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Kritik an Fichtes Wissenschaftslehre

22. August 2026/0 Kommentare/in III. Das cartesische Projekt, III.07 Fichte/von peterreins

Heinrich Heine hat Fichte mit Napoleon verglichen.

So wie Napoleon in kurzer Zeit ein großes Reich geschaffen hat, das dann aber noch schneller zusammenbrach, hat auch Fichte eine grandiose, vielbewunderte Philosophie geschaffen, die dann aber auch bald wieder in die Bedeutungslosigkeit hinabfiel. Auf meiner Reise durch die neuzeitliche Philosophiegeschichte interessiert mich, wie das umgesetzt wurde, was ich das cartesische Projekt genannt habe, d.h. der Versuch, die gesamte objektive Welt aus dem subjektiven Prinzip des Ich denke ableiten zu wollen. Eines derjenigen philosophischen Systeme, die diesen Versuch mit am weitesten vorangetrieben hat, ist ohne Frage Fichtes Wissenschaftslehre.

Allerdings hat die Wissenschaftslehre auch ein Abstraktionsniveau erreicht, das so gut wie alles vor ihm übertrifft. Fichtes Texte sind zum Teil so abstrakt, dass man sich nicht mehr sicher ist, ob ihnen überhaupt ein Inhalt entspricht. Das ist deswegen besonders bemerkenswert, weil es gerade im 18. Jahrhundert einige Denker gab, die vor einem inhaltsleeren Philosophieren gewarnt haben, das bloß als bloße Begriffsalgebra jeglichen konkreten, anschaulichen Boden verlassen hat. Neben Locke gehörte dazu auch Fichtes Vorbild Immanuel Kant.

Wird Fichtes Wissenschaftslehre tatsächlich durch die intellektuelle Anschauung begründet?

Fichte selbst hätte sich natürlich gegen den Vorwurf verwehrt, unanschauliche Begriffsalgebra zu betreiben. Vielmehr glaubte er mit dem, was er „intellektuelle Anschauung“ genannt hat, einen festen Boden für seine Philosophie zu haben. Tatsächlich hielt er seine Wissenschaftslehre für eine Art Ich-Geometrie, die auf der konkreten Grundlage der intellektuellen Anschauung konstruktiv zu Erkenntnissen gelangen könne, ähnlich wie die (echte) Geometrie auf der Grundlage der räumlichen Anschauung ihre Theoreme konstruktiv beweist.

Um Fichte abschließend zu beurteilen, muss daher die Frage geklärt werden: Entspricht Fichtes Wissenschaftslehre dem selbst gestellten Anspruch oder nicht? Ist sie wirklich, wie er meint, eine auf Anschauung basierende Ich-Geometrie oder ist sie doch eher eine inhaltsleere Begriffsalgebra?

Wie ich bereits oben erläutert habe, ist die intellektuelle Anschauung nach Fichte die unmittelbare Gewissheit, dass jedes Bewusstseinserlebnis generell selbstbezüglich ist. Das heißt: Mit jedem Bewusstseinserlebnis bin ich mir nicht nur des erkannten Objekts bewusst ist, sondern auch des Bewusstseinserlebnisses selbst. Anders formuliert:

ich denke (X) = ich denke (ich denke (X)), oder
Bewusstsein = Selbstbewusstsein.

Fichte meint, dass diese unmittelbare Gewissheit bei jedem Bewusstseinsakt ebenso allgegenwärtig ist wie die räumliche Anschauung bei jeder Wahrnehmung. So schreibt er in der Zweiten Einleitung:

„Ich kann keinen Schritt thun, weder Hand noch Fuss bewegen, ohne die intellectuelle Anschauung meines Selbstbewusstseyns in diesen Handlungen; nur durch diese Anschauung weiss ich, dass ich es thue, nur durch diese unterscheide ich mein Handeln und in demselben mich, von dem vorgefundenen Objecte des Handelns.“[1]

