STI – Überleitung zur praktischen Philosophie
Nachfolgend bespreche ich den Übergang von Schellings theoretischer Philosophie zu seiner praktischen Philosophie, so wie er ihn in seinem System des transzendentalen Idealismus (STI) schildert.
Erst in der praktischen Philosophie wird die Welt im eigentlichen Sinne objektiv
Die theoretische Philosophie erklärt, wie dem Ich eine reale Welt entsteht, die zwar für das Ich als Außenwelt wahrgenommen wird, wohlgemerkt den Charakter einer Traumrealität hat. Die theoretische Philosophie erklärt, wie das Ich unbewusst den Traum von einer Welt produziert. Diese Welt ist eine Ausgeburt produktiver Kräfte des Ichs selbst, so dass das Ich sich in der Außenwelt eigentlich nur selbst anschaut. Allerdings, ohne sich dessen bewusst zu sein, eben weil es die Außenwelt unbewusst erschaffen hat.
Zu einer „harten“ Realität wird die Außenwelt erst dadurch, dass das Ich etwas will oder nach etwas strebt, was in der tatsächlichen Welt nicht gegeben ist. Das Ich kollidiert mit seinem freien Willen gewissermaßen mit der objektiven Welt, die dadurch erst in dem Sinne objektiv wird, dass sie dem Ich gegenüber Widerstand leistet. Deswegen ist die praktische Philosophie, die sich mit dem freien Willen des Menschen beschäftigt, eine wichtige Ergänzung der theoretischen Philosophie.
Bis hierher ähneln sich Schellings und Fichtes Gedanken. Allerdings bringt Schelling, wie wir sehen werden, im Rahmen seiner praktischen Philosophie noch eine wichtige Erweiterung des Objektivitätsbegriffs ins Spiel: nämlich die Objektivität, verstanden als Intersubjektivität. Demnach ist objektiv nicht nur das, was meinem Willen Widerstand leistet, sondern vor allem dann, wenn seine Existenz nicht nur für mich ist, sondern auch für viele andere Menschen. D.h. was nur für mich ist, nicht aber für andere, ist im eigentlichen Sinne nicht objektiv.
Mit dem Ich11 schließt sich der Kreis zurück zu Ich1
Nach Schelling ist die treibende Kraft dafür, dass dem Ich überhaupt eine Welt entsteht (auch wenn sie zunächst nur den Charakter eines Traums hat) das Streben des unendlichen, metaphysischen Ich, sich seiner selbst bewusst zu werden. Dies gelingt ihm nur, indem es sich selbst beschränkt. Schelling spricht von drei aufeinander folgenden Beschränkungen:
1) Die Beschränkung des metaphysischen Ichs überhaupt (Ich2),
2) Die Gesamtheit der objektiven Welt mit all seinen Sukzessionsketten (Ich8),
3) Das endliche, individuelle Ich9, das an eine bestimmte Stelle dieser Sukzessionsketten gestellt ist und dementsprechend seine eigene persönliche Perspektive auf die objektive Welt hat. Dasselbe gilt für das danach konstruierte Ich10, dass mittels Begriffen von der objektiven Welt abstrahiert.
Diese drei Beschränkungen erscheinen dem Ich als von ihm verschieden oder objektiv, weil es sich um bewusstlose Produktionen handelt. Wie gesagt postuliert Schelling, dass hinter der Evolution des Universums der Drang des Ich steht, sich seiner selbst bewusst zu werden. Da die zuletzt konstruierten Ich9 und Ich10 die objektive Welt als etwas dem Ich Fremdes ansehen, muss der Weg zur Selbstfindung über eine Abstraktion des Ich von der objektiven Welt geschehen. Deswegen meint Schelling, dass das nächste Ich, also Ich11, so konstruiert werden muss, dass es sich mittels einer „absoluten Abstraktion“ über alles Objektive erheben soll[1]. Ich11 wird damit so konstruiert, dass es sich erstmals selbst als Ich zum Gegenstand wird.
Auch vorher hat sich das Ich zwar im Grunde selbst angeschaut, es war dem Ich aber nicht bewusst, dass es das tut. Um sich selbst als Ich zum Objekt zu machen, muss es von dem, was bisher produziert worden ist, abstrahieren. Damit hat die theoretische Philosophie ihr Ziel erreicht und die Konstruktion des Ich ist gewissermaßen wieder zum Ausgangspunkt zurückgekehrt, dem Ich1. Dieses Ich1 ist, wie anfangs ausgeführt, eine unendliche Tätigkeit, die mit einem Bestreben ausgestattet ist, sich selbst anzuschauen.
Diese Konstruktion damals sollte das ursprüngliche, absolute, metaphysische Ich nachahmen. Die Grundstruktur zwischen a) ursprünglichem Ich und b) dem autonomen Ich ist dieselbe: Das Ich strebt danach sich selbst anzuschauen bzw. soll sich selbst anschauen. Der Unterschied ist nur, dass sich das absolute Ich auf nichts beziehen konnte, das bereits vor ihm war, sondern sich mit dem ursprünglichen Akt erst selbst gesetzt hat. Jetzt hingegen bezieht sieh das autonome Ich auf ein bereits entstandenes Ich, das der objektiven Welt entgegengesetzt ist, und wird sich im Akt der absoluten Abstraktion dessen bewusst[2]. Damit ist die theoretische Philosophie vollendet und geht in die praktische Philosophie über.
