Der erste Grundsatz der Wissenschaftslehre
Gemäß den Vorbemerkungen müsste der § 1 der GWL eine Heuristik sein, bei der nach und nach das empirische Bewusstsein abgestreift wird, um am Ende zur Konstruktion des reinen Ichs als eines völlig losgelösten Sichselbstdenken des Ichs zu gelangen.
Dabei werden immer höhere Abstraktionsniveaus erklommen, so dass die Konstruktion des reinen Ichs ein Akt der Freiheit ist. Sehen wir uns die einzelnen Schritte im § 1 an. Übrigens ist bemerkenswert, dass er etwas weiter hinten in der GWL die Vernunft als „absolutes Abstraktionsvermögen“[1] definiert, das von jeglicher äußeren Objektivität abstrahiert. Diese Definition passt genau auf das Vorgehen, mit dem Fichte die ersten beiden Grundsätze findet.
Heuristik des ersten Grundsatzes Ich = Ich
a) Fichte beginnt mit dem logischen Gesetz der Identität, wie er zumindest in der traditionellen Logik vorkommt:
„A ist A“ oder auch „wenn A, dann A“
Jeder normale Mensch wird, sofern man ihn darauf anspricht, die selbstverständliche Wahrheit dieses Satzes akzeptieren. Fichte meint, dass es sich dabei um eine „Thatsache des empirischen Bewusstseyns“ handeln würde[2]. Fichte will mit diesem Satz seine Heuristik beginnen, ohne ihn aber als logisch gültige Wahrheit anzunehmen. Stattdessen will er ihn zunächst als nur vorläufig oder hypothetisch gültig annehmen und ihn höchstens nach Auffinden des ersten Grundsatzes im Nachhinein begründen.
b) Als nächstes tut man etwas, was man normalerweise nicht tut: Man fragt, warum der Satz A=A wahr ist. Alleine indem man diese Frage stellt, hat man die erste Schale des empirischen Bewusstseins abgestreift[3].
c) Versucht man eine Antwort auf diese Frage zu finden, so streift man die nächste Schale des empirischen Bewusstseins ab und rückt dem reinen Ich ein Stück näher. Meiner Auffassung nach behauptet Fichte nämlich, dass der Satz „A ist A“ deswegen wahr ist, weil er einen „nothwendigen Zusammenhang“ zwischen dem Satzsubjekt A und dem Satzprädikat A ausdrückt. Fichte bezeichnet diesen Zusammenhang als X. Genau genommen hängen die beiden A’s insofern zusammen, als eine objektiv gültige Identität von beiden behauptet wird. Ihre Identität ist deswegen objektiv gültig, weil sie nicht nur für mich persönlich gelten soll, sondern für jedes „urtheilende Ich schlechthin“[4]. Es kann nicht sein, dass dieser Satz nur für mich individuell gilt, für andere aber möglicherweise nicht. Der Satz hat vielmehr den Anspruch, für jedes vernünftige Wesen notwendigerweise wahr zu sein, daher die allgemeine objektive Gültigkeit. Den Satz „A ist A“ könnte man nun wie folgt präziseren:
Ich abstrahiere von allem Persönlichen und erkenne als urteilendes Ich schlechthin die objektiv gültige Identität der beiden A’s in A=A.
Gelangt man aber zu dem „urtheilenden Ich schlechthin“ so ist man schon fast beim reinen Ich, bei dem man von allem Individuellen und Persönlichen zu abstrahieren hat.
d) Im nächsten Schritt nehme ich die Position des „urtheilenden Ich schlechthin“ ein und achte darauf, was ich mental tue, wenn ich das identische Urteil „A ist A“ mental vollziehe. Dann müsste mir auffallen, dass ich zunächst das A als Satzsubjekt denke, danach denke ich das A als Satzprädikat, anschließend erkenne schließlich die Identität der beiden und schließlich werde ich mir darüber bewusst, dass das Ich in diesen drei Denkakten jedes Mal dasselbe war. Das könnte man so ausdrücken[5]:
- Ich denke das erste A in A=A
- ich denke das zweite A in A=A
- ich denke die Identität der beiden gerade gedachten A’s
- Ich erkenne die Identität des Ich in den vorhergehenden drei Denkakten (*)
Indem ich das bemerke, begreife ich, dass ich mir drei Mal meines eigenen Denkens bewusst bin, um übergreifend die Identität A=A zu erkennen. Ich thematisiere jetzt also erstens das Denken des Denkens, als auch die vereinigende Identität des übergreifenden „ich denke“, was man so ausdrücken kann.