Dies ähnelt der Aussage Kants, dass das „ich denke“ jede Vorstellung begleiten können muss, nur mit dem Unterschied, dass Kant ein „ich denke (ich denke)“ nicht zugelassen hat, weswegen das transzendentale Ich nach Kant nicht Gegenstand der philosophischen Betrachtung werden kann. Dazu im Gegensatz besteht nach Fichte die intellektuelle Anschauung gerade in der Identität des „ich denke (ich denke) = ich denke“. Und Fichte glaubte deswegen das reine Ich sehr wohl zum Gegenstand des Philosophierens machen zu können. Das reine Ich müsse man aber – auf der Basis der intellektuellen Anschauung – in einem eigenen Konstruktionsschritt erst produzieren, ähnlich wie man einen geometrisch korrekten Kreis mit einem Zirkel konstruiert. Und zwar konstruiert man das reine Ich nach Fichte wie folgt: Ich denke mich selbst in einem Akt der Freiheit vollkommen losgelöst von meiner konkreten persönlichen, individuellen Existenz als bloß erkennendes Subjekt, das nichts anderes denkt als sich selbst.

Sicherlich ist nichts gegen diese Konstruktion des reinen Ich einzuwenden. Man kann auch zugeben, dass diese Konstruktion auf der genannten unmittelbaren Gewissheit des „ich denke = ich denke (ich denke)“, also der intellektuellen Anschauung, beruht. Die Frage ist nur: Wie sollte es möglich sein, auf der Grundlage der intellektuellen Anschauung noch weitere Erkenntnisse zu konstruieren? Wie sollte daraus ein ganzes philosophisches System hergeleitet werden? Das wäre etwa so, als würde man behaupten, man könne die gesamte Geometrie alleine aus der intuitiven Anschauung von Kreisen herleiten. Ja, die räumliche Anschauung von Kreisen erlaubt es, das Kreispostulat zu formulieren. Mehr aber auch nicht. Der Satz von Pythagoras wäre z.B. alleine aus der Konstruktionsanweisung für Kreise nicht beweisbar.

Aus logischen bzw. wissenschaftstheoretischen Gründen müsste also Fichtes Wissenschaftslehre beim ersten Grundsatz „Ich=Ich“ steckenbleiben. Bis hierhin könnte man sich auf die intellektuelle Anschauung berufen, bei allem anderen aber, was danach kommt, nicht.

Fichte benutzt umgangssprachliche Begriffe, verwendet sie aber sinnfremd

Sehen wir uns beispielhaft den zweiten Grundsatz an: Nicht-Ich ist nicht Ich. Hier geht es ganz offensichtlich um die Negation. Die Negation ist aber so wenig in der intellektuellen Anschauung gegeben, wie das Parallelenaxiom im Kreispostulat. Mit einem Male führt Fichte etwas Neues ein, das eben nicht bereits in der ursprünglichen intellektuellen Anschauung lag. Dasselbe gilt für den Begriff der Teilbarkeit, der dann beim dritten Grundsatz, wie aus dem Zauberhut gezaubert, plötzlich auftaucht. Dasselbe gilt ebenso für fast alle Begriffe, die Fichte in seinem System verwendet:

  • Sein
  • Beschränktheit
  • Bestimmtheit
  • Substanzialität und Kausalität
  • Einbildungskraft und Anstoß
  • Freiheit
  • etc.

All diese Begriffe beruhen offensichtlich nicht auf der intellektuellen Anschauung des „ich denke = ich denke (ich denke)“. Dass wir mit diesen Begriffen überhaupt etwas assoziieren, liegt nicht an der intellektuellen Anschauung, sondern schlicht daran, dass sie aus der normalen Umgangssprache entlehnt sind. Wenn das Wort „beschränkt“ verwendet wird, dann können wir uns darunter etwas vorstellen. Genauso bei „Substanz“ oder „Kausalität“, jedenfalls wenn man das gängige philosophische Vokabular kennt. Auch unter „Anstoß“ kann man sich etwas vorstellen, nämlich eine Art Impuls auf etwas. Hätte man aber dergleichen umgangssprachliches Vorwissen nicht, dann hätte man keine Chance, Fichtes Texte zu verstehen.

Damit beginnt erst das eigentliche Problem. Denn Fichte benutzt zwar Begriffe, die der Leser nur aufgrund seines umgangssprachlichen Vorwissens kennen kann, er verwendet sie aber auf eine Weise, wie man es normalerweise nicht tut.

