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STI – Erste Epoche der theoret. Philosophie: Empfindung und produkt. Anschauung

17. September 2026/0 Kommentare/in III. Das cartesische Projekt, III.08 Schelling/von peterreins

Nachfolgend bespreche ich die sog. Erste Epoche von Schellings theoretischer Philosophie aus seinem System des transzendentalen Idealismus (STI).

Darin behandelt er

A. die Empfindung
B. Empfindendes Ich vs. empfundenes Ding,
C. produktive Anschauung.

A. Empfindung oder ich denke: Ich5 als in der Empfindung verloren

Schellings Geschichte des Selbstbewusstseins beginnt mit der Empfindung. Abstrakt definiert Schelling die Empfindung so, dass sich dabei das Ich überhaupt als begrenzt anschaut. Man darf hier nicht vergessen, dass Schelling nach wie vor philosophische Konstruktionen vornimmt, die das wirkliche Ich, wie es an sich ist, nachahmen sollen. Nun geht es also um die Konstruktion eines Ich5, das sich selbst als begrenzt anschaut und damit empfindend ist.

Ich5 empfindet, indem es sich selbst als ursprünglich begrenzt anschaut[1]. Das sehe ich als Philosoph, Ich5 aber ist noch nicht so konstruiert, dass es sich seiner eigenen Tätigkeit bewusst sein könnte. Sich selbst als begrenzt anzuschauen, bedeutet: Ich5 findet in sich etwas ihm Entgegengesetztes. Diese Beschränkung durch ein Entgegengesetztes ist ihm ein Leiden. Es muss also konstruiert werden als durch ein Nicht-Ich affiziert[2], so dass das Empfinden als Leiden erscheint.

In dem Moment des Empfindens ist Ich5 im Empfinden ganz fixiert und gleichsam verloren. Es ist gleichsam nichts anderes als die Grenze, so dass Subjekt und Objekt noch nicht auseinander fallen. Empfindendes und Empfundenes sind eins.

„Das Findende ist eine unendliche Tendenz sich selbst anzuschauen […]. Das, worin gefunden wird, ist nicht das reine, sondern das afficirte Ich. Findendes und das, worin gefunden wird, sind selch also selbst entgegengesetzt. Was im Gefundenen ist, ist für das Findende, aber auch nur infern es das Findende ist, etwas Fremdartiges.“[3]

Alles Empfundene ist ein unmittelbar Gegenwärtiges, schlechthin Unvermitteltes. Und es ist völlig unbestimmt.

Das, was Ich5 für den Philosophen ist, soll es auch für sich selbst werden, d.h. es soll so konstruiert werden, dass es sich als Empfindendes bewusst wird, womit es zu Ich6 wird.

B. Ich denke: Ich6 als Empfindendes Ich, das einem empfundenen Ding entgegengesetzt ist

Ich5 ist als bloß Empfindendes nur passiv und nichts als die Grenze selbst. Jetzt wird die Konstruktion so ergänzt, dass es auch für sich selbst ein Empfindendes ist. Diese Konstruktion soll Ich6 heißen. Dazu wird Ich6 so postuliert, dass es a) die Grenze überschreitet und b) innerhalb der Grenze gehemmt ist. Durch die grenzüberschreitende Tätigkeit a) wird das Ding an sich gesetzt. Durch die innerhalb der Grenze gehemmte Tätigkeit b) wird das Ich an sich gesetzt. Und damit ist Ich6 sowohl passiv, indem es durch das Ding an sich affiziert wird, als auch aktiv, indem es sich selbst dem Ding an sich entgegensetzt und damit die Aktivität des Dinges beschränkt.

In dieser Wechselbestimmung von Aktivität und Passivität des Ich6 wird die Empfindung bestimmt, wohingegen die Empfindung des bloß passiven Ich5 noch unbestimmt war. Die Bestimmtheit der Empfindung beruht auf der Entgegensetzung von Ding an sich und Ich an sich, sowie der Aktivität des Bestimmens als Mittleres zwischen Ding und Ich:

„Was ich bestimmen soll, muß unabhängig von mir da seyn. Aber indem ich es bestimme, wird es durch das Bestimmen selbst wieder ein von mir Abhängiges. Ferner, indem ich ein Unbestimmtes bestimme, hebe ich es auf als Unbestimmtes, und bringe es hervor als Bestimmtes.“[4]

Das Bestimmen charakterisiert Schelling auch als Schweben zwischen den beiden Extremen des Dings und des Ichs. Allerdings ist diese Wechselbestimmung von Aktivität und Passivität im Ich6 nur für den Philosophen, nicht aber für Ich6 selbst. Das wird sie erst, wenn das Ich-Objekt zur produktiven Anschauung, dem Ich7, wird.

