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STI – Kritik: Schellings intellektuelle Anschauung grenzt andere aus

4. November 2026/0 Kommentare/in III. Das cartesische Projekt, III.08 Schelling/von peterreins

Ich habe dargelegt, wie wichtig für Schelling die intellektuelle Anschauung ist[1].

Nun nimmt ja auch Fichte die intellektuelle Anschauung für sich in Anspruch. Somit entsteht sofort die Frage, wie es sein kann, dass sich Schellings und Fichtes Systeme unterscheiden, wenn sie doch auf derselben anschaulichen Grundlage ruhen sollen. Das ist etwa so, als wäre die Geometrie des einen Mathematikers anders als die eines anderen, beide würden sich aber gleichermaßen auf die räumliche Intuition berufen. Schelling hat, flankiert durch Hegels Differenzschrift, so argumentiert, dass Fichtes Philosophie nur teilweise auf der intellektuellen Anschauung beruhen würde, teilweise aber eben nicht. Selbstverständlich sieht Schelling Fichte überall dort von der intellektuellen Anschauung abfallen, wo sich Fichte von Schelling unterscheidet.

Schelling hatte mit Sicherheit den Anspruch, rational zu sein. Seine Philosophie ist gespickt mit „Lehrsätzen“ und „Beweisen“. Dennoch hat er aufgrund seines Begriffs der intellektuellen Anschauung unmerklich den irrationalen Sündenfall begangen. Denn wenn man seine Position damit begründet, dass man selbst in der „korrekten“ subjektiven Verfassung ist, der Kontrahent aber nicht, dann bedeutet das das Ende der respektvollen Kommunikation und damit das Ende des rationalen Argumentierens.

Diesen Vorwurf hat bereits Georg Lukács in Die Zerstörung der Vernunft (1954) erhoben. Dort erscheint Schelling als Begründer des modernen Irrationalismus, der über Schopenhauer, Kierkegaard und Nietzsche bis in die Ideologie des 20. Jahrhunderts führt. Allerdings ist Lukács‘ Analyse stark durch seine marxistische Ideologie gefärbt und gilt heutzutage allgemein als überholt. Dennoch meine ich, dass in diesem Vorwurf ein Körnchen Wahrheit liegt.

Schelling sagt sinngemäß: „Ich bin in dem korrekten geistigen Zustand der intellektuellen Anschauung, du aber nicht, – und deswegen habe ich recht und du hast unrecht“. Damit würdigt er aber erstens den anderen herab. Zweitens aber muss sich Schelling eigentlich nicht weiter anstrengen, vernünftige, klare Gründe zu formulieren, um den anderen von seinen Aussagen zu überzeugen. Denn zunächst muss der Andersdenkende ja (vermeintlich) erst seine subjektive Haltung ändern. „Egal, was ich sage, du kannst mich nicht verstehen, weil du die falsche Einstellung hast.“

Vernunftfeindlich ist Schelling hier, weil er glaubt, manche Menschen prinzipiell von einem rationalen Diskurs ausgrenzen zu können. Hierzu folgende Zitate:

„[Die Philosophie] muß in ihrem ersten Postulat schon etwas enthalten, was gewisse Menschen auf immer von ihr ausschießt. […] Sie muss mit einem Postulate beginnen, das mit den praktisch allgemeingültigen Forderungen: seiner selbst, als eines geistigen Wesen, bewußt zu seyn […].“ (Abhandlung zur Erläuterung des Idealismus der Wissenschaftslehre, I/1, 417 f.)

Wer also dem Postulat nicht nachkommt, sich seiner selbst als geistiges Wesen bewusst zu sein – und zwar wo wie es Schelling definiert – , soll von vornherein vom Philosophieren ausgeschlossen werden. Man kann es auch so wenden: Um einer offenen, rationalen Auseinandersetzung mit dem Vertreter einer anderen philosophischen Meinung aus dem Weg zu, dann muss Schelling seinem Kontrahenten nur unterstellen, er sei nicht fähig, sich selbst richtig als geistiges Wesen bewusst zu sein.

Später wird auch Schopenhauer ähnlich wie Schelling einerseits den Anspruch haben, rational zu philosophieren, andererseits wird er ebenfalls ansatzweise vernunftfeindlich sein. Denn auch er wird sagen, dass man mit manchen Menschen einfach nicht vernünftig argumentieren kann. Dann nämlich, wenn sie, seiner Meinung nach, kein richtiges Körpergefühl für die Wahrheit haben, bzw. es zwar haben, aber daraus die falschen Schlüsse ziehen. Sein Pessimismus beispielsweise ist vor allem ein Gefühlsache. Natürlich gibt es Menschen, die alles positiv sehen. Aber solche Menschen sind nach Schopenhauer so naiv, dass „wahre“ pessimistische Grundgefühl zu verdrängen.

Den offenen Schritt in Richtung Vernunftfeindlichkeit wird schließlich Nietzsche gehen. Nietzsche interessiert sich, wie er selbst sagt, gar nicht mehr dafür, ob eine Aussage wahr oder falsch ist, stattdessen ist alles nur Perspektive und es komme nur darauf an, ob etwas lebensförderlich sei oder nicht[2]. Nietzsche behauptet demgemäß auch, dass rationales Argumentieren und Beweisen keinen Sinn machen würden.[3] Stattdessen sei es die Aufgabe des Philosophen, zu befehlen und Gesetze zu geben[4].

