Der dritte Grundsatz der Wissenschaftslehre

Die ersten beiden Grundsätze hat Fichte nicht hergeleitet, sondern jeweils mittels einer geeigneten Heuristik gefunden.

Beide Male hat Fichte mit einer logischen wahren Aussage begonnen, die er als „Thatsachen des empirischen Bewusstseyns“ bezeichnet hat. Davon ausgehend hat Fichte die ersten beiden Grundsätze gefunden, indem er das empirische Bewusstsein immer mehr abgestreift und immer höhere Abstraktionsstufen erklommen hat. Schließlich ist Fichte zu den beiden Grundsätzen gelangt, bei denen es sich im Grunde um Konstruktionen handelt, nämlich einmal um die des reinen Ich, andermal um die des Nicht-Ich. Diese beiden Begriffe konstruiert Fichte, ähnlich wie man in der Geometrie einen Kreis oder eine Linie konstruiert. Und die zugehörigen Grundsätze haben den Charakter von Postulaten, ähnlich den Postulaten in der Geometrie.

Herleitung des dritten Grundsatzes

Der dritte Grundsatz ist genau genommen kein Axiom, sondern ein Theorem, das Fichte aus dem zweiten Grundsatz herleitet. Allerdings soll es sich dabei um keine logisch-begriffliche Herleitung handeln. Stattdessen soll es eine anschaulich-konstruktive Herleitung sein, ähnlich wie in der Geometrie. Fichte verwendet noch nicht diesen Begriff, aber wir würden seine Beweismethode heute als dialektisches Verfahren bezeichnen. In einem früheren Beitrag habe ich Fichtes dialektische Methode bereits ausführlich behandelt. Hier eine kurze Zusammenfassung.

Fichtes dialektische Methode (die er selbst „synthetisches Verfahren“ genannt hat)[1]:

1) Der Ausgangspunkt ist ein Satz A, den Fichte eine „noch nicht begriffene Synthese“ nennt.

2) Dieser Satz ist dahingehend zu analysieren, ob Gegensätze in A enthalten sind, d.h. ob sich zwei Sätze B und C aus A erschließen lassen, die sich zumindest in einer Hinsicht widersprechen. Diese Hinsicht ist das, was Fichte auch den Unterscheidungsgrund nennt.

3) Man muss eine Lösung D konstruieren, durch welche der Widerspruch zwischen B und C aufgehoben wird. Fichte nennt D auch den „Vereinigungspunkt“, Mittelglied oder Beziehungsgrund von B und C. Mit D hat man nun eine neue Synthese, durch die der anfängliche Satz A anschaulich begriffen wird.

Auf diese Weise meint Fichte zu synthetischen Erkenntnissen a priori kommen zu können.

Die Herleitung des dritten Grundsatzes ist das erste Mal in GWL, dass Fichte diese dialektische Methode konkret anwendet. Entsprechend dem obigen Schema von Fichtes dialektischer Methode gliedert sich diese Herleitung in drei Schritte.

1) Der Ausgangspunkt ist der zweite Grundsatz, in dem das Nicht-Ich konstruiert wird. Meiner Auffassung nach hat diese Konstruktion vier Momente:

  1. ich denke Ich (als Summe allen Seins oder wie das Licht),
  2. ich denke (Nicht-Ich) (als Abwesenheit allen Seins oder wie die bloße Dunkelheit)
  3. ich denke (Nicht-Ich ist nicht Ich)
  4. ich erkenne die Identität des Ich in den vorhergehenden drei Denkakten.

Das Ich kommt hier an zwei Stellen vor. Einmal als das Ich, das dem Nicht-Ich entgegengesetzt ist, nennen wir es ¹Ich. Andermal gibt es das Ich, das in den folgenden drei Denkakten identisch ist, 1) das ¹Ich zu denken, 2) das Nicht-Ich zu denken, als auch 3) die Negation Nicht-Ich ist nicht ¹Ich zu denken. Dieses Ich soll entweder absolutes Ich oder ⁴Ich heißen. Wenn Fichte schreibt „X ist im Ich“, dann schreibe ich das etwas präziser als „X ist im absoluten Ich“ oder „X ist im ⁴Ich“.

2) Aus dem zweiten Grundsatz folgen nun zwei sich widersprechende Sätze[2]:

a) Das ¹Ich ist im absoluten Ich nicht

Denn: Wegen 2) ist das Nicht-Ich im absoluten Ich gesetzt. Wegen 3) ist das Nicht-Ich nicht ¹Ich. Folglich ist ¹Ich nicht im absoluten Ich gesetzt.

b) Das ¹Ich ist im absoluten Ich gesetzt.

Das gilt unmittelbar wegen 1).