C. Ich denke: Ich7 als produktive Anschauung, sowie Konstruktion der Materie

Die produktive Anschauung des Ich7 wird wie folgt konstruiert: es fixiert zwar seine Tätigkeit zu einem Ding an sich, aber nur vorübergehend, d.h. das Fixieren wird auch wieder negiert. Ich7 ist als produktive Anschauung eine unendliche Tätigkeit, die in einer Abfolge zweier Zustände besteht:

  1. Zustand der Kontraktion: Indem sich Ich7 selbst anschaut, begrenzt es sich selbst, wird endlich und das Ding an sich wird fixiert.
  2. Zustand der Expansion: Bei dieser Selbstbegrenzung überschreitet Ich7 zugleich die Grenze, geht über die Grenze hinaus, so dass die Fixierung aufgehoben wird.

Dieser Wechsel geht bis ins Unendliche fort. Und dieser Wechsel von Kontraktion und Expansion ist ein Produzieren oder Bilden. Daher heißt Ich7 auch produktive Anschauung, was wohl der „produktiven Einbildungskraft“ entspricht, einem Begriff, den sowohl Kant als auch Fichte verwendet haben.

Dass der Gegensatz zwischen Ich und Ding als solcher zum Bewusstsein kommt, ist Bedingung der produktiven Anschauung. Damit ist die Identität von Subjekt und Objekt nicht nur für den philosophischen Beobachter, sondern für das Ich7 selbst aufgehoben.

Schelling behauptet aber, dass die beiden Entgegengesetzten, das Ding an sich und das Ich, nur zusammen bestehen, wenn es ein Drittes zwischen ihnen gibt: eine gemeinsame Grenze. Diese Mitte zwischen Ding und Ich wird von der produktiven Anschauung produziert und sie ist die Erscheinung des Dings.

„Das Ding, insofern es aktiv und Ursache des Leidens in uns ist, liegt daher jenseits des Moments der Anschauung, oder wird aus dem Bewußtseyn verdrängt durch die produktive Anschauung, welche zwischen dem Ding und dem Ich schwebend etwas hervorbringt, das zwischen beiden in der Mitte liegt, und indem es beide auseinander hält, ein gemeinschaftlicher Ausdruck beider ist.“[5]

Dass die Erscheinung als Drittes zwischen Ding und Ich vermittelt, sehe ich als Philosoph, liegt aber nicht in der Konstruktion des Ich7 selbst.

Ein Produkt der Erscheinungswelt wird erzeugt als eine Synthese von Kontraktion (begrenzende Selbstanschauung des Ich) und Expansion (Überschreitung der Grenze). Nach Schelling ist damit auch der Begriff der Materie hergeleitet, die er nämlich als Ergebnis dreier Kräfte versteht:

  1. Repulsivkraft (Zurückstoßungskraft), die nach außen ins Unendliche geht (Expansion) als positiver, stoffgebender Faktor.
  2. Attraktivkraft, die auf einen Mittelpunkt zurückwirkt und in die Ferne wirkt (Kontraktion), als negativer, formgebender, verdichtender Faktor.
  3. die Synthese beider entgegengesetzten Kräfte: die Schwerkraft (Gravitation), die das Gleichgewicht von Repulsiv- und Attraktivkraft fixiert.

Diese Konstruktion erinnert an Kants Schrift Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft. Darin versucht Kant die Materie ohne die Annahme von Atomen zu erklären und nimmt dafür zwei Grundkräfte an, die seiner Meinung nach die Materie konstituieren müssten: a) die Repulsivkraft und b) die Attraktivkraft. Allerdings identifiziert Kant die Attraktivkraft mit der Gravitation. Schelling hingegen kommt auf drei materielle Grundkräfte, indem er die Attraktivkraft von der Gravitation unterscheidet.

Schelling nimmt dabei Gedanken von Carl August Eschenmayer (1770–1852) auf, einem Mediziner und Naturphilosophen, der Kants Materietheorie einerseits aufnahm, andererseits aber kritisierte. Wie Schelling nahm auch Eschenmayer triadische Strukturen in der Natur an. Sein Hauptwerk Einleitung in Natur und Geschichte im Jahre 1806.

Ohne auf die Details seiner Deduktionen eingehen zu wollen, glaubt Schelling außerdem noch folgendes herleiten zu können:

  • die drei Dimensionen, in die sich die Materie ausdehnt
  • Magnetismus
  • Elektrizität
  • den chemischen Prozess

Bislang haben sich Schellings philosophische Konstruktionen immer auf ein metaphysisches Ich bezogen. Sie sollten Nachahmungen von Handlungen sein, die das metaphysische, an sich unerkennbare und blinde Ich vollziehen würde. Die produktive Anschauung soll nach Schelling nun der „erste Schritt des Ichs zur Intelligenz“[6] sein, d.h. der erste Schritt zu dem empirischen Bewusstsein, wie es jeder Mensch normalerweise erfährt. Die eigentliche Konstruktion dieses alltäglichen Bewusstseins findet aber erst in der Zweiten Epoche von Schellings theoretischer Philosophie statt.

[1] I/3 411

[2] I/3, 412

[3] I/3, 404 f.

[4] I/3, 415

[5] I/3, 435

[6] I/3, 427, siehe auch I/3, 432

0 0 peterreins peterreins2026-09-17 13:09:562026-09-17 13:09:56STI – Erste Epoche der theoret. Philosophie: Empfindung und produkt. Anschauung
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