Der zweite Grundsatz: Das Nicht-Ich ist nicht Ich
Ähnlich wie der erste Grundsatz, kann nach Fichte auch der zweite Grundsatz der Wissenschaftslehre nicht bewiesen werden, vielmehr muss auch er gefunden werden.
Somit ist der § 2 eine Heuristik des zweiten Grundsatzes, so wie der § 1 eine Heuristik des ersten Grundsatzes ist. Auch hier bedeutet die zunehmende Abstraktion eine Loslösung vom endlichen, empirischen Ich und ist somit ein Akt der Freiheit.
Heuristik des zweiten Grundsatz: Nicht-Ich \( \neq \) Ich
a) Wie beim ersten Grundsatz geht Fichte von einer logischen Gesetz aus, nämlich dem Gesetz vom zu vermeidenden Widerspruch [1]:
„nicht-A ist nicht A“ oder „\( \lnot A \neq A \)“ oder „wenn nicht-A, dann ist nicht A“
Dieses logische Gesetz, so meint Fichte, findet jeder Mensch als „Thatsache des empirischen Bewusstseyns“ in sich vor. Fichte will mit diesem Satz seine Heuristik beginnen, ohne ihn aber als logisch gültige Wahrheit anzunehmen. Stattdessen will er ihn zunächst als nur vorläufig oder hypothetisch gültig annehmen und ihn höchstens nach Auffinden des zweiten Grundsatzes im Nachhinein begründen.
b) Sobald man sich die Frage stellt, warum die Aussage „\( \lnot A \neq A \)“ wahr ist[2] verlässt man das empirische Bewusstsein und macht einen ersten Schritt in Richtung des reinen Ichs der Wissenschaftslehre. Fichte behauptet, dass „\( \lnot A \neq A \)“ nicht schon aus „A=A“ folgen würde. Denn in dem identischen Satz sei noch keine Negation bzw. noch kein Entgegensetzen enthalten.
c) In einem nächsten Abstraktionsschritt stellt Fichte fest, dass sowohl das Negieren als auch das Entgegensetzen keine Operationen einer individuellen Person sind, sondern für alle vernunftbegabten Wesen allgemein gültig sind. Das heißt: sofern zwei Personen unter A dasselbe verstehen, kann „nicht-A“ für den einen nicht das eine und für den anderen etwas anderen bedeuten. Ebenso kann bezogen auf einen Satz „X ist Y“ seine Negation „X ist nicht Y“ für mich das eine, für einen anderen etwas anderes bedeuten. Deswegen bezeichnet Fichte das Entgegensetzen bzw. das Negieren als „absolute Handlung“. Das Negieren oder Entgegensetzen ist für alle vernünftigen Wesen exakt dasselbe. Anders formuliert:
Ich abstrahiere von allem Persönlichen und erkenne als vernünftiges Wesen überhaupt, dass nicht-A objektiv das Entgegensetzte von A ist.
d) Nehme ich die Position des „urtheilenden Ich schlechthin“ ein, dann kann ich darauf achten, was ich mental tue, wenn ich das Urteil „\( \lnot A \neq A \)“ vollziehe und dabei von allem Persönlichen abstrahiere. Ich denke nämlich erstens A, zweitens setze ich denkend dem A das \( \lnot A \) entgegen, dann denke ich, dass nicht-A nicht A ist, und stelle schließlich fest, dass der Denkende jedes Male derselbe ist:
- ich denke A,
- ich denke (nicht-A)
- ich denke (nicht-A ist nicht A)
- ich erkenne die Identität des Ich in den vorhergehenden drei Denkakten. (*)
e) Nun treibe ich die Abstraktion ins Extreme und sehe von jedem konkreten A ab, so dass am Ende nur das Ich bzw. das „ich denke“ selbst bleibt, denn davon kann ich nicht absehen. Auf diesem Gipfel der Abstraktion kann sich das Entgegensetzen nur auf das Ich selbst beziehen[3], so dass damit das Nicht-Ich gesetzt ist. Im ersten Grundsatz galt das Ich als die Summe alles Seins, deswegen soll das Nicht-Ich hier als die vollkommene Abwesenheit von Sein konstruiert werden. Um einen Vergleich zu bemühen: Wenn das Ich das strahlende Licht ist, so ist das Nicht-Ich die völlige Dunkelheit[4]. Aus dem Satz (*) wird somit:
- ich denke Ich (als Summe allen Seins oder wie das Licht),
- ich denke (Nicht-Ich) (als Abwesenheit allen Seins oder wie die bloße Dunkelheit)
- ich denke (Nicht-Ich ist nicht Ich)
- ich erkenne die Identität des Ich in den vorhergehenden drei Denkakten.
Fichte drückt diesen Grundsatz prägnant aus durch:
Nicht-Ich ist nicht Ich oder Wenn Nicht-Ich dann nicht Ich
Graphisch kann man das wie folgt darstellen:

Zu beachten ist, dass es sich hierbei um eine wissenschaftliche Konstruktion handelt. Und wie ein in der Geometrie konstruierter Kreis von einem realen kreisförmigen Gegenstand verschieden ist, so ist das in der Wissenschaftstheorie konstruierte Nicht-Ich von einem konkreten, empirischen Gegenstand verschieden, das das empirische Ich als von sich verschieden erkennt. Genauso wie das reine Ich nicht herkömmlichen, alltäglichen Leben vorkommt, sondern nur im Bewusstsein des Philosophen künstlich erschaffen wird, so kommt auch das Nicht-Ich nicht im Alltag vor, sondern ist ein philosophisches Konstrukt.
Satz vom zu vermeidenden Widerspruch
Am Anfang der Heuristik galt der Satz vom zum vermeidenden Widerspruch als nur hypothetisch angenommen. Ähnlich wie das logische Gesetz der Identität durch den ersten Grundsatz der Wissenschaftslehre begründet sein soll, meint Fichte, den Satz vom zu vermeidenden Widerspruch mit dem zweiten Grundsatz ein festes Fundament gegeben zu haben.
Kategorie der Negation
Der zweite Grundsatz drückt die Negation schlechthin aus. Darin wird das Nicht-Ich konstruiert als die absolute Negation und, insofern das Ich als die Summe aller Realität verstanden wird, als die Abwesenheit jeglicher Realität. Das Ich ist wie das Licht, das Nicht-Ich wie die Dunkelheit, d.h. die vollkommene Abwesenheit von Licht. Folglich korrespondiert der zweite Grundsatz der Wissenschaftslehre mit Kants Kategorie der Negation, was ich weiter noch etwas ausführlicher erörtern werde.
[1] GWL, FW I, S. 101
[2] GWL, FW I, S. 102.
[3] GWL, FW I, S. 104.
[4] FW I, S. 144 f.

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