Haidt 4: “Linke” und “rechte” Moral
Haidt entwarf zusammen mit seinem Doktoranden Jesse Graham einen Fragebogen, um zu messen, wie wichtig fünf moralische Grundlagen (die oben genannten ohne den Freiheitsdrang) für Testpersonen sind.
Die Probanden mussten zunächst ihre politische Gesinnung selbst einschätzen von „sehr progressiv“ über „progressiv“, „moderat“, „konservativ“ bis „sehr konservativ“. In einer Studie von 2009 beantworteten 1600 Probanden den Fragebogen. Das Ergebnis:
- Je mehr ein Proband politisch links stand, umso wichtiger waren ihm Mitgefühl und Fairness und umso unwichtiger waren ihm Gruppenloyalität, Respekt gegenüber Autoritäten, sowie die Ehrfurcht vor Heiligem.
- Je mehr ein Proband politisch rechts stand, umso mehr nahm zwar die Bedeutung von Mitgefühl und Fairness ab, aber umso mehr waren die fünf moralischen Grundlagen (Mitgefühl, Fairness, Gruppenloyalität, Respekt gegenüber Autoritäten und Ehrfurcht vor Heiligem) in etwas gleich wichtig.
Eine Online-Umfrage von 2011, an der 132.000 Personen teilnahmen, ergab ein ähnliches Bild. Haidt interpretiert das Ergebnis wie folgt:
„[Die Republikaner] sprechen die ganze Bandbreite der Gefühle an, die von der Theorie der moralischen Grundlagen beschrieben wird. Wie die Demokraten können sie über unschuldige Opfer […] und über Fairness sprechen […]. Aber seit Richard Nixon verfügen Republikaner über ein Beinahe-Monopol, an Loyalität (vor allem Patriotismus und militärische Tugenden) und Autorität (einschließlich Respekt vor Eltern, Lehrern, Älteren und der Polizei wie auch vor Traditionen) zu appellieren. Und als die Republikaner während Ronald Reagans Wahlkampf 1980 die christlichen Konservativen umgarnten und zur Partei der ‚Familienwerte‘ wurden, übernahmen sie ein mächtiges Geflecht christlicher Ideen über Heiligkeit und Sexualität, die ihnen erlaubten, die Demokratische Partei als die Partei von Sodom und Gomorrha hinzustellen.”[1]
Haidt kommt zu dem Schluss, dass die Konservativen einen Vorteil haben, weil sie moralpsychologisch nicht so einseitig sind wie die Linken. Stattdessen können sie eine größere Vielzahl von moralischen Gefühlen bei den Wählern bedienen.
Paradoxerweise schleichen sich auch bei Linken auch die anderen moralischen Gefühle sozusagen durch die Hintertür wieder ein.
Bezogen auf den Klimawandel verweisen Linke z.B. gerne auf „die Wissenschaft“ oder den Weltklimarat als Institutionen, deren Autorität außerhalb jeglichen Zweifels stehen würde. Ich will an dieser Stelle betonen, dass ich alles andere als ein „Klimaleugner“ bin und dass es durchaus wichtig finde, Maßnahmen zu ergreifen. Dennoch beziehen sich manche auf „die Wissenschaft“ auf ähnliche Weise, wie gläubige Katholiken auf die Autorität des Papstes, so als wäre es vollkommen ausgeschlossen, dass sich die Wissenschaft auch irren könnte. Dabei wird erstens übersehen, dass Wissenschaft selbst von Kritik, Revision und Unsicherheit lebt. Zweitens aber ist das eine Autoritätsgläubigkeit, die, recht besehen, ansonsten nicht zu einer “linken” Moralität passt.
Ein anderes Beispiel gibt der Wunsch mancher Menschen, nur in ökologisch und sozial korrekte Unternehmen investieren zu wollen. Natürlich ist es nachvollziehbar, wenn man nicht Unternehmen unterstützen will, deren Gebaren man für unmoralisch hält. Andererseits erinnert es an das moralische Grundgefühl von Heiligkeit und Reinheit mit seinen Tabus.
Ein drittes Beispiel. Obwohl viele Progressive mit Religion nichts mehr anfangen können, hat das Veganertum bisweilen den Charakter von religiösen Essensregeln.
Viertes Beispiel: Bei manchen Demonstrationen (nicht bei allen) entsteht ein Gefühl „Wir gegen die“, insbesondere natürlich bei sogenannten Gegendemonstrationen. Liefern sich extreme Demonstranten auch noch Schlachten mit der Polizei, dann unterliegen sie vollends dem Die-Gruppe-ist-alles-Gefühl.
Ich will die genannten Phänomene nicht kritisieren. Es zeigt aber, dass die Gefühle: Respekt vor Autoritäten, das Die-Gruppe-ist-Alles-Gefühl sowie Heiligkeit/Reinheit, selbst in solchen Menschen angelegt sind, die sie in vielen anderen Kontexten als Rückfall in eine archaische Moral denunzieren.
[1] Haidt: Die Macht der Moral, S. 205.

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