STI – Zweite Epoche der theoret. Philosophie: Endl. Ich und Erscheinungswelt
Nachfolgend bespreche ich die sog. Zweite Epoche von Schellings theoretischer Philosophie aus seinem System des transzendentalen Idealismus (STI).
Darin behandelt er die Reflexion, die Kategorien der Relation, absolute und endliche Intelligenz, sowie die organische Natur.
Ich7 erschafft als produktive Anschauung die Vielfalt der Erscheinungswelt, die die synthetische Mitte ist zwischen den Entgegengesetzten, dem Ich an sich und dem Ding an sich. Das ist Ich7 für das philosophische Ich, nicht aber für sich selbst. Damit das Ich das auch für sich selbst ist, muss aus dem Ich7 das Ich8 konstruiert werden. Ich8 ist damit schon fast zu einer Nachahmung des normalen empirischen Bewusstseins geworden, nämlich zu einer unendlichen Vorstufe der endlichen Intelligenz. Wie das zu verstehen ist, versuche ich nachfolgend zu erklären.
Endliche und absolute Intelligenz
Schelling begann mit der Konstruktion dessen, was ich oben „Ich1“ genannt habe, nämlich als einer ins Unendliche gehenden Tätigkeit, die mit dem Drang versehen ist, sich selbst zu erkennen und auf diese Weise mit sich selbst in Widerspruch gerät. An anderer Stelle nennt Schelling dies auch den „ursprünglichen Streit des Selbstbewusstseins“. Ich1 ist zwar (nur) eine philosophische Konstruktion, Schelling behauptet aber, das damit das metaphysische absolute Ich nachgeahmt wird. Eigentlich ist das wahrhafte absolute Ich unerkennbar, aber Schelling glaubt die beiden Merkmale: unendliche Tätigkeit und den Drang sich selbst erkennen zu wollen, für das absolute Ich erschließen zu können, samt dem daraus folgenden Widerstreit.
Aus diesem Widerstreit heraus konstruiert Schelling nach und nach weitere Ich’s, bis schließlich Ich8 erreicht ist. Im Gegensatz zu dem absoluten Ich, von dem Schelling ursprünglich ausging, sind die darauffolgenden Ich’s beschränkt. Das beginnt mit Ich2, das als erstes die allgemeinste, unkonkreteste Beschränkung erfährt. Diese Beschränkungen werden immer konkreter, bis schließlich dem Ich8 das gesamte Universum mit all seinen kausalen Sukzessionsketten als Beschränkung entsteht.
Allerdings meint Schelling, dass das so konstruierte Ich8 nicht in der Zeit existiert, so dass seine Begrenzung, d.h. das gesamte Universum samt all seinen Sukzessionsketten, in einer „absoluten Synthesis“ mit einem Schlag für das Ich8 da ist. Offensichtlich ist das dem herkömmlichen empirischen Bewusstsein nicht möglich. Ich8 nennt Schelling daher auch „unendliche Intelligenz“. So wie alle vorigen Ichs auch, bezieht sich Schelling auch hierbei auf eine metaphysische Entität, die selbst eigentlich nicht erfahrbar sind, sondern die Schelling letztlich nur erschließt.
In einem weiteren Schritt, konstruiert Schelling aus dem unendlichen Ich8 ein endliches Ich9. Der einzige Unterschied zwischen den beiden ist, dass Ich9 in der Zeit existieren soll. Damit bezieht sich Schellings Konstruktion erstmals auf das faktische empirische Bewusstsein, so wie es jeder Mensch hat. Aus der unendlichen Intelligenz, für die die gesamte objektive Welt mit einem Schlag da ist, wird eine individuelle endliche Intelligenz, für die sich die objektive Welt in der Zeit entfaltet. Das empirische, endliche Ich9, da es in der Zeit ist, muss nach Schelling an einem bestimmten Punkt der Sukzessionsreihe zur Existenz kommen[1]. Daher rührt die Individualität der vielen endlichen Intelligenzen mit ihren jeweiligen individuellen Perspektiven auf die objektive Welt. Während es sich nur um eine unendliche Intelligenz handelt, für das das ganze Universum mit einem Schlag als Ganzes ist, gibt es eine große Vielzahl endlicher Intelligenzen, von denen jedes für sich seine eigene individuell Ansicht auf die Welt hat.
In jedem Fall ist das jetzt konstruierte Ich9 eine Nachahmung des konkreten empirischen Bewusstseins, das jeder selbst ist, so dass es erstmals Gegenstand der philosophischen Untersuchung ist. Alle bisherigen Ich’s, insbesondere das absolute Ich ganz am Anfang, die produktive Anschauung und die unendliche Intelligenz, hat Schelling als Bedingungen der Möglichkeit des konkreten, empirischen Bewusstseins hergeleitet.
Geht man umgekehrt (a) vom einzelnen empirischen Bewusstsein aus, dann erhält man nach Schelling (b) die unendliche Intelligenz, indem man von allen Schranken der Individualität abstrahiert. Man würde so in die Sphäre der absoluten Intelligenz gelangen, für die nichts angefangen hat und künftig nichts geschieht, sondern für die das gesamte Universum mit einem Schlag da ist. Würde (c) man auch noch von allen Schranken der unendlichen Intelligenz abstrahieren, d.h. von jeglichem objektiven Sein, dann würde das absolute Ich zurückbleiben.
