Haidt 3: Moralische Gefühle: angeboren oder anerzogen?
Wie bereits im letzten Beitrag gesagt neigen westliche Intellektuelle dazu, Moral überhaupt mit Mitgefühl und Fairness identifizieren.
Wenn überhaupt, dann wird noch das Streben, sich von einer Tyrannei zu befreien, als moralisch legitim akzeptiert. Ein prominentes Beispiel dafür, wie selbstverständlich diese Identifikation vorgenommen wird, ist der Versuch von Kohlberg die Entwicklungspsychologie Piagets auf die Entwicklung sozialen Denkens zu übertragen[1].
Piaget hat ursprünglich untersucht, wie sich das vernünftige Denken bei Kindern nach und nach ausbildet, indem er gezeigt hat, dass Kleinkinder zu bestimmten physikalischen Denkfehlern neigen, die sie in späteren Jahren ablegen.
„So füllte er beispielsweise Wasser in zwei identische Gläser und forderte die Kinder auf, ihm zu sagen, ob beide Gläser dieselbe Menge Wasser enthielten. (Ja.) Dann goss er den Inhalt eines der beiden Gläser in ein hohes, schlankes Glas und forderte das Kind auf, das neue Glas mit dem unberührten Glas zu vergleichen. Kinder unter sechs bis sieben Jahren meinen in solche einem Fall, das hohe schlanke Glas enthalte nun mehr Wasser, da der Wasserspiegel höher liegt.“[2]
Erst ältere Kinder entwickeln sich kognitiv in der Regel so weiter, dass sie begreifen, dass beim Umschütten des Wassers in ein anderes Glas die Gesamtmenge des Wassers gleich bleibt.
Entsprechend der Theorie Piagets hat Kohlberg sechs Stufen des Denkens von Kindern über die soziale Welt ermittelt. Drei davon sind die folgenden:
- Kleinkinder beurteilen, ob eine Tat richtig oder falsch ist, je nachdem, ob ein Erwachsener sie bestraft oder nicht.
- Grundschulkinder respektieren oft im strikt wörtlichen Sinne Konventionen, die von einer Autorität festgelegt worden sind.
- Pubertierende Jugendliche stellen zunehmend Autoritäten in Frage und versuchen zu erkennen, was unabhängig von Konventionen gut und schlecht ist. Nach Kohlberg würden sie von alleine eine Ethik des Mitgefühls und der Fairness entwickeln, ähnlich wie reife Kinder von sich aus die grundlegenden physikalischen Gesetze korrekt erkennen.
Kohlbergs Entwicklungsmodell legt nahe, dass die Moral, die auf Mitgefühl und Fairness beruht und die in der Regel von westlichen Intellektuellen vertreten wird, diejenige Moral ist, auf die junge Menschen von Natur aus zusteuern, wenn man sie sich nur ungestört entwickeln lässt. Alle anderen Ethiken, insbesondere solche, die auf einem starken Gefühl von Gruppenzugehörigkeit, auf Respekt von Autoritäten oder auf einem Gefühl von Heiligkeit und Reinheit beruhen, wären demnach bloße Konventionen, die ein Mensch nur deswegen nicht abgelegt hat, weil er seine letzte moralisch Entwicklungsstufe noch nicht erreicht hat.
Jonathan Haidt hingegen behauptet, dass Menschen nicht nur für Mitgefühl und Fairness prädisponiert sind, sondern auch für andere moralische Grundgefühle. Und zwar würden sie zu einer Reihe von Merkmalen gehören, die dem Menschen zwar angeboren sind, ohne aber fest verdrahtet zu sein. Dazu verweist Hait auf neuere Forschungsergebnisse aus den Neurowissenschaft. Gary Marcus hat beispielsweise geschrieben:
„Die Natur schenkt dem Neugeborenen ein wirklich komplexes Gehirn, aber eines, das man am besten vorverdrahtet – flexibel und veränderlich – ansehen sollte, statt als festverdrahtet, fixiert und unwandelbar.“[3]
Marcus vergleicht das Gehirn mit einem Buch, das aus einer Vielzahl von Kapiteln besteht, die bei der Geburt nicht leer sind, sondern allesamt grob umrissen sind. Erst im Laufe des Lebens des Kindes würden diese Kapitel mit bestimmten Inhalten gefüllt werden, die vorab nur angedeutet waren, von Mensch zu Mensch aber durchaus unterschiedlich sein können. Ein Musterbeispiel dafür ist die menschliche Sprachfähigkeit. Der Mensch ist zu Sprache prädisponiert, welche konkrete Sprache er aber als Erwachsener spricht ist nicht biologisch vorgegeben, sondern kulturell bedingt.
