Haidt 2: Gefühlsmäßige Grundlagen der Moral
Ich habe in meinem letzten Betrag bereits anhand von ein paar Beispielen gezeigt, dass es je nach Kultur oder Gruppenzughörigkeit unterschiedlichste moralischer Gefühle gibt, die sich zum Teil sogar widersprechen.
Haidt zählt in seinem Buch Die Macht der Moral sechs gefühlsmäßige Grundlagen der Moralität auf, auf die sich, wie er meint, die große Vielfalt moralischer Gefühle zurückführen lassen:
- Mitgefühl,
- Gefühl für Fairness,
- der Wunsch, sich vor unterdrückerischer Tyrannei zu befreien,
- das Die-Gruppe-ist-Alles-Gefühl,
- Respekt vor Autoritäten,
- Ehrfurcht für Heiligkeit und Beachtung von Reinheitsgeboten.
Nachfolgend erläutere ich diese sechs moralischen Empfindungen.
1. Mitgefühl mit anderern vs. rücksichtsloser Egoismus
In vielen Religionen wird eine Mitgefühlmoral gelehrt, z.B. im Christentum, im Islam oder im Buddhismus. Schopenhauer meinte, dass Mitleid das eigentliche Wesen jeglicher Moralität sei. Nietzsche prägte den Begriff der „Sklavenmoral“, deren Merkmal das Mitgefühl mit anderen sei.
Das Mitgefühl mit anderen Menschen oder sogar mit anderen Lebewesen im Allgemeinen begründet es, ein Verhalten, das das Wohl anderer berücksichtigt, als gut zu beurteilen. Dazu zählen Zuwendung, Freundlichkeit, Fürsorge, Hilfsbereitschaft. Als schlecht und verwerflich hingegen gilt gemäß der Mitleidsmoral ein solches Verhalten, das für andere Schmerz und Leid in Kauf nimmt: egoistische, rücksichtslose, gewalttätige Taten. Auch der Utilitarismus ist eine Abwandlung der Mitleidsmoral.
Folgende Imperative drücken die Moral des Mitgefühls aus:
- Du sollst gut zu anderen sein, hilfsbereit sein, anderen helfen, freundlich sein
- Du sollst nicht egoistisch sein, nicht rücksichtslos, nicht gewalttätig.
- Du sollst andere nicht im Stich lassen.
- Du sollst anderen keinen Schaden zufügen
2. Fairness und Gerechtigkeit
Es ist in vielen Kulturen ein tief sitzendes Empfinden, sich nach der Maxime „wie du mir, so ich dir“ zu verhalten. Ist der andere nett und freundlich zu mir, so ist es nur fair, wenn auch ich nett und freundlich zu ihm bin. Darauf beruht unser Gerechtigkeitsempfinden. Darauf beruhen auch unsere Gefühle von Dankbarkeit und Schuld, sowie das Treuegefühl. So entstehen gegenseitiges Vertrauen, kooperative Partnerschaft. Wer dagegen verstößt ist ein Betrüger, dem nicht zu trauen ist. Negativ gewendet lautet die Gerechtigkeits-Maxime: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“.
Erweitert man dies auf die Gruppe, so gibt es das moralische Empfinden der proportionalen Fairness: Jeder sollte das bekommen, was er verdient, sozusagen das Gesetz des Karmas. Wer viel leistet, sollte auch viel bekommen. Umgekehrt sollte die Gemeinschaft vor Betrügern, Drückebergern und Trittbrettfahrern geschützt werden.
Eher links orientierte Menschen halten es in diesem Sinne für unfair und gerecht, wenn es sich wenige Reiche auf Kosten der vielen Armen gut gehen lassen. Rechte hingegen halten es für ungerecht und unfair, wenn Einzelne das Sicherheitsnetz missbrauchen bzw. solche Menschen staatlich subventioniert werden, die es nicht verdient haben.
Folgende Imperative drücken das Gefühl von Fairness und Gerechtigkeit aus:
- Du sollst anderen gegenüber dankbar sein für das, was sie dir Gutes getan haben
- Begleiche deine Schuld anderen gegenüber
- Halte dein Versprechen! Sei treu!
- Betrüge nicht!
- Gib jedem das, was er verdient! Jemand, der viel gegeben hat soll auch viel bekommen! Wer wenig gegeben hat, soll wenig bekommen! Wer nichts gegeben hat, soll nichts bekommen!
- Sei gerecht!
- Wer etwas Schlechtes getan hat, soll eine entsprechende Strafe erhalten
3. Drang nach Freiheit: Befreiung vor tyrannischer Unterdrückung
Politisch Linke feiern Revolutionäre, Freiheitskämpfer, den Kampf gegen koloniale Fremdherrschaft, gegen einen willkürlichen Herrscher, gegen Superreiche und Kapitalisten, gegen Missbrauch von Macht. Politisch Rechte halten es gerechtfertigt, sich gegen ein unterdrückendes System, z.B. vor zu viel Staatlichkeit oder vor Sozialismus, zu wehren. Beide, Linke und Rechte, haben unterschiedliche Vorstellungen, gegen welche Art von tyrannischer Unterdrückung man sich befreien sollte. Das Grundschema ist aber dasselbe.