Nehmen wir als Beispiel den Satz „Das Ich setzt das Nicht-Ich als beschränkt durch das Ich“[2].

Was genau soll es bedeuten, dass „das Nicht-Ich durch das Ich beschränkt“ wird? Wie kann ich etwas beschränken? Kann ich z.B. das Buch vor mir beschränken? Oder kann ich den Tisch vor mir beschränken? Offenbar klingt es umgangssprachlich merkwürdig, ein Ding zu beschränken. Ich kann einen anderen Menschen in seiner Handlungsfreiheit beschränken, ich kann ein Tier in seiner Bewegungsfreiheit beschränken, ich kann eine Pflanze in ihrem Wachstum beschränken, – aber ich kann kein lebloses Ding beschränken. So macht es eigentlich keinen Sinn, wenn Fichte davon redet, dass das Ich ein dinglich gedachtes Nicht-Ich beschränken soll.

Sehen wir uns als nächstes Beispiel den folgenden Satz an: „Das Ich setzt Negation in sich, insofern es Realität in das Nicht-Ich setzt.“[3]

Was könnte es heißen, dass ich etwas in mich setze? Unsinnige Sätze sind:

  • Ich setze eine Blume in mich
  • Ich setze einen Stuhl in mich

Annähernd Sinn machen:

  • Ich setze Angst in mich, im Sinne von ich generiere in mir das Gefühl der Angst
  • Ich setze die Vorstellung eines Apfels in mich, im Sinne von: Ich stelle mir einen Apfel vor

Aber wahrscheinlich meint Fichte mit „ich setze Negation in mich“: „ich negiere mich“. Aber was soll dies bedeuten? Kann man sich selbst negieren?

Ich kann eine Aussage negieren. Ich kann ein Lebewesen negieren in dem Sinne, dass ich es töte.  Ich kann einen Kuchen im übertragenen Sinne negieren, wenn ich ihn aufesse.

Offenbar gibt es den Satz „Das Ich setzt Negation in sich“ nicht in der normalen Umgangssprache. Wenn es ihn aber nicht gibt, ist nicht klar welche anschauliche Bedeutung er haben soll. Man kann zwar erraten, was Fichte in etwa sagen will, genau genommen aber handelt es sich um eine im schlimmsten Falle inhaltsleere, im wohlwollenden Sinne mehrdeutige Aussage.

Dasselbe gilt für den Satz „Das Ich setzt Realität in das Nicht-Ich.“ In der Umgangssprache kann ich keine Realität in etwas setzen. Was sollte es auch bedeuten zu sagen, ich setze Realität in das Buch vor mir? Dieser Satz klingt zunächst wie ein sinnvoller deutscher Satz, ich kann meine Phantasie eine mögliche Bedeutung erfinden lassen, recht besehen aber ist er eine abstrakte, inhaltsleere Aussage.

Ähnlich problematische Aussagen sind:

„Alle Thätigkeit im Ich bestimmt ein Leiden im Nicht-Ich.“[4]

„Der bestimmte Charakter der formalen Thätigkeit bei der Wechselbestimmung von einer bestimmten, erfüllten, und insofern Totalität (des darin enthaltenen) habenden Sphäre.“[5]

Somit sind Fichtes Texte nicht nur größtenteils nicht durch die intellektuelle Anschauung abgesichert, man kann ihnen überhaupt keinen wirklich klaren, eindeutigen Inhalt zuschreiben. Die allermeisten seiner Aussagen klingen nach sinnvollen deutschen Sätzen, man kann ihnen ansatzweise eine Bedeutung zuschreiben, genau genommen aber sind sie inhaltlich vage und mehrdeutig.

Fichtes Dialektik beruht auf der Mehrdeutigkeit seiner Aussagen

Und genau auf dieser Tatsache, dass viele Aussagen so vage und mehrdeutig sind, beruht Fichtes „synthetische“ Methode. Wir erinnern uns: Fichte geht von einem Satz A aus, den er in zwei gegensätzliche Aussagen B und C analysiert, die in ihm enthalten sein sollen und zu denen wiederum eine neue Synthese zu konstruieren ist. Als Beispiel dafür findet man in Fichtes Text folgende Aussagen:

A= „Das Ich setzt einem teilbaren Ich ein teilbares Nicht-Ich entgegen.“
B = „Das Ich setzt sich selbst als beschränkt durch das Nicht-Ich.“
C = „Das Ich setzt das Nicht-Ich als beschränkt durch das Ich.“

Fichte behauptet, die sich widersprechenden Aussagen B und C in dem einen Satz A enthalten sind. Nimmt man einen streng logischen Standpunkt ein, dann kann das nur daran liegen, dass der Satz A keinen eindeutigen, klaren Sinn hat, sondern mehrdeutig ist.