Kehren wir aber zurück zur Konstruktion des unendlichen Ich8.
Ich denke: Ich8 als unendliche Intelligenz
Dieser Konstruktionsschritt ist notwendig geworden, damit sich das Ich7 selbst als produktive Anschauung ansieht. Dabei entstehen dem Ich nach Schelling einige Eckpunkte der Kantischen Erkenntnistheorie:
- innerer und äußerer Sinn,
- Raum und Zeit,
- die relationalen Kategorien: Substanzialität, Kausalität, Wechselwirkung,
- sowie die Idee der Natur.
Innerer und äußerer Sinn
Zunächst soll Ich8 so konstruiert werden, dass es in eine äußere und eine innere Anschauung getrennt wird. Die äußere Anschauung ist diejenige Anschauung, die über die Grenze hinausgeht, auch äußerer Sinn genannt. Die innere Anschauung ist diejenige Anschauung, die innerhalb des Ichs bleibt, auch innerer Sinn genannt. Außerdem muss aber eine Beziehung zwischen diesen beiden Anschauungen stattfinden, was nach Schelling wiederum der innere Sinn ist.
Raum und Zeit
Der Raum ist der zum Objekt gewordene äußere Sinn. Das Ich aufgefasst alleine als äußerer Sinn löst sich in den unendlichen Raum auf. Die Zeit, gedacht als eindimensionaler Punkt, ist der zum Objekt gewordene innere Sinn.
Substanzialität
Die Grenze zwischen äußerer und innerer Anschauung ist die Grenze zwischen Ich und Ding. Diese Grenze hinweggenommen wird die äußere Anschauung zur inneren Anschauung. Nur durch die Grenze, die mir durch das sinnliche Objekt gegeben ist, wird mir äußere Anschauung. Insofern ist der innere Sinn selbst das Gemeinschaftliche von äußerer und innerer Anschauung. Ich8 muss also so konstruiert sein, dass sich einerseits innere und äußere Anschauung an der Grenze trennen, andererseits das beide Umfassende selbst wieder der innere Sinn ist.
Das Objekt ist nichts anderes als fixierte, bloß gegenwärtige Zeit, aber die Zeit ist fixiert einzig durch den Raum, der erfüllt ist. Die Raumerfüllung ist bestimmt durch die Zeitgröße. So sind räumliche Extensität und zeitliche Intensität unzertrennlich miteinander verknüpft. Die Substanz ist das Objekt, insofern es räumlich fixiert ist und in der Zeit beharrt, das Akzidens ist etwas an der Substanz, das sich im Laufe der Zeit wandelt. Die Kategorie der Substanz entspricht der zeitlichen Beharrlichkeit.
Kausalität
Das Kausalitätsverhältnis ist die notwendige Bedingung, unter der allein das Ich das gegenwärtige Objekt als Objekt anerkennen kann. Die Sukzession kann nicht willkürlich sein, ansonsten handelt es sich um kein vom Ich verschiedenes Objekt. Denn der Grund der Sukzession liegt nicht in meinem freien, bewussten Denken, sondern in einem bewusstlosen Produzieren, und ist deswegen objektiv. Die Kategorie der Kausalität entspricht der zeitlichen Nachfolge.
Wechselwirkung
Mit der Kausalität und der Substanzialität ist nach Schelling unmittelbar auch die Kategorie der Wechselwirkung gegeben. Denn durch die Wechselwirkung wird die Sukzession fixiert, wird Gegenwart, und dadurch jenes Zugleichsein von Substanz und Akzidenz im Objekt wieder hergestellt[2]. Die Kategorie der Wechselwirkung entspricht dem Begriff der Coexistenz.
Die Idee der Natur
In der Idee der Natur werden alle Substanzen zu Einer verbunden, die nur mit sich selbst in Wechselwirkung ist. Der Natur liegt der ursprüngliche Streit entgegengesetzter Tätigkeiten im Ich zugrunde, der ins Unendliche wiederhergestellt wird. Die Intelligenz ist nur Intelligenz, solange dieser Streit anhält. Sobald er endet, ist nicht mehr Intelligenz, sondern Materie. Jedes Objekt ist nur scheinbar einzeln und bloß Teil eines unendlichen Ganzen.
Ich denke: Ich9 als endliche Intelligenz und die organische Natur
Ich9 ist Ich8, nur mit dem Unterschied, dass es nur ein Ich8 gibt, für das das Universum in seiner Totalität in einer, wie Schelling schreibt, zeitlosen absoluten Synthesis da ist, während Ich9 einen individuellen Platz in der zeitlichen Entfaltung der objektiven Welt einnimmt. Es gibt nur ein Ich8, aber eine große Vielzahl verschiedener individueller Ich9.
Organische Natur
Mit dem Ich9 meint Schelling auch die organische Natur konstruieren zu können. Denn das endliche Ich würde danach streben, das unendliche Universum als Ganzes zu erfassen, was ihm aber nicht gelingt, eben weil es endlich ist. Deswegen verendlicht das Ich gewissermaßen das Unendliche, indem es im organischen Wesen eine verkleinerte Form eines in sich geschlossenen Universums erkennt[3]. Jede Pflanze, jedes Tier lebt in der jeweils eigenen Welt. Hier knüpft Schelling an Leibniz an, als auch an Jacobis Realismus.
[1] I/3, 481
[2] I/3, 475
[3] I/3 489

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