STI – Teleologie und Kunst
Nachfolgend bespreche ich Schellings beiden letzten Hauptabschnitte seines Systems des transzendentalen Idealismus (STI). Darin behandelt er die Themen Teleologie und Kunst in Anlehnung an Kants Kritik der Urteilskraft.
Übeleitung von der praktische Philosophie
Wie kann sich das Ich der ursprünglichen Harmonie zwischen Subjektivem und Objektivem, zwischen Freiheit und Notwendigkeit bewusst werden?
Subjektiv für mich handle ich frei, objektiv betrachtet handelt etwas anderes durch mich. Aber das andere, das durch mich handelt, bin auch wieder ich selbst, nur als Unbewusstes. Ich hingegen als derjenige, der subjektiv frei handelt, habe Bewusstsein. Dem Bewussten-Subjektiven steht also das Unbewusste-Objektive gegenüber, die aber beide im Grunde genommen identisch sind. Schelling will nun sein System des transzendentalen Idealismus abschließen, indem er das Ich so konstruiert, dass es nicht nur an sich diese Identität von bewusstem, subjektiv freien Ich und unbewussten, objektiv notwendig handelnden Ich ist, sondern auch für sich selbst.
Teleologie und organische Natur
In der praktischen Philosophie haben wir bereits gesehen: Würde das bewusste, subjektiv frei handelnde Ich sich selbst zum Objekt werden, dann würde es aufhören, frei zu sein. Somit muss das Ich so konstruiert werden, dass es die Identität von Freiheit und Notwendigkeit als einen eigenständigen Gegenstand in der objektiven Welt anschaut. Jeder Gegenstand der objektiven Welt entsteht aber notwendigerweise durch den Mechanismus der Natur. Dennoch kann das Ich so konstruiert werden, dass es bestimmte Naturprodukte so ansieht, als wären sie von einem Bewusstsein zweckmäßig hervorgebracht, nämlich organische Naturprodukte: Pflanzen, Tiere und überhaupt alle Arten von Lebewesen. Solche Naturprodukte sind zwar einerseits mechanisch notwendig entstanden, haben aber dennoch den Charakter der Zweckmäßigkeit, und vereinigen insofern die objektive, unbewusste Notwendigkeit mit der subjektiver, bewusster Freiheit[1].
In diesem Sinne schreibt Schelling:
„Der ganze Zauber, welcher z.B. die organische Natur umgibt […] beruht auf dem Widerspruch, daß diese Natur, obgleich Produkt blinder Naturkräfte, doch durchaus zweckmäßig ist.“[2]
„Die vollständige Erscheinung der vereinigten Freiheit und Notwendigkeit in der Außenwelt gibt mir alleine die organische Natur.“
Philosophie der Kunst
Die organische Natur repräsentiert nach Schelling also die ursprüngliche Identität der bewussten und bewusstlosen Tätigkeit. Allerdings repräsentiert sie diese Identität nicht als eine solche, deren letzter Grund das Ich ist. Vielmehr werden organische Naturprodukte gedacht als unabhängig von mir selbst entstehend.
Dem stellt Schelling das Kunstwerk gegenüber. Wenn ein Künstler ein Kunstwerk hervorbringt, dann vereinigen sich dabei bewusste Entscheidungen des Künstlers mit seinen unwillkürlichen, unbewussten, intuitiven Tätigkeiten und Fähigkeiten. Insofern kann man ein Kunstwert, ähnlich wie ein Lebewesen, als Identität von subjektiver, bewusster Freiheit und objektiver, blinder Notwendigkeit auffassen. Im Gegensatz zu einem Lebewesen ist aber ein Kunstwerk offensichtlich menschengemacht und hat damit seinen Grund in einem Ich.
Nach Schelling wird der künstlerische Trieb in Bewegung gesetzt durch den Widerspruch zwischen dem Bewussten und dem Bewusstlosen. Der Künstler versucht diesen Widerspruch durch seine künstlerische Tätigkeit zu versöhnen. Gelingt ihm das, dann stellt sich ein Gefühl unendlicher Harmonie oder Vollendung ein. Dieses Gefühl der Harmonie und der Vollendung stellt sich auch bei denjenigen ein, die das Kunstwerk genießen. Schelling behauptet ferner, dass ein vollendetes Kunstwerk das Unendliche endlich darstellt. Darin würde der Grundcharakter der Schönheit bestehen.
Vollendung und Abschluss von Schellings System
Das Grundprinzip von Schellings System des transzendentalen Idealismus ist die intellektuelle Anschauung. Dabei soll der Philosoph das reine Ich denken. Und das tut er, indem er von allem Individuellen, Persönlichem abstrahiert und sich nur auf das reine Ich denke Ich fokussiert. Auf diese Weise sei eine Art Ich-Geometrie möglich. So wie die Geometrie ihre Gegenstände konstruiert, so soll eine wissenschaftliche Philosophie ihre Gegenstände konstruieren. Der Gegenstand der Philosophie ist aber eben das Ich. Somit besteht der Fortgang einer wissenschaftlichen Philosophie darin, nach und nach verschiedene Ich’s zu konstruieren, von denen Schelling behauptet, dass sie das Ich, so wie es tatsächlich ist, nachahmt.
Und während der Philosoph nach und nach von der Konstruktion des einen Ich zur Konstruktion eines anderen Ich übergeht, entwickelt sich auf diese Weise die ganze objektive Welt, so wie wir sie kennen: mit ihren Dingen, Raum und Zeit, ihren Kausalketten, dem freien Willen, der organischen Natur. Insofern Schelling, wie er meint, all das aus dem Ich denke Ich ableiten kann, kann er sagen:
„Die objektive Welt ist nur die ursprüngliche, noch bewusstlose Poesie des Geistes.“[3]
Somit ist die objektive Außenwelt ein Produkt des Ich. Allerdings bringt sie das Ich auf unbewusste Weise hervor, ähnlich wie das Unbewusste nachts Träume kreiert. Tatsächlich kann das Ich aber auch eine Scheinwirklichkeit bewusst kreieren. Genau das ist der ästhetische Schöpfungsakt. Wenn also die objektive Realität bewusstlose Poesie des Geistes ist, dann ist Kunst als bewusste Poesie des Geistes die Vollendung der Philosophie.
[1] I/3, 605 f.
[2] I/3, 608
[3] I/3, 349

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