Dabei ist anzumerken, dass dieses Denken des Denkens, sowie das Erkennen der Identität eine Voraussetzung dafür ist, dass ich im alltäglichen Leben überhaupt ein Urteil der Form „A=A“ vollziehen kann. Aber im normalen Alltag bin ich mir dieser Voraussetzung nicht bewusst, begreife sie sozusagen nicht. Das Selbstbewusstsein, das zwar jedes Bewusstsein begleitet, aber als solches noch nicht begriffen ist, wird Fichte später intellektuelle Anschauung nennen.
Jetzt aber im Zuge des philosophischen Nachdenkens, warum A=A eine objektive Wahrheit ist, und indem ich immer weitergehende Abstraktionen vorgenommen habe, begreife ich das Denkens des Denkens.
e) Als letzten Abstraktionsschritt kann ich jetzt überhaupt von jedem gegenständlichen A abstrahieren. So wird aus (*):
- Ich denke das erste Ich in Ich=Ich
- Ich denke das zweite Ich in Ich=Ich
- Ich denke die Identität der beiden Ich‘s
- Ich erkenne die Identität des Ich in den vorhergehenden drei Denkakten
Fichte drückt dies prägnant aus durch
Ich = Ich oder Wenn Ich, dann Ich.
Graphisch kann man das wie folgt darstellten:

Indem ich das so denke, denke ich mich selbst auf eine Weise wie ich es normalerweise nicht tue. Ich denke mich selbst in einem Akt der Freiheit vollkommen losgelöst von meiner konkreten persönlichen Existenz als bloß erkennendes Subjekt, das nichts anderes denkt als sich selbst. So endet die Heuristik des § 1 in dem reinen Ich als bloßes Sichselbstdenken, das nur solange ist, als es so konstruiert ist:
„Und dies macht es denn völlig klar, in welchem Sinne wir hier das Wort Ich brauchen, und führt uns auf eine bestimmte Erklärung des Ich, als absoluten Subjects: Dasjenige, dessen Seyn (Wesen) bloss darin besteht, dass es sich selbst als seyend setzt, ist das Ich, als absolutes Subject.“[6]
Ich begreife, dass das reine Ich ist, weil ich mich selbst als reines erkennendes Subjekt selbst denke. Dieses Sein, indem man sich selbst setzt, nennt Fichte „Thathandlung“. Man vollzieht sie künstlich beim Philosophieren, nachdem man vollständig vom empirischen Bewusstsein abstrahiert hat, aber sie liegt – unbegriffen – jedem Bewusstsein zugrunde.
Das logisches Gesetz der Identität
Fichte hat seine Heuristik mit dem Satz der Identität A=A hypothetisch begonnen. Nachdem er den ersten Grundsatz der Wissenschaftslehre Ich=Ich gefunden hat, meint er, daraus nachträglich dieses logische Gesetz begründen zu können. So schreibt er[7]:
„[…] so erhält man als Grundsatz der Logik den Satz: A = A, der nur durch die Wissenschaftslehre erweisen und bestimmt werden kann. Erwiesen: A ist A, weil das Ich, welches A gesetzt hat, gleich ist demjenigen, in welchem es gesetzt ist; bestimmt: alles was ist, ist nur insofern, als es im Ich gesetzt ist, und ausser dme Ich ist nichts. Kein mögliches A im obigen Satz (kein Ding) kann etwas nderes seyn, als ein im Ich gesetztes.”
Die Kategorie der Realität
Fichte hat bei der Heuristik des ersten Grundsatzes immer höhere Abstraktionsniveaus erreicht, so dass schließlich nur noch das reine Ich übrig geblieben ist. Das heißt: Vom Standpunkt des Ich=Ich aus ist das Ich alle Realität. Wie ich in einem Beitrag weiter unten noch etwas ausführlicher erörtern werden, Fichte identifiziert deswegen Fichte den ersten Grundsatz mit der Kategorie der Realität[8].
[1] GWL, FW I, S.244.
[2] Siehe GWL, FW I, S. 92.
[3] GWL, FW I, S. 93: “Wenn aber Jemand einen Beweis desselben fordern sollte, …“
[4] GWL, FW I, S. 94
[5] GWL, FW I, S. 94
[6] GWL, FW I, S. 97.
[7] GWL, FW, I, S. 99.
[8] GWL, FW, I, S. 99.

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