STI – Zusammenfassende Übersicht
Nachfolgend stelle ich Schellings System der Transzendentalen Philosophie zusammenfassend dar.
1. Prinzip der Transzendentalphilosophie
Das gesamte System der Transzendentalphilosophie will Schelling aus einem einzigen Prinzip herleiten:
Ich denke: Ich (intellektuelle Anschauung)
Das ist das Prinzip des Selbstbewusstseins, bei dem das philosophische Ich-Subjekt nach und nach eine Reihe von Ich-Objekten konstruiert. D.h. das Ich des Philosophen macht sich das Ich zum Objekt und sieht zu, sich das Objekt-Ich nach und nach entwickelt. So entsteht eine Art „Geschichte“ des Ich.
Ziel ist die Deduktion der gesamten objektiven Welt.
2. Allgemeine Deduktion des transzendentalen Idealismus
Zunächst will Schelling beweisen, dass eine Deduktion der objektiven Welt aus dem Prinzip des Selbstbewusstseins überhaupt möglich ist.
2.1 Ich denke: Ich1 als ursprünglich unendliche Tätigkeit
Ich1 bezieht sich auf das metaphysische, blinde Ich, das unendliche Tätigkeit ist mit einem Bestreben, sich selbst zu erkennen.
2,2 Ich denke: Ich2 als sich selbst begrenzende Tätigkeit
Wegen des Drangs, sich selbst zu erkennen, begrenzt sich das metaphysische, blinde Ich selbst. So wird das Nicht-Ich als absolute Negation des Ich gesetzt.
2.3 Ich denke: Ich3 als in Wechselwirkung stehend mit dem Nicht-Ich
Ich3 gibt einen Teil seiner Realität an das Nicht-Ich ab. Das, was das Nicht-Ich ist, ist Ich3 nicht. Und das, was das Ich3 ist, ist das konstruierte Nicht-Ich nicht. Beide, Ich3 und Nicht-Ich stehen in Wechselwirkung zueinander und begrenzen sich dabei gegenseitig.
2.4 Ich denke: Ich4 als unendliches Werde
Als unendliches Werden ist das Ich beschränkt, hebt aber beständig die Schranke wieder auf: eine unendliche Erweiterung der Schranke. Auf der anderen Seite ist Ich4 nur dadurch begrenzt, dass es unbegrenzt ist, nämlich als unendliches Streben. Die Schranke wird nur reell durch das Ankämpfen des Ich4 gegen die Schranke.
Ergebnis
Schelling hat hergeleitet, dass das blinde, metaphysische Ich zugleich aus zwei Tätigkeiten besteht:
a) aus einer ideellen/begrenzenden und
b) aus einer reellen/ins Unendliche strebende Tätigkeit.
Aufgrund von a) kann man sagen, dass das, was das (echte, nachgeahmte) Ich erkennt, letztlich von ihm selbst gesetzt ist. Würde aber nur a) gelten, dann würde es sich dabei um eine bloß subjektive Traumwelt handeln. Dass es aber eine „harte“ objektive Welt ist, rührt von b) her.
Somit hat Schelling hergeleitet, dass man eine Entstehung der objektiven Welt aus dem Selbstbewusstsein mit Fug und Recht annehmen kann. Wie das im Detail zu geschehen hat, zeigt er nachfolgend.
3. System der theoretischen Philosophie
Das Selbstbewusstsein ist ein unendlicher Widerstreit, der eine Unendlichkeit von Handlungen umfasst und gewissermaßen die Geschichte des Ichs darstellt. Diese unendliche Geschichte reduziert Schelling auf drei Hauptentwicklungsschritte, die er „Epochen“ nennt
3.1 Erste Epoche der theoret. Philosophie: Empfindung und produkt. Anschauung
A. Empfindung oder ich denke: Ich5 als in der Empfindung verloren
Ich5 empfindet, indem es sich selbst als ursprünglich begrenzt anschaut. In dem Moment des Empfindens ist Ich5 im Empfinden ganz fixiert und gleichsam verloren. Es ist gleichsam nichts anderes als die Grenze, so dass Subjekt und Objekt noch nicht auseinander fallen. Empfindendes und Empfundenes sind eins. Alles Empfundene ist ein unmittelbar Gegenwärtiges, schlechthin Unvermitteltes. Und es ist völlig unbestimmt.