Nachfolgend zähle ich ein paar Argumente dafür auf, dass der Mensch nicht nur für die moralischen Empfindungen des Mitgefühls und der Fairness, sondern auch für das Bedürfnis nach Autonomie, das Bedürfnis, sich möglichst vollkommen in der Gruppe aufzulösen, die Achtung vor Autoritäten, sowei für das Gefühl für Heiliges und dem Abscheu vor Unreinem prädisponiert ist, ohne aber dazu fix verdrahtet zu sein.
Befreiung von tyrannischer Unterdrückung
Bezogen auf das Freiheitsgefühl muss man drei Dinge unterscheiden:
- das Bedürfnis nach Autonomie: “Ich will selbst entscheiden”,
- die Bereitschaft, sich gegen Zwang zu wehren,
- die politische Idee von Freiheit.
Der heutige Forschungsstand spricht dafür, dass die ersten beiden Ebenen teilweise angeboren sind, die dritte jedoch weitgehend kulturell erlernt wird.
Das Bedürfnis nach Autonomie scheint biologisch tief verankert zu sein, da bereits Kleinkinder den starken Wunsch nach Selbstbestimmung zeigen. Die berühmte “Trotzphase” wird heute oft als Autonomieentwicklung verstanden. Das Kind sagt nicht nur deshalb “Nein”, weil es provozieren möchte, sondern weil es beginnt, sich als eigenständiges Wesen zu erleben. Forscher wie E. L. Deci und R. M. Ryan halten den Wunsch nach Autonomie für ein universelles psychologischen Grundbedürfnis.
Interessanterweise findet man ähnliche Phänomene auch bei anderen Säugetieren: Primaten wehren sich gegen dauerhafte Dominanz, Wölfe verlassen ihr Rudel, viele Tiere reagieren auf Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit mit Stress.
Der Anthropologe Christopher Boehm untersuchte sowohl ursprüngliche Stammeskulturen, als auch die Sozialstruktur bei Schimpansen[4]. Er stellte fest, dass Menschen und Schimpansen auf ähnliche Weisen Dominanz und Unterwerfung zeigen. Dennoch gibt es einen wesentlichen Unterschied. Menschlichen Jäger und Sammler leben in egalitären Gemeinschaften, es gibt keine Hierarchie und keinen Anführer. Bei Schimpansen hingegen gibt es in jeder Horde ein Alpha-Männchen, das zwar im eigentlichen Sinne kein Anführer ist, aber sich allen anderen Affen der Horde wie ein rüpelhafter Tyrann verhält. Dennoch hat er eine soziale Funktion: nämlich Streitigkeiten zu schlichten. Ansonsten aber ist er für alle anderen Mitglieder der Gruppe ein ziemlich unangenehmer Zeitgenosse. Die Frage ist, warum es in menschlichen Stammeskulturen keine entsprechenden rüpelhaften Tyrannen gibt.
Boehm vermutet, dass zwei Entwicklungen beim Menschen dafür verantwortlich sind: Erstens die Sprache und zweitens Waffen. Während Schimpansen nicht fähig sind, sich gegen den Rüpel zusammenzuschließen, sind Menschen genau dazu mittels sprachlicher Kommunikation fähig. Als außerdem vor etwa 500.000 Jahren Menschen begannen, Waffen wie z.B. Speere herzustellen, reichte die physische Kraft des Tyrannen alleine nicht mehr aus, um die anderen zu unterdrücken. Für einen Frühmenschen, der mit einem Speer bewaffnet ist, war es ein Leichtes, einen anderen Stammesgenossen zu töten, selbst wenn das Opfer physisch stärker ist. So waren die frühen Menschen dank Sprache und Waffen dazu fähig, sich von gewalttätigen Alpha-Männchen zu befreien.
Hierarchen bildeten sich übrigens erst wieder aus, als die Menschen begannen, Vieh- und Landwirtschaft zu betreiben. Bemerkenswert aber ist, dass diese Hierarchien immer wieder gefährdet waren. Kulturübergreifend ist es immer wieder zu Bauernaufständen, Sklavenaufständen, antikoloniale Bewegungen oder Widerstand gegen Tyrannen gekommen. Die Formen unterscheiden sich erheblich, aber das Grundmuster findet sich weltweit. Das spricht dafür, dass es in der Natur des Menschen verankert ist, sich gegen brutale, willkürliche Herrschaft zur Wehr zu setzen.
Die konkreten politischen Ideen von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten allerdings entstanden historisch und wurdne philosophisch entwickelt, etwa durch John Locke, Jean-Jacques Rousseau und später durch die Ideen der Amerikanischen und Französischen Revolution. Sie sind also erworbene kulturelle Güter, die allerdings wohl auf einer entsprechenden biologischen Prädisposition des Menschen gründen.
