Die drei Grundsätze als abstrakte Konstruktionsanweisungen
Fichte sagt, dass den drei Grundsätzen der Wissenschaftslehre eine „Tathandlung“ entspricht bzw. überhaupt erst durch eine solche Tathandlung gegeben sind. Ich verstehe das so, dass es sich bei diesen Grundsätzen genau genommen um Konstruktionsanweisungen handelt.
Somit haben sie den Status von Postulaten, ähnlich wie bestimmte Axiome in der Geometrie. Ein geometrisches Postulat ist z.B., dass man gegebene zwei Punkten immer durch eine Strecke miteinander verbinden kann. Und so ist der erste Grundsatz der Wissenschaftslehre die Konstruktionsanweisung des reinen Ichs:
- Ich denke das erste Ich in Ich=Ich
- Ich denke das zweite Ich in Ich=Ich
- Ich denke die Identität der beiden Ich‘s
- Ich erkenne die Identität des Ich in den vorhergehenden drei Denkakten
Und die Grundlage für diese Konstruktion ist die „intellektuelle Anschauung“, d.h. die unmittelbare Gewissheit, dass ich mich als bloß erkennendes Subjekt selbst denken kann, in den verschiedenen Denkakten mir gleich bleibe und dabei von allem Persönlichen oder Individuellen absehen kann.
Der zweite Grundsatz ist die Konstruktionsanweisung für das Nicht-Ich als abstrakte Negation allen Seins:
- Ich denke Ich (als Summe allen Seins oder wie das Licht),
- Ich denke das Nicht-Ich (als Abwesenheit allen Seins oder wie die bloße Dunkelheit)
- Ich denke: Nicht-Ich ist nicht Ich
- Ich erkenne die Identität des Ich in den vorhergehenden drei Denkakten.
Und im dritten Grundsatz werden Ich und Nicht-Ich als sich gegenseitig einschränkend konstruiert, so dass das Nicht-Ich das Ich nur teilweise aufhebt, teilweise aber bestehen bleibt, als auch das Ich das Nicht-Ich nur teilweise aufhebt, teilweise aber bestehen bleibt.
Zwar ist der dritte Grundsatz bereits eine Synthese von Gegensätzen, nach Fichte lässt er sich aber wieder in zwei neue Antithesen analysieren, nämlich:
Aa. Das Ich setzt sich selbst als beschränkt/bestimmt durch das Nicht-Ich.
Ab. Das Ich setzt das Nicht-Ich als beschränkt/bestimmt durch das Ich.
Entsprechend diesen Gegensätzen unterteilt Fichte die Philosophie in zwei Teile. Von Aa) soll die theoretische Philosophie abgeleitet werden und von Ab) die praktische Philosophie.
Ich glaube, dass ein Grundproblem für das Verständnis von Fichtes Texten darin besteht, dass man als Leser das starke unwillkürliche Bedürfnis hat, sich etwas Konkretes unter „reinem Ich“, „Nicht-Ich“, „teilbarem Ich“ oder „teilbarem Nicht-Ich“ u.s.w. vorstellen zu wollen. Man bemüht sich, diese Begriffe auf etwas zu beziehen, das man im alltäglichen Leben irgendwie kennt. So wird das reine Ich zum persönlichen, inneren Seelenleben, das Nicht-Ich zum Ding. Geht man dann aber weiter in Fichtes Text, dann verwirren solche Assoziationen mehr, als dass sie helfen. Und immerhin hat Fichte selbst gesagt, dass es sich bei diesen Begriffen um nichts handeln würde, was im normalen, empirischen Bewusstsein vorkommen würde.
Meiner Meinung nach ist es viel besser, sich Fichtes Begriffe „reines Ich“, „Nicht-Ich“ etc. als abstrakte Konstrukte vorzustellen, ähnlich wie geometrische Kreise, die mit einem Zirkel präzise gezogen werden, oder Strecken, die mit einem Lineal sauber gezeichnet werden, mit dem einzigen „anschaulichen“ Gehalt, dass man sich als bloß erkennendes, selbstbewusstes Subjekt auffassen kann. Die Wissenschaftslehre soll eben genau das sein: eine abstrakte Ich-Geometrie, basierend alleine auf der Gewissheit, dass ich mich als bloß erkennendes Subjekt selbst denken kann, ohne irgendeinen Bezug zu mir als dieses spezielle Individuum.

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