Haidt 1: Moral und Moralpsychologie
In den nachfolgenden Beiträgen schreibe ich über das Buch von Jonathan Haidt: Die Macht der Moral. Warum Politik und Weltanschauungen unsere Gesellschaft spalten. Rowohlt, 2026.
Moral könnte man wie folgt definieren:
Moral ist ein System aus Werten, Normen und Regeln, das das menschliche Verhalten in einer Gesellschaft reguliert; es bestimmt, was innerhalb einer Gruppe als richtig, gut, verpflichtend oder als verwerflich und schlecht angesehen wird.
Wenn Philosophen über Moral nachdenken, dann neigen sie dazu, so etwas wie ein „Wesen“ der Moral erkennen zu wollen, um daraus Normen für Richtig und Falsch herzuleiten. Schopenhauer z.B. führt die Moral auf das Mitgefühl mit anderen zurück. Nach J.St. Mill und anderen Utilitaristen ist eine Handlung gut, wenn sie für möglichst viele Menschen einen Nutzen und für möglichst wenig Menschen einen Schaden zur Folge hat. Nietzsche wiederum setzt einer „Sklavenmoral“ eine „Herrenmoral“ entgegen, der gemäß das als gut zu bezeichnen sei, was das Leben fördern würde (was immer das heißen soll).
All diese Denker machten sich Gedanken über das Wesen der Moral und stellten eine Norm auf, was wirklich als moralisch gut zu gelten habe. Seltsamerweise aber sahen sie nicht hin, was die Menschen gewöhnlich als moralisch gut oder schlecht empfinden. Sie wollten bestimmen, was Moral sein soll, vergaßen aber zu untersuchen, was Moral faktisch ist. Tut man das nämlich, dann fällt einem auf, dass Moral in den verschiedensten Facetten gelebt wird, die sich zum Teil gegenseitig widersprechen. Was dem einen als moralisch richtig erscheint, empfindet ein anderer bisweilen als verwerflich. Und das führt oft genug dazu, dass sich Menschen nicht verstehen, gewissermaßen in unterschiedlichen Welten leben. Und da politischen Meinungen oftmals letztlich bestimmte moralische Auffassungen zugrundeliegen, sind Diskussionen über Politik so häufig fruchtlos.
Konträre moralische Empfindungen
In der traditionellen indischen Gesellschaft gilt es z.B. als „unmoralisch“, wenn eine Frau nicht ihrem Ehemann gehorcht. Im Westen gilt eine solche Einstellung als patriarchalisch, unterdrückerisch und schlecht. Umgekehrt halten traditionelle Inder eine ungehemmte, individuelle Selbstverwirklichung für verwerflich.
Ich möchte an dieser Stelle auf keinen Fall missverstanden werden. Ich bin weit entfernt davon, sagen zu wollen, dass es richtig ist, Frauen ihr Recht auf Selbstbestimmung zu verweigern. Immerhin bin ich in Deutschland erzogen und sozialisiert worden. Und deswegen ist es mir ein starkes, intuitives Gefühl, dass Frauen nicht weniger Rechte haben sollten als Männer, und dass Frauen sich ggf. gegen männliche Unterdrückung wehren sollten.
Andererseits ist es nur schwer zu leugnen, dass jemand, der in der traditionellen indischen Gesellschaft großgeworden ist, ein ebenso starkes intuitives, allerdings anderes, moralisches Empfinden hat, nämlich: dass Frauen ihren Ehemännern gehorchen sollten. Hier stehen zwei intuitive Moralgefühle konträr gegeneinander.
Ein anderes Beispiel sind die Essensregeln orthodoxer Juden. Für mich ist Schweinefleisch ein ganz normales Lebensmittel, während einem orthodoxen Juden Schweinefleisch zu essen verboten ist. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass dieses Verbot für orthodoxe Juden nicht nur eine abstrakte Vorschrift ist, sondern von einem starken moralischen Gefühl begleitet ist, das aber mir fremd ist.