Das Die-Gruppe-ist-alles-Gefühl
Es besteht ein weitgehender Konsens unter Evolutionspsychologen, Sozialpsychologen und Anthropologen, dass die Neigung, sich mit einer Gruppe zu identifizieren und zwischen “wir” und “die anderen” zu unterscheiden angeboren ist. Mit welcher konkreten “Wir”-Gruppe ein Mensch identifiziert ist hingegen kulturell und historisch geprägt. Selbstverständlich fühlt man sich z.B. nicht von Natur aus einer bestimmten Nationalität zugehörig.
Bereits kleine Kinder bilden erstaunlich schnell Gruppen. Vorschulkinder bevorzugen häufig die eigene Kindergartenklasse, Kinder mit derselben T-Shirt-Farbe, Mitglieder einer zufällig zugewiesenen Gruppe. Dabei handelt es sich oft um sogenannte Minimalgruppen. Experimente zeigen, dass schon völlig bedeutungslose Gruppeneinteilungen (etwa “Gruppe Rot” gegen “Gruppe Blau”) ausreichen können, um Bevorzugungen der eigenen Gruppe hervorzurufen. Das legt nahe, dass die Bereitschaft zur Gruppenbildung tief im Menschen verankert ist. Der Sozialpsychologe Henri Tajfel zeigte mit seinen berühmten Minimalgruppenexperimenten, dass Menschen ihrer eigenen Gruppe oft Vorteile gewähren, selbst wenn die Gruppen völlig künstlich entstanden sind.
Ein klassisches Experiment machte der Sozialpsychologe Muzafar Sherif im Jahre 1954: die sog. Robbers-Cave-Experimente[5]. Sherif bildete zwei Gruppen von jeweils elf zwölfjährigen Jungen. Beide Gruppen sollten drei Wochen in einem Sommerlagen verbringen, aber jeweils an weit voneinander entfernten Bereichen des Geländes. Zunächst wusste keine Gruppe von der Existenz der anderen Gruppe. Dennoch begannen beide Gruppen jeweils „ihr“ Territorium zu markieren und eine Art Stammesidentität zu entwickeln. Sie definierten beide ihre Identitäten durch bestimmte Normen, Gesänge und Rituale. In beiden Gruppen kristallisierten sich durch Konsens ein Anführer heraus. Am sechsten Tag des Experiments bemerkten beide die Existenz der jeweils anderen Gruppe. Sofort bildete sich eine Rivalität zwischen den beiden Gruppen heraus. Sie trugen verschiedenste Arten von Wettkämpfen aus, beschimpften einander, provozierten Schlägereien, kämpften um ein strittiges Territorium. Erst als ihnen Aufgaben gestellt wurden, die sie nur gemeinsam lösen konnten, nahmen die Feindseligkeiten ab.Sherifs Experiment scheint zu beweisen, wie sehr die Ausbildung starker Gefühle der Gruppenzugehörigkeit in der menschlichen Natur verankert ist.
Respekt vor Autoritäten
Auch hier spricht die Forschung klar für eine Mischung aus biologischen Dispositionen und sozialer Prägung. Allerdings ist die Frage besonders knifflig, weil “Respekt vor Autorität” mehrere unterschiedliche Phänomene umfasst.
Die Bereitschaft, Hierarchien zu akzeptieren, scheint eine biologische Grundlage zu haben. Der Mensch ist eine hochsoziale Primatenart. Und nahezu alle Primaten leben in sozialen Hierarchien. Rangordnungen helfen dabei, Konflikte zu reduzieren, Ressourcen zu verteilen, Kooperation zu organisieren. Auch beim Menschen entstehen Hierarchien erstaunlich schnell – selbst in neu gebildeten Gruppen. Das spricht dafür, dass unser Gehirn gut darauf vorbereitet ist, Rangunterschiede wahrzunehmen, den eigenen Status einzuschätzen, auf höher- oder niedrigergestellte Personen unterschiedlich zu reagieren. Menschen folgen häufig Personen, die sie für kompetent halten. Schon kleine Kinder orientieren sich daran, wer sich in der Vergangenheit als zuverlässig erwiesen hat, wer offensichtlich mehr weiß, wer erfolgreich handelt.
Aus evolutionärer Sicht ist das sinnvoll. Wenn jemand besser jagen, heilen oder Gefahren erkennen konnte, war es klug, auf ihn zu hören. Diese Form von Autorität scheint daher teilweise biologisch vorbereitet zu sein.
Ob Autorität akzeptiert wird, hängt stark davon ab, ob sie als legitim empfunden wird. Menschen akzeptieren Autoritäten eher, wenn diese als kompetent, fair, fürsorglich, berechenbar wahrgenommen werden. Willkürliche oder ungerechte Autoritäten verlieren dagegen häufig an Anerkennung.