3) Nach Fichte lässt sich der obige Widerspruch auflösen, wenn es eine Möglichkeit gibt, Ich und Nicht-Ich zusammen zu denken, „ohne dass sie sich vernichten und aufheben“[3]. Das könne aber, meint er, nur durch die Begriffe des Einschränkens und der (quantitativen) Teilbarkeit geschehen. Indem ich A und B als sich gegenseitig einschränkend denke, ist A teilweise negiert, teilweise aber nicht, genauso wie B teilweise negiert ist, teilweise nicht.

Den dritten Grundsatz erhält man nun dadurch, dass man in dem zweiten Grundsatz das vollständige Entgegensetzen durch eine andere Konstruktionsanweisung ersetzt, und zwar durch das gegenseitige Einschränken, das ein geteiltes Sein zu Folge haben soll. So erhält man den dritten Grundsatz, den ich zunächst wie folgt darstellen will:

  1. ich denke Ich,
  2. ich denke (Nicht-Ich)
  3. ich denke (Ich und Nicht-Ich schränken sich gegenseitig ein, so dass das Nicht-Ich das Ich nur teilweise aufhebt, teilweise aber bestehen bleibt, als auch das Ich das Nicht-Ich nur teilweise aufhebt, teilweise aber bestehen bleibt)
  4. ich erkenne die Identität des Ich in den vorhergehenden drei Denkakten.

Prägnant formuliert lautet der dritte Grundsatz in etwa wie folgt:

Im (absoluten) Ich schränken sich ¹Ich und Nicht-Ich gegenseitig ein, so dass im (absoluten) Ich einem teilbaren ¹Ich ein teilbares Nicht-Ich entgegengesetzt wird, die auf diese Weise die Realität unter sich aufteilen. Die Realität, die das ¹Ich hat, hat das Nicht-Ich nicht, und die Realität, die das Nicht-Ich hat, hat das ¹Ich nicht. Oder auch: Zwischen dem (teilbaren) Ich und dem (teilbaren) Nicht-Ich wird eine „Schranke“ gesetzt wird, durch die beide im absoluten Ich eingeschränkt werden.[4]

Während im ersten Grundsatz das absolute Ich alles Sein besitzt, im zweiten Grundsatz dem Nicht-Ich jegliches Sein abgesprochen wird, ist im dritten Grundsatz das Sein auf das Ich und das Nicht-Ich aufgeteilt. So bauen die drei Grundsätze aufeinander auf[5]. Fichte vergleicht das endliche Ich und das Nicht-Ich mit Licht und Finsternis[6]. Der erste Grundsatz wäre der Ausdruck des totalen Liches, der zweite Grundsatz wäre wie die schroffe Entgegensetzung zwischen totalem Licht und totaler Finsternis. Der dritte Grundsatz hingegen wäre ein gradueller Übergang von Licht zu Finsternis. Dies entspricht Kants Kategorie der Limitation, worauf ich in einem Beitrag weiter unten noch näher eingehen werde.

Begründung der Dialektik

Wie der erste und der zweite Grundsatz der Wissenschaftslehre soll auch der dritte Grundsatz ein logisches Gesetz begründen. Dazu leitet Fichte folgende beiden Aussagen aus dem dritten Grundsatz ab, die seiner Meinung nach in jedem empirischen Bewusstsein gegeben sind:

  • A ist zum Teil nicht-A
  • nicht-A ist zum Teil A

Und darin erkennt Fichte zwei logische Gesetze:

  • Der Satz vom Beziehungsgrund: Jedes A ist seinem Entgegengesetzten in einem Merkmal bzw. in einer Hinsicht gleich.
  • Der Satz vom Unterscheidungsgrund: Zwei gleiche A, B sind sich in einem Merkmal bzw. in einer Hinsicht entgegengesetzt.

Fichte fasst diese beiden Gesetze zu einem logischen Gesetz zusammen, das er den Satz vom Grund nennt. In jedem Fall sind die beiden Aussagen die Grundlage für sein „synthetisches“ Verfahren, das wir heutzutage Dialektik nennen würden. Fichtes Dialektik habe ich in einem früheren Beitrag bereits ausführlich besprochen.

Kategorie der Limitation

Im dritten Grundsatz wird wird das Nicht-Ich nicht als vollkommene Negation des Ich konstruiert, sondern so, dass sich Ich und Nicht-Ich nur gegenseitig einschränken. Das Sein soll auf das Ich und das Nicht-Ich aufgeteilt werden. Das Nicht-Ich ist dann nicht mehr die völlige Abwesenheit von Sein, sondern es hat ein gewisses Quantum an Sein, genauso wie das Ich ein bestimmtes Quantum an Sein hat. Das wiederum entspricht Kants Kategorie der Limitation.

[1] Siehe auch GWL, FW I, S. 112 ff.

[2] GWL, FW I, S. 106.

[3] GWL, FW I, S. 108.

[4] FW I, S. 108.

[5] FW I, S. 113.

[6] FW I, S. 144 f.

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