B. Ich denke: Ich6 als Empfindendes Ich, das einem empfundenen Ding entgegengesetzt ist
Ich6 wird so konstruiert, dass es a) die Grenze überschreitet und b) innerhalb der Grenze gehemmt ist. Durch die grenzüberschreitende Tätigkeit a) wird das Ding an sich gesetzt. Durch die innerhalb der Grenze gehemmte Tätigkeit b) wird das Ich an sich gesetzt. Und damit ist Ich6 sowohl passiv, indem es durch das Ding an sich affiziert wird, als auch aktiv, indem es sich selbst dem Ding an sich entgegensetzt und damit die Aktivität des Dinges beschränkt.
C. Ich denke: Ich7 als produktive Anschauung, sowie Konstruktion der Materie
Bei der produktiven Anschauung fixiert das Ich zwar seine Tätigkeit zu einem Ding an sich, aber nur vorübergehend, d.h. das Fixieren wird auch wieder negiert. So ist die produktive Anschauung eine unendliche Tätigkeit, die in einer Abfolge zweier Zustände besteht:
a) Kontraktion: Das Ich begrenzt sich, indem es sich zum Ding an sich fixiert.
b) Expansion: Das Ich hebt die Fixierung auf, indem es über die hinausgeht.
Dieser Wechsel geht bis ins Unendliche fort. Und dieser Wechsel von Kontraktion und Expansion ist ein Produzieren oder Bilden.
In diesem Zusammenhang konstruiert Schelling auch die Materie aus drei Grundkräften:
a) Repulsivkraft (Zurückstoßungskraft), die nach außen ins Unendliche geht (Expansion) als positiver, stoffgebender Faktor.
b) Attraktivkraft, die auf einen Mittelpunkt zurückwirkt und in die Ferne wirkt (Kontraktion), als negativer, formgebender, verdichtender Faktor.
c) die Synthese beider entgegengesetzten Kräfte: die Schwerkraft (Gravitation), die das Gleichgewicht von Repulsiv- und Attraktivkraft fixiert.
Ferner deduziert Schelling:
- die drei Dimensionen, in die sich die Materie ausdehnt
- den Magnetismus
- Elektrizität
- den chemischen Prozess
3.2 Zweite Epoche der theoret. Philosophie: Endl. Ich und Erscheinungswelt
A. Ich denke: Ich8 als (unendliche) Intelligenz
Die Ich‘s in den bisherigen Konstruktionsschritten existieren nicht in der Zeit. Das gilt auch für Ich8, so dass sein gesamtes Universum samt all seinen Sukzessionsketten, in einer „absoluten Synthesis“ mit einem Schlag für es da ist. Dem Ich8 entstehen:
- innerer und äußerer Sinn,
- Raum und Zeit,
- die relationalen Kategorien: Substanzialität, Kausalität, Wechselwirkung,
- sowie die Idee der Natur.
B. Ich denke: Ich9 als endliche Intelligenz und die organische Natur
Ich9 ist Ich8, nur mit dem Unterschied, dass es nur ein Ich8 gibt, für das das Universum in seiner Totalität in einer, wie Schelling schreibt, zeitlosen absoluten Synthesis da ist, während Ich9 einen individuellen Platz in der zeitlichen Entfaltung der objektiven Welt einnimmt. Es gibt nur ein Ich8, aber eine große Vielzahl verschiedener individueller Ich9.
Außerdem entsteht dem Ich9 die organische Natur.
Mit dem Ich9 wird das erste Mal das empirische Bewusstsein zum Gegenstand der philosophischen Untersuchung, so wie es jeder konkrete Mensch kennt.
3.3 Dritte Epoche der theoret. Philosophie: Begriff und transz. Abstraktion
A. Ich denke: Ich10, das sich mittels Begriffen von der objektiven Welt distanziert
Ich10 sondert sich von dem ab, was es selbst unbewusst produziert hat, und zwar indem ihm der Begriff entsteht mittels Abstraktion von dem Produzierten. Mit Begriff meint Schelling eine Art Bauanleitung für ein Ding.
Die begrifflose Anschauung ist der Raum
Die anschauungslosen Begriffe sind die Kategorien
B. Ich denke: Ich11, das sich mittels einer absoluten Abstraktion selbst erkennen soll
Abschluss der theoretischen Philosophie = Anfang der prakt. Philosophie: Die Intelligenz soll ich durch eine absolute Handlung über alles Objektive erheben soll.