Nun kann offensichtlich nicht jeder Mensch ein Befehlender bzw. ein Gesetzgeber sein, es muss ja auch noch die Mehrheit derer geben, denen etwas befohlen wird bzw. denen Gesetze gegeben werden. Somit begreift Nietzsche Philosophie als eine hochgradig elitäre Angelegenheit. Und so schreibt er auch:

„Für jede hohe Welt muss man geboren sein; deutlicher gesagt, man muss für sie gezüchtet sein: ein Recht auf Philosophie – das Wort im grossen Sinne genommen – hat man nur Dank seiner Abkunft, die Vorfahren, das ‚Geblüt‘ entscheidet auch hier. Viele Geschlechter müssen der Entstehung des Philosophen vorgearbeitet haben; jede seiner Tugenden muss einzeln erworben, gepflegt, fortgeerbt, einverleibt worden sein […]“ (JGB-213)

Ein Philosoph müsse nicht die richtigen Vernunftgründe für seine Philosophie haben oder andere durch Beweise von ihr überzeugen. Vielmehr sei seine Philosophie dadurch gerechtfertigt, dass er „von Geblüt“ Philosoph sei und durch eine lange Ahnenreihe dazu hin gezüchtet worden sei. Folglich ist ein Philosoph nach Nietzsche eigentlich ein Aristokrat. Und Nietzsche ist auch sehr deutlich, wie er sich eine Aristokratie vorstellt:

„Das Wesentliche an einer guten und gesunden Aristokratie ist aber, dass sie sich nicht als Funktion […], sondern als dessen Sinn und höchste Rechtfertigung fühlt, — dass sie deshalb mit gutem Gewissen das Opfer einer Unzahl Menschen hinnimmt, welche um ihretwillen zu unvollständigen Menschen, zu Sklaven, zu Werkzeugen herabgedrückt und vermindert werden müssen.“ (JGB-258)

Nietzsche grenzt eine große Anzahl prinzipiell von der Philosophie aus, weil sie, wie er meint, nicht fürs Philosophieren geboren seien. Ist jemand einer anderen Meinung wie er selbst, dann ist er einer respektvollen, rationalen Diskussion enthoben. Andere Menschen aus irgendwelchen Gründen derart auszuschließen, ist ein vernunftfeindliches Totschlagargument. Und man kann es sehr gut an Nietzsches faktischen Umgang mit Andersdenkenden in seinen Schriften erkennen.

Über ein Werk seines vormaligen Freundes Paul Rée sagt er, dass er niemals etwas gelesen habe, „zu dem ich dermaassen, Satz für Satz, Schluss für Schluss, bei mir Nein gesagt hätte.“[5] Was genau er aber mit welchen Begründungen gegen Rées Schrift einzuwenden hat, erwähnt Nietzsche mit keinem Wort. In JGB-204 erwähnt Nietzsche zwei zeitgenössische Philosophen namentlich: Eugen Dühring und Eduard von Hartmann. Er nennt sie abfällig „Mischmasch-Philosophen“ und wirft ihnen im Grunde vor, dass sie nicht an die „Herren-Aufgabe“ der Philosophie glauben würden. Kant handelt Nietzsche mit ein paar oberflächlichen Bemerkungen ab, ohne nur ansatzweise zu versuchen, seine Philosophie zu verstehen[6]. Direkt absurd sind Nietzsches „Argumente“ gegen Sokrates: Sokrates sei Pöbel gewesen und außerdem habe er die hässliche Physiognomie eines Verbrechers gehabt. Schließlich klingt Nietzsche sogar rassistisch: „Die Hässlichkeit ist häufig genug der Ausdruck einer gekreuzten, durch Kreuzung gehemmten Entwicklung.“[7]

Nietzsches Vernunftfeindlichkeit führt zu einer massiven Diskreditierung und Ausgrenzung anderer Menschen. Von diesem Extrem ist Schelling freilich meilenweit entfernt und es gibt sicherlich keinen direkten Weg von Schelling zu Nietzsche, aber dennoch ist Schellings Ausgrenzung anderer Menschen aufgrund ihrer angeblichen Unfähigkeit, den Standpunkt der intellektuellen Anschauung einzunehmen, bedenklich und zumindest im Ansatz vernunftfeindlich.

 

[1] Siehe auch: Fernere Darstellungen aus dem System, I/4, 344 ff.: „Wenn überhaupt nur das Wahrheit ist,  was mit der höchsten Erkenntnisart  erkannt wird, […] so werden sich überhaupt nur diejenigen Wissenschaften der Wahrheit […] rühmen können, an welchen sich dieser Charakter der absolute Erkenntnisart aufzeigen läßt. […] Die Philosophie […] kann ihre Urbilder nur in den Ideen, sonach nur intellektuell anschauen.“

[2] Siehe z.B. JGB-4, JGB-24.

[3] Siehe z.B. JGB-188, GD-Sokrates-5

[4] Siehe JGB-211.

[5] GM-Vorrede-4.

[6] JGB-11.

[7] GD-2-3.

0 0 peterreins peterreins2026-11-04 07:07:192026-11-04 07:07:19STI – Kritik: Schellings intellektuelle Anschauung grenzt andere aus
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