Begründung der Logik und der Dialektik durch die Wissenschaftslehre
Erinnern wir uns, welche Stellung die Logik bei Kant hatte.
Für Kant war die Logik etwas Gegebenes, auf dessen Grundlage seine Kritik der reinen Vernunft aufbaut. Fichte hingegen will umgekehrt die Logik durch seine Wissenschaftslehre begründet sein lassen.
Dazu hat Fichte zwar seine Heuristik mit der logischen Trivialität \( A = A\) begonnen, aber die Gültigkeit der Logik sollte eigentlich nicht vorausgesetzt werden, sondern nur hypothetisch angenommen werden[1]. Nun, nachdem er den ersten Grundsatz Ich = Ich erreicht hat, der ihm eine vollkommen gewisse, unanzweifelbare Gewissheit ist, meint Fichte, gewissermaßen wieder vom Gipfel der philosophischen Abstraktion heruntersteigen zu können und hieraus das logische Gesetz A=A, den sogenannten Satz der Identität, begründen zu können.
Die Heuristik für den zweiten Grundsatz beginnt mit \(\lnot A \neq A\), aber auch zunächst nur hypothetisch. Auf dem Weg der sukzessiven Abstraktion gelangt Fichte zu der absoluten Gewissheit: Nicht-Ich \(\neq\) Ich. Und damit begründet er das logische Gesetz, von dem er hypothetische ausgegangen ist: \(\lnot A \neq A\), den sog. Satz vom zu vermeidenden Widerspruch.
Auf diese Weise, so meint Fichte, würden der erste und zweite Grundsatz der Wissenschaftslehre der traditionellen Logik ein Fundament geben.
Der dritte Grundsatz wird nicht mittels einer Heuristik gefunden, muss somit auch nicht von einer logischen Wahrheit beginnen. Er wird vielmehr aus dem zweiten Grundsatz dialektisch hergeleitet. Damit glaubt Fichte zugleich seine dialektische Methode begründen zu können. Wie gesagt besagt der dritte Grundsatz, dass das Ich und das Nicht-Ich das Sein untereinander aufteilen. Daraus leitet Fichte ab, dass für jedes A im empirischen Bewusstsein gilt:
- A ist zum Teil nicht-A
- nicht-A ist zum Teil A
Wobei Fichte zwei dialektische Prinzipien erkennt:
- den Satz vom Beziehungsgrund: Jedes A ist seinem Entgegengesetzten in einem Merkmal bzw. in einer Hinsicht gleich.
- Der Satz vom Unterscheidungsgrund: Zwei gleiche A, B sind sich in einem Merkmal bzw. in einer Hinsicht entgegengesetzt.
Fichte fasst a) und b) zu einem Prinzip zusammen, das er den Satz vom Grund nennt.
Damit begründet Fichte ein Verfahren, das den weiteren Fortgang der Wissenschaftslehre stark bestimmen wird, nämlich Fichtes Dialektik[2]. Es besteht im Kern darin, dass man von einem Satz A ausgeht, den man in zwei sich widersprechende Sätze B und C analysiert. Um den Widerspruch zwischen B und C aufzulösen, muss eine weitere Aussage D konstruiert werden, durch die man eine synthetische Erkenntnis a priori gewonnen hat.
[1] GWL, FW I, S. 92.
[2] Das dialektische Schema Fichte ist am besten FW I, S. 127 ff. zu entnehmen.

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