Exkurs: Der Zeitbegriff in verschiedenen Kontexten
Herr Betz hat einen meiner Beiträge kommentiert. Vielen herzlichen Dank dafür.
Herr Betz weist darauf hin, dass er es interessant findet, dass es in der Moderne zwei verschiedene Zeitbegriffe gibt. Einmal die Zeit, verstanden als Zahlenstrahl, als abstrakte mathematische Konstruktion, wie sie in der modernen Physik behandelt wird. Ein andermal die Zeit, verstanden als inneres Zeitbewusstsein, wie man es z.B. bei Bergson, Husserl oder Heidegger findet. Herr Betz spricht hier von „zwei Wahrheiten“, die heutzutage nebeneinander bestehen.
Dieser Kommentar hat mich dazu angeregt, die Sache etwas zu vertiefen.
Ich gebe Ihnen im Großen und Ganzen vollkommen recht. Allerdings, würde ich nicht von zwei „Wahrheiten“ sprechen. Eher von verschiedenen Sichtweisen, besser vielleicht sogar: von verschiedenen Sprechweisen je nach gegebenem Kontext. Was meine ich damit?
Von “Zeit” spricht man in unterschiedlichen Kontexten
Stellen wir uns Galilei vor, wie er Ende des 16. Jahrhunderts eine Vermutung hatte, die er empirisch überprüfen wollte. Gemäß der aristotelischen Naturphilosophie sollten nämlich Dinge, die sich im freien Fall befinden, sofort nach dem Loslassen eine bestimmte Geschwindigkeit einnehmen, die dann während des gesamten Falls konstant beibehalten wird. Galilei jedoch glaubte mathematisch beweisen zu können, dass es sich um eine beschleunigte Bewegung handelt, dass der Gegenstand am Ende des freien Falls schneller ist als ganz am Anfang. Für uns heute ist das eine Selbstverständlich und wer in der Schule gut aufgepasst hat weiß, dass die Geschwindigkeit beim Fall direkt proportional ist zur vergangenen Zeit. Ja, das ist uns heutigen eine Selbstverständlichkeit. Aber wenn man es nicht weiß, ist diese Gesetzmäßigkeit mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Aristoteles und die vielen Gelehrten, die über mehr als tausend Jahre die aristotelische Auffassung von der konstanten Geschwindigkeit hatten, waren also nicht einfach nur Idioten, die zu dumm waren genau hinzusehen.
Wie auch immer. Galilei wollte seine Vermutung empirisch bestätigen. Er hatte damals aber keine Geschwindigkeitsmessgeräte, Videokameras oder ähnliches. Stattdressen musste er sich etwas einfallen lassen, um den freien Fall zu „verlangsamen“, so dass man mit bloßem Auge die Beschleunigen erkennen kann. Und genau das erreichte er durch die schiefe Ebene mit einer geringen Neigung. Die Kugel beginnt sichtbar langsam an zu rollen, und wird dann sichtbar immer schneller. Nun wollte er aber noch das genaue Verhältnis von vergangener Zeit und zurückgelegtem Weg bestimmen. Naja, eine Stoppuhr hatte er nicht. Aber er war erfinderisch. Er konstruierte ein Zeitmessgerät, bei dem Wassertropfen gleichmäßig in ein Gefäß tropfen. Die vergangene Zeit wird auf diese Weise messbar durch das Gewicht des Wassers in dem Gefäß. Bei dem einen Versuch „dauert“ die Zeit also 10 g Wasser, das andere Mal 50 g Wasser.
Nun versetzen wir uns in die Situation von Husserl, wie er seine Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins (1904/05) vorbereitet. Seine These ist unter anderem, dass Zeit im subjektiven Erleben keine bloße Abfolge von singulären Augenblicken sein kann, vielmehr nehmen wir im selben Moment sowohl Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft wahr. Nur so ist es beispielsweise erklärbar, dass wir eine Melodie erkennen. Man kann sich nun vorstellen, wie Husserl an seinem Schreibtisch sitzt sich selbst eine Melodie vorsingt, z.B. Hänschen Klein, und darauf achtet, dass er beim Abschnitt „in die weite Welt hinein“ noch irgendwie den Abschnitt „ging allein“ gegenwärtig hat und gleichzeitig mental schon den Abschnitt „Stock und Hut“ vorwegnimmt. Anschließend versucht er das so Whrgenommene in eine philosophische Sprache zu bringen.
Beide, Galilei und Husserl, beschäftigen sich mit der Zeit. Beide reden von der „Zeit“. Aber beidemale in vollkommen verschiedenen Kontexten. In Galileis Kontext wären Husserls innere Beobachtungen vollkommen unzweckmäßig und sinnlos gewesen. Galilei wäre auf diese Weise keinen Schritt weiter gekommen. Umgekehrt kann man Husserls Fragestellung nicht mit einer Wasseruhr lösen.
Das heißt aber nicht, dass Husserl „seine“ Wahrheit hat und Galilei „seine“ Wahrheit. Ich finde, dass dadurch der Gegensatz der beiden unterschiedlichen Zeitauffassungen falsch ausgedrückt wird. Und es klingt mir zu relativistisch (und zu sehr nach Nietzsche), nach dem Motto: Jeder hat seine eigene Wahrheit. Es geht nicht darum, dass Galilei seine „Zeit-Wahrheit“ hat und Husserl seine „Zeit-Wahrheit“. Es sind einfach verschiedene Kontexte, in denen das eine Sinn macht, nicht aber das andere. Und selbstverständlich kann ein und dieselbe Person die Kontexte wechseln. Z.B. hätte Husserl in die Rolle eines empirischen Physikers schlüpfen können, und dann hätte er auf ähnlich Weise von Zeit gesprochen wie Galilei, während seine inneren Melodie-Beobachtungen sinnlos wären. Und selbstverständlich hätte Galilei sein eigenes subjektives Zeitempfinden untersuchen können, und dann hätte er kein Zeitmessgerät gebraucht.