Ein gläubiger Katholik hat das starke moralische Gefühl, dass das Presbyterium (der erhöhte Bereich in einer Kirche, in dem der Altar steht) heilig ist und mit entsprechender Ehrfurcht zu begegnen ist. Man betritt es nicht einfach so, man verbeugt sich in seine Richtung. Man würde es als unerträgliche Entweihung empfinden, wenn jemand in diesem Bereich etwas Unschickliches tut. Auch das ist ein Gefühl, das jemandem, der atheistisch erzogen worden ist, fremd ist. Für einen Atheisten ist das einfach ein Raum wie jeder andere auch.
Rationalisierung von Moral
Als westlich erzogener, individualistischer Mensch mit einer Tendenz zum Atheismus neigt man dazu, Moralempfindungen von Angehörigen anderer Kulturkreise als letztlich irrational abzuurteilen. Der traditionelle Inder, der orthodoxe Jude und der gläubige Katholik würden nur so empfinden, weil sie so erzogen worden sind. Würden sie sich einer rationalen Argumentation stellen, dann müssten sie allesamt zugeben, dass ihre Moralvorstellungen keine vernünftige Basis haben.
So möchte man meinen. Tatsächlich aber scheitern derartige Aufklärungsversuche in der Regel, sie werden als anmaßend, arrogant und übergriffig empfunden. Und nicht nur das. Die menschliche Vernunft ist sehr geschickt darin, gute Gründe für die jeweils eigene Position zu finden. Selbstverständlich ist ein traditioneller Inder fähig, „rational“ zu begründen, warum eine Frau ihrem Ehemann gehorchen sollte. Beispielsweise könnte er vorbringen, dass ansonsten die Gesellschaft in Chaos versinken würde. Ein orthodoxer Jude würde sein Schweinefleischverzicht einerseits mit der absoluten Autorität der Tora begründen, andererseits aber würde er argumentieren, dass es sich dabei um eine spirituelle Disziplin handelt, die den Menschen bei jeder Mahlzeit an den Bund mit Gott erinnert und das Essen von einer rein biologischen Funktion auf eine heilige Ebene hebt. Der gläubige Katholik begründet seine Ehrfurcht vor dem Presbyterium damit, dass dort Gott wahrhaft, leibhaft und dauerhaft gegenwärtig sei.
Zugegeben, ein individualistischer, atheistischer Westler würde solche Argumente für nicht stichhaltig halten. Stattdessen nimmt er die Würde und Unversehrtheit des einzelnen Individuums als (seiner Meinung nach) selbstverständlichen Ausgangspunkt für die rationale Begründung seiner individualistischen Moral. Normalerweise ist es ihm vollkommen unverständlich, wenn Angehörige anderer Kulturen ihm hierbei nicht folgen.
Versuchen wir aber ehrlich zu sein. Warum sollte die individualistische Moral richtiger sein als die des traditionellen Inders, des orthodoxen Juden oder des katholischen Christen? Wird hier nicht genauso ein moralisches Gefühl, das zunächst da ist, im Nachhinein eine vernünftig klingende Rechtfertigung untergeschoben? Warum sollte diese Rechtfertigung mehr die Wahrheit treffen?
Zumal wenn man bedenkt, dass man als westlicher Intellektueller einer kleinen Untergruppe der menschlichen Spezies angehört, die eine psychologische Studie als „WEIRD“ (engl.: seltsam) bezeichnet hat: western (westlich), educated (gebildet), industrialized (industrialisiert), rich (reich), democratic (demokratisch/links)[1].