Nehmen wir ein Beispiel aus dem Alltagsleben:

P= „Goethes Roman ‚Wahlverwandtschaften‘ liegt am 1.8.2026 um 9:00 Uhr auf meinem Tisch im Wohnzimmer.“

Es ist sehr schwierig, aus einem so klaren und eindeutigen Satz wie P sich widersprechende Aussagen herzuleiten. Interessanterweise kann man es doch, und zwar genau dann, wenn P Mehrdeutigkeiten enthält. Beispielsweise könnte es in meinem Wohnzimmer zwei Tische geben, sagen wir Tisch1 und Tisch2. Dann könnte man P wie folgt widersprüchlich auslegen:

P1= „Goethes Roman ‚Wahlverwandtschaften‘ liegt am 1.8.2026 um 9:00 Uhr auf meinem Tisch1 im Wohnzimmer.“
P2= „Goethes Roman ‚Wahlverwandtschaften‘ von Goethe liegt NICHT am 1.8.2026 um 9:00 Uhr auf meinem Tisch1 im Wohnzimmer (weil er auf Tisch2 liegt).“

Und die Synthese von P1 und P2 bestünde schlicht darin, die mehrdeutige Unklarheit zu beseitigen.

Fazit

Als Fazit meiner Kritik fasse ich zusammen:

1) Fichtes Anspruch, dass seine Wissenschaftslehre durchgehend auf der intellektuellen Anschauung beruht, stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein. Die intellektuelle Anschauung kann, wenn überhaupt, nur eine einzige Aussage begründen, aber nicht ein ganzes philosophisches System. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass die allermeisten Aussagen der Wissenschaftslehre hochgradig abstrakte Aussagen sind ohne anschaulichen Inhalt.

2)  Der Großteil der Aussagen der Wissenschaftslehre benutzt das Vokabular der normalen Umgangssprache. Deswegen ist es dem Leser möglich, mit ihnen einen groben Sinn zu verbinden. Andererseits verwendet er das umgangssprachliche Vokabular auf eine Weise, wie man es gewöhnlich nicht tut, so dass die Aussagen der Wissenschaftslehre entweder gar keinen Sinn machen, oder höchstens einen sehr verfremdeten, unklaren, mehrdeutigen Sinn.

3) Fichtes Dialektik beruht gerade auf dieser Vagheit und Mehrdeutigkeit der Sätze, die er in der Wissenschaftslehre formuliert.

Übrigens ist es genau aufgrund dieser drei genannten Kritikpunkte so schwer, Fichtes Texte zu lesen bzw. zu verstehen. Martin Heidegger schrieb einmal: „Das Sichverständlichmachen ist der Selbstmord der Philosophie.“[6] Ich bin weit entfernt, Fichte zu unterstellen, dass er absichtlich unverständlich und mehrdeutig geschrieben hat. Für wahrscheinlicher halte ich es, dass er auf der Suche nach der Wahrheit und in einem spekulativen Überschwang in seine unklare, mehrdeutige Sprechweise verfallen ist. Klar ist aber auch, dass diese Vagheit mit dazu beiträgt, Fichtes Philosophie für besonders tiefsinnig zu halten.

[1] Zweite Einleitung, FW I, S. 463.

[2] GWL, S. 125

[3] GWL, S. 130

[4] GWL, S. 149

[5] GWL, S. 192

[6] Heidegger: Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis) (zwischen 1936 und 1938 entstandenen, erst 1989 veröffentlichten Text), Gesamtausgabe, Band 65, S. 435.

 

0 0 peterreins peterreins2026-08-22 15:45:302026-08-22 15:45:30Kritik an Fichtes Wissenschaftslehre
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