Jedermann wechselt selbst ständig die Kontexte
Und einen solchen Wechsel der Kontexte vollzieht ja jeder von uns ständig. „Zeit“ im Kontext des Arbeitslebens bedeutet etwas anderes, als die „Zeit“ eines Experimentalphysikers. Aber auch die „Zeit“ des Experimentalphysikers ist genau genommen eine andere als die des theoretischen Physikers. Dem letzteren ist es nämlich egal, wie die Zeit genau gemessen wird, stattdessen ist für ihn (z.B.) die Zeit identisch mit der x-Achse des Koordinatensystems. Für einen Mystiker ist Zeit etwas anderes als für Husserl. Dann gibt es noch poetische Zeitauffassungen, wie z.B. Rilke in seinem Stundenbuch.
Es gibt also die verschiedensten Kontexte, in denen wir von „Zeit“ sprechen. Man kann sich natürlich fragen, was all diese Zeit-Sprechweisen bzw. Zeit-Kontexte miteinander gemeinsam haben. Bzw. gibt es vielleicht eine Zeit-Auffassung, die alle anderen Zeit-Auffassungen begründet und insofern als primär gelten kann? Gerade als Philosoph neigt man zu solchen Letztbegründungen.
Und tatsächlich kann ich den Galilei-Kontext über den Husserl-Kontext stülpen. Man kann sich vorstellen, wie ein Experimentalphysiker A mit einer Stoppuhr neben Husserl steht, während er sich innerlich eine Melodie vorsingt. Am Ende könnte A sagen: Ok, lieber Husserl, deine Ausführungen über das innere Zeiterleben sind ja ganz nett, aber du kannst doch nicht leugnen, dass das ganze Melodie-Experiment x Sekunden gedauert hat.
Aber auch umgekehrt kann ein Philosoph B an Galilei herantreten und sagen: „Du kannst das Experiment an der schiefen Ebene ja nur deswegen machen, weil du dir während des Experiments nicht nur die Kugel rollen siehst, sondern auch den (vergangenen) Anfang, als auch das (noch kommende) Ende des Experiments innerlich gemeinsam gegenwärtig hast.“
Man kann einen Kontext in einen anderen Kontext übersetzen und dadurch verfremden
Auf diese Weise kann man die jeweiligen Kontexte, ich möchte mich einmal so ausdrücken: verfremden. Und dieses Verfremden ist eine Art Übersetzen. Galileis Kontext kann in Husserls Kontext übersetzt werden, verliert dann aber den ursprünglichen Sinn, den Galilei verfolgt hat. Und umgekehrt. Husserls Kontext kann in einen experimentalphysikalischen Kontext übersetzt werden, verliert damit aber seinen Sinn. Und man könnte auch beides arbeitsrechtlich im Sinne einer aufgewendeten Arbeitszeit verstehen, aber damit hat man auch wieder den Kontext verlassen, um den es Husserl bzw. Galilei ging. Oder man kann beide Kontexte poetisch im Sinne einer gesteigert empfundenen Lebenszeit verstehen, aber auch darum ging es weder Husserl noch Galilei, etc. etc.
Ich will sagen: Keiner dieser Kontexte ist dem anderen überlegen oder unterlegen. Die Kontexte sind einfach nur verschieden. Natürlich kann ich einen bestimmten Kontext vorziehen, aber das heißt noch lange nicht, dass ich mich immer und jederzeit in diesem Kontext befinde: dass das meine einzige subjektive „Wahrheit“ ist. Ich bin vielmehr eben einmal z.B. Experimentalphysiker, einmal vielleicht ein introvertierter Philosoph, einmal Arbeitnehmer, einmal ein poetisch gestimmter Mensch.
Ein Kontext ist nicht selbst wahr oder falsch, sondern kann den Rahmen abgeben für die Rede von wahr und falsch
Ferner: So etwas wie Wahrheit, gibt es immer nur höchstens innerhalb eines bestimmten Kontextes. Also z.B. bezogen auf den Galilei-Kontext: Galilei hätte einen falsch funktionierenden Zeit-Mess-Apparat bauen können. D.h. der eine Apparat liefert richtige Ergebnisse, der andere, falsch konstruierte, liefert falsche Ergebnisse. Ebenso kann ein theoretischer Physiker eine korrekte oder eine falsche abstrakte Darstellung der Zeit wählen. Und Husserl hätte sein inneres Erlebnis, wie er eine Melodie innerlich singt und erkennt, auch falsch beschreiben können. Ich behaupte nicht, dass jeder denkbare Kontext die Unterscheidung von wahr und falsch zulässt (z.B. gibt es das wahrscheinlich nicht bezogen auf das poetische Zeiterlebnis). Ich will aber sagen: Wenn es eine sinnvolle Rede von wahr und falsch gibt, dann immer innerhalb eines konkreten Kontextes. Und insofern sind es auch nicht die verschiedenen Kontexte, die wahr oder falsch sind, sondern sie liefern nur den Rahmen für eine solche Unterscheidung.

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