Folgende Imperative drücken den Drang nach Freiheit aus:
- Unterdrückung durch einen Tyrannen oder ein tyrannisches Gesellschaftssystem ist schlecht.
- Sich von einem Tyrannen oder einem tyrannischen Gesellschaftssystem zu befreien, ist gut.
- Gewalt gegen einen Tyrannen anzuwenden, ist gerechtfertigt. Revolution ist gut.
- Ein tyrannisches System gewaltsam zu beseitigen ist gut.
4. Das Die-Gruppe-ist-Alles-Gefühl
Menschen fühlen sich Gruppen zugehörig. Das ist normal. Bisweilen scheinen aber Einzelne regelrecht in Gruppen aufzugehen, bis hin zur Bereitschaft, sich selbst für die Gemeinschaft aufzuopfern. Das Motto ist: Die Gruppe (Nation/Klasse) ist alles, du bist nichts. Menschen empfinden dann eine sehr starke Loyalität zu ihrer Gruppe, meistens einhergehend mit einer scharfen Unterscheidung zwischen „wir“ und „die anderen“. Das gibt es nicht nur in Form von Nationalismus und Patriotismus, sondern auch als Klassenzugehörigkeit, Fangemeinschaften oder bei Sportteams. Merkmale sind ein starker Gruppenstolz, Hass auf die anderen und vor allem Hass auf Überläufer und Verräter.
Folgende Imperative drücken den Drang nach Freiheit aus:
- Sich für seine Gruppe (Nation/Klasse) zu opfern ist gut
- Du sollst zu deiner Gruppe (Nation/Klasse) stehen! Sie unterstützen
- Ordne dich dem Ziel unter, das die Gruppe (Nation/Klasse) verfolgt
- Du sollst deine Gruppe (Nation/Klasse) nicht verraten!
- Es ist gut, einer konkurrierenden Gruppe (Nation/Klasse) zu schaden. Ggf. darfst du auch Mitglieder einer konkurrierenden Gruppe verletzen oder töten.
5. Respekt vor Autoritäten
Viele Menschen empfinden gesellschaftliche Hierarchien als Garant für gesellschaftliche Ordnung und Frieden. Dazu sollte sich der Einzelne etablierten Institutionen und Traditionen unterwerfen. Ältere, Vorgesetzte und andere Autoritäten sollte man mit Respekt, Ehrfurcht und Gehorsam begegnen. Ansonsten würde gesellschaftliches Chaos drohen. Respektlosigkeit, Ungehorsam, Streit, Bürgerkrieg, Rebellion gegen legitime Autoritäten gelten als schlecht.
Folgende Imperative drücken den Respekt vor Autorität aus:
- Du sollst Vater und Mutter (und andere Autoritäten) ehren! Begegne ihnen immer mit dem gehörigen Respekt!
- Höre auf das, was eine Autorität sagt! Gehorche!
- Stelle eine Autorität nicht in Frage! Rebelliere nicht gegen sie!
6. Ehrfurcht vor Heiligkeit und Beachtung von Reinheitsgeboten
In fast allen Kulturen gibt es Tabus, heilige Orte, heilige Gegenstände, kultische Reinheitsregeln, sowie Abscheu vor Unreinheit. Dazu gehören auch religiöse Essensregeln, Aufforderung zur Mäßigung, Regeln, wie mit Sex und Nacktheit umzugehen ist und dass Hemmungslosigkeit zu vermeiden ist.
Folgende Imperative drücken Ehrfurcht vor Heiligkeit und Reinheit aus:
- Beachte die vorgeschriebenen Reinheitsgebote!
- Meide Dinge, die als schmutzig, unrein oder ekelig gelten!
- Beachte Tabus!
- Behandle alles, was als heilig/rein gilt, mit Ehrfurcht
- Verunreinige nichts, was als heilig/rein gilt!
- Vermeide Blasphemie oder Sakrilege! Entweihe nicht Heiliges! Schände nichts Heiliges!
Die kleine Bandbreite von moralischen Gefühlen von WEIRD-Personen
Als westlicher Intellektueller (d.h. als Angehöriger der WEIRD-Gruppe) neigt man dazu, Moral auf Mitgefühl und Fairness beschränken zu wollen. Diese beiden sollten im Kern, so meint man, das bestimmen, was als wahrhafte moralische Norm zu gelten habe. Dass es andere Menschen gibt mit anderen Ethiken wird entweder nicht zur Kenntnis genommen. Oder sie werden als irgendwie irrational dargestellt, z.B. als Übrigbleibsel irgendwelcher absurder alter Traditionen oder als Verblendung der Menschen durch böswillige Machthaber.
Allerdings verhindert eine solche Einstellung eine offene, unvoreingenommene Kommunikation mit Andersdenkenden. Sie verhärtet die sich widersprechenden Positionen und erschwert die Annäherung. Viel wichtiger aber noch: Sie erschwert auch Änderung, wo sie vielleicht tatsächlich wünschenswert wären.

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