3.4 Überleitung zur praktischen Philosophie
Mit dem Ich11 schließt sich der Kreis zurück zu Ich1
Die Grundstruktur zwischen Ich1 und Ich11 ist dieselbe: Das Ich strebt danach sich selbst anzuschauen. Der Unterschied ist nur, dass sich das Ich1 auf nichts beziehen konnte, das bereits vor ihm war, sondern sich mit dem ursprünglichen Akt erst selbst gesetzt hat. Jetzt hingegen bezieht sieh das Ich11 auf ein bereits entstandenes Ich, das der objektiven Welt entgegengesetzt ist, und wird sich im Akt der absoluten Abstraktion dessen bewusst.
Der Widerspruch zwischen Freiheit und Notwendigkeit
Ich11 soll einerseits frei sein, ist aber andererseits Teil der objektiven Welt und seinen notwendigen Kausalketten. Es muss daher objektive Bedingungen für die Freiheit geben, nämlich
1) Begriff des Sollens
Ich bin in der objektiven Welt mit einem „du sollst“ konfrontiert, noch bevor ich frei handle.
2) Beschränkung meiner Freiheit durch andere
Dadurch, dass meine Freiheit in der Realität nicht absolut ist, sondern durch bestimmte Notwendigkeiten, wie z.B. Charakter, Talent, Schicksal eingeschränkt wird, werde ich mir im idealen Sinne überhaupt meiner Freiheit bewusst.
3) Intersubjektivität
Die Voraussetzung dafür, dass ich etwas für objektiv gegeben halte, ist, dass es mir durch andere Menschen bestätigt wird. Und wenn Freiheit bedeutet, sich von dem objektiv Gegebenen loslösen zu können, dann sind andere Menschen offenbar die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit.
4. Praktische Philosophie
Schelling unterscheidet drei Fälle, in denen sich das Ich des freien Willens bewusst werden kann:
4.1 Naturtrieb und Streben nach Glückseligkeit (Ich12)
Der freie Wille wird zum Objekt in der äußeren Welt.
4.2 kategorischer Imperativ (Ich13)
Der freie Wille wird als reine Vernunft zum bloß subjektiven Objekt
4.3 Willkür (Ich14)
Der freie Wille wird als Willkür sowohl innerlich als auch äußerlich wahrnehmbar.
5. Rechtssystem, Geschichte und Religion
Die Rechtslehre ist kein Teil der Moral, sondern beschreibt den Mechanismus, unter welchem freie Vernunftwesen als solche in Wechselwirkung gedacht werden können. Die Rechtsverfassung ist die notwendige Bedingung der in der Außenwelt bestehenden Freiheit.
5.1 Grundgedanken zu einer Philosophie der Geschichte
Das wahre Objekt der Historie ist das allmähliche Entstehen der weltbürgerlichen Verfassung.
Schelling glaubt die Geschichte in drei große Perioden einteilen zu können
- Die tragische Periode: Vorgeschichte und Antike bis zu den Römern.
- Die Periode der Entstehung des Naturrechts: Römisches Reich bis zur Gegenwart
- Die dritte, künftige Periode („drittes Reich“): Hier wird sich das, was bisher den Menschen ein blindes Schicksal war, als Vorsehung offenbaren. In dieser Periode wird Gott sein.
5.2 Grundgedanken zu einer Philosophie der Religion
Reflektiert man auf das Absolute als den gemeinschaftlichen Grund der Harmonie zwischen der Freiheit und dem Intelligenten, dann entsteht uns das System der göttlichen Vorsehung und der Religion.
6. Teleologie und Kunst
6.1 Überleitung von der praktischen Philosophie
Das Ich soll sich der ursprünglichen Harmonie zwischen Subjektivem und Objektivem, zwischen Freiheit und Notwendigkeit bewusst werden.
6.2 Teleologie und organische Natur
Organische Naturprodukte (Pflanzen, Tiere, etc.) entstehen zwar einerseits mechanisch notwendig, haben aber dennoch den Charakter der Zweckmäßigkeit, und vereinigen insofern die objektive, unbewusste Notwendigkeit mit der subjektiver, bewusster Freiheit. Betrachtet das Ich ein organisches Produkt, dann wird es sich der Harmonie von Freiheit und Notwendigkeit bewusst.
6.3 Philosophie der Kunst
Die objektive Außenwelt ist ein Produkt des Ich, eine unbewusste „Poesie des Geistes“. Allerdings bringt sie das Ich auf unbewusste Weise hervor, ähnlich wie das Unbewusste nachts Träume kreiert. Tatsächlich kann das Ich aber auch eine Scheinwirklichkeit bewusst kreieren. Genau das ist der ästhetische Schöpfungsakt. Wenn also die objektive Realität bewusstlose Poesie des Geistes ist, dann ist Kunst als bewusste Poesie des Geistes die Vollendung der Philosophie.

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