Der Widerspruch zwischen Freiheit und Notwendigkeit
Schelling behauptet, dass sowohl das absolute Ich, als auch das endliche Ich sich selbst als Ich zum Objekt werden kann alleine durch einen Akt der absoluten Freiheit, also vollkommen unbedingt durch etwas anderes. Es könne z.B. kein konkretes Ereignis in meinem Leben mich dazu zwingen, von der gesamten objektiven Wirklichkeit zu abstrahieren. Das könne vielmehr nur durch meinen ureigensten, völlig autonomen Entschluss geschehen. Für das absolute, metaphysische Ich ist das kein Problem, da es außerhalb der Zeit existiert.
Allerdings führt die absolute Freiheit bezogen auf Ich11 als endliches Ich in einen Widerspruch. Denn Ich11 ist in der Zeit, d.h. es ist ein Glied in der Sukzessionskette der objektiven Welt. Also muss auch das Ereignis seiner absoluten Abstraktion in der Zeit sein und muss deswegen durchaus durch ein objektives Geschehen in der Welt erklärbar sein[3]. Es müsste also, um einen Begriff aus der Philosophie von Leibniz zu verwenden, eine prästabilierte Harmonie geben, d.h. eine Harmonie von unbedingt auftretenden freien Willensentscheidungen und dem notwendigen Verlauf der Kausalketten in der objektiven Welt.
Objektive Bedingungen für die absolute Freiheit
Schelling folgert daraus, dass es in der durch Notwendigkeiten bestimmten Außenwelt bestimmte Bedingungen erfüllt sein müssen, damit sich das endliche Ich zum absolut freien Wollen aufschwingen kann.
1) Begriff des Sollens
Eine Bedingung dafür, dass ein freies Wollen möglich ist, ist, dass dem endlichen Ich der Begriff der Forderung bzw. der Begriff des Sollens entsteht. Der Mensch kann noch vollkommen eingebunden sein in die Kausalität der objektiven Welt, aber sobald er mit einem „du sollst“ konfrontiert wird, muss nicht, aber kann ihm bewusst werden, dass er sich in Freiheit von den Zwängen der objektiven Welt lösen kann[4].
2) Beschränkung meiner Freiheit durch andere
Die erste und zweite Beschränktheit ist allen Intelligenzen auf gleiche Weise gemeinsam, erst aufgrund der dritten Beschränktheit unterscheiden sich die Intelligenzen als verschiedene Individuen. Als bestimmtes Individuum kann ich nicht alles wollen. Was ich wollen kann und was nicht, ist mir durch meinen Charakter, meine Talente, Fähigkeiten, Unfähigkeiten, sowie durch mein Schicksal vorgegeben. Das heißt: Von der Gesamtheit all dessen, was ein Mensch überhaupt tun kann, habe ich nur meinen spezifischen Anteil, andere Menschen haben ihren eigenen spezifischen Anteil daran. Das macht uns gerade als unterschiedliche Individuen aus. Schelling meint, dass die Bedingung dafür, dass ich überhaupt ein spezifisches Individuum sein kann, darin besteht, dass es andere Individuen gibt, die meinen Möglichkeitsbereich einschränken. Die Grenze meiner Individualität wird durch andere Menschen bestimmt.
Dadurch, dass meine Freiheit in der Realität nicht absolut ist, sondern durch bestimmte Notwendigkeiten, wie z.B. Charakter, Talent, Schicksal eingeschränkt wird, werde ich mir im idealen Sinne überhaupt meiner Freiheit bewusst. Und zwar indem ich mich gegen diese Notwendigkeiten auflehne. So bedingt die Einschränkung meiner Freiheit, dass ich mir ihrer bewusst werde. erst im fortwährenden Wechselspiel mit anderen Vernunftwesen, deren Freiheiten ähnlich wie bei mir durch bestimmte Notwendigkeiten eingeschränkt werden, werde ich mir nicht nur einmalig, sondern fortwährend meiner Freiheit bewusst.
3) Intersubjektivität
Aber andere Menschen sind auch in einer weiteren Hinsicht wichtig. Schelling schreibt:
„Nur dadurch, daß Intelligenzen außer mir sind, wird die Welt überhaupt objektiv.“[5]
Das heißt: Gäbe es keine anderen Menschen, wäre ich also komplett alleine, so kann es nach Schelling für mich keine objektive Welt geben. Dinge, die ich zwar nicht sehe, aber deren Existenz mir durch andere Menschen verbürgt sind, halte ich für objektiv gegeben. Umgekehrt sind Dinge, die nur ich sehe, sonst aber niemand, nicht Teil der objektiven Welt. Anders formuliert: die Intersubjektivität ein wesentliches Merkmal von Objektivität. Objektivität kann keine Privatangelegenheit sein. Die Voraussetzung dafür, dass ich etwas für objektiv gegeben halte, ist, dass es mir durch andere Menschen bestätigt wird. Und wenn Freiheit bedeutet, sich von dem objektiv Gegebenen loslösen zu können, dann sind andere Menschen offenbar die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit.
[1] I/3, 532.
[2] I/3, 535.
[3] I/3, 538.
[4] I/3, 542
[5] I/3, 555

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