Obwohl Menschen wohl biologisch dazu disponiert sind, Autoritäten zu respektieren, gibt es bei der Frage darauf, welche konkreten Personen in einer Gruppe als Autoritäten anerkannt werden, große kulturelle Unterschiede. In manchen Gesellschaften wird erwartet, Älteren zu gehorchen, Lehrern nicht zu widersprechen, Vorgesetzte keinesfalls infrage zu stellen. In anderen Gesellschaften ist hingegen ist es gängig, Autoritäten kritisch zu hinterfragen, offen zu diskutieren, Entscheidungen zu begründen.
Ehrfurcht vor Heiligkeit und Beachtung von Reinheitsgeboten
Es gibt keinen Zweifel, dass bestimmte Religionen, Tabus oder Reinheitsvorschriften nicht angeboren, sondern kulturell erworben werden. Dennoch sind sich die meisten Religionspsychologen, Evolutions-psy-chologen und Anthropologen einig, dass Menschen von Natur aus so psychologisch disponiert sind, dass daraus solche Vorstellungen leicht entstehen. Mit anderen Worten: Der Mensch kommt sicher nicht mit dem Gefühl zur Welt, dass Schweinefleisch unrein oder dass ein bestimmter Ort heilig ist, aber er bringt kognitive und emotionale Neigungen mit, aus denen solche Überzeugungen in vielen Kulturen hervorgehen können.
In diesem Zusammenhang ist das Ekelgefühl gut erforscht worden. Biologisch gesehen schützt Ekel vor verdorbener Nahrung, Krankheitserregern, Fäkalien, Leichen. Diese Form des Ekels ist offensichtlich evolutionär sinnvoll. Interessant ist, dass Menschen diesen biologischen Ekel häufig auf moralische oder religiöse Bereiche übertragen. So können Menschen Ekel empfinden gegenüber Blasphemie, Inzest, sexuellen Normverletzungen, als “unrein” geltenden Handlungen. Psychologen sprechen hier von einer Ausweitung des Ekels von körperlichen auf soziale und moralische Bereiche.
Tabus gibt es praktisch in allen bekannten Kulturen. Dass so gut wie alle Kulturen Tabus besitzen, spricht für eine allgemeine psychologische Bereitschaft, bestimmte Dinge als besonders schützenswert oder gefährlich auszuzeichnen. Die konkreten Inhalte unterscheiden sich jedoch enorm und sind offensichtlich kulturell bedingt.
Auch das Gefühl, etwas sei “heilig”, scheint universell. Interessanterweise muss das nicht religiös sein. Viele Menschen empfinden als “unantastbar”: die Nationalflagge, Kriegsdenkmäler, die Verfassung, Menschenrechte, Familiengräber, bestimmte Kunstwerke.
Religiöse Essensregeln sind sicher kulturell erlernt. Dennoch beruhen sie psychologisch auf bereits vorhandene Mechanismen: Ekel, Identitätsbildung, Gruppenzugehörigkeit, Selbstkontrolle, Ritualisierung.
Fazit
Ob Mitgefühl, Fairness, Freiheit, Gruppenloyalität, Autorität, Heiligkeit/Reinheit tatsächlich angeborene “Module” sind, ist wissenschaftlich nicht unumstritten. Klar scheint jedoch zu sein, dass Menschen mit bestimmten emotionalen und kognitiven Dispositionen zur Welt zu kommen, die sich im Laufe der Entwicklung mit Kultur, Erziehung und Religion verbinden. Das Ergebnis sind sehr unterschiedliche moralische und religiöse Systeme – trotz gemeinsamer psychologischer Ausgangspunkte. Gerade diese Kombination aus universellen Dispositionen und kultureller Vielfalt erklärt, warum sich Religionen in ihren konkreten Reinheits- und Essensregeln stark unterscheiden können, während die Tendenz, überhaupt zwischen “heilig” und “profan” zu unterscheiden, weltweit immer wieder auftaucht.
[1] Kohlberg et al.: Moral Stages: A Current Formulation and a Response to Critics, Basel, 1983. Siehe auch Haidt S. 22 ff.
[2] Haidt: Die Macht der Moral, S. 24.
[3] G. Marcus: The Birth of Mind, Basic Books, New Yord, 2004; siehe auch: Haidt, S. 174.
[4] Boehm: Hierarchy in the Forest: The Evolution in of Egalitarian Behavior, Harvard University Press, 1999.
[5] Sherif et al.: Intergroup Conflict and Cooperation: The Robbers Cave Experiment. University of Oklahoma, 1954/1961. Siehe auch Haidt: S. 183 ff.

Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!