Die empirische Basis fast der gesamten psychologische Forschung wird aus dieser Gruppe westlicher, ausgebildeter, eher links orientierter Menschen genommen. Nun stellten die Autoren der genannten Studie fest, dass diese WEIRD-Menschen bezogen auf die Gesamtbevölkerung die am wenigsten typische und am wenigsten repräsentative Auswahl darstellt, und das sogar innerhalb der USA und Europas. Nicht nur nicht-westliche Menschen denken und fühlen in der Regel völlig anders als WEIRD-Menschen, sondern auch die Mehrheit der ungebildeten und ärmeren Menschen in den USA oder in Europa. Das heißt: Es ist mehr als arrogant, die moralischen Empfindungen, die man als reicher, gebildeter, westlicher Intellektueller hat, als Maßstab für die Moral aller übrigen Menschen hernehmen zu wollen.
Warum politische oder moralische Diskussionen zumeist so unfruchtbar sind
Mit einer gehörigen Portion an Selbstkritik, angereichert mit Bescheidenheit, muss man zugeben, dass zunächst bestimmte moralische Gefühle da sind, dass jeder zunächst eine bestimmte Sicht auf die Welt hat oder, wie sich Haidt auch mit Anspielung auf den bekannten Hollywood-Film ausdrückt: dass jeder erst einmal in seiner eigenen Matrix lebt. Wenn überhaupt, dann versucht man im Nachhinein, die eigene moralische Intuition und die eigene Matrix rational zu rechtfertigen. Und dabei kommt es mehr auf den Schein einer rationalen Rechtfertigung an als auf wirklich stichhaltige Argumente. Deswegen ist es in der Regel ein sinnloses Unterfangen, wenn A, der in der einen moralischen Matrix lebt, einen B, der in einer anderen Matrix lebt, ändern oder von seiner Auffassung der Dinge überzeugen will. Darum sind politische und moralische Diskussionen so frustrierend und enden fast immer ergebnislos.
Wie die Moralpsychologie zu mehr Verständnis der Menschen untereinander verhelfen kann
Die Frage ist, ob es Hoffnung gibt, Hoffnung auf Verständigung, Hoffnung einfach darauf, dass Menschen miteinander friedlich auskommen können. Jonathan Haidt glaubt als Moralpsychologie dazu beitragen zu können, dass diese Frage bejaht werden kann. Dies tut er in folgenden Schritten.
Erstens soll die Moralpsychologie dabei helfen, die Pluralität der Moralen zu verstehen, indem sie die typischen moralischen Gefühle klassifiziert.
Zweitens. Verschiedene Ethiken sind ohne Zweifel kulturell erlernt, anerzogen und sind insofern „bloße“ Konventionen. Andererseits zeigen psychologische Studien, dass Menschen von Geburt an für bestimmte moralische Gefühle disponiert sind. Das ist ähnlich wie bei den menschlichen Sprachen. Natürlich sind verschiedene Sprachen erlernte Konventionen, allerdings ist der Mensch wohl auch überhaupt fürs Sprechen disponiert. Erkennt man, dass eine Moral, die mir fremd ist, nicht nur eine absurde Konvention ist, sondern durchaus in dem Sinne natürlich ist, dass sie auf einer allgemein menschlichen Disposition beruht, dann kann das zu mehr Verständnis führen. Die Erkenntnis, dass bei konträren Moralen nicht die eine quasi natürlich und die andere unnatürlich ist, sondern allesamt jeweils ihre biologische Basis haben, sollte einen toleranter gegenüber anderen Moralen machen.
Drittens. Die Triebfeder der Moral ist das Bedürfnis des Individuums, einer Gruppe angehören zu wollen. Sozialer Einfluss geht vor rationalem Überzeugen.
Viertens erklärt die Moralpsychologie, wie Menschen ihre Moral auch ändern. Das aber sicher nicht mit dem Brecheisen arroganter Belehrungen oder argumentativer Konfrontationen. Die soziale, emotionale Komponente ist viel wichtiger.
[1] Henrich, Heine, Norenzayan: The Weirdest People in the World?, in: Behavioral and Brain Sciences 322 (2008), S. 58-62. Siehe auch: Haidt: Die Macht der Moral, S. 132.

Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!