ist ja jedesmal nur eine einzelne Wahrnehmung; niemals liegt darin die geringste Andeutung von etwas, das darüber hinaus läge. Eine einzelne Wahrnehmung kann niemals die Vorstellung von einer zwiefachen Existenz [nämlich a) der Wahrnehmung und b) des wahrgenommenen Gegenstands; meine Anmerkung] hervorrufen, außer auf Grund eines Schlusses der Vernunft oder der Einbildungskraft.“[6]

Zweitens. Hume will mit seiner Philosophie alle anderen Wissenschaften begründen. Einen ersten Hinweis dafür sieht man am Aufbau seines Werkes THN. Das Buch beginnt nicht etwa mit obersten Prinzipien oder von bestimmten Dingen der äußeren Wirklichkeit, sondern „von den Vorstellungen, ihrem Ursprung, ihrer Zusammensetzung, Verknüpfung, von den Abstraktionen“.  Rein äußerlich, formal gründet sein Werk somit auf einer Analyse von subjektiven Bewusstseinserlebnissen.

Aber er schreibt auch explizit:

„Alle Wissenschaften haben offenbar mehr oder weniger Bezug zur menschlichen Natur. […] Selbst Mathematik, Naturwissenschaften und natürliche Religion sind in gewissem Maße von der Lehre vom Menschen abhängig.“ (THN-I Einleitung, S. 5)

„Wie die Lehre vom Menschen die einzige feste Grundlage für die anderen Wissenschaften ist, so liegt die einzig sichere Grundlage, die wir dieser Wissenschaft geben können, in der Erfahrung und der Beobachtung.“ (THN-I Einleitung, S. 5)

Obwohl also Hume, sich immer kritisch über Descartes äußerst, ist er dennoch im Grunde genommen insofern stark von ihm beeinflusst, als er, wie schon Descartes, versucht, die Wissenschaft, sowie die objektive Wirklichkeit auf die subjektive Welt der Bewusstseinserlebnisse zurückzuführen. Der Unterschied ist nur der Weg. Descartes beginnt zwar damit, alles anzuzweifeln, um schließlich auf das cogito ergo sum als absolut gewisse Grundlage zu kommen, ist danach aber so inkonsequent und sucht Zuflucht bei angeblich unanzweifelbaren, weil angeborenen, obersten Prinzipien. Diese Inkonsequenz hat ihm erstmals Locke vorgeworfen. Angeborene abstrakte Prinzipien könne es nicht geben, vielmehr müsse man alles konsequent aus sinnlich erworbenen „Ideen“ herleiten. Und Hume folgt darin Locke.

[1] THN-I 4.5, S. 306.

[2] THN-I 1.1, S. 17 f.

[3] EHU 12.1, S. 164.

[4] THN-I 4.2, S. 260.

[5] THN-I 4.2, S. 263.

[6] THN-I 4.2, S. 237.

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